43/ Prosa: Die Autisten: Michael Benaglio

Michael Benaglio
Die Autisten

Lange hatte der Winter gedauert. Noch in der ersten Aprilhälfte brachte ein rauer, kalter Wind Schneemassen in das Tal. Kälte, Nässe, ein nicht enden wollender Guss aus Eis und verschneiten Hängen. Dann endlich kam der Frühling, fast mit einem Schlag: Die Sonne fegte letzte Wolkenfetzen hinweg, ein strahlend blauer Himmel sah zu, wie der Schnee auf den Weiden und Strassen schmolz und breite Bäche durch Felder und Wälder strömten, während sich der Waldboden in eine Symphonie aus Matsch und nasser Erde verwandelte. Die Falken flogen unter dem klaren Himmel, die Berge rundum ruhten in einem neuen, durchsichtigen Licht, das in den Armen der Sonne tanzte.

Die Menschen atmeten auf, sie hatten vom Winter mehr als genug. Fenster und Türen öffneten sich, warme Luft strömte in den kalten Winterdunst der Häuser. Die schnell sich ausbreitende Wärme ließ bereits die ersten Wehen des Sommers ahnen. Alles ging den gewohnten Gang der Jahreszeiten, den Gang, wie er seit Jahrzehnten das Dorfleben prägte, mit all seinen Alteingesessenen und Zugereisten, mit seinen Bauern, Gewerbetreibenden, mit seiner  Ärztin, dem Apotheker und vereinzelten Intellektuellen, dem Pfarrer und seiner Exzellenz, dem Bürgermeister, und – natürlich - mit seiner umfassenden, allgegenwärtigen Tourismusindustrie. Ein Frühling voller guter Gefühle brach an, ein Frühling wie immer.

Doch dann kamen sie. Eines Tages, an einem unseligen Vormittag waren sie da. Zwei große Autos parkten mitten im Dorf, mit Kennzeichen eines anderen Bundeslandes. Das Haus in der Nähe der Kirche, das so lange leer gestanden hatte, öffnete plötzlich seine Fenster, aus denen lauter Lärm drang. Schreien, Grölen und die Basstöne eines Hip Hop hämmerten auf die sonst so ruhige Strasse. Ein Bierflasche fiel aus dem Fenster, Mädchen kreischten. Die Türe zu dem kleinen Garten ging auf, ein paar junge Männer und Frauen sprangen in den Garten, wälzten sich im Dreck, schrieen, die Bierflaschen und Bierdosen in ihren Händen drehten sich im Kreis. Eine große Sound-Maschine wurde herbeigetragen, die Musik spielte auf Hochtouren. Volle Lautstärke. Die Dorfbewohner machten befremdet einen großen Bogen um das neu besiedelte Haus. Was sie sahen, war ihnen suspekt: halbnackte Burschen, torkelnde Mädchen. Sie kletterten über den Zaun, legten Decken vor die Marienkapelle nahe der Kirche und fingen dort zu schmusen an, lehnten sich an die Mauer der Kapelle, schütteten Bier hinein, einer übergab sich direkt auf das Madonnenbild.

Tätowiert waren sie, mit kurzen Haaren, die meisten mager, einer fett wie eine gemästete Sau. Die Mädchen alle blond, naturblond oder gefärbt blond. Lautes Schreien. Grölen. Kreischen. Lachen. Streiten. Raufen. Stunde um Stunde. Vor dem Haus, das nun seine neuen Besitzer hatte, standen die zwei eleganten großen dunklen Wagen. Die Einheimischen sagten nichts, sie beobachteten das Treiben mit einer Mischung aus Angst, Unverständnis und Wut.

So verging der erste Tag. Erst als die Dämmerung kalte Luft von den Bergen fallen ließ, verzog sich die Meute der neuen Nachbarn in das Innere des Hauses. Durch die geschlossenen Fenster brandete der Lärm weiter zur Kirche und zu den Fenstern der näheren und weiteren Nachbarn. Erst lange nach Mitternacht verstummte das wilde Treiben, fielen die besoffenen, schwankenden Gestalten in ihre Betten. Am späten Nachmittag des nächsten Tages erhob sich das Treiben von neuem, schwoll an, nahm am frühen Nachmittag wieder kreischend laute Töne an und steigerte sich am späten Nachmittag zum Höhepunkt, zu einem schrillen Kreischen, zu aggressiven Drohgebärden, zu einem hemmungslosen Umhertorkeln lallender Münder, die keine ganzen Wörter mehr zu formen wussten. Und wieder lagerten sie um die Marienkapelle, eine pisste gegen die Wand der Gedenkstätte, ein anderes Mädchen schüttelte sich vor Lachen und erbrach sich, wie schon am Vortag, in das Innere des Heiligtums.

