44/ Essay: Von der Kunst eines Kindes - Florian Mayer-König. Ingrid reichel

Ingrid Reichel
VON DER KUNST DES KINDES - Florian Mayer-König
EIN SCHRITT NACH DRÜBEN

 
   

Für das etcetera 44 zum Thema „drüben“ haben wir als Heftkünstler Florian Benedikt Mayer König gewählt. Florian wurde am 10.11.2004 in Graz geboren, als er zu zeichnen begann, war er gerade zweieinhalb Jahre alt. Gesammelte Werke von Florian erschienen in der Edition LOG International/ LOG Buch Nr. 31, herausgegeben von Lev Detela unter dem Titel „Florian Mayer König. Meine Bilder, meine Welt. Die Kunst eines Kindes.“ 2010 wurden seine Werke in Graz ausgestellt.

„Einmal ging er (Florian) wieder in venezianischer Tracht, seine Motive genießend, am Caffe Florian vorbei, als ihm eine junge, in der Fensternische sitzende Frau zuwinkte. Florian legte in Höhe der winkenden Hand seine Hand auf die Scheibe. Wie selbstverständlich legte auch die Frau ihre Hand auf dieselbe Stelle der Scheibeninnenseite. Beide Hände lagen aufeinander und waren im eigentlichen Sinne von nichts mehr getrennt.“ (Zitat: LOG Buch Nr. 31, S. 7 aus dem Beitrag von Rainer Zendron, Vizerektor der Uni für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz) Diese szenische Beschreibung erläutert eingehend die Problematik, worum es sich in diesem Essay handelt:
Oft ist es nur ein zerbrechliches Glas, was das Kind vom Erwachsenensein trennt. Kann ein Kind, ein Künstler sein? Was unterscheidet die Kunst des Kindes von der des Erwachsenen?

Es sei gleich vorweggenommen, dass es sich hierbei nicht um die Suche nach einer Antwort handelt, sondern um die Begründung der Frage an sich. Eine Frage nämlich, die Emotionen aufwühlt und bei den meisten Erwachsenen Ablehnung erzeugt, ja Empörung verursacht, darüber nachzudenken, ob es denn überhaupt möglich sei, dass ein Kind ein Künstler sein könnte. Wir leben in einem anthropozentrischen Weltbild. Der Mensch an sich definiert sich jedoch in der Rolle eines gesunden, erwachsenen Mannes, er ist es, der uns auf höchste Ebene bringt, Erfindungen realisiert, unsere Kultur entwickelt, unsere Genialität unter Beweis stellt. Kranke, Frauen oder Kinder werden erst in den letzten Jahrzehnten in diesem Zusammenhang erwähnt. Erst ein Umdenken seitens der Künstler, machte uns dieses Defizit bewusst.
Frauen hatten seit Beginn des letzten Jahrhunderts die Gelegenheit genutzt sich selbst soziologisch, kulturell und politisch zur Wehr zu setzen. Wie psychologisch labil das intellektuelle Verhältnisse zu Kranken und Kindern in unserer Gesellschaft ist, kann anhand der Kunstgeschichte verfolgt werden. Hierbei spielen der Primitivismus und die Art Brut eine wesentliche Rolle.

Den 1848 während der Februarrevolution in Paris geborenen Maler Paul Gauguin [1] kann man zu Recht durch seine familiären und politischen Umstände geprägten, katholisch und gutbürgerlich erzogenen, spät berufenen Künstler als Vater der künstlerischen Rebellion bezeichnen. Es waren die Reisen in die Karibik, die ihn zum Primitivismus in der Malerei führten. Ansätze, die sich nicht nur im Werk des Künstlers Pablo Picasso [2] niederschlugen, sondern auch bei Henri Matisse, André Derain und Maurice de Vlaminck, jedoch Picasso in seinem kompromisslosen Schaffen zum Hauptvertreter des modernen Primitivismus machten.

