43/ Essay: Die suizidale Literaturpolitik...: Amrit Mehta

Amrit Mehta
Die suizidale Literaturpolitik der Kulturzentren
deutschsprachiger Länder in Indien

Eine Einsicht in die verkehrte Wirkungsweise eines eigensinnigen Kartells: Kann die moderne deutschsprachige Literatur in Indien noch gerettet werden?

Die kulturellen Beziehungen zwischen Indien und Deutschland sind seit jeher vielgestaltig, gefällig und beständig gewesen. Während Goethe im 18. Jahrhundert die im 4. Jahrhundert in Indien auf Sanskrit verfasste klassische Sanskrit-Epik „Abhijanana Shakuntalam“, deren Schöpfer Kalidasa ist, und die Schönheit der Protagonistin sehr bewundert hatte, ist im 21. Jahrhundert die Zahl der in Deutschland die Indologie als eine Disziplin anbietenden Universitäten beträchtlich höher als selbst in Indien. Dafür ist die Zahl der Zweigstellen des Goethe-Instituts in Indien auch ziemlich hoch; das Institut hat auch einen indischen Namen in Kalidasas Land, nämlich Max Müller Bhavan – benannt nach dem bekannten deutschen Indologen Friedrich Max Müller. Seit Jahrzehnten ist das Max Müller Bhavan in Indien kulturell sehr aktiv gewesen, hauptsächlich mit einem riesigen Angebot an Opern, Konzerten, Filmen, Theaterstücken usw. Von Zeit zu Zeit werden auch Autoren aus deutschsprachigen Ländern nach Indien eingeladen, die ihr Werk vor einem deutschsprachigen Publikum auf Deutsch und einem Englisch sprechenden Publikum auf Englisch lesen. Ein fast identes Programm wird von den Kulturzentren der anderen deutschsprachigen Länder, nämlich von Pro Helvetia und dem Österreichischen Kulturforum, einer indischen Elite dargeboten.

Was man eigentlich als Vermittler der deutschen Kultur dem indischen Publikum - sogar ohne viel Aufwand - zur Verfügung stellen könnte, ist die Literatur. Aber merkwürdigerweise haben alle drei Kulturzentren nicht nur ihre Literatur vernachlässigt, sondern auch alles in ihrer Macht Stehende getan, das Lesepublikum Indiens von moderner deutschsprachiger Literatur fernzuhalten.

Die erste Zweigstelle Max Müller Bhavans wurde 1959 in Pune eröffnet. In den 50 Jahren seiner Existenz kann man die Leistungen des Instituts im Bereich Verbreitung moderner deutscher Literatur in Indien als jämmerlich bezeichnen; man hat entweder die Übersetzung der Werke seiner klassischen Autoren mittels einer Filtersprache, nämlich Englisch, gefördert oder die moderne Literatur von unqualifizierten Übersetzern fragwürdigen Leumunds übersetzen lassen, deren Kenntnisse der Ausgangs- bzw. der Zielsprache ungenügend sind. Auf die Dauer ist dieses Geschäft eine Günstlingswirtschaft geworden; und seitdem eine extrem unter der Norm geleistete Übersetzung von einem der Lieblingsübersetzer des Bhavans in einem wissenschaftlichen Artikel kritisch unter die Lupe genommen worden ist, scheut man sich vor der Förderung jedweder Literatur, die unerlässlich direkt aus dem Deutschen in eine indische Sprache übersetzt werden müsste. Die direkt aus der Ausgangssprache übersetzenden Outsider werden nicht nur entmutigt, sondern auch systematisch am Übersetzen gehindert. Zahlreiche dokumentarische Belege weisen darauf hin, dass eine Handvoll am Goethe Institut arbeitende Funktionäre gegen freischaffende Übersetzer auch fortwährend konspiriert haben, um damit die Interessen ihrer Favoriten in Indien zu bewahren.