Die Dorfbewohner, Alteingesessene und Zugereiste, blickten voll wortlosem Abscheu, voller stummer Ablehnung auf das wilde Treiben. Aber keiner sagte etwas zu den neuen Nachbarn. Selbst die Polizei, die sonst schnell zur Hand war, wenn es um wirkliche oder angenommene Vergehen von Jugendlichen ging, ließ sich nicht blicken. Die Sauforgie lief weiter, verbunden mit den monotonen Basstönen, die durch das Dorf hallten wie die Trommeln vor dem Jüngsten Gericht. So ging es Tag um Tag. Die Leute wunderten sich: Hatten die keine Arbeit? Nichts zu tun? Konnten die es sich leisten, den ganzen Tag und mehr als die Hälfte der Nacht zu feiern?

Endlich fasste sich die gequälte Nachbarin, deren Haus direkt neben dem der neu zugezogenen Terroristen stand, und die nicht mehr schlafen konnte, ein Herz: Sie ging in den kleinen Garten, wo die jungen Leute hockten und ihr Bier tranken, Dose um Dose um Dose. Sie stellte sich vor. Sie war die Veitnbäuerin. Keine Reaktion. Keine Antwort. Verunsichert trug sie ihr Anliegen vor. Ob man nicht etwas leiser sein könne. Das Dorf habe sich plötzlich in eine Disko verwandelt. Das halte ja keiner aus. Keine Reaktion. Keine Antwort. Sie tranken ihr Bier, wippten zu der Hip Hop Musik, schrieen sich an. Ein Mädchen zog einen der Buschen an den Haaren. Der gab ihr endlich einen Kinnhacken. Das Mädchen blutete aus der Nase. Die Veitnbäuerin, ein bereits in die Jahre gekommenes altes Weiblein, versuchte es noch einmal. Trug ihr Anliegen vor. Hip Hop. Schreien. Grölen. Keine Reaktion. Keine Antwort.

Enttäuscht ging sie mit hängenden Schultern wieder weg. Vergrub sich in ihrer Küche, die in den Basstönen des Hip Hop vibrierte. Da fassten sich die echten jungen Kerle ein Herz, die Gestandenen, die von den anderen Jugendlichen die Echigen genannt wurden. Die Alteingessenen. Die noch Tradition hatten. Sie pflanzten sich vor der schreienden, besoffenen Horde auf und erklärten, dass es so nicht gehe. Das hier sei ein friedliches, ruhiges Dorf, ein Erholungs-Tourismusgebiet, kein Puff für Wahnsinnige. Und wenn jetzt nicht bald Ruhe einkehre, dann, ja dann, wisse man hier die Fäuste zu gebrauchen.

Das Kreischen ging weiter. Bierflaschen wurden gekippt, wurden immer wieder in hohem Bogen aus einem Fenster geworfen. Hip Hop dröhnte. Ansonsten: keine Reaktion. Keine Antwort.

Das verwirrte die Echigen, die gestandenen Buschen. Sie sahen sich kopflos, kopfschüttelnd an, kratzen sich hinter den Ohren und zogen verdattert ab. So etwas hatten sie noch nie erlebt. Sie waren ja auf einen Streit, auf eine Schlägerei gefasst gewesen. Aber das? Merkwürdig.

Da fasste sich die jugendliche Gegenfraktion ein Herz. Sie waren die Antithese, die Alternative zu den echten Burschen, zu den Echigen, sie waren die Skater, die Neohippies, die Ausgeflippten, die leicht Linkslastigen, die nicht Angepassten. Man nannte sie die Fertigen, weil sie auf Grund zahlreicher Partybesuche oft recht fertig – am nächsten Tag – wirkten. Sie gingen ganz locker, wippend und tänzelnd, zu dem neu bewohnten Haus nahe der Kirche und huschten über den Zaun, hinein in den kleinen Garten, wo die neuen Nachbarn im Dreck und im Matsch lagen und Bier soffen. Einer hatte seinen Kopf auf das Madonnenbild gelegt, das ursprünglich im Zentrum der Kapelle befestigt gewesen war. Er hatte einfach einen Kopfpolster gebraucht. Die jugendliche Antithese, die Skater, Neohippies und sonstige haarige Jungmenschen des Dorfes, pflanzten sich vor den Neuen auf und erklärten ihnen, ganz wie die jugendliche Gegenfraktion, dass es so nicht gehe. Sie seien zwar auch etwas ausgeflippt und nicht immer so ganz gesetzeskonform, aber bitte, es gebe Grenzen und man sei, bei aller Liebe zu so manch verbotener Handlung dennoch eine Kulturnation, ein Kulturdorf. Und was hier ablief, das sei eben weit jenseits des Zumutbaren angesiedelt. Die so Gescholtenen ignorierten die Jugendlichen, einer torkelte in die Arme seines Mädchens, einer griff voller Inbrunst einem Freund zwischen die Beine, einer küsste ein Mädchen knurrend wie ein Bluthund in den Nacken. Sie blickten an den Jungen vorbei, an der ganzen Fraktion der Fertigen, als seien sie nicht anwesend. Keine Reaktion. Keine Antwort.

Da zog auch die freaky Fraktion wieder ab. Man sah sich ratlos in die Augen, schüttelte die Köpfe und verständigte sich mit der Gegenfraktion, den Echigen, dass die Neuen nicht ganz dicht seien. Vollkommen durchgeknallt. Pervers. Da meinte der Herr Pfarrer, dass es nun an der Zeit sei, einzuschreiten und ein Machtwort ganz im Sinne des Herrn zu sprechen. Er umklammerte sein Kruzifix, ging die Treppe seiner Kirche hinab und mit festen, zielstrebigen Schritten auf das Haus mit der Pöbelbande zu. Er hob seinen Blick kurz zum Himmel, um die Gnade des Allmächtigen auf sich und sein gutes Vorhaben herabzuflehen, dann stand er schon in dem kleinen Garten. Und hielt eine Strafpredigt. Der Zorn Gottes werde herniedersteigen und sie alle auffressen, wenn sie die Marienkapelle weiter entweihten und die Menschen des Dorfes ständig terrorisierten. Er redete sich in Wut, bekam rote Flecken in seinem Gesicht, während sich seine Faust zu göttlicher Gerichtsbarkeit zusammenballte. Hip Hop. Der dröhnende Bass. Keine Reaktion. Keine Antwort.

Da seufzte der Pfarrer, schüttelte sein Haupt und ging zurück in seine Kirche, die in den Basstönen zitterte. Draußen ging das Gelage weiter, die Schreie, das Kichern, das Saufen, gelallte Wortfetzen, aggressive Drohgesten, das Umhertorkeln. Bis lange nach Mitternacht. Auch die Kontaktaufnahmeversuche durch die Ärztin, den Apotheker, durch die kleine Loge der Intellektuellen, ja selbst durch die höchste Autorität des dörflichen Lebens, den Bürgermeister höchst persönlich, scheiterten.

Am nächsten Morgen standen die Bewohner des Dorfes staunend vor der alten, großen Fichte, die in der Nähe des Eingangs zur Kirche seit Jahrhunderten wuchs. Diese Fichte hatte viel gesehen, je vermutlich war sie sogar Zeuge der Bauernkriege gewesen. Aber das, was es heute hier gab, ein derartiges Event, hatte auch die alte Fichte noch nie erblickt. Die beiden Wagen der neuen Nachbarn hingen, Auspuff nach oben, Kühlerhaube nach unten, an einem dicken Strick auf den beiden dicksten Ästen des alten Baums. Baumelten leicht im warmen Wind. Das Volk staunte mit offenen Mündern. Da kamen die neuen Nachbarn aus ihrem Haus, gingen ausdruckslos, wortlos, emotionslos an ihren hängenden Autos vorbei und lagerten wieder bei der Marienkapelle. Keine Reaktion. Nur lallende Silbenfetzen zwischen rülpsenden Alkoholfahnen. Jetzt staunten die Einwohner des Dorfes noch mehr. Unfassbar waren ihnen diese Fremden.

Die Nacht senkte sich mit kühlender Luft herab, ein neuer Tag brach an. Die Veitnbäuerin, eine notorische Frühaufsteherin, erschrak: Sie war die erste, die am noch jungen Morgen neben den hängenden Autos einen der neuen Nachbarn an einem Strick baumeln sah. Tot, leblos, erkaltet, mit hervorquellenden Augen. Sie schrie auf, lange und heulend. Das Dorf lief zusammen: Bauern, Handwerker, Gewerbetreibende, die Echigen und die Fertigen. Auch die Ärztin, der Apotheker und die kleine Gilde der Intellektuellen. Plus Bürgermeister. Wie sie so den Erhängten anstarrten, polterten plötzlich laut johlend die neuen Nachbarn aus ihrem Haus, torkelten pfurzend und schmusend an den staunenden, starrenden Dorfbewohnern vorbei Richtung Marienkapelle. Keine Reaktion.

Es fing an, unheimlich zu werden. Wer hatte die beiden Autos aufgehängt? Wer den einen neuen Nachbarn? Angeblich niemand im Dorf. Ob die sich selbst aufhängten? Das alles war mehr als rätselhaft. Es war gruselig.

