40/ Prosa: Unterschiede. Ingrid Jez
Ingrid Jez
UNTERSCHIEDE
Im Klassenzimmer war es dunkel und kalt. Marie dachte an die Frostbeule an ihrem linken großen Zeh. Wenn es noch lange so weiter ging, würde der rechte wohl auch bald folgen. Der Ofen stand verwaist und kalt in der Ecke, sein großes Maul hielt er aufgesperrt für Scheite, die nicht folgen würden. Seit Wochen waren die letzten Holz-Reste in der ganzen Stadt beinah’ gänzlich aufgebraucht. Ihre Mutter hatte geweint als der Vater schließlich den Parkettboden aus dem Speisezimmer gerissen hatte. Marie dachte an den ungewohnten Anblick ihres Vaters, der Werkzeug in seinen Händen hielt und mehr schlecht als recht eine Diele nach der anderen löste. Ob ihre Eltern einen geheimen Schatz entdeckt hatten? Nun war Vati fortgeschickt worden, obwohl es in der Bank viel zu wenige Männer gab. Organisation Todt. An diesen Namen wollte Marie sich lieber gar nicht erinnern. Es klang wie – nein, das durfte sie einfach nicht denken! Mutti weinte ohnehin, wenn sie sich in den zusammengeschobenen Betten alle aneinander drängten. Ganz leise schluchzte sie, Marie hörte es trotzdem. Wenn sie Leopold nicht hätte, dann wäre alles blöd! Bald wäre alles vorbei, hatte er gesagt. Und wer sollte es nicht wissen, wenn nicht der gescheiteste Bub der ganzen Schule!
„Ponner!“ Marie sprang mit einem Satz in die Höhe. „Ich warte!“ Die Lehrerin hielt ihr Notizbuch gezückt und runzelte verärgert die Stirn, das konnte Marie selbst in der Dunkelheit erkennen. „Antworte, gefälligst, Ponner!“ Verflixt, wieso hatte sie schon wieder nicht aufgepasst! Marie knetete verzweifelt ihre Hände. Was würde ihre Mutti denn nur dazu sagen, wenn sie nun auch noch einen Verweis heim brachte! Sie hatte doch wirklich schon genug Kummer! „Moldau“, klang es ganz leise von der vorderen Reihe. Fini! Marie starrte die Lehrerin an. Hatte sie etwas gehört? Der linke Fuß von Fräulein Wimmer klopfte ungeduldig auf den Boden. „Moldau“, sprach sie vorsichtig ins Dunkel. „Das wurde aber auch Zeit!“
Marie und Fini stapften nach Hause. Plötzlich schnelle Schritte hinter ihnen, eine Berührung an der Schulter. „Servus Marie.“ Leopold! Schon rannte er weiter, bestimmt um seine jüngste Schwester von der Schule abzuholen. Leopold war wirklich der tollste Bub der ganzen Straße! Wenn sie groß wäre, dann –verdammt! Erst jetzt bemerkte Marie den spöttischen
Seitenblick ihrer Schwester! „Verliebt, verlobt, verheiratet, verliebt, …“
Als sie ankamen, saßen die Mutter und die Schwester schon in der Küche. Anna stopfte Socken, während die Mutter mit einer Stecknadel Würmer aus einer Menge Erbsen holte, die im Lavoir lagen. Wenn sie doch nur eine Hand voll essen könnte, eine einzige Hand voll, dachte Marie. Manchmal war ihr so schwindelig, dass sie keinen klaren Gedanken fassen konnte. Ihre Mutti saß mit traurigen Augen auf einem der Küchenstühle und wies zu dem kleinen Reindl auf dem Herd. „Esst, Kinder und dann hurtig an die Arbeit; Gott bewahre, die Erbsen werden uns noch kaputt!“ Fini und Marie hielten ihre Nasen einige Zeit in den Topf mit der klaren Suppe. Herrlich, dieser Duft! Fast wie früher die gute Rindssuppe am Sonntag! Ihre Mutter hatte zum vierten Mal in dieser Woche einige Kürbisschalen und –kerne ausgekocht. Vorsichtig
teilten die Mädchen die lauwarme Brühe auf. Nach dem Essen machten sie sich an die Arbeit.
„Aufstehen, Mädchen, sofort!“ Nicht schon wieder, sie war doch so müde! Ihre Mutti stand schon mit den Mänteln vor den Betten. „Anziehen, flott, Kinder!“ Die Sirenen heulten. Wo war nur Trude bloß wieder hin geraten? „Marie, sofort, habe ich gesagt, wir haben keine Zeit, deine Spielsachen zu suchen!“ Da war sie ja, ein Glück. Hoffentlich würde Leopold auch unten sein, mit ihm war alles halb so schlimm. Sie liefen die Stiegen hinab in den Keller, Marie hielt ihre Trude fest im Arm. „Du bist vielleicht ein Butzi“, raunte Fini. Die war doch bloß neidisch! Eine Stufe, zwei, drei …
Marie schreckte hoch. Schon wieder ein Alarm? Es war nur Anna, die sich auf den Weg machte. Die Mutter gab ihr einen Kuss auf die Stirn und flüsterte: „Pass auf dich auf, mein Kind!“ Die große Schwester lächelte. „Mach Dir keine Sorgen, Mutti!“ Anna war so tapfer! Die Ostmarkwerke waren direkt neben dem Arsenal. Alle wussten, dass dort die meisten Bomben abgeworfen wurden. Auch Marie. Sobald ich groß genug bin, gehe ich statt der Anna hin! Na ja, vielleicht würde es aber auch gar nicht so weit kommen, der Krieg wäre zu Ende und Vati wieder da. Marie machte nochmals die Augen zu und wickelte die Decke enger um sich. Mit einem Mal langte sie direkt in eine dicke Schicht Federn! „Gucki!“ Die Henne gackerte und blickte sich mit ruckartigen Kopfbewegungen um. „Marie, aus dem Bett mit dem Federvieh!“ Ach, sie konnte doch gar nichts dafür, Gucki mochte es einfach gerne warm! Gleich als der Krieg begonnen hatte, waren ihre Eltern aufs Land gefahren und hatten sie mitgenommen. Statt Mamas Fuchs. „Ihr werdet sehen, mitten in Wien werden wir immer frische Eier haben, Kinder“, hatte der Vater gestrahlt. Zwei Eier hatte Gucki gelegt. „Was habt ihr denn da für eine alte Suppenhenne?“, hatte die Großmutter ausgerufen und vielsagend auf den großen Suppentopf gedeutet. Ganz wie auf dem Land in den Sommerferien, hatte Marie gedacht. Sie war glücklich gewesen. Auf Kinderlandverschickung würde sie ganz viele solcher fedriger Gesellen um sich haben. Und Erdäpfel und Kohl und Karotten und, und, und. Wenn sie es schaffen würde noch vor dem Weckerläuten bis zehn zu zählen, dann würde sie bald fahren dürfen!
Fräulein Wimmer war befördert worden. Stolz hatte sie an ihrem letzten Schultag das Abzeichen mit einem noch größeren Hakenkreuz getragen. Statt ihrer begrüßte Fräulein Adagger am nächsten Morgen die Klasse. Dünn und ausgezehrt stand sie vorne beim Pult und – lächelte. Die hab ich lieb, dachte Marie sofort und lächelte zurück. Der liebe Gott hatte sie erhört.
Fräulein Adagger mochte alle Kinder gleich gern, das merkte man sofort. Auch jene die eigentlich längst hinüber in die Hauptschule gehört hätten und noch immer in der Volksschule saßen – wegen dem Krieg. Man munkelte, dass Fräulein Adagger im Anschluss an eine Strafversetzung nach Elsaß-Lothringen nur ausnahmsweise eine zweite Gelegenheit gegeben worden war, der Partei beizutreten. Genau wie Mutti, dachte Marie bei sich. Selten war der Vater so böse geworden wir an jenem Tag, an dem die Mutter zwar das große „Ja“ auf dem Stimmzettel angekreuzt, die dargebotene Anstecknadel aber wütend weggeschleudert hatte. „Du hast es nur unserem guten Namen zu verdanken, dass dir diesmal nichts passiert ist! Denk doch an die Kinder! Nicht auszumalen…“ Marie und ihre Schwestern hatte alles mitgehört – trotzdem die Eltern versucht hatten, im Schlafzimmer leise miteinander zu reden. Marie hatte die Blumen auf der Tapete gezählt. Rot, gelb, rot gelb, rot … Wenn die letzte Blume vor dem Türstock gelb wäre, würde Mutti nichts passieren! Betreten waren die Eltern anschließend hervor gekommen. Maries Bauch hatte so weh’ getan wie damals, als sie die Ruhr gehabt hatte – nur dass es diesmal die Angst gewesen war. Wenn nun die Polizei kommen würde und Mutti mitnähme? Ins Gefängnis stecken würde? Und wegbringen? Wie die Tante von Gretl? Mutti und Vati hatten sie alle umarmt und dann hatten sie einander versprechen müssen, nie, aber auch wirklich niemals vor anderen Leuten über den Krieg zu reden. Wieso, das verstand Marie nicht. Schließlich sprach sie mit Erwachsenen doch ohnehin nur, wenn sie vorher von ihren Eltern dazu aufgefordert worden war!
Das Trimester war vorbei, welche Freude. Fini und Marie stürmten die Treppe zur Wohnung hinauf. Es duftete einfach herrlich. Die Mutter musste ein Stück Fleisch auf dem Schwarzmarkt ergattert haben! Marie war als Erste bei der Tür. „Mutti, Mutti, das ist ja herr-“, sie hielt mit einem Mal inne. Die Mutter saß in der Küche und weinte. Auf dem Ofen köchelte es. Vor ihr lag ein großer Berg Federn.