Pro Helvetia ist in Indien seit 2006 und das Österreichische Kulturforum seit 2007 tätig. In den 4-5 Jahren ihrer Existenz haben die beiden Kulturzentren dem indischen Lesepublikum nicht einmal ein einziges Werk aus ihren Sprachen anpreisen können; auch ihre nach Indien reisenden Schriftsteller haben deren Werk vor einem gleichgültigen Publikum gelesen, d.h. diese Zentren haben bloß dem Beispiel des Goethe Instituts in Indien folgend, eigene Literatur stiefmütterlich behandelt, keine Initiative ergriffen, ihre moderne Literatur in indische Sprachen übersetzen zu lassen, und die freischaffenden Übersetzer eingeschüchtert. Es ist bemerkenswert, dass die Kulturräte dieser zwei deutschsprachigen Länder vor der Eröffnung ihrer Kulturzentren sich beachtenswerte Dienste beim Verbreiten der Literatur ihrer Länder erworben haben. Es ist ironisch, dass nun, da viel mehr Geld für eine verbindliche Aufgabe zur Verfügung gestellt worden ist, es an ein unwürdiges Zielpublikum verschwendet wird, das sich nicht einmal auf 1% der Bevölkerung in Indien beläuft.

Der Grund dieses suizidalen Verhaltens der mit den Staatsgeldern autorisierten deutschsprachigen Kulturdiplomaten im Bereich Förderung eigener Literatur hat tief schürfende Motive und Dimensionen.
Woran könnte es denn liegen, dass eine vor 50 Jahren in Indien eingerichtete renommierte Institution, deren einzige Aufgabe es ist, kulturelle Brücken zwischen den zwei Kulturländern zu bauen und vor allem eigene Kultur im Ausland vorwärts zu bringen, nicht nur ihrer verbindlichen Pflicht nicht nachgeht, sondern zielgerichtet gegen die Interessen seines Arbeitgebers bzw. seines Landes handelt?

Also liegt es an den Individuen, die für die Förderung der deutschen Kultur und Sprache nach Indien geschickt werden, und auch an den einheimischen Arbeitnehmern des Instituts, die seit Jahrzehnten in verschiedenen Max Müller Bhavans beträchtlich zu der Kontinuität einer bestimmten Geisteshaltung der Ankömmlinge beigetragen haben. Dieses Verhalten hat auf die Dauer zu einer Situation geführt, durch die die Ankömmlinge permanente Freundschaften geschlossen und durch diese permanenten Freunde immer neue Freunde gewonnen haben, die einen großen einflussreichen Kreis von Funktionären der Max Müller Bhavans (nachstehend als Bhavan erwähnt), indischen Schriftstellern und Germanisten und vor allem von deutschen Indologen bilden.

Eigentlich hat die Präsenz des heidelbergischen Südasien-Instituts in den Räumlichkeiten Max Müller Bhavans in New Delhi und die enge Zusammenarbeit dieses Instituts mit dem Bhavan der Literaturpolitik des Goethe Instituts in Indien die heutige Gestalt gegeben. So eine Kombination sollte in so vielen Jahren Wunder für die deutsche Literatur in Indien verrichtet haben, aber leider hat man für die moderne deutsche Literatur kaum etwas getan, und wenn überhaupt, dann mit verheerenden Folgen.

