Nikolaus Scheibner: Alles andere wäre eine Anmaßung. Gisela Linschinger

Nikolaus Scheibner
Alles andere wäre eine Anmaßung

 
Nikolaus Scheibner: Foto © Gisela Linschinger  

Nikolaus Scheibner ist Autor und Obmann des ZZOO Verein für Leguminosen & Literatur. Gisela Linschinger sprach mit ihm am 23. Oktober 2012 per Skype.

Seit zwölf Jahren verlegen Sie die Literaturzeitschrift Zeitzoo, vertreiben unter dem Label Audiobeans unerhörte Literatur und Musik und leiten auch noch seit 2010 eine evolutive Bibliothek, um den Niedergang der zeitgenössischen Literaturrezeption zu stoppen. Warum das alles?

Das frage ich mich auch jeden Tag. Das macht in 4321 Tagen ebenso viele Antworten.

Wie lautet die Antwort des Tages?

Weil einen das Trägheitsgesetz, das einen täglich lähmt und behindert, manchmal auch als Verbündeter auf dem richtigen Weg hält.

Und der richtige Weg ist für Sie die Literatur?

Die persönliche Freiheit, sich zu widersprechen und beim Wort zu nehmen.

Drückt sich die bei so vielen Vereins-, Bibliotheks- und Verlagszwängen noch aus? Kommen Sie selbst zum Schreiben?

Nein, aber es schreibt mich. Und so entstehen immer wieder Gedichte, Essays, fallweise auch Theaterstücke. Und die künstlerischen Ideen, die durch den Verein strömen, sind eher Ansporn als Behinderung sich schreiben zu lassen.

Welcher Stoff schreibt Sie denn gerade?

Im Moment ist es leider eine Tragödie. Aber ein geflügeltes Wort unseres Zeitzoo-Archivars lautet, man soll seine Tragödien nicht auch noch selbst inszenieren.

Dann bekomme ich also keine Antwort.

(lacht) Das ist so nicht ganz richtig. Keine befriedigende Antwort vielleicht. Dafür wollte ich auf die Frage zurück, warum das alles. Fritz Widhalm hat einmal gesagt, Kunst ist eine Haltung. Das fand ich sehr überzeugend. Somit ist es ein Leichtes, die eigene Kreativität zurückzustellen, wenn man das künstlerische Schaffen anderer transportiert, die auch ein Mehr an persönlicher Freiheit mit ihrer Kunst proklamieren und ebenso für einen sprechen, wie man für sie arbeitet. Es gibt auch ein Bild mit dem Titel „Haltung“ von Fritz Widhalm. Das habe ich speziell für unsere Bibliothek gekauft, um uns daran zu erinnern. Bisher hat es uns recht gute Dienste geleistet. So ist es im Zeitzoo nach wie vor Usus, dass sämtliche Beiträge mit der ungeteilten Zustimmung aller Redakteure erscheinen. Worauf wir uns nicht einigen können, das transportiert unser Flaggschiff eben nicht. Das gehört eben zur persönlichen Freiheit eines Kollektivs.

Können damit alle leben?

Nein, aber wir können damit leben. Auch mit den eher entbehrlichen Anfeindungen, die daraus resultieren.

Aber brauchen Sie diese Anfeindungen nicht gerade, um sich abzugrenzen?

Nein. (lacht) Grundsätzlich arbeiten wir gegen niemanden, sondern für alle. In erster Linie ist der Zeitzoo vielleicht die Redaktion. Aber in ebenso erster Linie ist der Zeitzoo die Summe seiner AutorInnen. Und in nicht zuletzt erster Linie ist die Zeitschrift die Summe ihrer Leserinnen. Somit arbeiten wir grundsätzlich für alle. Es gibt vielleicht Leute, die gegen uns arbeiten, aber da wir uns an derlei nicht beteiligen, ist das bestenfalls langweilig.

Einmal abgesehen von Ihrer Funktion als Obmann, kommen wir noch einmal zu Ihrem eigenen Schreiben. Wozu schreiben Sie?

Der Obmann arbeitet wie gesagt mit allen und für alle. Der Autor hingegen arbeitet nicht für alle. Als Autor schreibe ich ausschließlich für mich, für niemanden sonst. Und es ist doch wohl klar, dass ich auch mein treuester Leser bin. Niemand ist von meinen Texten bewegter als ich. Und niemand lernt mehr daraus. Muss man noch eine Metapher hinzufügen? Die anderen sind prinzipiell zu dumm für meine Texte. Ich selbst bin mir zwar auch zu dumm, aber ich kann mich auch nicht ignorieren, also schreibe ich für mich. Ich bin ja ständig da.

Sie schreiben also nur für Sie selbst?

Was heißt NUR für mich selbst? Bin ich niemand? Bin ich um irgendetwas weniger lesefähig als andere? Brauche ich um irgendetwas weniger einen Text, der zu mir spricht? Einen Text, der mir hilft, mich mit der Restunergründlichkeit meines Daseins auseinanderzusetzen? Und wenn ich sage, Kunst ist die persönliche Dimension von Politik, dann darf ich für niemanden anderen schreiben als für mich. Alles andere wäre eine Anmaßung.

Was meinen Sie mit der Verknüpfung von Kunst und Politik?