Der Frühling kam, Fräulein Adagger bekam ein klein wenig Farbe im Gesicht. Vom Vater keine Nachricht. Immerhin hatte die Kälte ein Ende. Marie träumte vor sich hin. „Ehne, Mehne, Muh und drauß’ bist du!“ Würde vor dem Ende des Reimes die Schulglocke läuten, wäre der Krieg bald vorbei. „Eins, zwei, drei, vie-“ „So Kinder, genug für heute!“ Marie begann, ihre Sachen einzuräumen. Fräulein Adagger hob die Hand und deutete auf einige Kinder. Auch auf sie. Hatte sie etwas angestellt? „Ihr sechs kommt bitte zu mir.“ Marie und Fini standen auf. Als die anderen Kinder das Klassenzimmer verlassen hatten, malte die Lehrerin einen großen Kreis an die Tafel. Was dies wohl zu bedeuten hatte? Alle sechs blickten gespannt auf die Lehrerin. Diese unterteilte den Kreis in vier Teile und malte einen davon weiß an. Marie musste sofort an eine Torte denken. Hmmm. Ihr Magen knurrte. Wenn dieser Krieg doch nur endlich vorbei wäre! Fräulein Adagger drehte sich um und legte behutsam das Kreidestück zur Seite. „Kinder, es handelt sich leider um ein sehr ernstes Thema.“ Marie hörte aufmerksam zu. Ja, sie hatte davon gehört, dass manche Kinder gar nicht mehr zur Schule gehen durften. Jene, die zwei Großeltern hatten, die jüdisch waren – schon gar nicht jene mit zwei jüdischen Eltern. Mutti hatte gesagt, dass sie Glück gehabt hatten, weil nur der Großvater Jude gewesen war! „Aber Frau Lehrerin, wir sind keine Halbjuden!“ „Fini! Du weißt, wir sollen nicht –“, Marie war entsetzt. Fräulein Adagger hob beschwichtigend die Hände. „Kinder es ist so, ihr alle seid so genannte Viertel-Juden, das heißt, dass einer Eurer Großväter oder eine Eurer Großmütter jüdisch sind oder waren.“ „Ja, aber unser Großvater doch schon lange nicht mehr, nachdem er die Großmutter geheiratet hat, und Vati an der Privatschule eingeschrieben worden ist!“ Fini war einfach unverbesserlich! „Kinder, das spielt leider keine Rolle. Es steht fest: Ihr dürft nicht mit auf Kinderlandverschickung fahren! Ich wünschte, ich könnte Euch helfen!“ Die Lehrerin wischte sich eine Träne aus dem Winkel ihres rechten Auges. Es war so gemein! Mit einem Mal war Marie alles egal, sie rief: „Aber Leopold darf doch auch, wir wollten doch zusammen fahren!“ Fräulein Adagger öffnete ihre Arme. „Komm her, kleine Marie, sei doch nicht so traurig! Weißt Du, Leopolds Familie ist arisch.“ „Weil er blond ist?“, schluchzte Marie. Die Lehrerin lächelte traurig und nickte. Marie dachte an Leopold. Und an all die Erdäpfel, die Karotten und was sie alles mitnehmen hatte wollen, heim zur Mutter. Alles verloren - nur wegen eines dummen Tortenstücks!
Zwei Wochen später fuhr Fräulein Adagger weg. Man hörte die Erwachsenen munkeln, der Krieg sei vielleicht bald zu Ende. Die neue Lehrerin trug trotzdem ein großes Hakenkreuz am Revers. Vom Vater keine Spur. Wenn morgen die Sonne scheinen würde, dann käme bald ein Brief von Vati. Oder von Leopold. Oder von allen beiden. „Marie, ein Brief!“ Fini grinste hämisch. Marie war das egal, ihr Herz machte einen Sprung vor Freude, als sie an Leopolds blitzende blaue Augen, sein schelmisches Lächeln und sein zerzaustes blondes Haar dachte. Damit Fini nicht wieder ihren Schabernack trieb, stopfte Marie den Brief unter ihrem Rock und schloss sich auf dem Klo ein. Mit zitternden Händen öffnete sie das Kuvert: Leopold hatte Angst. „Der Lehrer hat uns erzählt, dass der Krieg jeden Tag zu Ende sein kann. Wir können nicht zurückkommen. Ich habe heimlich zwei Seiten aus dem Schul-Atlas heraus gerissen. Dann kann ich zu Fuß nach Hause kommen. Falls wir uns nie mehr –“ Nein, nein, das wollte sie einfach nicht lesen! Die Kacheln an den Wänden! Wenn in der obersten Reihe keine angeschlagen wäre, dann würde alles gut werden, ganz bald, egal, was Leopold schrieb! Marie schluchzte. Alles war so ungerecht, wieso hatte sie es so gut, während Leopold ganz allein war, so weit weg! Nur an sich selbst hatte sie gedacht, sie war so eine dumme Kuh! Hätte sie ihr Tortenstück doch nur an Leopold verschenkt!
Ingrid Jez:
Geb. 1979 in Wien, schreibt - beruflich juristische Texte und alles was ihr so einfällt. Zuletzt las sie bei der Kriminacht 2009 einen Ausschnitt aus „Drüben“; demnächst erfolgt die Veröffentlichung von „Die Pfarrersköchin“ in der Anthologie „SchreibSpuren 2010“.