Es liegt grundsätzlich daran, dass die von Zeit zu Zeit in Indien verweilenden deutschen Indologen immer große Lust daran gehabt haben, selber Literatur aus manchen indischen Sprachen ins Deutsche zu übertragen, und dazu bräuchten sie jemanden aus Indien, der ihnen beim Übersetzen helfen könnte. Manche indische Schriftsteller waren gerne bereit, diese Lücke zu füllen; und um die Jahrhundertwende wimmelte das Max Müller Bhavan von indischen Schriftstellern aller Schattierungen, die inzwischen auch angefangen hatten mit der Unterstützung beider Institute deutschsprachige Literatur selber in indische Sprachen, hauptsächlich ins Hindi, Marathi und Malayalam zu übersetzen, ohne auch nur einmal Deutsch gelernt zu haben. Die befreundeten indischen Germanisten legitimierten diese semantisch und stilistisch inakzeptabel durchgeführten Übersetzungen, indem sie bei verschiedenen Konferenzen diese großherzig würdigten. Mit der Unterstützung  Max Müller Bhavans und berühmten indischen Schriftstellern wurden einige indische Germanisten plötzlich zu Übersetzungsexperten aller aus dem Deutschen ins Hindi übersetzten literarischen Werke, und einer von denen, Prof. Pramod Talgeri, deren Hindikenntnisse nicht der Rede wert sind, war kühn genug, ein sogenanntes „Center for Literary Translation“ zu gründen und jahrelang damit grosszutun, dass er von der indischen National Akademie der Literatur mit einem Projekt namens „Indien übersetzen“ beauftragt worden sei. Es sei ein Projekt, in dem Texte bedeutender deutscher Autoren, Indologen und Philosophen aus dem Deutschen in verschiedene indische Sprachen, aber zunächst ins Hindi und Marathi übersetzt werden sollten. Für 25 Texte wurden 12 Übersetzer ausgesiebt, - die meisten von ihnen mit gar keinen Deutschkenntnissen. Die Anthologie sollte am 15. August 1997 präsentiert werden; dieser Zeitpunkt war wichtig für die Fertigstellung des Projekts, weil der 15. August ein historischer Tag, nämlich der Nationalfeiertag Indiens ist, und 1997 Indien das fünfzigjährige Jubiliäum seiner Unabhängigkeit feiern sollte.

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Aber auch heute, 14 Jahren nach dem angeblichen Beginn des Projekts, frohlockt der „Herausgeber“ der Anthologie auf vielen Internetseiten darüber, dass er noch immer mit dem ihm von der National Akademie der Literatur anvertrauten Projekt beschäftigt ist. Das 50-jährige Jubiläum unseres Nationalfeiertags ist längst vorbei. Man hat im Namen interkulturellen Brückenbauens sein Vaterland und Deutschland auf den Leim geführt. Das Merkwürdigste daran ist, dass die National Akademie der Literatur mir vor einigen Monaten mitgeteilt hat, dass Talgeri und dessen Center for Literary Translation nie mit dem genannten Projekt beauftragt worden seien, die Akademie habe nie mit ihm oder seinem Center etwas zu tun gehabt, und vor allem, sie habe in den letzten 16 Jahren keinen Hindi-Band mit Übersetzungen deutscher Texte geplant.

Ein von Bhavan finanziell unterstütztes Unternehmen, nämlich ein Band mit dem Titel „Living Literature“, das die deutsche Botschaft in Indien gratis an verschiedene Germanisten und Bibliotheken geschickt hatte, ist ein treffendes Beispiel der Günstlingswirtschaft und Selbstbespiegelung des genannten Zweckverbands. Die Herausgeber des Bands sind ein indischer Schriftsteller namens Vishnu Khare, der viele Bücher aus dem Deutschen ins Hindi übersetzt hat, und Frau Barbara Lotz, die damalige Direktorin des Südasien–Instituts in New Delhi - der Band wurde im Jahr 1998 veröffentlicht. Das Vorwort hat Georg Lechner geschrieben, der zweimal, - einmal in den 60er-70er Jahren und einmal in den 90er Jahren als Direktor des Max Müller Bhavans in New Delhi tätig gewesen war. Er hat in seinem Vorwort Vishnu Khare und auch seine Übersetzung von Günter Grass‘ „Zunge zeigen“ in den Himmel gehoben. Dafür hat Khare dankend behauptet: “...Seit 1973 habe ich mit den Zweigstellen des Südasien-Instituts und Max Müller Bhavans enge zwanglose Beziehungen gehabt, und seit den letzten 25 Jahren kenne ich die meisten Direktoren beider Institute persönlich [...] Trotz meiner geringen Deutschkenntnisse kann ich mein Hobby, die deutsche Literatur ins Hindi zu übersetzen, nicht aufgeben. Jedes Mal, wenn ein deutscher Schriftsteller nach Indien kommt oder eine literarische Veranstaltung organisiert wird, werde ich von den beiden Instituten zum Übersetzen eingeladen.“

