Johannes Wilhelm: Retrospektive Fukushima. Marie-Therese Goiser
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Johannes Wilhelm © Johannes Wilhelm |
Johannes Wilhelm
Retrospektive Fukushima
Literatur, Journalismus und Kommunikation in der Krise
Im Gespräch mit Dr. Johannes Wilhelm über die Auswirkungen der Fukushima-Katastrophe vom 11. März 2011 auf Literatur, Journalismus, Erinnerung und Kommunikation Marie-Therese Goiser.
Am 11. März 2011 wurde das AKW Fukushima Daiichi durch ein schweres Erdbeben und einen Tsunami zerstört. Eine Katastrophe, die eine Kernschmelze und das austreten radioaktiven Materials sowie eine großflächige Zerstörung zur Folge hatte. Die Literatur wurde von diesem tragischen Ereignis gleichermaßen erschüttert. Nach der Tsunami-Welle überrannten zahlreiche Berichte das Land. In kurzer Zeit entstand ein reger literarischer Informations- und Erfahrungsaustausch.
Dr. Wilhelm, Sie haben die Ereignisse in Japan zu dieser Zeit beobachtet und im Internet und in Vorträgen kommentiert. Was können Sie uns zu dieser Entwicklung erzählen?
Die Katastrophe war stark vom Informationsaustausch im Internet geprägt. Es war eine Zeit, in der innerhalb eines halben Jahres, das Twittern in Japan sehr „in“ geworden ist. Sodass die Leute einerseits, wo sie konnten, versuchten Nachrichten zu senden, obwohl die Stromversorgung teilweise bis Juni gestoppt war, und andererseits gab es die Möglichkeit durch sumahos (“Smartphones”) oder Handys zu twittern. Dabei handelte es sich um ganz verschiedene Leute, vor allem Politiker, aber auch Leute, die vor Ort waren wie Journalisten, Teiljournalisten, die auch nachher bei Pressekonferenzen teilnahmen wie z.B. von TEPCO. Twitter wurde aber besonders unmittelbar nach der Katastrophe benutzt, um Hilfe zu rufen. Das Internet lieferte aber auch andere Möglichkeiten sich auszudrücken.
Können Sie Beispiele für die unterschiedliche Nutzungdes Internets nennen?
Ein bekanntes Beispiel ist der Bürgermeister Sakurai aus Minamisoya, der einen Aufruf auf YouTube stellte, weil ihn die Medien nicht gehört hatten. Das lag möglicherweise nicht an den Medien, sondern an der Lage, weil die Pressekonferenzen nur in Tôkyô stattfanden. Journalisten durften das Gebiet um das AKW nicht betreten und Minamisoya lag genau dort. Es gab auch einen Fotographen in Japan, der sehr oft in Tschernobyl fotografiert hatte, Hirokawa Kôichi. Er schaltete sich über seine Zeitschrift “Days Japan” ein. Diese Zeitschrift hatte zum ersten Jahrestag 2012 eine Liste von Twitter und anderen Informationsquellen von den ersten drei oder vier Tagen nach der Katastrophe zusammengestellt.
Ein Bekannter, Akao Mitsuharu, begann Aphorismen zu schreiben und per Twitter zu verbreiten. Über einige Zeit entstanden drei umfangreiche Sammlungen, die bei togetter zusammengefasst wurden.
Wie wichtig war der Bevölkerung die politische Message in den Twitternachrichten oder in der Presse?
Eine politische Message gab es kaum. Ein mir bekannter Journalist in Sendai ist Chef einer großen regionalen Fernsehanstalt. Er hat mir erzählt, dass das Berichten sehr schwer war. Aus zwei Gründen: In den ersten Tagen kamen 1.200 Journalisten aus ganz Japan nach Sendai, um von der Katastrophe berichten zu können. In der nächstliegenden Millionenstadt Sendai, wo die Journalisten zusammenkamen, gab es zu dieser Zeit weder Strom noch Gas. In der Fernsehstation war ein Dieselgenerator, aber kein Diesel vorhanden. Später bekam man Diesel von den Selbstverteidigungsstreitkräften, aber die Leute standen an den Tankstellen, weil sie Benzin brauchten und es in Japan kaum Privatautos mit Dieselantrieb gibt. Ein Weißkohlkopf kostete normalerweise in Sendai max. 200 Yen, unter den Umständen dazumal jedoch 500 bis 600 Yen. Da man nun aber 1.200 Journalisten zu verpflegen hatte, und alle Hotels geschlossen waren, stellte das die Leute in der Zentrale der Regionalrundfunkanstalt vor riesige, logistische Probleme. Vor allem aber nutzten die Journalisten aus der betroffenen Region, Sendai als erste Anlaufstelle. Die meisten sind nach ein paar Wochen oder Monaten weiter- oder weggezogen.
Wie konnte dann überhaupt Journalismus in dem von der Katastrophe betroffenen Gegend betrieben werden?