Jede Leserin, jeder Leser hat ebenso existentiell am Entstehungsprozess der Literatur teil wie deren Verfasser. Tatsächlich vollendet sich ein Text erst im Leser. Nur wenn ein poetischer Raum begangen wird, ist er mehr als ein paar schwarze Flecken auf Papier. Wenn man gerade einen subjektiv guten Text gelesen hat, sollte man sich in erster Linie selbst auf die Schulter klopfen. Stellen Sie sich zum Beispiel einen Spaziergang im Wald vor. Der Wald ist das Buch, und der Wald ist irgendwann gewachsen und dann ist er einfach da. Und wenn mich der Waldspaziergang auf einen eigenständigen Gedanken bringt, dann ist es Kunst. Habe ich bloß Pilze gepflückt und die Unterschenkel trainiert, ist es Handwerk.

Gab es in Ihrem Leben Momente, die Sie dazu getrieben haben, mit einer solchen Besessenheit zu arbeiten?

Erstens bin ich von nichts und niemand besessen, sondern es ist eher beschaulich und ruhig um mich bestellt. Aber ja, zweitens würde ich Leseerfahrungen nennen, Gedichte von Norbert C. Kaser und Ernst Jandl etwa, die auf mich überraschend, ja befreiend gewirkt und mich für Literatur quasi angefüttert haben. Der Diskurs mit dem städtischen Bibliothekar Albin Nagel, in meinem letzten Schuljahr, hat mir zahlreiche weniger bekannte, aber um nichts weniger interessante Autorinnen aufgezeigt. Und wenn man Texte mag, ist es nur eine logische Konsequenz, Texte, die man für wertvoll erachtet, zu publizieren. Wenn als Zeitschrift, warum nicht als Buch, warum nicht auch als CD, oder Theaterinszenierung, und warum nicht gleich eine ganze Bibliothek, wo alles vorhanden ist und sich weiter entwickeln kann?

Die Evolutionsbibliothek ist nicht nur, Verlagen sondern Künstlerinnen aller Art ein zweites Zuhause. Sehen Sie in dieser Offenheit auch eine soziale Funktion von Kunst?

Ja, der Scharfsinn dieser Frage freut mich sogar. Wenn Kunst eine persönliche Dimension von Politik ist, um ein weiteres Mal das Wort Politik zu verwenden, ohne mir den Mund mit Seife waschen zu müssen, dann sprechen wir von einer sozialen Funktion. Wenn deine Freiheit meine ist und nicht erkämpft, allenfalls verteidigt werden muss. Sämtliche Kulturvereine sind als die einzigen politischen Bewegungen zu betrachten, auch wenn sie das selbst nicht tun. Denn jene, die sich als politische Bewegungen betrachten, sind es keineswegs. Was sind Parteiungen? Zersplitterungen der Gemeinschaft. Teile und herrsche. Die spielen uns nur gegeneinander aus. Kulturvereine schaffen hingegen Gemeinsamkeiten. Das Ziel ist, dass man gemeinsam und nicht alleine erschrocken dasteht und sich nach Verstörung sehnt, den Spruch von Norbert Kaser im Gehirn: „Zurück geht’s nicht mehr, und vor dem Vorwärts graut uns.“

Was wären Ihre letzten Worte, bevor Sie aus einer Raumkapsel in der Stratosphäre zurück auf die Erde springen würden?

Mir schmeckt jeder Energydrink besser als Red Bull. Oder: Nicht schon wieder dieser Planet. Aber ich würde ja überhaupt die Frage lieber verweigern wollen.

Sie haben Sie aber schon beantwortet.

Ja, das ist mein Unglück.

 

Nikolaus Schreiber
Geb. 1976 in Wien, lebt als freischaffender Autor und Lektor in Wien; seit 2000 Obmann des ZZOO Verein für Leguminosen und Literatur, Mitherausgeber der Literaturzeitschrift Zeitzoo und Herausgeber des  Hörbuchlabels Audiobeans; seit 2002 Herausgeber der Reihe “Das Buch zum Buch” in Christa Stippingers Edition Exil; seit 2003 Mitglied der Grazer Autorinnen Autoren Versammlung, von 2006 bis 2009 zwei Amtsperioden Aufnahmejuror der GAV; Publikationen u.a.: “Auch eine Metamorphose? Basisdialoge.” Ritter Literatur Klagenfurt 2000, “Auf der Hand” Gedichte. Herbstpresse Wien 2006, “So viel Luft wie ich” Gedichte. Edition Das fröhliche Wohnzimmer Wien 2012; seit 2010 Betrieb der Evolutionsbibliothek im Kulturzentrum WERK, Neulerchenfelderstr. 6-8, 1160 Wien. Öffnungszeiten: Mo. Mi. So. 14-21h; weitere Infos siehe www.zeitzoo.at

Gisela Linschinger
Geb. 1983 in Gmunden, Maître de langue étrangère an der Université de Poitiers, studierte Internationale Entwicklung und Linguistik in Wien und absolvierte den Lehrgang "Angewandte Fotografie" an der FH St. Pölten. Im Herbst 2009 reüssierte sie in Scheibners Theaterstück „Vorspruch“ am Ragnarhof in Wien und führt heute ein bewegtes Leben in Frankreich.

 

LitGes, etcetera Nr 50/ Wozu Literatur?/ November 2012