Irgendwann in diesen Jahren entschied sich das Max Müller Bhavan Khare nach München zu schicken, damit seine Behauptung, dass er deutsche Literatur direkt aus dem Deutschen übertrage, legitimiert wird. Und pronto wurde ihm ein Stipendium gewährt, und Khare – hatte jetzt die „Lizenz“ vom Goethe-Institut, die ihn zu einem offiziellen literarischen Übersetzer und Dolmetscher Max Müller Bhavans machte. Folglich hat er Günter Grass‘ „Zunge zeigen“ ins Hindi übersetzt, wurde vom Max Müller Bhavan und Südasien-Institut als erhabener Übersetzer gefeiert, bekam Einladungen nach Deutschland, hat hier auf Englisch Vorträge über Übersetzungsprobleme und Günter Grass gehalten.

Endlich erschien 1998 ein kritisches Essay über die Hindi-Übersetzung „Zunge zeigen“ in einem wissenschaftlichen Journal; derselbe Artikel erschien 2000 auf Englisch in einer Essaysammlung mit Essays zur Übersetzungswissenschaft, in der man die von dem Übersetzer begangenen unzähligen semantischen und sprachlichen Fehler erörtert hat. Jede Seite der Übersetzung ist voll Solözismen und groben semantischen Fehlern. In dem Essay schreibt der Rezensent: „Während der Lektüre des ganzen Buches bekommt man den Eindruck, dass der Übersetzer sich große Mühe gegeben hat, den Text für die Zielleser unlesbar zu machen. Die aus dem übersetzten Werk gegebenen Beispiele beweisen zweifellos die mangelhaften Kenntnisse der Ausgangssprache des Übersetzers. Obwohl dies nicht zu rechtfertigen ist, da man zumindest von einem Schriftsteller, der ein fremdsprachiges Werk in seine erste Muttersprache übersetzt, einen einwandfreien Zieltext erwarten kann. Die Tatsache, dass die deutschsprachigen Partner des Übersetzers, nämlich Lothar Lutze und Barbara Lotz u.a, Khares verschrobene Übersetzung gerühmt haben, bezeugt, dass die Hindikenntnisse der beiden ungenügend waren. Es ist ein Wunder, dass sie und ihre Kollegen jahrzehntelang ihre gewagten Geschäfte in Indien unbehindert betreiben konnten.“
Damit möchte ich nun auch weg vom Allgemeinen auf mich zu sprechen kommen, denn der Rezensent, der 1998 und 2000 die übersetzte Version Günter Grass‘ „Zunge zeigen“ rezensiert hat, war ich. […]
Der rezensierte Übersetzer und seine indischen und deutschen Förderer haben die Kritik als eine Herausforderung angenommen, aber da man zu seiner Entlastung nichts zu sagen hatte, ist man zur Offensive übergegangen, nicht direkt, sondern verschwörerisch.

Anlässlich der Deutschen Festspiele 2000-01 in Indien ersuchte mich der Beauftragte der Festspiele Georg Lechner um eine Gefälligkeit. Ich sollte ein Werk von Günter Grass ins Hindi zu übersetzen. Die staatliche Literaturakademie sollte das übersetzte Werk veröffentlichen, und darüber – im Januar 2001 – im Goethe-Institut,New Delhi – eine Werkstatt organisieren; ich lehnte das Angebot ab, da dieses unerwartete Angebot nach einer Verschwörung roch, und weigerte mich, an der Werkstatt teilzunehmen. Der Ton des Schreibens war bezaubernd, der Inhalt aber entzaubernd und konspirativ, weil die Werke, die in der Werkstatt übersetzt werden sollten, alle auf Englisch schon erhältlich waren; außerdem war es für die indischen Übersetzer obligatorisch, mit deutschen Muttersprachlern als Anhängsel zusammenzuarbeiten; der verschlagene Vorgesetzte des sogenannten Center for Literary Translations sollte der Berater der Werkstatt sein; zwei leitende Hindi und Marathi Übersetzer, deren Deutschkenntnisse höchst fraglich sind, sollten die übersetzten Texte kritisch bewerten, und eine große Zahl der Teilnehmer konnte nur eine der relevanten Sprachen ziemlich gut.

