41 / Essay: Verortet: Cornelia Hülmbauer
Cornelia Hülmbauer
VERORTET: Wahlverwandte und virtuelle Wörter im mehrsprachigen Raum
„Die Sprache kommt immer von irgendeinem Ort, sie ist ein kriegerischer Topos“, schreibt Roland Barthes in Die Lust am Text. Woher also kommt die Sprache? Aus den Ländern, in denen sie Muttersprache ist? Aus Wörterbüchern oder gar dem Turm von Babel? Von ebenso vielen Orten wie Sprechern, behaupten Linguisten. Selbst in der Kommunikation mittels ‚ein und derselben‘ Sprache stammt diese von mindestens zwei verschiedenen Orten, dem Ich und dem Du. Jeder hat seine ganz individuelle Art zu sprechen, sein Repertoire, seinen ‚Idiolekt‘, und selbst dieser ändert sich beständig. Vollkommen gleichen Sprachgebrauch, vollkommen gleiche Sprachen gibt es also nicht. So meint einer, der eine Beziehung mit den Worten „Wir sprechen dieselbe Sprache“ beschreibt, paradoxerweise oftmals gerade die nonverbale Ebene des Zwischenmenschlichen. Überhaupt meinen wir jeweils mehr und vor allem anders als das Gegenüber, nehmen laut Husserl „eigentlich“ und „uneigentlich“ wahr, denken also weit über das tatsächlich Gesagte zum Mitgemeinten hinaus und produzieren automatisch konzeptuellen Überschuss - ein Phänomen, das Bakhtin als das „Surplus des Sehens“ bezeichnet. Angesichts dieses kommunikativen Gemenges braucht es schließlich einen „dritten Raum“ (third space), wie Bhabha ihn nennt, in dem verhandelt und abgeglichen wird. Das gibt vielleicht ein kurzes wörtliches Gemetzel, ein paar Silben und Vermutungen gehen zu Boden - im besten Fall fügen wir aber die Puzzleteile zusammen und treffen uns in der Mitte. Wir kämpfen also sowohl um die Sprache - ans Wort zu kommen - als auch mit ihr. Sie ist für uns Ausdruck und Mitteilung, Kommunikation und Strategie. Innerhalb unseres Sprachgebrauchs gibt es dadurch komplexe Selektionsprozesse. Wir wählen unsere Worte – einmal mehr, einmal weniger - sorgfältig. So bekämpfen einander auch Sätze und Silben, buhlen Wörter in unseren Köpfen um Gebrauch.
Worauf aber beruhen diese unsere Wörter? Die Semiotik nach Peirce weist den sprachlichen Zeichen symbolhaften Status zu. Zwischen einer Sprachform und seiner Bedeutung besteht kein direktes Verhältnis; es ist arbiträr, beruht also auf reiner Konvention. Erst beiderseitige Kenntnis der Konvention macht Kommunikation zwischen zwei Personen überhaupt möglich. Wie Ilse Aichinger in dem Band Schlechte Wörter bemerkt: „Arde wäre besser als Erde. Aber jetzt ist es so. Normandie heißt Normandie und nicht anders. Das Übrige auch. Alles ist eingestellt. Aufeinander, wie man sagt.“ Das heißt aber nicht, dass wir uns nur konventionell unterhalten. Ganz im Gegenteil oder ein kräftiges „schtzngrmm!