40/ Prosa: Warten. Nicole Mahal

Nicole Mahal
WARTEN

 

Sie war der Bitte des Mannes nur nachgekommen, weil sie davon überzeugt gewesen war, dass es sich um eine Aktion mit versteckter Kamera handeln würde, und sie der Gedanke, nach diesem missglückten Vormittag ins Fernsehen zu kommen, tröstete. Doch nun stand sie seit mindestens zehn Minuten vor dem Supermarkt, in der rechten Hand eine Leine, an deren Ende sich eine dunkelbraune Dogge befand, in der linken eine volle Einkaufstasche.

„Bitte stellen Sie die Tasche nicht ab“, hatte der Mann gesagt und sie hatte sich ein Lächeln verkneifen müssen. Schade eigentlich, denn lächelnd sah sie auf Fotos besonders gut aus und sie nahm an, dass das auf Filme ebenso zutraf. Doch sie hatte getan, als wisse sie nicht, was hier gespielt wurde und „Geht in Ordnung“ geantwortet.

Diesen Satz bereute sie mittlerweile. Die Sonne brannte ihr die Haut auf Stirn und Schultern auf. Sie schaute auf die öffentliche Uhr, die traurig aus der Mitte des Platzes ragte. Vor ungepflegten Sträuchern und einem Beet mit verwelkten Tulpen saßen ein paar Pensionistinnen und Jugendliche auf Parkbänken herum und schauten ins Leere.

Sie erwartete jede Sekunde, dass der ältere Mann zurückkehren, sich Brille und Bart abnehmen und als Moderator zu erkennen geben würde. Sie probierte gedanklich ein paar Gesichtsausdrücke und Sätze für diesen Moment durch und hoffte, sympathisch, originell, intelligent und gut aussehend zu wirken. Sie fantasierte sogar kurz von einer Fernsehkarriere, die sich dadurch ergeben könnte. Doch als nichts passierte, beschloss sie, sich die Zeit mit Telefonieren abzukürzen. Sie musste dazu die Schlaufe der Leine um ihren Unterarm hängen, um eine Hand freizubekommen.

Mit abgewinkelter Hüfte stehend und zunehmend entnervt durchwühlte sie ihre Handtasche. Wie um ihren ungeduldigen Bewegungen etwas entgegenzusetzen, hatte der Hund sich hingelegt und seine riesige Pfote auf ihren Schuh gebettet. Sie bemühte sich nicht, den Fuß wieder hervorzuziehen. Sie hatte den Eindruck, als würde der Hund sich wohl fühlen und sie wollte ihn auf keinen Fall reizen. Sie hatte großen Respekt vor Doggen. Sie fand ihr Handy nicht. Na toll.

In dieser Gegend war sie noch nie gewesen und sie fand sie auch nicht einladend. Wahrscheinlich auch deshalb, weil ihr Vorstellungsgespräch, das in einem Zeitungsverlag zwei Gassen weiter stattgefunden hatte, ziemlich mies gelaufen war. Sie war gut vorbereitet gewesen und hatte sich zu Hause noch unbesiegbar gefühlt. Doch schon als sie aus der Straßenbahn ausgestiegen war, war ihr Mut gesunken. Seltsam war es hier. Es fuhren kaum Autos und sie war auf dem Weg von der Straßenbahnstation zum Verlag lediglich an einem Supermarkt und einem Gasthaus vorbeigekommen.

Sonst sah sie keine Geschäfte.

Eine schweigende Assistentin hatte sie ins Redaktionsbüro geführt und sie war hinter ihr hergetrottet. Sie hatte zu wenig, zu unsicher und zu unkonzentriert geredet und der Redakteur hatte sie mehrfach aufgefordert, auf den Punkt zu kommen. Wenn sie als Journalistin arbeiten wolle, müsse sie das draufhaben. Der Redakteur hatte ihr dann statt eines Werkvertrags eine dreimonatige unbezahlte Praktikumsstelle angeboten und sie hatte angenommen, obwohl sie sich nicht vorstellen konnte, die nächsten Wochen in dieser Gegend verbringen zu müssen.

Der Mann war jetzt schon seit gut fünfzehn Minuten weg und sie begann ernsthaft an ihrer Versteckte-Kamera-Theorie zu zweifeln. So lang würde man die Opfer nicht in die Irre führen. Sie wusste, dass jede Drehminute beträchtliche Summen verschlang. Und auch wenn hier die Mitwirkenden wie sie nicht bezahlt wurden, so kosteten zumindest die Leute hinter den Kameras Geld. Sie schaute sich um. Versuchte, ohne den Hund aufzuschrecken, sich so weit wie möglich Richtung Supermarkt zu drehen, um nach dem Mann Ausschau zu halten. Vielleicht war eine Kasse ausgefallen und er stand in der Warteschlange. Vielleicht hatte er eine Bekannte getroffen, die ihn voll quatschte. Sie beschloss, noch ein wenig zu warten, obwohl sie sich immer unbehaglicher fühlte. Eine alte Frau ging an ihr vorbei und tat, als würde sie sie nicht bemerken.