 Ich möchte hier die relevanten Teile meiner Antwort auf Georg Lechners Fax zitieren:
„Sie würden vielleicht meine Meinung akzeptieren, dass man am liebsten solche Autoren übersetzen mag, deren Werk im Englischen...nicht bereits vorhanden ist. Dadurch kann man den Lug und Trug im Bereich Übersetzung der fremdsprachigen Literatur in Indien abwenden. Man hat das indische Lesepublikum seit Jahrzehnten durch Übersetzungen schon vorhandener Übersetzungen beschwindelt – und zwar auf Kosten der deutschen Steuerzahler – und so etwas muss nicht weiter als gültig anerkannt werden. Ich möchte mit allem Nachdruck erklären, dass etliche Inder auch ohne Hilfe deutscher Muttersprachler in ihre Muttersprachen übersetzen können. Nötigenfalls könnte man, wenn es um kulturspezifische Fragen geht, sich immer mit irgendeinem deutschen Kollegen oder Experten in Verbindung setzen. Etliche der vorgeschlagenen deutschen Kollegen haben lange Zeit verhindert, dass die deutsche Literatur direkt aus der Ausgangssprache übersetzt wird, weil sie immer die Interessen ihrer Freunde – meistens einflussreicher indischer Autoren und Germanisten - gefördert haben, die wiederum ihre deutschen Freunde als hervorragende Hindiisten/ Sanskritisten/ Indologen/ Indienkenner bescheinigt haben.“

Georg Lechner habe meine „Offenheit und Ernsthaftigkeit“ sehr „geschätzt“ und hat den Wunsch geäußert, „dass daraus ein konstruktiver Dialog entstehen möge.“ Er hat davon gesprochen, „besonders wichtige anerkannte Autoren und Texte einer Literatur einem internationalen Leserpublikum in bestmöglichen fremdsprachigen Versionen zugänglich zu machen“ und darüber, dass er sich zu meinen Einschätzungen der deutschen Übersetzer und ihrer indischen Counterparts nicht äußern könnte, und dann hat er über den Wert des „goodwills“ der „über die Jahrzehnte bewährten Partner“ gesprochen. In einem zutiefst wohlwollenden Ton hat er am Ende seines Briefs geschrieben, dass er demnächst in Madras und Bombay sein werde und vielleicht sich zumindest ein längeres Telefonat zur Klärung weiterer Fragen einrichten lasse.

Danach ging alles sehr rasch. Man bestand darauf, dass ich Georg Lechner in Chennai treffe. […] Dieser hatte volles Verständnis für meine Einwände. Ich müsste das neueste Buch von Grass, nämlich „Mein Jahrhundert“, ins Hindi übersetzen, dessen englische Übersetzung noch nicht vorhanden war; keine einzige Person dürfte meine Übersetzung bewerten, alles dürfte nur in der Werkstatt diskutiert werden; und ich brauchte nicht mit einem Muttersprachler zusammenzuarbeiten; ich dürfte mit zwei von mir vorgeschlagenen Gelehrten, nämlich Friedemann Schlender, dem Leiter des Hindi-Diensts der Deutschen Welle, und Grass‘ Biograph Prof. Volker Neuhaus der Universität Köln über manche Fakten Konsultationen halten. Mir wurde zu diesem Zweck seitens Max Müller Bhavans ein Reise- und Aufenthaltsstipendium in Deutschland gewährt. Durch mehrere Gespräche und den Austausch der E-Mails mit Georg Lechner gelang ich zu dem Schluss, dass meine Bedenken nicht wohlbegründet wären. Da der Beauftragte der Deutschen Festspiele in Indien mich fast kniefällig gebeten hatte, Grass ins Hindi zu übersetzen, sollte ich jetzt keinen Grund zu zweifeln mehr haben.