“, wie Ernst Jandl ausgerufen hätte. An dieser Stelle betreten wir den sprachlichen Spielraum rund um das systematische Basislager. Es gibt, wenn man so will, zwei Zonen. Eine solche Teilung fi ndet sich in De Certeaus Unterscheidung der Konzepte von Ort (lieu) und Raum (espace), wobei der Ort eine Konstellation von fixen Punkten darstellt und Stabilität verkörpert, während der Raum ein Geflecht von beweglichen Elementen und Variabilität bietet. In diesem Gefüge ist Raum ein Ort, mit dem etwas gemacht wird – das kommunikative Ich und Du sind Ausdrucksräume, aus denen individueller, fl exibler Sprachgebrauch hervorgeht, während sie auf das Sprachsystem als Ort und Bezugspunkt referenzieren, und sei es nur, indem sie sich von ihm lossagen. Die literarische Tätigkeit setzt nun also genaue Ortskenntnis sowie räumliches Vor- und Darstellungsvermögen voraus. Konvention, Sprache als Werkzeug und ihr kreativer Bruch, Wörter als Spielbälle. So bleibt gewährleistet, dass Formen zwar außergewöhnlich sein können, diese aber dank einer allgemeinen Regelhaftigkeit, dennoch bedeutsam, lesbar, bleiben. Barthes formuliert literarische Kreativität demnach so: „Die einzig mögliche Subversion auf dem Gebiet der Sprache besteht darin, die Dinge zu verschieben.“ Oder wie Ernst Jandl es in einem Wespennest-Interview ausdrückt: „Ein Weniges ein wenig anders gemacht zu haben, als es schon war, ist ziemlich alles, was man erreichen kann“. Auf der Suche nach solchen Schiebeschneisen, nach dem ein wenig Anderen, bedienen sich Sprachnutzer dessen, was der Linguist H.G. Widdowson als „virtuelle Ressourcen“ bezeichnet: formale Möglichkeiten, die in einer Sprache verankert und realisierbar sind und nur keinen offiziellen Status haben. Wenn es beispielsweise im Englischen das Wort postpone gibt, wieso soll es nicht auch prepone geben? Das Sprachsystem ermöglicht es, die Bedeutung ist klar. Es geht um die Nutzung des latenten Potentials, das hintergründig in einer Sprache vorhanden, verankert ist und nur noch aktiviert werden muss.
Nicht nur all die „tatsächlichen“, auch die „möglichen“ Wörter, wie der Linguist Ingo Plag sie bezeichnet, duellieren sich also in unseren Köpfen und auf unseren Zungen. Die Sprache erlebt ein permanentes Wechselspiel zwischen Konvention und Kreativität, zwischen Gemeinplätzen und Geheimplätzen. Dies zeigt sich auch und besonders deutlich in der Literatur, wo das scheinbar Unmögliche zur Option wird und werden muss. Wie Max Frisch es formuliert: Sie „liefert (implizit) die Utopie, dass Menschsein anders sein könnte“. Im Literatur-Machen öffnen sich virtuelle Sprachräume, die sich in ihrem Potential gestalten wie die von Michel Foucault defi nierten „Heterotopien“ – die Räume zwischen Realität und Utopie: Hier manifestiert sich das, was leicht sein könnte, tatsächlich sein kann, aber nicht offi ziell ist. Hier kann es linguistische Kreativität geben, die sich zwar außerhalb der Konvention, jedoch innerhalb der Grenzen des sprachlich Möglichen befindet. Sprache, die – durchaus auch im Alltagsgebrauch – einfach ist, obwohl sie eigentlich – gemäß Wörterbuch – nicht sein dürfte. „Curiouser and curiouser!“, lässt Lewis Carroll Alice ausrufen. Der wundersame Moment verlangt nach einem wundersamen Superlativ. Das Wunderland als Spielwiese für virtuelle Sprachformen. „Pity this busy monster, manunkind, not”, beginnt E.E. Cummings ein Gedicht und präsentiert uns „manunkind“ als ein monströses Konzept.
