40/ Prosa: Valse Triste. Herbert Binder
Herbert Binder
VALSE TRISTE
„WIE LANGE haben sie das schon?“. „Wie bitte?“.
„Na, diese besondere Art, zu sprechen …“. „Was hab ich?“.
Die Therapeutin artikuliert beherrscht angestrengt jeden Konsonanten, jeden Vokal:
„Sie sprechen ständig im Dreivierteltakt!“. „Tu ich das? Gibt´s doch nicht!“.
Dass er zunehmend schwerhörig wurde, scheint ihm, wie nicht wenigen in seiner Lebensphase, kaum bewusst zu sein. Und wie er jetzt ins Krankenhaus Bad Ischl gekommen ist, weiß er eigentlich auch nicht.
„Überhaupt weiß ich nichts. Offenbar steckt´s ihr mich eh bald ins Narrenhaus“.
Herrn Mitterer treibt es aus den Stromschnellen widerständigen Aufbegehrens in die ruhigen, dunklen Gewässer apathischer Resignation.
EINEM FRÜHWACHEN WINTERTOURISTEN aus Dresden war er im Morgennebel schon länger aufgefallen. Wie er sich da in sonderbaren Girlanden am Bootsanlegeplatz nahe dem „Weißen Rössl“ in St. Wolfgang bewegte. Nein, kein Torkeln, eher ein entschlossen wiegendes Getrieben sein - bis zu jenen plötzlich einsetzenden Wechselschritten und der überraschenden Linksdrehung, mit der M. dann über die Kante kippte, zunächst ohne Gegenwehr unter der Wasseroberfläche verschwand, um nach wenigen Sekunden, bis zur oberen Brust im eiskalten See stehend, mit fast erstauntem Blick die Fassade des berühmten Operettenhotels zu mustern.
ZU HAUSE hatte es schon seit längerer Zeit Ärger gegeben im Operettenverein, korrekt der „Vereinigung der Freunde der Wiener Operette“, den Mitterer noch während seiner späten Jahre als Sparkassenbeamter - er legte auf diese Berufsbezeichnung wider alle moderne Human-Ressources-Terminologie großen Wert - in seiner Heimatstadt ins Leben gerufen hatte. Nicht nur, dass die Jungen, natürlich inzwischen alle auch schon Pensionisten, subversiv unterstützt vom städtischen Kulturamt, zunehmend darauf drängten, ins Programm des festlichen Jahreskonzertes des gastspielenden Kurorchesters auch ausländische Walzerformen wie Musette, Furiant, ja sogar Bolero aufzunehmen, sogar Berliner Walzer von Benatzky bis Linke standen zuletzt zur Diskussion! Er war es zuletzt müde geworden, der ständigen „Durcheinanderrederei“, wie er es nannte, überhaupt folgen zu wollen. Bis vor einiger Zeit hatte er bei ihren Zusammenkünften auch immer noch den einen oder anderen gefunden, der ihm geduldig zuhörte, wenn er ihm seine Lesefrüchte über die Geschichte des Wiener Walzers nahe brachte. Immer weniger wurden sie halt, die zuhören wollten. Und einsamer wurde er, der Herr Obmann, von Mal zu Mal. Aber brauchte er sie denn letztlich überhaupt? Hatte er nicht seine Musik in sich? Seinen klassischen Dreivierteltakt vor allem anderen …
IN MEDIZINISCHER HINSICHT sind sie mit ihrem irreparablen Innenohr“, meinte sehr laut und sehr deutlich, aber in bemüht sedativer Absicht der HNO-Primarius, „da sind sie wirklich kein Einzelfall. Schon Kant hat ja irgendwie treffend formuliert, dass uns die Blindheit von den Dingen, die Taubheit aber von den Menschen separiert. Vielleicht ist es für sie sogar ein kleiner Trost, dass sie da nicht allein sind. Ihre Arrhythmien im Sprechduktus allerdings, die ja eigentlich tolle Rhythmen sind, die sind wissenschaftlich einzigartig! Ich hab mir gestattet - selbstverständlich absolut anonymisiert - über ihr bislang völlig unbekanntes Phänomen des intuitiven Sprechens im Dreivierteltakt einen Aufsatz zu publizieren. Wenn sie´s interessiert, ich hab mich für die Bezeichnung „Daktylus-Syndrom“ entschieden. So gehen sie nun tatsächlich in die Wissenschaft ein, Herr Mitterer. Gratuliere!“.
FÜR DIE BERGRETTUNG St.Gilgen ist es ein eher leichter Einsatz, ob der Begleitumstände allerdings ungewöhnlich: An einem Vorfrühlingsvormittag wird von Wanderern in einem Tunnel der seit Jahrzehnten aufgelassenen Salzkammergut-Lokalbahn ein älterer Herr aufgefunden. Quer liegt er über dem früheren Schienenstrang und reagiert, wiewohl offensichtlich bei vollem Bewusstsein, auf keinerlei Zuruf. Nur mühsam und mit auffallend starker Gegenwehr lässt sich der Mann von den fiktiven, längst entfernten „Schienen“ zerren. Immer wieder murmelt er, er hätte „den Zug“ doch schon ganz deutlich kommen gehört: Eins, zwei, drei - eins, zwei, drei – eins, zwei, drei …
Herbert Binder:
Geb. 1937 in St. Pölten, Studium der Wirtschaftswissenschaften in Wien. Beruflich bis zur Pensionierung 2001 als Verleger tätig (u.a. Präsident des Verbandes Österreichischer Zeitungen). Parallel dazu regelmäßig Glossen und Feuilletons für verschiedene Zeitschriften, Beiträge für Sachbücher. Essayband „Zwischen Gipfel und Abgrund“ 1995. Bis 2009 Obmann des Fördervereins Kulturbezirk St. Pölten.