48 /Traum/ Prosa: Bekleidungsphobie. Margit Heumann

Margit Heumann
Bekleidungsphobie

Die Zellentür war noch nicht ganz ins Schloss gefallen, als ich mir Jacke, Hose, Hemd vom Leib riss, und so jedes weitere Kleidungsstück, eins nach dem anderen, bis ich splitternackt war und – obwohl eingesperrt – wie befreit. Tief atmete ich durch. Nach und nach begriff ich, dass ich genau deswegen hier war, wegen nackt, und während ich das Wort nackt dachte, das einen Zustand beschrieb, den ich kannte wie kein anderer, fiel mir ein, Wörter sind wie Menschen, sie haben Form und Umriss, Figur und Gestalt, sind schmal oder rundlich, behäbig oder verloren, aufgebauscht oder spärlich, Teile davon ragen scharfzackig in die Höhe oder reichen tiefgründig in den Untergrund. Über kein Wort habe ich so viel nachgedacht wie über nackt. Nackt klingt nach dem, was es ist: nackt. Hinter nackt kann sich keiner verstecken, auch nicht darunter, darin oder damit. Nackt ist ohne Hintergedanken, schließt jeden Hinterhalt aus, es bedeutet von nichts umgeben zu sein, nur nackt erlaubt den maximalen Kontakt zur Umgebung und damit zum All, zum Universum. Nackt ist jeglicher Bemäntelung entkleidet, entblößt, pure Reinheit also, nichts als die Wahrheit.

Mein Traum war, diese Wahrheit in Person zu sein. Wie zaghaft und dilettantisch war ich bisher mit Nacktheit umgegangen! Nackt unter der Dusche umrieselte mich Warmwasser wie eine zweite Haut, und gleich danach hüllte ich mich ins Badetuch, als wäre Luft schädlich oder gefährlich. Sommers schlief ich nackt, aber nie ohne Decke und sei sie noch so dünn. Wenn ich nackte Wahrheit durch wahre Nacktheit leben wollte, musste ich diese Abhängigkeit von Körperbedeckung loswerden, ein für allemal. Schluss mit halbherziger Nacktheit!

Doch die alten Gewohnheiten klebten wie Harz an mir, ließen sich nicht einfach über Bord werfen. Ich entschied mich für eine schrittweise Anpassung unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Jeden Tag ließ ich ein Kleidungsstück mehr weg, eins nach dem anderen. Je mehr ich mich frei machte, desto sorgfältiger zog ich die Vorhänge zu, bis ich mich endlich des letzten Stücks Stoff entledigte. Aber dann – was für ein Gefühl!

Meine gesamte Hautoberfläche kam in den Genuss der Luft, Körperstellen, die immer eingemummt waren, nippten von jedem Hauch, eingeklemmte Bereiche schwelgten im Luftzug der Bewegung, die Schweißdrüsen atmeten befreit auf, die Poren reinigten sich von selbst, meine Haut wurde gleichmäßig glatt, ja sogar mein Gang wurde leicht und tänzerisch. Es war die natürlichste Art des Daseins, eine wahre Befreiung. Knappe Hosen, einschnürende Unterwäsche, zugezogene Gürtel ertrug ich nicht mehr. Jede Art von beengender Kleidung verschwand auf Nimmerwiedersehen in den Untiefen meiner Schränke. Schon der Kaftan, den ich außer Haus trug, war ein ärgerlicher Kompromiss und verursachte mir Beklemmung.

Bald bewirkte meine ständige Nacktheit nicht nur prickelnde Sinnesreize sondern auch positiven Augenschein. Ich stattete meine Räume mit mannshohen Spiegeln aus und genoss den Anblick meines von luftiger Freimut geadelten Körpers. Ich bewunderte ihn bei Ballettschritten und Yogaübungen, beim Bodenturnen und beim autogenen Training. Das Muskelspiel faszinierte mich, die Elastizität von Sehnen und Bändern, Anspannung und Entspannung – ich war schön. Immer öfter vergaß ich das Zuziehen der Vorhänge, mein neues Körperbewusstsein ging mir in Fleisch und Blut über, was scherten mich die Nachbarn. Bald hielt ich mich selbstverständlich auch auf der Terrasse auf, sie war schließlich mein Terrain, und dieser frischluftumhüllte Freikörperzustand war ein neuer Höhepunkt. Mit Hingabe ließ ich jede Körperstelle vom Wind streicheln oder vom Sturm zausen, von der Sonne bescheinen und von Mond und Sternen auch.