Widdowson sieht dieses Hybridwort (die Verschmelzung von mankind und unkind) selbst als ein Monster, sprachlicher Natur nämlich, das sich allerdings als ein gutmütiges herausstellt, ein freundlicher Geist, nicht bedauerns- sondern bestaunenswert, der uns auf die Möglichkeiten hinter seiner Existenz hinweist. Ähnlich verhält es sich mit Ilse Aichinger, die zuerst vor den „Flecken“ ihrer gleichnamigen lyrischen Prosa (abermals im bezeichnenderweise Schlechte Wörter betitelten Band) zurückschreckt, sie als „unerträgliche Formen“ schimpft, nur um dann zu beschließen: „Vielleicht zählt doch nur, was der Lächerlichkeit preisgegeben ist, vielleicht beginnt erst bei ihr der geheime Herzschlag.“In jedem Fall zeigen die Beispiele, dass Sprache vielmehr als Prozess denn als Produkt zu sehen ist. Im besten Fall ist ihr Gebrauch ein Schöpfen aus dem Vollen, auch dem Versteckten und Hintergründigen, nicht bloß aus dem Vorgekauten. Ein Sich-Vorwagen auf unbekanntes, widerständisches, jedoch zugängliches Terrain. Dazu ist es nötig, sich der ‚eigenen‘ Sprache bewusst zu entfremden, auf Abstand zu gehen und einen Schritt zurück zu treten – sich selbst ins linguistische Exil zu befördern. Rilke schreibt an den jungen Dichter: „Die Ihnen nahe sind, sind fern, sagen Sie, und das zeigt, dass es anfängt, weit um Sie zu werden“. Dies, so könnte man an dieser Stelle und an jedem beliebigen Ort festhalten, gilt für Kindheitsfreunde wie für Muttersprachen. Auch Ilse Aichinger bemerkt in Meine Sprache und ich: „Meine Sprache ist eine, die zu Fremdwörtern neigt. Ich suche sie mir aus, ich hole sie von weit her. Es ist aber eine kleine Sprache. Sie reicht nicht weit. Rund um, rund um mich herum, immer rund um und so fort.“ Aichinger meint hier allerdings nicht Fremdwörter im engeren Sinn, sondern scheint vielmehr auf eine Sprache, die ihr fremd geworden ist, die in die Ferne gerückt ist, zu verweisen – eine Sprache, deren allgemein-arbiträre Formen nur noch zur Distanz beitragen. Um für die Schreibende wieder Bedeutung zu erlangen, muss diese Sprache lokalisiert, hergeholt, im gegebenen Terrain und im aktuellen Moment geltend, wieder zur eigenen Sprache gemacht werden.
Die eigene Sprache. Dachte man dabei früher automatisch an die eine Muttersprache, die man als Kind von den Eltern in die sprichwörtliche Wiege gelegt bekam, so wird die Situation mit zunehmendem Maße der Globalisierung komplexer. Wir leben ein modernes Nomadentum, werden zu polyglotten Wandervölkern, Sprachfetzen als Souvenirs im Handgepäck. Nicht nur, dass es immer mehr interkulturelle Partnerschaften gibt, in denen der Nachwuchs mehrsprachig aufwächst. Englisch wird nun oftmals schon ab dem Kindergarten gelernt - sprachliche Meilenstiefel als Kinderschuhe -, da dessen Kenntnis mittlerweile in sämtlichen Bereichen des Erwachsenenlebens quasi vorausgesetzt wird.
Kommunikation muss Ländergrenzen überwinden können – die Erstsprachen allerdings unterscheiden sich meist von Land zu Land. Hat man nicht zufällig das Glück, die Sprache des Nachbarn zu beherrschen, muss ein internationales Kommunikationsmittel her, eine Sprache, die die Menschen teilen, ohne dass es die ‚ihre‘ ist: eine Lingua Franca. „er stotterte englisch weil er nicht deutsch sprach während ich stotterte englisch weil ich nicht italienisch sprach“, beschreibt Friederike Mayröcker in brütt so beispielsweise die Verwendung des Englischen. Es scheint sich ein schizophrenes Verhältnis zu ergeben: Einerseits „stottert“ man, empfindet sich als unzulänglich, andererseits fühlt man sich frei in der Fähigkeit mit der Sprache Grenzen zu überwinden. Mit und innerhalb der Sprache. Die Situation, eine Nicht-Muttersprache zu benutzen, spricht uns in gewisser Weise auch von absoluter Normkonformität und der Befolgung kultureller Konventionen frei. Im Gegenteil, interkulturelles Kommunizieren erfordert oft viel eher Flexibilität als Korrektheit.