Die Einkaufstasche fühlte sich von Minute zu Minute schwerer an. Welchen Sinn hatte es, dass sie sie nicht abstellen sollte? Der Mann war also kein verkleideter Moderator. Er hatte sie verarscht. Vielleicht waren Drogen in der Tasche. Koks. So wie es sich anfühlte waren es mindestens fünf Kilo. Sie stellte es sich luftdicht verpackt in zwei dutzend durchsichtigen Tiefkühlsäckchen vor, aber sie schaute nicht nach.

Die Bedeutung des Satzes „Bitte stellen Sie die Tasche nicht ab“, wurde ihr erst jetzt bewusst. Sie sollte so lang darauf Acht geben, bis jemand anderer kommen und sie ihr abnehmen würde. Sie war eine bewegungslose Drogenkurierin, ein menschlicher Umschlagplatz. Gleich würde der magere Typ von der Parkbank da drüben aufstehen, an sie herantreten und ihr mitteilen, dass er den Einkauf abhole.

Er würde nach der Tasche greifen und sie würde sagen, dass sie einem Herren versprochen habe, auf Hund und Tasche aufzupassen. Was so ein wenig übertrieben war, weil der ältere Mann sie nur gebeten hatte, kurz Hund und Tasche zu halten, er hätte vergessen, Butter zu kaufen und er wolle den Hund in diesem Viertel nicht unbeaufsichtigt vor der Tür lassen, er käme gleich wieder und sie solle bitte die Tasche nicht abstellen. Wenn sie sich recht erinnerte, hatte er das mit wenig Nachdruck gesagt. Vielleicht wollte er einfach nicht, dass die Unterseite schmutzig würde. Und wenn sie sich den Boden hier anschaute, konnte sie seine Besorgnis nachvollziehen. Also alles ganz harmlos? Ein gestresster, älterer Herr, der die Butter fürs Frühstücksbrot vergessen und einen kleinen Reinlichkeitstick hatte? Aber wo blieb er? Die Pfote der Dogge lastete auf ihrem Fuß und die Einkaufstasche in ihrer Hand. Sie war eingekeilt zwischen Hund und Tasche und der diffusen Angst, ihr könne hier etwas zustoßen.

So kannte sie sich nicht. Ihre Freundinnen nannten sie „eine Frau der Tat“. Wieso stand sie also herum und tat nichts? Und auch wenn sie immer schon fantasiebegabt gewesen war, so hatte sie doch nie paranoide Züge an sich bemerkt. Was war also los mit ihr? Stieg ihr die Hitze zu Kopf? Das demütigende Angebot des Redakteurs? Sie war versucht, ihr befremdliches Verhalten auf die Gegend hier zu schieben.

Sie schaute auf die Uhr. Achtzehn Minuten. War es möglich, dass jemand so lang für den Kauf einer Packung Butter benötigte?

Sie überlegte, Hund und Tasche kurz wem anderen zu überlassen und im Supermarkt nach dem Mann zu suchen.

Oder überhaupt zu gehen. Hund und Tasche einfach stehen zu lassen. Was hatte sie schließlich damit zu tun? Niemand konnte von ihr verlangen, dass sie Stunden lang hier stand und wartete.

Sie spürte einen Ruck in der linken Hand und schaute zum Hund hinunter, der nach einer Fliege schnappte. Zum ersten Mal fiel ihr auf, dass er keine Sehnsucht nach dem Mann zu haben schien. Er machte einen zufriedenen Eindruck. Eigenartig. Vielleicht war er auch nur erschöpft von der Hitze.

Er schaute sie nicht an. Er hatte die Fliege erwischt und geschluckt und den Kopf wieder zwischen die Vorderpfoten gelegt. Die Augen hatte er halb geschlossen. Die Tatze auf ihrem Fuß. Sie konnte ihn unmöglich allein zurück lassen.