Am nächsten Tag hing der nächste neue Nachbar mit einem Strick am Baum, wieder am nächsten die erste Nachbarin und so hing jeden Tag einer oder eine mehr am Baum bis nur mehr der letzte der neuen Nachbarn am Leben war. Den schien das nicht zu stören. Die Leute versuchten mit ihm zu reden, wollten Aufklärung darüber, was hier eigentlich los sei. Doch der letzte neue Nachbar, ein dünner junger Bursche mit kurzem blondem Haar und grauen Augen, dessen rechter Arm über und über tätowiert war, blickte nur ins Leere, tanzte torkelnd zu seinem Hip Hop, der mit hämmernden Basstönen aus der Sound-Maschine drang und schwankte zur Marienkapelle, wo er sich stöhnend auf die Steinplatten davor legte. Die Leute sahen ihn an. Keine Reaktion. Keine Antwort.

Am nächsten Tag hing auch der letzte neue Nachbar an einem Ast der alten Fichte vor der Kirche. Das ganze Dorf hatte sich versammelt und starrte wortlos auf den heiligen Baum, an dem neben den beiden Wagen auch sämtliche neuen Nachbarn und Nachbarinnen hingen. Schweigen spannte einen Regenbogen über Kirche, Fichte und Volk. So standen sie alle zusammen und wussten nicht, was sie sagen, was sie denken sollten. Wenn es wirklich niemand im Dorf war (so genau wusste man das ja nicht), der den Henker gespielt hatte – hatten die sich selbst aufgeknüpft? Aber wer hatte den Letzten an den Ast gebunden? Hatte der sich vielleicht gar selbst aufgehängt? Da ertönten Sirenen, kurz danach bogen drei Funkstreifen mit Blaulicht auf den Platz vor der Kirche ein. Etliche Polizisten sprangen aus den Wagen und blickten entgeistert auf die alte Fichte und ihre seltsame, unheimliche Last. Die Beamten zückten Kugelschreiber und Notizblock und fingen an, die Dorfbewohner über das höchst eigenartige Geschehen zu befragen. Aber alle schwiegen wie ein Grab und je heftiger die Fragen der Polizisten auf sie niederprasselten, desto entschlossener schwiegen sie. Alle. Die Bauern, Handwerker, Gewerbetreibende, die Echigen und die Fertigen, ja selbst die paar Intellektuellen, die Ärztin, der Apotheker und der Pfarrer schwiegen. Sogar seine Exzellenz, der Bürgermeister hatte, wie meistens, nichts zu sagen. Keine Reaktion. Keine Antwort.

Weiter schmolz der Schnee von den Dächern der Häuser, gab Gehsteige, Wiesen und Wege frei, während die Bäume befreit ihre Äste in den warmen Frühlingswind streckten. Falken zogen unbeirrt ihre Kreise, stießen ab und zu herab, während schneefrische Gewässer, einen kühlen Luftzug verbreitend, von den Bergen in das Tal rauschten. Zum Krächzen der schwarzen Krähen gesellte sich der melodische Klang der kleinen Singvögel, die in den Ästen ihr neues Leben vorbereiteten. Die Menschen im Dorf gingen weiter ihren Geschäften nach, allmählich öffneten alle Touristenlokale ihre Pforten und in den Liegestühlen und auf den Balkonen genossen die Menschen ihre Mittagspausen und Sonntage. Die alte Fichte vor der Kirche wurde von ihrem makaberen Schmuck befreit, das Haus des Anstoßes wieder zum Verkauf ausgeschrieben und bald schon erinnerte nichts mehr an die neuen Nachbarn.

Und sollten je einer der Urlauber Gerüchte über das Vorgefallene gehört haben und interessiert bei seinen Gastgebern nachfragen, dann musste er zu seiner Verwunderung feststellen: Keine Reaktion. Keine Antwort.

Michael Benaglio
1952 in Wien geboren. Lebt in der Steiermark. Zahlreiche Literaturlesungen und Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, dramatische Umsetzung von Lyrik auf der Bühne (Bei der "Park Skurril"-Produktion, regionale 10). Limitierte Sonderauflage: Das Geheimnis der Uhudlerschamanen, edition loomhouse, Voitsberg 2009. Buch: Der Ritt auf der Katze. Phantastische Erzählungen. Verlag sonne&mond, Wien 2010. Mitbegründer und Leiter des Forum Club Literatur seit 2005, Mitglied bei den Steirischen Autoren und bei IG Autorinnen Autoren.

etcetera 43/ Feindbilder. Zwischen Barrikaden und Blockaden/ März 2011