Die linguistischen ‚Transtendenzen‘ betreffen in diesem Fall keineswegs nur Englisch. Internationale Mobilität – sei diese tatsächlich gegeben oder durch die neuen Medien simuliert - macht sowohl die individuellen Sprachrepertoires und ihren Gebrauch vielfältiger als auch die Arten ihres Zusammentreffens immer komplexer. Die verschiedenen Sprachen, Dialekte, Codes, auf die ein Sprecher im Laufe der Zeit stößt und die er sich mehr oder weniger aneignet, komplementieren und kontrastieren sich nicht nur, sie durchdringen einander und ergeben eine ganz individuelle Palette, deren Teilkomponenten und -kombinationen später je nach kommunikativer Anforderung aktiviert werden.
Im Grunde sprechen wir alle mit gespaltenen Zungen, sind einzelsprachlich zuweilen illoyal, dafür mischsprachig recht effizient. “Wir sind im Zeitalter des Simultanen, des Gegensätzlichen, des Nahen und des Fernen, des Nebeneinander und des Verstreuten“, schreibt Foucault und feiert die „Macht des Flüchtigen“. In der Tat, gerade wegen ihrer Dehnbarkeit, ihrer Durchlässigkeit, ist Sprache ein mächtiges Werkzeug. Benjamin kontrastiert in seinem Passagenwerk „Namen von Straßen, Plätzen oder Theatern, die aller topographischen Verschiebung zum Trotz überdauern“ mit den „zeitlosen kleinen Plätze[n], die unversehens da sind und an denen der Name nicht haftet“. Zweitere scheinen im internationalen Sprachgefüge Überhand zu nehmen.
Durch die beschleunigte Mobilität, die Unberechenbarkeit der Konstellationen muss viel mehr ungeplant, ad-hoc gehandelt werden. Namen und Wörter müssen dehnbar sein. Überhaupt sind fi xierte Spracheinheiten, Standards und Trennlinien ein europäisches Konzept und vielmehr gedankliche Konstrukte, nationalstaatliche Relikte denn in der tatsächlichen Kommunikationspraxis vorhanden. Die sprachlichen Grenzwächter und Ordnungshüter sind hier auf den Plan gerufen. Doch, herrje, Sprache gehört uns nicht. Und dennoch, oder gerade deshalb, machen wir sie uns mit jedem neuen Satz zu eigen, prüfen sie auf Eignung, auf virtuelle Möglichkeiten. Je fremder uns die Formen erscheinen, von je weiter sie herkommen, desto mehr biegen wir sie ‚vor Ort‘ für unsere individuellen Sprachräume zurecht.
„Die Sprache ist eine Haut. Ich reibe meine Sprache an einer anderen“, so Barthes in Fragmente einer Sprache der Liebe. Das Geborgte wird ent-fremdet, zweck-entfremdet, und zum Inventar. Das Wechselspiel von globalen und lokalen Kräften wird deutlich, die ‚Glokalisierung‘ der Sprache setzt ein. Für die Literaten kämpft auch hier Ernst Jandl wieder an vorderster Front, zum Beispiel mit dem Gedicht ‚calypso‘: „yes yes de senden / mi across de meer / wer ich was not yet / ich laik du go sehr“.
