42 / Prosa: Ornithologische Lecekerbissen: Josef Paar
Josef Paar
Ornithologische Leckerbissen
Mein Großvater hatte, wie viele ältere Menschen, eine andere, völlig ursprüngliche, und ich möchte an dieser Stelle ganz bewusst sagen, eine einfach noch natürlichere Beziehung zur Natur. Beispielsweise konnte er alle Vogelarten beim Namen nennen, und ich erinnere mich gut daran, wie ich als Kind häufig auf seinem Schoss Platz nehmen durfte und er mir mit Hilfe seines abgegriffenen Lexikons die heimischen Piepmatze samt Lebensweise und Besonderheiten vorgestellt hat.
Manchmal sind wir auch hinaus in den Wald gegangen, um vor Ort unsere ornithologischen Studien zu betreiben, und einmal hat er mich bei einem dieser Streifzüge zu einem Gelege im Dickicht geführt, das er offensichtlich schon früher entdeckt haben musste. In dem Nest saßen fünf Küken, die ich dank meiner mittlerweile profunden Kenntnisse eindeutig als Zilpzalpe identifizieren konnte. Als Großvater sah, wie prächtig sich die Jungen seit seinem letzten Besuch entwickelt hatten, wirkte er zufrieden und zwinkerte mir mit einem Lächeln zu.
„Schau nur!“ flüsterte er in seinem rauen, doch herzensguten Tonfall und griff sich währenddessen eines der Vogelkinder. „Wie du siehst, können sie das Nest nicht verlassen, wenn man sie rechtzeitig mit einem Stück Angelschnur daran fest-gebunden hat, und ihre dummen Eltern mästen sie, bis sie sie so richtig schön dick und fett wie dieses hier geworden sind.“ Dann hob er einen Stein vom Boden auf und schlug damit sorgfältig, ja beinahe liebevoll, einem Küken nach dem anderen den mit leichtem Flaum überzogenen Schädel ein.
„Ich muss etwa in deinem Alter gewesen sein“, nach getaner Arbeit sprach er wieder in normaler Lautstärke, „als mein Opa mir damals diesen Trick verraten hat. Wir haben so vor dem Krieg bestimmt an die tausend Nester ausgenommen und mussten auf diese Weise selbst in der schlechtesten Zeit keinen Hunger leiden.“
Routiniert verpackte er unsere Beute in seinem Rucksack und strich mir zärtlich mit der blutverschmierten Hand über den Kopf.
„Weißt du, wir haben großes Glück! In dem Alter schmecken sie am besten, und keine zweite Frau auf der Welt versteht sich dermaßen gut auf ihre Zubereitung wie unsere liebe Großmutter.“
Er hatte mir nicht zu viel versprochen. Unsere Zilpzalpküken erwiesen sich in der Tat als wahrhafter Gaumenschmaus. Und selbst, dass wir zu Dritt von den fünf winzigen Braten nicht wirklich satt wurden, war nicht weiter schlimm, denn mein Großvater - der alte Fuchs - wusste bestimmt, wo wir noch das eine oder andere gutgefüllte Nest zum Ausräubern finden würden.
Josef Paar
Geb. 1974. Abgeschlossene Studiengänge: Wirtschaftsingenieur, Master of Business Administration, derzeit als selbstständiger Unternehmensberater tätig.