Also, ich hatte eine Einladung und dringende Bitte vom Max Müller Bhavan bekommen, an einem bedeutenden, anlässlich eines historischen Termins, zwischen zwei großen Kulturen brückenbauenden Ereignis teilzunehmen; und auch unsere National Akademie der Literatur lud mich förmlich ein, an dem Übersetzertreffen teilzunehmen. Anfang Mai 2001 wollte der Sekretär der Akademie von mir das Manuskript der übersetzten Version haben, damit er es „andren Teilnehmern schicken könnte, so dass man gefasst auf die Diskussion zur Werkstatt kommen könnte.“ Im August wollte man das Manuskript schnellstens haben, damit man es „Herrn Lechner weiterleiten könnte. Es ist hier erwähnenswert, dass Lechner gar kein Hindi kann. Nach drei Monaten habe ich das Manuskript „Mein Jahrhundert“ an die Akademie geschickt. In 29 Tagen kam die folgende Antwort:

Dr. Lechner hatte vorgeschlagen, dass Ihr Manuskript an einen kompetenten Deutsch-Hindi-Gelehrten geschickt wird, der es rezensieren und dann sich entscheiden wird, ob Sie für die Teilnahme an der Werkstatt kompetent genug sind. Wir hatten ihr Manuskript einem Rezensenten geschickt, wir haben es schon zurückbekommen, und das Gutachten ist leider negativ. Wir sehen uns genötigt, Ihnen Ihr Manuskript zurückzuschicken. Es bedauert uns sehr, Ihnen mitzuteilen, dass Sie unter diesen Umständen an unserem Deutschübersetzertreffen nicht teilnehmen dürfen.

Der Brief wurde von dem Sekretär der Akademie, Satchidanandan, unterzeichnet, der selber ein Teilnehmer war, und der öfter deutsche Literatur angeblich direkt aus dem Deutschen ins Malayalam übersetzt habe, obwohl er kein Wort Deutsch kann. Allem Anschein nach wurde das Translat von derselben Person verworfen, deren Übersetzung von Grass’ „Zunge zeigen“ ich kritisch beurteilt hatte. Ich wurde daher von einer Werkstatt, zu der ich vom Goethe-Institut gegen meinen Willen ehrerbietig eingeladen worden war, die ursprünglich meine Translation im Mittelpunkt haben sollte, unverfroren hinausgeschmissen.

Nach 10 Jahren, d.h. jetzt, habe ich von unserer Literaturakademie unter den gesetzlichen Bedingungen des Informationsrechts die folgenden Informationen bekommen:
Das Ziel der genannten Werkstatt war, eine von renommierten indischen Dichtern zusammengestellte multilinguale Anthologie der „Gedichte“ von Günter Grass herauszubringen; und, aus den 23 Teilnehmern der Werkstatt hätten bloß neun ausreichende Kenntnisse beider Sprachen, nämlich Ausgangs- und Zielsprachen; und, die Bände sollten auf Bangla, Malayalam und Hindi erscheinen, aber erschienen ist nichts, und erscheinen wird auch nichts.

Die erhaltene Information bezeugt eindeutig, dass der ganze Prozess eine makellos verrichtete Kabale gewesen ist, weil die Grass-Anthologie von renommierten Dichtern übersetzt und zusammengestellt werden sollte, und ich kein renommierter Dichter bin, ebenso wenig ist Grass‘ „Mein Jahrhundert“ ein Gedichtband.

Wenn es darum geht, unerwünschte Personen unter allen Umständen fernzuhalten, haben die elitären Beamten der Kulturzentren der anderen zwei deutschsprachigen Länder auch an ihrem deutschen Mitstreiter ein Beispiel  genommen.

Im Folgenden benenne ich zwei Versuche, schweizerischer und österreichischer Literatur zu schaden:
Die erste Direktorin des Österreichischen Kulturforums in Indien hat mich im Jahr 2007 dringend darum gebeten, Barbara Frischmuths Roman „Die Schrift des Freundes“ ins Hindi zu übersetzen. Mitte 2008 war der Roman fertig übersetzt. Aber verblüffenderweise wurde die Veröffentlichung des Buches von der Direktorin unverfroren sabotiert […] außerdem wurden in den letzten fünf Jahren der Existenz Pro Helvetias in Indien nichts für die Veröffentlichung schweizerischer Literatur getan. Unlängst wurde mit einem Londoner Verlag ein Vertrag geschlossen, dass zwischen 2010 und 2012 8-10 Bücher schweizerischer literarischer Werke auf Englisch veröffentlichen werden. Es ist bemerkenswert, dass kein indischer Übersetzer bisher auch nur ein einziges literarisches Werk ins Englische übersetzt hat. Für wen diese Bücher gemeint sind, ist augenscheinlich nicht klar.
[…]
Die Funktionäre des Goethe-Instituts in Indien werben nur um eine Elite-Gruppe. Die Frage wäre, unter welchem indischen Lesepublikum man die deutschsprachige Literatur bekanntmachen wollte. Unter einer Elite, die Englisch spricht, die nach Wikipedia aus 23,8% der Bevölkerung besteht, aber nach dem Zensus von 1981 nur bei 0,3% der Menschen in Indien die erste Sprache war? Andererseits ist die Zahl der Hindisprecher in Indien über 600 Mio. Es ist die zweitmeist gesprochene Sprache in der Welt – nach Chinesisch - aber praktisch wird Hindi von einer größeren Anzahl Menschen gebraucht als Chinesisch. 68% der alphabetisierten Bevölkerung in Indien liest Hindi-Zeitungen, 43% der Leute schauen sich Hindi-Fernsehkanäle an, verglichen mit 11%, die sich englische Fernsehkanäle anschauen. Die Zahl der Inder, die sich englischsprachige Nachrichtenkanäle anschauen, beträgt bloß 0.4%.
[…]
Es ist empirisch anerkannt, dass die Goethe-Institute in anderen Ländern alles tun, den in ihre Muttersprachen übersetzenden literarischen Übersetzern bei ihrem Bemühen mit allen Mitteln zu helfen, aber bei Max Müller Bhavans ist es umgekehrt. Das Goethe-Institut braucht sich nur darum zu bemühen, dass das Max Müller Bhavan nicht bloß einen indischen Namen trägt, sondern auch ein Herz und Gewissen für Inder hat, nicht ausschließlich für die Englisch sprechenden, Whiskey und Wein trinkenden Inder, sondern auch für Millionen der schlichten Inder, die in ihrem Leben nie auch nur ein Max Müller Bhavan besuchen würden, aber sich ebenfalls für Deutschland und die deutsche Literatur interessieren. Und wie gesagt: in Indien, “wo das Goethe-Institut als leitendes Organ... Deutschlernen ermöglicht und fördert, bedarf gewisser Intervention.“ In den anderen zwei Kulturzentren deutschsprachiger Länder müssten auch durchgreifende Maßnahmen ergriffen werden.

Amrit Mehta
Geb. 1946 in Multan. Promovierter Germanist. Ehemaliger Abteilungsleiter, Center for Translation Studies, English & Foreign Languages University, Hyderabad. Drei Jahre Rundfunkjournalist beim Hindi-Dienst der Deutschen Welle. Chefredakteur der Literaturzeitschrift "Saar Sansaar", in der die direkt aus den Fremdsprachen ins Hindi übersetzen Literaturen veröffentlicht werden. Über 50 deutsche literarische Werke ins Hindi übersetzt. Zwei Bücher über Übersetzungswissenschaft veröffentlicht. Lebt in New Delhi.

etcetera 43/ Feindbilder. Zwischen Barrikaden und Blockaden/ März 2011