Wo aber sind die Grenzen von Mutter- und Fremdsprache? Wie unterscheiden zwischen fehlerhaft und fabulös? Die Dichterin Uljana Wolf schreibt dazu in der Zeitschrift Kunst + Kultur: „Man könnte auch sagen, dass, wo immer Menschen Fehler machen, sich versprechen, oder verlesen, Wörter verdrehen, ob in ihrer Eigen- oder Fremdsprache, eine zweite Sprache in der Sprache auftaucht. Oder die Sprache Falten schlägt, die zu neuen Falten führen. This, I imagine, happens in every good poem.“ Auf dem weltsprachlichen Parkett wird (aus)gerutscht und (los)getanzt – die Übergänge sind fließend. „Keine Sprache ist Muttersprache. Dichten ist Nachdichten“, schreibt Marina Zwetajewa an Rilke. Die Distanz bleibt, die Arten, diese zu bespielen, werden vielfältiger. Mit jedem losen Ende ein Anknüpfungspunkt. Für manch einen scheint Literatur schwer, Lyrik gar unübersetzbar. Gottfried Benn strauchelt vor dem „nevermore mit seinen zwei kurzen verschlossenen Anfangssilben und dann dem dunklen strömenden more, in dem für uns das Moor aufklingt und la mort, ist nicht nimmermehr“. Mehrsprachigkeit ermöglicht jedoch auch – Benns Assoziationserlebnis impliziert dies bereits - eine alternative Form der Intertextualität. Ulrike Almut Sandig bedient sich dieser in ihrem Band Streumen (das Titelkonzept selbst ein „beweglicher Ort“ - „Wir streumen vor lauter Sehnsucht. Aber Streumen ist hier.“). Im Gedicht ‚hund sein II’ heißt es etwa: „die spät erleuchteten, beheizten abende gern auf kissen zubringen, zeit umbringen und nicht wissen: morgen soll alles vorbei sein“. Mit dem konventionellen deutschen Delikt des zeitlichen Totschlags kann sich die Dichterin wohl nicht anfreunden und lehnt sich lieber an das englische time-killing an. Mehrsprachigkeit liefert hier eine weitere Dimension. Der „dritte Raum“ wird ausgedehnter, bewegter, denn das Übersetzen bringt laut Bhabha ein performatives Moment in die Sprache, macht sie zu „lingua in actu“ anstatt „in situ“. Dies wird auch in José F.A. Olivers dreisprachiger Ballade ‚Duende’ deutlich. Da stehen zum Beispiel der hochdeutsche Löwenzahn – wir assoziieren: bissig, stolz und stachelig - und der allemanische Bettschisser – dieser: ängstlich schlotternd - nebeneinander. Und vielleicht taucht vor dem Leser innerlich auch noch der englische dandelion auf, der, so herausgeputzt schnurrend, gar nicht in dieses eigentümliche Gemenge passen will. Dieser Spielraum ist selbst dann gegeben, wenn die anderssprachlichen Ressourcen nur latent, also virtuell, vorhanden sind. Friederike Mayröcker schreibt in fantom fan „pick mich auf mein Flügel“ und wir fi nden uns zwischen scharfschnäbeligem deutschen Federvieh - das das Ich wie Brotkrumen pickt – und dessen englischen Artgenossen, die uns abholen - ‚pick me up‘ - und auf die Schwingen heben. Diese Hybridität, laut Bakhtin das „Zusammentreffen, innerhalb der Arena einer Äußerung, zweier [oder mehrerer] sprachlicher Bewusstheiten“, lässt sich, einmal zur Möglichkeit erhoben, schwer ausklammern.