Da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: Natürlich wurde sie gerade gefilmt! Es ging hier nur nicht um die harmlose Version der Versteckten Kamera, sondern um ein neues Sendeformat, über das sie vor einigen Wochen einen kritischen Artikel für die Unizeitung geschrieben hatte. Ein Privatsender testete junge Leute mit versteckten Kameras auf Eigenschaften wie Durchhaltevermögen, Willen und Verlässlichkeit. Diejenigen, die diese Tests bestanden, erhielten die Möglichkeit, in internationalen Unternehmen zu arbeiten. Sie fasste es nicht, dass gerade sie und gerade heute und hier …

Sie wollte es gar nicht, aber sie straffte den Rücken, stellte den linken Fuß ein bisschen weiter nach außen, damit sie breitbeinig stehen konnte und sie hätte sich die Haarsträhne aus dem Gesicht geblasen, wenn die nicht schweißig an ihrer Stirn festgeklebt wäre. Sie würde der Welt zeigen, von welchem Format sie war. Dem Redakteur würde es noch leid tun, dass er sie mit einem Praktikum abgespeist hatte.

Sie hielt die Einkaufstasche, die sich mittlerweile tonnenschwer anfühlte, mit scheinbarer Leichtigkeit und sehr würdevoll. Sie hoffte, dass die liegende Dogge ihr ein königliches Aussehen verlieh, und versuchte zu verdrängen, dass ihr der Hund den Schuh nass hechelte. Eine Mücke umkreiste sie. Doch ein Insekt würde sie nicht einmal ein Zucken kosten. Sie würde so lang still und erhaben stehen, bis das Filmteam applaudierend aus seinem Versteck käme. Auf einen Job in einem Konzern konnte sie verzichten. Aber sie wollte eine Anstellung bei einer Zeitung. Und die würde sie bekommen, wenn sie hier mitspielte. Sie würde eine Reportage über ihre Erfahrung als Teilnehmerin dieser Sendung schreiben. Sie würde sich rasch etablieren. Nach ein paar Monaten als freie Mitarbeiterin würde der Verlag sie als Redakteurin anstellen. Vierzehn Monatsgehälter und ein Monat Kündigungsfrist, Urlaubsanspruch und Krankenstand.

Sie reckte den Hals.

So stand sie. Doch nichts passierte. Ab und zu schlurfte jemand an ihr vorbei. Eine Pensionistin schaute von einer Parkbank zu ihr hinüber und ein Jugendlicher zeigte auf sie und lachte. Scheiß-Viertel, dachte sie. Nichts Spannendes hier, was meinen Blick fesseln könnte. Sie hatte zunehmend Mühe, ihre aufrechte Haltung zu bewahren. Sie war so erschöpft und durstig, dass sie nicht einmal mehr auf die Idee kam, ihre Fantasien zu überdenken.

Alles fühlte sich statisch an. Es lag möglicherweise an der Hitze, dass sie den Eindruck hatte, als würde sich nichts bewegen. Oder vielleicht lag es daran, dass sie sich seit gut vierzig Minuten nicht bewegt hatte. Was sie auf den Beinen hielt, war nur die eine absurde Vorstellung: Ich werde getestet und muss bestehen. Gleich kommt die Auflösung. Die Sonne brannte heiß auf ihren Kopf.

Da wankte plötzlich der Mann auf sie zu. Als er vor ihr stehen blieb, roch sie seine Alkoholfahne. Er sagte, es tue ihm leid, dass er erst jetzt komme, ein Bekannter sei ihm über den Weg gelaufen und sie hätten schnell ein paar Schnäpse gekippt und er hätte die Zeit vergessen, sie könne ihm Hund und Tasche jetzt wieder geben, danke schön.

Delirierte sie? Sie schüttelte den Kopf, um zur Besinnung zu kommen. Sie hoffte, dass das ein schlechter Scherz war. Wenn der Kerl schon kein Moderator der einen oder anderen versteckten Kamera war, sollte er wenigstens ein Dealer sein. Aber dass sie hier wirklich fast eine dreiviertel Stunde lang gestanden war, weil ein Fremder im Suff vergessen hatte, dass sie mit seinen Sachen auf seine Rückkehr wartete, konnte sie einfach nicht fassen. Wohin war sie hier geraten? Sie hätte ihm am liebsten ein Messer in die Brust gerammt, aber sie brachte vor Wut und Enttäuschung kaum ein Wort heraus. Er griff nach der Tasche und dem Hund. Sie presste ein „Nein, die bekommen Sie nicht“ heraus. Doch als sie losgehen wollte, vergaß sie, dass ihr Fuß noch unter der Hundetatze lag und weil ihr anderes Bein vom langen Stehen zu schwach war, ihr Stolpern aufzufangen, fiel sie hin. Sie hatte im Fallen weder Leine noch Tasche losgelassen. Sie lag im Dreck und dachte: Scheiß-Tag, Scheiß-Viertel.

 

Nicole Mahal:

Geb. 1968 in Wien, Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaften und Germanistik, Veröffentlichungen von Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften.