44/ Prosa: Mitten unter dir. Claudia Tondl

Mitten unter dir
Claudia Tondl

Ein Gefühl von Ohnmacht durchdringt meinen Körper. Ich zupfe in regelmäßigen Abständen an der Watte, die mir aus den Ohren quillt. So nach und nach. Das Dazwischen ist dumpf. Wird immer dumpfer. Nur ab und zu fährt mir ein stechender Schmerz zwischen die Augen, der mich erinnert. Ich bin da. Ich bin da irgendwie. Ich bin da irgendwie dazwischen. Und dazwischen ist ein Loch. Ein tiefer Graben. Niemandsland. Da sitze ich. Das ist meine Aufgabe. Muss es wohl sein, sonst wäre ich nicht da. Das denke ich mir. Oft. Denn meistens werde ich nicht wahrgenommen. Einfach abgetan. Was will sie? Was sagt sie? Nein, ich spreche diese Sprache nicht. Spreche sie nicht, diese Sprache. Diese fremde Sprache. Was will sie? Was sagt sie? Woher kommt sie? Was meint sie?

Ich höre zu. Höre so lange zu, bis sich ein frostwarmes Gefühl meine Eingeweide hochwindet. Unendliche Möglichkeiten drücken mir auf den Magen, schnüren mir die Kehle zu. Räuspern. Ich. Räuspern. Ich. Räuspern. In mir drinnen rattert und steckt es. Rattert und steckt es. Rattert und steckt es. Aus mir wirbelt es. Wort um Wort um Wort. Satz um Satz um Satz um Satz. Beginn. Nur Anfänge, sind bloß Anfänge und kein Ende in Sicht. Wo ist das Ende? Das Ende. Was will sie? Was sagt sie? Woher kommt sie? Was meint sie? Wohin starrt sie? Mit wem redet sie?

Meine Hände zittern. Wie ein Motor rotiert meine Gestik. Anlasser. Ich brauche Starthilfe. Ich kurble und kurble und kurble, bis meine Beine vom Boden abheben. Und meine Sätze mit mir. So fühlt es sich zumindest an. Nein, so wird es mir angefühlt. Was will sie? Was sagt sie? Woher kommt sie? Was meint sie? Wohin starrt sie? Mit wem redet sie? Wo will sie hin?

Fragende Blicke durchkreuzen den Raum. Kurz. Ganz kurz. Dann kippen viele hoffnungslose Gesichter nach vorne. Weg sind sie. Wo sie sind, weiß ich nicht, aber sie sind nicht mehr bei mir. Und das Schweigen wird zur Stille. Sprachlosigkeit macht sich breit. Greift nach mir. Schlingt sich um mich. Um meine Beine. Um meinen Hals. Um mein Herz. Raubt mir den Atem. Zuschnüren. Fester und fester. Was will sie? Was sagt sie? Woher kommt sie? Was meint sie? Wohin starrt sie? Mit wem redet sie? Wo will sie hin? Warum kann sie nicht sprechen?

Der Druckausgleich schlägt fehl. Der Motor stottert immer weiter. Gleich explodiert mein Kopf. Gleich. Gleich. Jetzt. Überall im Raum stehen zerborstene Gedanken. Splitter. Sie stehen da und lauschen. Steif. Angespannt. Sie wollen gehört werden. Das wollen sie. Und sie wollen neu zum Schwingen gebracht werden. Anstoß. Meine Wörter warten auf Reaktionen. Was meinst du? Ich sammle meine Wörter wieder ein. Was meinst du? Dabei begutachte ich jedes einzelne. Was meinst du? Vielleicht habe ich die falschen auf Reisen geschickt? Das passiert. Kann passieren. Manchmal. Oft. Meistens. Und ich habe Angst davor. Immer. Ich will dazugehören. Dabei sei. Mitreden. Das kann ich nicht. Werde ich nie können. Was meinst du?

Ich meine, es gibt da ein Gefühl. Sein. Ganz leicht. Fühlst du‘s? Es ist. Es ist da und ich gehe damit um. Muss. Ich muss mit diesem Gefühl umgehen. Fühlst du‘s? Fühl doch. Ich teile gerne eine Idee. Einen Gedanken. Meinen. Hör ihn dir an. Hör doch. Hör hin. Machst du aber nicht. Kannst du nicht? Stattdessen siehst du mich an. Und ich sehe an deinem Blick, wie deinen Gedanken vorbeiziehen. Einer nach dem anderen. Ich kenne diese Gedanken, habe sie schon oft gehört, kann sie aber selbst nicht denken. Fühlst du’s nicht? Fremde Gedanken.

Sieh mich nicht so an. Sieh mich nicht so an. So bin ich allein. Ich bin einsam, wenn du mich so ansiehst. Von dort drüben, von der anderen, Seite. Deiner. Du bist viele. Du umzingelst mich. Du bist mächtig. Du urteilst. Du brauchst mich. Daumen hoch. Daumen runter. Ich bin deine Sicherheit. Ich bin deine Integration. Ich bin deine Überlegenheit. Du oder ich. Fühlst du‘s? Fühlst du‘s? Wie fühlt sich das an? Fühl doch.

Ich bin allein. Du machst mich dazu. Weil du mich nicht verstehst. Mich nicht verstehen willst. Mir den Rücken zukehrst. Und ich? Ich kann nicht weg. Nicht vor mir selbst. Du gibst mir das Gefühl fremd zu sein. Dennoch bin ich da. Hier. Sag mir das. Sag mir, dass ich da bin. Zeig es mir. Denn ich weiß es nicht. Manchmal. Oft. Immer wieder. Dein Schweigen negiert mich. Sag zumindest, dass du mich nicht verstehst. Sag es. Sprich es aus. Aber schau mich nicht so an. Schau weg. Hör zu. Hör mir einmal zu. Ich klinge. Ich habe eine Stimme. Nein, nein, keine Angst. Meine Stimme tut dir nichts. Sie tut nichts. Lass sie schwingen. Spüre sie. Sie lässt deinen Körper vibrieren. Sie bewegt dich. Und dann sehe ich dich an. Du bewegst dich. Du bewegst dich zu meiner Stimme. Meine Stimme bewegt dich. Ich bewege dich. Wir tanzen.

Ich schließe meine Augen. Schließe meine Augen und rede. Rede, bis mir nichts mehr über die Lippen kommt. Stille. Doch dein Körper tanzt. Tanzt immer weiter. Berührt mich. Ich spüre mich.

Claudia Tondl
Geb.1980 in Wien. Arbeitet als freie Texterin und Autorin. Schreibt Dramatik und Prosa. Wurde mehrfach für ihre Stücke nominiert und ausgezeichnet. Erhält derzeit das Wiener Dramatikerstipendium. Publikationen u.a. im Wiener MONO Verlag und in „entwürfe“.