Gerade wo unsere Mehr- und Mischsprachigkeit sich als rudimentär erweist, ertappen wir uns umso öfter auf der Suche nach intersprachlicher Kohärenz. Wir erleben eine Spannung zwischen konventionellem Verstehen-Wollen und freiem Assoziieren-Lassen. Die Autorin Yoko Tawada beschreibt den Fall Französisch-Deutsch in ihrem Buch Überseezungen so: „Ich sehe das Wort „du“. Es ist schwierig zu glauben, dass es gar nichts mit dem deutschen Wort „du“ zu tun hat. Ein „du“, das man nicht kennt, kann alles bedeuten: ein Getreidesack, eine Anziehpuppe, eine Taube oder eine Tür.“ Kohärenz gibt es aber durchaus an manchen Stellen - am deutlichsten in Form der sogenannten Kognaten. Das sind verwandte Wörter in verschiedenen Sprachen, denen man ihren gemeinsamen Stammbaum auch äußerlich ansieht oder anhört. In ihren internationalen Beziehungskisten präsentieren sich diese Wortpärchen und -rudel zuweilen recht anschmiegsam. Die gemeine Hauskatze beispielsweise durchstreift mit ihren Artgenossen viele Gegenden: als cat und chat und gata, als gato, kot und katt. Das gilt auch für südeuropäische Pferde, genauso wie für so manch lateinaffi nen Hund. Der Rest ist Sprachgeschichte. So weit, so handzahm? Leider nein, liebe Ornithologen und Rattenfänger - einer fliegt unbeirrt: Der Schmetterling, in den schillerndsten Farben – als spanisch prächtiger mariposa, als rumänisch flatternder fluturi, als englisch legerer butterfl y und dänisch saisonaler sommerfugl – geht Ähnlichkeiten kaum ins Netz. Dennoch, da sprachliche Zeichen eben arbiträre Symbole sind und nicht auf Ähnlichkeit mit den referenzierten Dingen basieren, scheinen wir uns an die Ähnlichkeit zwischen den Formen umso mehr zu klammern. Besonders an den von Augé als „Nicht-Orte“ bezeichneten Plätzen, den Flughäfen, Bahnhöfen und Autobahnen dieser Welt, erfahren wir deutlich die Macht der Analogie. Diese Plätze ohne eigene Identität, ohne eigene Geschichte, lassen sich zwar widerstandlos mit unseren Durchzugsidentitäten, unseren Reisegeschichten, unseren Fluchtwörtern aufl aden. Besonders machen sie, die für den Transfer geschaffen sind, aber die Nutzung von Sprachtransfer durch Kognaten notwendig. Wie gut, dass es Informationen in so vielen Sprachen gibt, und wie schön, dass das s in informations jederzeit vom virtuellen ins reale Englisch segeln kann.
Und doch – die Ordnungshüter warnten uns bereits – gibt es Stolpersteine. Auch hier, Orte, aber eben unterschiedliche: Eine Verschwörung takes place? Findet statt, vielleicht, aber deshalb noch lange keinen Sitzplatz. Nicht genug aber, dass uns öfter etwas spanisch vorkommt, dass wir am Andersartigen, am Fremden scheitern. Manchmal birgt das vordergründig Vertraute die hinterhältigsten Gefahren. Manchmal treffen wir auf Wahlverwandtschaften, eigentlich Zufallsbekanntschaften, die nur so aussehen als ob, und dabei nicht einmal als Schwippschwager taugen, also vollkommen ‚falsche Freunde‘ sind – soweit die Ordnungshüter. Und noch weiter: Falsche Freunde, das sind Paare oder Grüppchen von Wörtern aus verschiedenen Sprachen, die ähnlich aussehen oder klingen, hinter denen aber nicht die gleiche Bedeutung steckt. Mit Yoko Tawadas Worten: „Sie sind Reisende, sie werden unterwegs immer wieder anders verstanden, je nachdem, in welcher Sprache sie übernachten. Ihre Körper aber bleiben dieselben.“ Sie werden als die Scheinheiligen, die Fallensteller und Fettnäpfchenleger für Sprachnutzer gehandelt. Vor ihnen wird gewarnt! Denn: das englische gift ist nicht das deutsche, das wäre poison, und das wiederum erinnert an den französischen Fisch. Beim Lebensraum der Fische, wiederum, werden das Deutsche und das Niederländische sich nicht einig: meer ist See (der) und zee ist Meer, oder See (die). Konfusion zwischen Ozean und Binnengewässer, zwischen männlich und weiblich, süß und salzig - was für ein Vergnügen allerdings für dichterische Nasszellen! Doch dem nicht genug: Unter den Windmühlen bellen beißende Hunde meist durch Telefonhörer, in Skandinavien hingegen interessieren sich Imker beinahe nur für Bier, französische Tapeten sind grundsätzlich schwul, alle türkischen Wölfe heißen Kurt und der Italiener meint mit Tante vieles, nur keine Verwandte.
