42 / Essay: Das Eigene und das Andere: Niketa Stefa

Niketa Stefa
Das Eigene und das Andere

Das Unwissen oder besser der Wille im Unwissen zu bleiben, ist unser alltägliches Brot geworden. Wir leben in der Unkenntnis der Wissenschaft, in der Übergrenzung des Eigenen, - raumzeitlich, wirtschaftlich, politisch, kulturell, religiös gemeint - die jedoch unserem Dasein konstitutiv sind.
Soweit wir innerhalb unseres Eigenen raumzeitlich, gesellschaftlich, geistig und wissenschaftlich bleiben, könnte man uns mehr oder weniger als Citoyens, Bergleute, Bauern etc. zu definieren versuchen.
Sobald wir das Eigene verlassen möchten oder zum Verlassen gezwungen werden, stellt sich nicht nur unser Citoyen – Sein bzw. Bergbewohner–, Bauersein, sondern überhaupt unser Menschsein in Frage.

Am Phänomen des demographischen Umzugs, jener häufigsten aus den Bergen und vom Land in die Stadt, lässt sich diese Infragestellung am deutlichsten illustrieren. Der Umzug in die Stadt stellt alle vorherigen sowohl allgemein, als auch individuell für gültig gehaltenen Parameter in Frage. Ein konkretes Beispiel: Ein Bergbewohner, der harmonisch mit der Natur lebt, steht bei einem Umzug in die Stadt vor der Gefahr, nicht nur seine Natur in den Bergen zu verlassen und sich die des Citoyen nicht anzueignen, sondern sogar ein „Barbar“ zu werden, indem er z. B. das wichtigste Museum einer Stadt zerstört, um daraus sein eigenes Haus, wie er es in den Bergen gehabt hat, zu bauen. Das ist kein aus heiterem Himmel gefallenes Beispiel, sondern ein häufiges Phänomen, insbesondere in Osteuropa nach der Wende.

Der Citoyen läuft nichts destoweniger Gefahr, ein „Barbar“ zu werden, indem er die See-, Berg- und Landschaften in seinen Parametern wie in das Prokrustesbett je nach Interesse spannt oder hineinzwingt. Sogar in geschützten UNESCO Naturparkgebieten werden Villen gebaut, z. B. in Bulgarien. Der Citoyen entfremdet sich selber und lebt, ohne sich das Fremde angeeignet zu haben, ohne einen Zusammenklang mit der Natur wie die Berg- oder Seeleute leben. Er zerstört die Natur. Aber der Akt der Zerstörung ist dem schöpferischen Wesen des Citoyen am schärfsten entgegengesetzt.

Diese Übergrenzung des Eigenen ist jetzt wie nie zuvor von der regionalen Landschaftsebene auf die globale Ebene gestiegen. Wenn im 19. und 20. Jahrhundert die demographische Bewegung Berg–Land–Stadt eher innerhalb der nationalen Grenzen geschah, verbindet sich jetzt diese Bewegung zusammen mit jenen der anderen Nationen mit dem Resultat einer ungeheuren demographischen Bewegung, der die Infragestellung des Eigenen konstitutiv ist und die Gefahr des Verlustes des Eigenen, die Eineignung der Oberfläche des Anderen und damit die Verwilderung mit sich einbezieht.

Diese Gefahr ist augenscheinlich, wenn man auf den Straßen der armen Gebiete der ehemaligen kommunistischen Ostländer oder auf den Straßen der industrialisierten Gebieten Asiens spazieren geht. In Gebieten, die nur für bestimmte Stunden am Tag mit Strom und Wasser versorgt werden und schlechte oder gar keine Infrastruktur haben, trifft man oft auf Frauen, die nach der letzten Mode gekleidet sind, und auf Männer, die mit ihren neuen Handys prunken.

In Asien drängt die Jugend, statt die Mittagspause in den üblichen asiatischen Restaurants zu verbringen, in die Mc-Donalds–Imbisse, um für ein Weniger an Lebensmitteln von schlechterer Qualität mehr zu bezahlen. Bei diesen Beispielen betrifft die Verwilderung eher das Eigene. Aber insbesondere in Europa hat sich die Verwilderung so erweitert, dass sogar die Verwilderung des Fremden akzeptiert oder sogar sich zu eigen gemacht wird (von der Abschwörung der eigenen Religion und Kultur bis zur Anteilnahme an terroristischen Akten) und umgekehrt die Verwilderung des Eigenen vom Fremden nachgeahmt wird (Ursprünglich waren es die Amerikaner, die sich von Europa nur die Haut der Werte angeeignet haben. Heute sind es die Entwicklungsländer, bzw. die Schwellenländer. In der Tat am allerersten und am meisten werden die verwilderten Züge Europas angeeignet. Die Menschen aus den Entwicklungsländern ziehen den Kimono aus, um einen spannenlangen Rock anzuziehen und das nicht nach Sonnenuntergang, sondern ab Mitternacht. Sie bewahren den Kimono nicht, sondern kaufen so viele Röcke, wie ein Kimono Fäden hat und schon glauben sie, sind sie in der EU oder in Amerika).

Wir sind jetzt in Europa an der Grenze der Wahrnehmung dieser Verflechtung der Verwilderung des Eigenen mit der Verwilderung des Fremden. Die nächste Generation wird nicht mehr imstande sein sie wahrzunehmen, weil alles, das Eigene und das Fremde, in eine einzige Verwilderung verschwommen sein wird. Die übernächste wird dann die ser Verwilderung die Statue der Freiheit in Amerika widmen.

Das verlorene Eigene, das nicht hineingewachsene Fremde, das Verwilderte werden in eine Statue des Paradoxen von Liberté–Egalité emporsteigen. Europa wird also bald die eigene Freiheit, das Eigene vom Anderem zu unterscheiden, in die Unfreiheit der Gleichheit zwischen Eigenem und Anderem umkehren. Ist aber dieses Oxymoron Liberté–Egalité, bzw. diese unfreie Gleichheit oder gleiche Freiheit Amerika zu eigen, also allgemeingültig, so ist oder besser war sie Europa fremd. Sie sich so anzueignen, dass das Eigene mit dem Angeeigneten identisch wird, würde sie der Gefahr der äußersten Verwilderung aussetzen.

All dies schreibt eine Reisende, die die Koffer immer bereit hat, um sich auf den Weg zu machen, ja sogar nach Amerika, dem Land der identischen Freiheit oder der freien Identität, das Land, das sich wenigstens bemüht die Spaltung der französischen Dreiheit in das Oxymoron Liberté–Egalité und in die allgemeingültige Fraternité wiederzuvereinigen, auch wenn es gerade aus dieser Spaltung lebt. Auch wenn nirgendwo wie in Amerika die Fraternité im Namen des Oxymorons Liberté–Egalité geopfert wird, ja zur Statue der Freiheit erhoben wird, so strebt es wenigstens die europäische Harmonie zwischen Fraternité und Liberté kennen zu lernen. Es würde genügen, die Bewunderung in den Augen der Amerikaner zu sehen, wenn sie ein europäisches Land besichtigen. Auch wenn es bei vielen nur bei dieser Bewunderung bleibt, so gehen trotzdem einige dieser Bewunderung auf den Grund. Sie machen den Schritt von der Bewunderung mit den Augen zu der Bewunderung mit dem Geist. Sie begründen ihre Bewunderung und begeben sich auf den Weg der Aneignung des Fremden, ohne dabei das Eigene zu verlieren.

Umgekehrt bleibt es leider bei den meisten Europäern bei der Bewunderung von Amerika mit den Augen, die nicht einmal konkret, sondern virtuell ist. Sie geben das Eigene zu schnell preis und akzeptieren das Fremde im Namen der Brüderlichkeit so, dass sie dabei das Eigene mit dem Fremden identifizieren, bzw. das Eigene entfremden. Diese Entfremdung beginnt mit der Toleranz, bezweckt aber die Steigerung des Wirtschaftsfaktors, so dass die der Europa eigene Harmonie zwischen Kultur, Religion, Wissenschaft, Politik, Wirtschaft auf jene Komponente reduziert wird, die dem Fremden eigen ist, nämlich auf die Wirtschaft. Die Wirtschaft ist der gemeinsame Nenner zwischen Europa und Amerika. In ihm löscht sich der Unterschied zwischen dem europäischen Eigenen, nämlich dem Unterschied des Eigenen mit dem Anderen unter Bewahrung der Brüderlichkeit, und dem amerikanischen Eigenen, nämlich der Gleichheit des Eigenen mit dem Anderen unter Zerstörung der Brüderlichkeit. Genauso wird das Streben der Europäer nach dem Fremden, das zur platten Gleichheit zwischen Eigenem und Fremdem führt, und die Haupttendenz der Amerikaner, die vor dem Unterschied zwischen Eigenem und Fremdem erstaunt, jeweils in geistige Einebnung und Tourismusquoten entfremdet.

Wenn die berühmte These von José Ortega y Gasset die Verwilderung des 20. Jahrhunderts im Verhältnis empirische Wissenschaft/Masse sieht, so liegt m. E. die Verwilderung der Menschheit des 21. Jahrhunderts in jenem von Wirtschaft/Masse. Die Wissenschaft ist in der Überkategorie der Wirtschaft untergetaucht. Um ihr zu entgehen, sollte man nach der Grundlage, worin der wahre Unterschied besteht, streben. Der Weg beginnt, wenn nach jeweiliger Bewunderung oder Missachtung des Anderen der erste Schritt des Kennenlernens gemacht würde. Ohne diesen Schritt des demütigen Lernens können die anderen Schritte des Denkens nicht zu Ende gedacht werden und in der Tat keine gemäßen Entscheidungen getroffen werden, immer vorausgesetzt, dass man sich bei den Überschreitungen des Eigenen mit dem Anderen konfrontieren will und, dass das auch möglich ist. Solange im Spiegel des Anderen ein identisches Ich noch nicht zu sehen ist, sollte man die Gelegenheit des Kennenlernens des Anderen unter Bewahrung der eigenen Identität nützen.

Bald wird es nur Widerspiegelung von Bruchzahlen geben: Von Tokio, Peking, Moskau bis Berlin, Paris, London, Mailand, von Kanada, U.S.A bis Indien und Australien werden die Menschen–Zahlen nur identische Menschen–Zahlen im Spiegel sehen, auch wenn leicht unterschiedlich kombiniert.

Niketa Stefa
Geb. 1977 in Shkodër/ Albanien, aufgewachsen in Italien. Lebt und arbeitet in Wien. Studium der Literatur, Sprachwissenschaft und Philosophie in Rom und Wien. Spezialisiert sich auf Übersetzungen von Romantik, Deutschem Idealismus und Gegenwartsliteratur. Schreibt Lyrik, Erzählungen, Essays und Kritiken.