50/Wozu Literatur?/Prosa: Schreibklasse. Eberhard Mayr

Eberhard Mayr
Schreibklasse

Da saß ich nun! Ich hatte mir selbst die Klasse und den Lehrer ausgesucht. War glücklich gewesen, bei so einer Berühmtheit, der Koryphäe des Dramas, dem Giganten des Romans, noch einen Platz zu ergattern. Mein Freundeskreis beneidete mich. Ein wenig von seinem literarischen Glanz war auf mich gefallen. Nun war die erste Stunde angebrochen, sogleich folgte die erste Übung, und ich war verloren! Ich wusste nicht, wie ich die auferlegte Pflicht meistern konnte. Lächelnd stellte sich die Literaturgröße seinen Schülern vor. Sogleich forderte er eine halbstündige Aufgabe, etwas zu schreiben, egal was. Die Kapazität der Literatur, mein »Meister«, wollte Begabung und Spontanität seiner Eleven erproben. Keines Gedankens fähig, war ich implodiert, inhaltslos, wie ausgepresst. Der karierte Schreibblock, der die Abflüsse meiner Kreativität aufnehmen sollte, wirkte unüberwindlich, als Hürde, abweisend, zugleich doppeldeutig hinterhältig. Ich spürte Hitze, die in mir aufkeimte, und Schweiß auf der Stirn. Hilflos hockte ich in der ersten Reihe, geistig versteinert.

Da fiel mein Blick auf einen Bleistift, den ich - zur Sicherheit und allen Widrigkeiten zum Trotz - mitgenommen hatte, für den Fall, dass Kugelschreiber samt Füllfeder versagen sollten. Gelb lackiert und unschuldig lag er vor mir. In meiner Verzweiflung nahm ich ihn auf, ließ ihn durch die Finger gleiten, spielte damit. Hell glänzte seine Oberfläche, wodurch mit jeder Drehung an der Längskante ein heller Streifen aufleuchtete. War es ein dunkler Fleck? Möglicherweise wirkte irgendwo im Hintergrund ein Gebilde, welches halb unbewusst in mir die Assoziation hervorrief, dass ein schwarzer Käfer über den Bleistift kröche.

Waagrecht hielt ich den Graphitstift hoch. Mit jedem leichten Schwanken leuchtete die Kante auf, krabbelte der Käfer zeitlupengleich vorüber, hob abwechselnd die Beine, bewegte die Fühler. Blauschwarz glänzend kroch er die Gerade entlang. Wie unter einer Lupe konnte ich jede Ziselierung, jede Borste erkennen. Sogar die runden Öffnungen der Tracheen an den Seiten, durch die er atmete, nahm ich wahr. Das Schillern der Facettenaugen, regenbogenartige Reflexe, verschmolzen mit dem Riffelwerk der Flügeldeckel. Seine Panzerung, ein Schutzwall gegen die Welt. Nichts konnte in sein Inneres eindringen. Offenbar kannte er nur einen Gedanken, nur eine Bewegung! Das zögernde und zugleich stetige Vorwärtsgleiten auf dem Steg, der ein Bleistift war und zugleich sein einziger Kosmos. Mir kam der Gedanke, ich selber wäre nur Illusion. Zugleich erwärmte mich die Erinnerung an eine indische Erzählung, die eines Gottes, der die Welt erträumt – oder selbst träumt, dass jemand von einem Gott träumt, der träumt ...

Schmerzhaft reißt es mich zurück, geistig zwar, aber wie durch einen Nadelstich. Verdammt, ich sitze ja in einem Klassenzimmer bei dieser verfluchten Übung!

Verstohlen luge ich zu meinem Nachbarn hin, der wie besessen schreibt und schon ein, zwei, drei – nein! – fünf Seiten mit seiner Handschrift bedeckt hat, während mein eigener Schreibblock nur Eselsohren zeigt. Trostlos, öde, hoffnungslos. Unverändert die fiebrige Leere im Hirn.