Je länger ich dieses Nacktsein in meinen vier Wänden praktizierte, desto weniger genügte es mir. Ich träumte einen neuen Traum. Der Park lockte mich, noch mehr der Wald dahinter, wo ich einen Bach wusste, eine weite Lichtung und einen Hügel mit Blick auf die Berge. Die Natur nackt zu spüren, musste der Gipfel der Lust sein, Zehen in die Erde vergraben, längelang auf dem Waldboden liegen oder im Gras. Die Sehnsucht wurde übermächtig. Meinen ersten Ausflug machte ich in einer lauen Sommernacht. Bis zum Waldrand tarnte ich meine Nacktheit mit dem ungeliebten Kaftan, dann hängte ich ihn an einen Ast. Da stand ich nun in meiner ganzen Blöße, ging wie verzaubert zwischen den Bäumen, bot meinen Körper der würzigen Waldluft dar, umarmte die Stämme, wie unterschiedlich sich die Rinde auf Brust, Bauch, Schenkeln anfühlte, von glatt über kraus bis rissig und rau. Moospolster passten sich meinen Körperformen an und kitzelten mich wohlig mit haarigen Knospen, ich drehte mich vom Rücken auf die Seite auf den Bauch, um das Behagen auszukosten. Von da an war ich nicht mehr zu halten, bald gönnte ich mir das nackte Glück zu jeder Tages und Nachtzeit. Dass Spaziergänger erschrocken wegsahen, Liebespaare im Küssen innehielten und Mütter ihren Kindern die Augen zuhielten, registrierte ich nur am Rand. Was ging es mich an.

Sehr bald entdeckte ich, dass Laufen eine Steigerung der Naturerfahrung war. Der Fahrtwind, die durch eigene Muskelkraft produzierte Luftbewegung, war eine zusätzliche Körpersensation. Meine gesamte Hautoberfläche war so sensibilisiert, dass sie luftige Feinheiten registrierte, für die sie früher stumpf gewesen war. Ab sofort gehörte Nacktjoggen zu meinem persönlichen Fitnessprogramm.

An einem denkwürdigen Tag erlebte ich das Highlight eines krassen Wetterwechsels. Ich joggte wie immer meine Wald-Wiesen-Runde, nachdem ich meinen Kaftan an den Garderobenbaum gehängt hatte. In strahlendem Sonnenschein war ich losgelaufen, urplötzlich kamen Böen auf, eine packte mich von vorn und presste mir Sauerstoff in die Bronchien, dass mir der Atem stockte, eine andere erfasste mich wie ein Mini-Tornado und durchpustete die verstecktesten Körperwinkel, die nächsten schleuderten mich seitlich aus der Bahn oder schoben mich von hinten an. Mir war nach Jauchzen zumute über dieses Maximum an Luft, das meine Nacktheit beglückte. Als ich zu meinem Garderobenbaum zurückkam, waren schwarze Gewitterwolken aufgezogen und der Kaftan nicht mehr da, sicher hatte der Sturm ihn losgerissen und aufgebläht wie ein Ballon war er davongeflogen über alle Berge weit, ich gönnte es ihm. Damit ging mein geheimster Wunsch in Erfüllung, ganz ohne Kaftan auszukommen. Zum ersten Mal verließ ich nackt den Wald, trabte durch den Park, über die Hauptstraße, auf dem Gehsteig entlang bis zu meinem Haus ohne Aufsehen zu erregen. Wegen des drohenden Unwetters war kaum jemand unterwegs, und die Wenigen eilten geduckt mit eingezogenem Kopf einem schützenden Dach entgegen. Ich stieg die Treppe zu meiner Wohnung hoch, ein bisschen außer Atem aber tief befriedigt: Ich war die nackte Wahrheit in Person. Am nächsten Vormittag klingelte es. Nicht der Briefträger war es, nein, zwei Polizisten mit gezücktem Dienstausweis.

„Wo waren sie gestern Nachmittag?“

„Joggen, im Wald“, antwortete ich wahrheitsgemäß.

„Nicht im Park?“

„Doch, da auch, der liegt am Weg.“

„Und nackt, das werden sie nicht abstreiten wollen, so wie sie hier stehen.“ Beide sahen missbilligend an mir hinauf und hinunter.

„Im Park war ich nackt, weil der Sturm …“

„Sparen Sie sich Ihre Ausreden. Sie werden sich wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses verantworten müssen.“

Das war der Moment, wo ich die Welt nicht mehr verstand. Es konnte doch nicht sein, dass Nacktheit, diese finale Wahrheit, als Verbrechen galt. Das lief allen meinen Erkenntnissen zuwider. Ich widersetzte mich der Zwangsbekleidung, die mir für den Gang aufs Präsidium aufoktroyiert wurde und wehrte mich nach Kräften. Man steckte mich dennoch in Klamotten, mit denen ich längst abgeschlossen hatte. Der Nacktheitsentzug brachte mich noch mehr in Rage, ich war vollkommen außer mir. Polizeiliche Übermacht überwältigte mich, eine Psychologin wurde hinzugezogen. Sie bezeichnete meinen Gemütszustand nicht als Nacktsucht sondern als Bekleidungsphobie, ein interessantes Phänomen, Stiefkind der Wissenschaft. Sie bat mich, meine Beweggründe schriftlich darzulegen. Das habe ich hiermit getan, und wenn wir, wie ich hoffe, in einem freien Land leben mit dem Recht auf freie Wahl der Lebensform, wird mir meine Nacktheit selbstverständlich zugestanden, und ich kann die Zelle als freier Mann verlassen.

Margit Heumann
Geb. 1949 in Vorarlberg, verheiratet, zwei Töchter; lebte zeitweise in England und der Schweiz, lange in Deutschland, seit 2009 in Wien und Bayern. Einzelpublikation: Ein Hobby mit Konsequenzen, 2007, Tierbuch Verlag. Literarische Texte in Anthologien, Literaturzeitschriften, auf Hörbüchern und Internetportalen.

LitGes, etcetera Nr. 48/ Traum/ Mai 2012