Hierbei sei besonders Picassos Psychologie zu beachten: sein Hang zum Aberglauben, seine übertriebene Todesangst, sein ausgeprägtes Konkurrenzdenken zu seinem Vater, welches die psychosexuelle Ebene erreichte, die es ihm ermöglichte sich der Unterscheidung zwischen „hoher“ und „niedriger“ Kunst entgegenzusetzen. In Picasso manifestierte sich die Kunst als Auflehnung gegen Tradition und Autorität und etablierte sich als antibürgerliche und gegenkulturelle Kraft. Waren die Anfänge der primitivistischen Kritik zunächst nur literarisch und philosophisch ausgerichtet, so definierte sich die malerische Kritik im Primitivismus des 20 Jahrhunderts, die sich zunächst nur auf Ideen und Symbole beschränkte, durch Picassos Revoltierlust völlig neu. Dabei geht es um den Übergang einer wahrnehmungsorientierten zu einer konzeptuellen Arbeitsweise, die sich 1907 durch Picassos Gemälde „Les Demoiselles d’Avignon“ offenbarte. Ein Werk, welches die Zerrissenheit, den geistigen und technischen Kampf eines Künstlers zur Schau stellt und den Einfluss seiner Zeit dokumentiert. Einerseits ist hier die primitivistische Darstellung der Figuren markant, andererseits die Auflösung der Zentralperspektive nach dem Vorbild Paul Cézannes „Badenden“ [3], die schließlich zum Kubismus führte. Picasso blieb nicht lange beim Kubismus und stellte sich neuen Zielen: Authentizität durch Selbstdarstellung, Spontaneität durch Schnellmalerei.

 
Bild: Florian Mayer-König  

Auch Jean Dubuffet [4] übte sich früh in der Kunst, brach jedoch im Bewusstsein der erstarrten „ismen“ in der Kunst sein Kunststudium nach einem halben Jahr ab.
Les beaux arts (die schönen Künste), wie sie an den diversen Schulen und Institutionen der Malerei sowie auf der Akademie gelehrt wurden, empfand er in ihrer fehlenden Originalität und Spontaneität als kraftlos und tot. Bereits 1922 begann er sich daher mit der Kunst von Kindern und Geisteskranken zu beschäftigen. Erst 1945 unternimmt er eine Reise in die Schweiz, wo er mehrere psychiatrische Anstalten besucht und Zeichnungen von Patienten unter dem Titel Art Brut (rohe, ursprüngliche Kunst) sammelt.
Seine Sammlung orientiert sich vornehmlich an autodidaktischen Werken gesellschaftlicher Außenseiter, wie psychisch Kranken, Gefängnisinsassen oder Einsamen, die aus Frankreich, Deutschland, der Schweiz und der USA kamen.
1949 fand in Paris die erste Ausstellung der Collection de l’Art Brut statt. Es war ein Feldzug gegen die offizielle Kultur, ein Kontrast zur akademischen Kunst. „Kunst richtet sich an den Geist, nicht an das Auge!“, meinte Dubuffet, es sei daher nicht die Aufgabe der Kunst nach dem perfekten Arrangement von Formen zu suchen, sondern verborgene Schichten des schöpferischen Menschen freizulegen.
Interessant hierbei ist, dass die Kunst von chronisch psychiatrisch Erkrankten und geistig Behinderten, wie man es am Beispiel vom Art Brut Center in Gugging in Niederösterreich seit 1981 erkennen kann, eine kunsthistorische Relevanz bekommen hat und sich im internationalen Kunstmarkt etablieren konnte, während die Kunst von Kindern nach wie vor unbedeutend geblieben ist und, im Sinne der ArtBrut noch zu Dubuffets Lebzeiten, sogar in Vergessenheit geraten ist.

Gerne kämpften und kämpfen nach wie vor anerkannte sowie unbekannte Künstler mit sich selbst, um diese unvoreingenommene kindliche Sichtweise zurück zu gewinnen.
Hier sei nur Franz Ringel als österreichischer Künstler erwähnt [5]. Die ursprüngliche Naivität nämlich, die die Brücke zwischen Rationalem und Irrationalem, zwischen Kunst und Natur, zwischen Abstraktion und Figuration für das Primitive, Banale und Unreflektierte ermöglicht, all das, was uns im erwachsenen Dasein durch vernunftdirigierten Umgang und brachiale Erziehung abhanden gekommen ist.