Der Teufel soll jene Stunde holen, in der ich beschloss, diesen Kurs zu besuchen! Verflogen ist die Freude, die aufputschende Erwartung über die Möglichkeiten, die sich mir scheinbar erschlossen. Nun verdammte ich meinen Ehrgeiz. Schreiben hätte ich in Muße auch alleine woanders gekonnt.

Den Blick vom Blattrand hebend, erspähte ich wieder den Bleistift in meiner Hand, unterhalb unerträgliche Leere, manifestiert als Papier, welches durch den Schweiß meiner Hände rau und knittrig wurde. Ich setzte einen hilflosen Kringel auf das Blatt. Dennoch wurde es von entsetzlicher Nacktheit erfüllt. Währenddessen kroch der imaginäre Käfer weiterhin unaufhaltsam den Bleistift entlang, der nicht enden wollte, dessen Weg von einer Unendlichkeit in eine andere Dimension reichte. Ich konnte gleichsam das Schaben seiner Bauchsegmente auf dem Holzstift hören. Zugleich bewunderte ich die flache Linie, die seine Flügeldeckel mit dem Nacken bildeten. Der gebeugte Kopf stemmte sich dem Unbekannten, dem Kommenden entgegen – bei seinem Streben durch Traum und trügerische Welten. Sachte bewegte er die segmentierten Fühler. Sein stetiges Vorwärtsgleiten und Kriechen nahm kein Ende.

Unwillkürlich blickte ich auf und sah direkt in die Pupillen des Lehrers. Der Ausdruck im Gesicht meines »Meisters« hatte etwas Grüblerisches, irgendwie Verwundertes angenommen. Wie lange beobachtete er mich schon? Ob auch er den Käfer sah, hier auf dem Bleistift, den ich noch immer waagrecht vor der Nase in Augenhöhe hielt?

Jählings wandte er sich ab und ging im Freiraum vor den Tischen auf und ab. Irgendwie hatte seine Silhouette etwas Gemütliches an sich. Was soll’s! Er war auch nur ein Mensch, der gleichfalls Probleme, Wünsche und Sehnsüchte hatte. Ich war nicht das einzige Individuum, von Ängsten gequält.

Die Emsigkeit um mich, mit der sich die anderen Schüler ihrer Arbeit hingaben, erfüllte mich mit Bangigkeit.

Verdammt, was sollte ich nur schreiben? Unentwegt kroch der Käfer durch die Ewigkeit. Besser als nichts! Meine Hand versuchte, das Papier glattzustreichen. Aber die Eselsohren ragten sogleich wieder hoch. Eilig kratzte mein Griffel über die verschmierte Oberfläche. Teilweise verstümmelte Worte, kaum lesbar, wegen der aufgeregt zittrigen Finger. Auch gut, so waren wenigstens die Rechtschreibfehler nicht klar zu erkennen. Instinktiv, ohne überlegtes Handeln, kullerten Satzfetzen aus dem Irrgarten kärglicher Ganglien. Verkettete Buchstaben bildeten die Mär von einem Käfer, der über einen Bleistift und zugleich durch die Unendlichkeit kroch ...

Und über dem grauen Horizont aus Trübsal drang die Erkenntnis in mein Bewusstsein, dass man der Dummheit nur mit Dummheit begegnen muss! Und sei es literarisch.

Eberhard Mayr
Geb. 1946 in Bozen, lebt in Wien. Österreichischer Staatsbürger. Arbeitete jahrelang im IT-Bereich eines Großrechenzentrums (Operator, Programmierer, Analytiker, Abteilungsleiter). Nun Pensionist. Schreibt Erzählungen, Romane, Hörspiele, Theaterstücke, Satiren und Essays. Es liegen nur vereinzelte Veröffentlichungen in (Literatur-) Zeitschriften und Anthologien vor.

LitGes, etcetera Nr 50/ Wozu Literatur?/ November 2012