Apropos Verwandte: Können nicht auch die Bastarde, die Kuckuckskinder liebenswert sein? Uljana Wolf zumindest widmet den Falschen Freunden einen ganzen Gedichtband. Sie dreht den Spieß um, spürt Eltern auf, „die keine schlechten sind, nur nicht die echten“ und lässt vermeintlich verfeindete Pärchen doch Hand in Hand gehen. Wie zum Beispiel card und map / Karte und Mappe in dem Gedicht ‚look on my card‘: „so fanden wir, mit falschem wort, den ort, und falteten den rest der stadt, nach art des landes, wie man sagt, in mappen ein“. Wolf ist mit ihrer Faszination nicht alleine, denn schon Friederike Mayröcker notiert in brütt: „die Mappe (the map!) als bunter Flickenteppich gleich mitgeliefert auf den Postwurfsendungen des Nobellokals“. Zudem, mit etwas Weitblick, hat man in dieser Sache noch eine Karte, ein As im mehrsprachigen Ärmel. Denn vielleicht greift die Sippenhaftung in manchen Winkel ja doch. Immerhin gibt es, ähnlich wie im Deutschen das Wort Kar te, im Italienischen oder auch im Griechischen jeweils carta und chartis. Kann es dann nicht sein, dass im Lingua Franca Gebrauch des Englischen, irgendwo im virtuellen Raum, Mappe und Karte, map und card, ihre Plätze tauschen und für eine kurze Weile, für ein paar Sprachnutzer das jeweils andere bedeuten? Die Konvention wird gebrochen, allerdings durch neue Analogien ersetzt. Der Autor Alfred Goubran erklärt im Interview dieser etcetera-Ausgabe dem Begriff verorten wegen seiner Vorsilbe den Krieg. Das ver- klinge zu negativ - Verortung im Sinne von Eingebettet-Sein gäbe es nicht. Vielleicht kann das ver- allerdings auch eine Bewegung, eine Wegnahme, einen Ortswechsel bezeichnen. Ein Wort wird aus seinem ursprünglichen Bedeutungsort genommen und in einen neuen Sprachraum eingeordnet – in diesem Sinn ver-ortet. Der entsprechende Kontext - das weltliche Umfeld - und Kotext - die wörtliche Umgebung – können solcherlei Wortmetamorphosen offenbar durchaus möglich machen. Mehrsprachigkeit bietet eben nicht nur Formen-, sondern auch Bedeutungsvielfalt. Der Linguist M.A.K. Halliday spricht von „Semiodiversität“.
Rilke rät dem jungen Dichter: „Werden Sie nicht irre an der Vielheit der Namen und an der Kompliziertheit der Fälle. Vielleicht ist über allem eine große Mutterschaft als gemeinsame Sehnsucht.“
Zu guter Letzt, am Ende des Tages, fragt die Autorin Christine Brooke-Rose zwischen den Sprachen in ihrem Roman Between: „Und haben sie noch einen Wunsch? Madame désire encore quelque chose?“, und beantwortet gleich für uns Sprachwandler mit: „No, nothing at all, just personal effects“. Also, chapeau, und: Schmetterlinge, Butterfalter, Sommervögel, fliegt!
Cornelia Hülmbauer
Geb. 1982, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im internationalen Forschungsprojekt DYLAN – Language Dynamics and Management of Diversity. Sie ist u. a. Autorin von English as a lingua franca between correctness and effectiveness (VDM) und Mitherausgeberin des Bandes Mehrsprachigkeit aus der Perspektive zweier EU-Projekte (Peter Lang). Literarische Texte in Zeitschriften. Blogt unter http://consens.wordpress.com.