 
Florian Mayer-König: Der Tod im Flieger  

Es kann daher nur ein Kleinkind sein, welches noch einen unschuldigen Geschmacksmechanismus in sich trägt, das mit unbewusster Sicherheit so eine markante Strichführung wie der kleine Florian vorführt. Voraussetzung hierfür sind eine gute Beobachtungsgabe, die Fähigkeit zur Konzentration, aber vor allem das Aufbringen der nötigen Courage, die einem so ein leeres, weißes Blatt Papier zu bemalen abverlangt, die Auswahl der Farben und des Striches in einem verblüffenden Tempo zu treffen. Dabei greift das Kleinkind sehr wohl auf ein großes Wissen zurück. Am Beispiel der Zeichnungen über den Tod (S. 32 „Tod in der Arena“ S. 57 „Der Tod im Flieger“, S. 58 „Der Tod“) sieht man, dass Florian konkrete Vorstellungen über den Tod hat. Der Tod, an sich ein Abstraktum, wird auch von erwachsenen Künstlern symbolisch oft als Gerippe oder Sensenmann vermenschlicht dargestellt. Florian musste diese Symbolik oder ein Skelett eines Menschen zum Zeitpunkt der Entstehung der Zeichnung bereits gekannt haben und hat das Wahrgenommene gekonnt dargestellt. Der Tod ist kein freundlicher, er sieht grimmig aus und er trägt einen dunklen Hut, eine Melone am Schädel.

Leider sind die Werke nicht chronologisch sortiert und datiert, was eine genauere Analyse einer Werkbeschreibung und –entwicklung ermöglichen würde. „Die Schönheitswahl“ S. 67 wird vermutlich eines seiner ersten Zeichnungen sein, da die Figuren nur aus einem Kopf mit Beinen bestehen. Erfahrungsgemäß realisieren Kinder in ihren Zeichnungen erst etwas später den menschlichen Körper, unterteilen ihn dann in Kopf, Leib und Körperextremitäten. Der Ausflug in ein „Silberbergwerk bei Moos im Passeier“ (Südtirol) hingegen dürfte späteren Datums sein. Florian stellt die Landschaft sehr konkret dar: die Berge, die Häuser im Tal, das Nadelgehölz mit dem Erlebnisbergwerk und der Rutsche mit den Menschen. Die abgebildeten Werke von Florian sind vorwiegend mit Kugelschreiber, wenige Zeichnungen mit Bleistift oder Buntstiften angefertigt, daraus lässt sich schließen, dass Florian seine Zeichnungen unmittelbar noch unter dem Einfluss des Erlebten in der Region vollbrachte. Florian schildert uns spontan seine Erlebnisse bei den Ausflügen mit seinem Vater und dokumentiert uns somit seine Kindheit, offenbart uns seine Stimmungen.

Im Wesentlichen unterscheidet sich die Kunst des kleinen Florian von der des großen Picassos darin, dass ihm jegliche Wertung – Gut und Böse - und Interpretation fehlt. Ein Kind polemisiert nicht, sondern bleibt immer sachlich präzise, zeigt was es wahrnimmt, hinterfragt das Geschehene nicht. Hier gibt es keine schmerzhaften, verzerrten Darstellungen oder gar zur Übertreibung neigenden Grotesken.

Das Kind verfällt keinem Masochismus und spekuliert auch nicht in seiner bildnerischen Fähigkeit andere zu verletzen. Das Kind ist frei von all dieser adulten Häme und steht daher weit über der Kunst des Erwachsenen. Mit Spannung kann man daher die Entwicklung des kleinen Florian verfolgen. Die Szene im Caffe Florian am Markusplatz in Venedig ist einprägsam, es ist nur eine dünne, transparente Glasscheibe, die das Kind vom erwachsenen Sein trennt.

[1] Paul Gauguin: 1848-1903, Wegbereiter des Expressionismus.
[2] Pablo Picasso: 1881-1973, ist keiner Stilrichtung zuzuordnen.
[3] Paul Cézanne: 1839-1906, Auflösung der Zentralperspektive. „Les grandes baigneuses“ – „Die großen Badenden“, 1906
[4] Jean Dubuffet: 1901-1985, Collage- und Aktionskünstler. Hauptvertreter der Art Brut.
[5] Franz Ringel: Geboren 1940 in Graz

 

Katalog:
Meine Bilder meine Welt
Die Kunst eines Kindes
Florian Mayer König

Edition LOG International
Log Buch Nr. 31, 2010. 92 S.
ISBN 3-7900647-31-3

etcetera 44/ drüben/ Juni 2011