Die Selbstverteidigungsstreitkräfte haben zwar schon sehr früh Wege freigemacht, aber man war vorerst auf dieses Basislager angewiesen. Die Anlaufstellen für freiwillige Helfer und Journalisten waren neben Sendai noch Tome, nördlich von Ishinomaki, oder Tôno weiter im Norden. Unmittelbar nach der Katastrophe flohen viele ausländische Medien wegen der Strahlenangst nach Kansai (Osaka, Kyoto). Entsprechend waren diese Leute auch auf die Nuklearkatastrophe fixiert, was wohl auch ein Grund dafür ist, dass die Katastrophe in Europa bis heute als Nuklearkatastrophe wahrgenommen wird. Nur wenige, wie zum Beispiel Ariane Reimer, versuchten von den Blick auf die vom Tsunami zerstörten Gebiete zu lenken. Für ihre eindringlichen Berichte aus dem Norden Japans erhielt sie 2011 den Förderpreis im Rahmen der Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises für Fernsehjournalismus. In den japanischen Medien wiederum wurden Bilder von Zivilisten zur Wahrung ihrer Privatsphäre nach und nach retuschiert, damit man die Gesichter der Betroffenen nicht erkennen konnte. Auch das oft durch die Medien vermittelte Bild der stoischen Japaner, die brav anstanden und ihr Schicksal hinnahmen, stimmt so nicht. Bekannt ist der Fall einer Tochter eines Juwelierhändlers, die gerade ihre Verlobung feierte und deswegen teure Ringe trug. Als man ihre Leiche fand, fehlten ihr die Finger... Es gab wohl auch regelrecht geplante Diebeszüge, gerade im Hafenbereich von Sendai, wo bereits in der Nacht des 11. März 2011 Leute mit Lastwägen nachts an den Hafen fuhren, um dann mit Gummiboten die ganzenzweiten Stöcke der Kaufhäuser abzugrasen. Darüber wurde aber Stillschweigen unter den Journalisten ausgemacht, um mögliche Massaker oder Aufstände zu vermeiden, wie mir ein Gewährsmann berichtete. Aber als ich Japan im Juli 2011 besuchte, wurden die Leute nach ein paar Bier lockerer und erzählten von ihren unmittelbaren Erlebnissen, z.B. in einem Hochhaus in Sendai oder mitten in den Wellen auf einem Dach an der Küste. Im September 2012 in den Notunterkünften waren die persönlichen Erfahrungen und Eindrücke noch immer Hauptgesprächsthema beim morgendlichen Tee. Doch die Geschichten hatten sich mittlerweile zu überpersönlichen Geschichten entwickelt. Die Erfahrungen sind sicherlich vorerst körperlich, dann drücken sie auf die Seele. Man beginnt sie zu interpretieren, einzuordnen. Dann geschehen eben solche Dinge wie, einerseits Vorfälle zu vergessen, also Amnesie, und andererseits Übertragungen von Erzähltem. Wobei hier auch interessant ist, wie man sein Wissen teilt, als Mitglied einer Familie, einer Gruppe von Schülern, einer Wohngruppe oder einer Gemeindeunterkunft, oder über Medien, Zeitungen und Internet.
Welche Literatur über die Katastrophe wird von der japanischen Bevölkerung bevorzugt? Seit der Katastrophe sind fiktive, non-fiktive, prosaische Texte usw. entstanden.
Ich denke, das kommt ganz auf die Zeit an. Unmittelbar nach der Katastrophe waren es Bildbände. Es waren in erster Linie Bilder von den größeren Zeitungsfirmen, weil die auch die Kapazitäten hatten, so etwas zu drucken. Nach und nach konnten dann auch kleinere Verlage in der Katastrophenregion Bildbände verfassen. Dann entstanden viele Gedichtbände über die Fukushima-Katastrophe und auch über die Tsunamikatastrophe selbst. Juli und August 2011 gab es in jeder Buchhandlung eine Ecke mit Literatur zur Katastrophe, wo in erster Linie Fotobände verkauft wurden, aber auch Atlanten von dem Katastrophengebiet. Im September 2012 dieses Jahres war ich dann wieder in diesen Buchhandlungen in Sendai und da fehlte diese Literatur. Möglicherweise hätte man noch etwas in größeren Buchhandlungen gefunden, aber in kleineren wurden nur noch lokale Bücher verkauft, die nur die Umgebung betrafen. Z.B.: “Unsere sechs Wandzeitungen” von der Zeit unmittelbar nach der Katastrophe, die ediert und kommentiert vorlagen. Übrigens waren gerade diese Wandzeitungen, die vor Ort, wo Strom und teils auch Funknetze ausgefallen waren, die wichtigsten Medien im Katastrophengebiet, nicht aber unbedingt das Internet, wie oft angenommen wird.
Die Entstehung von fiktiven Geschichten war zeitlich viel später und wurde stark kritisiert. Wie lässt sich das erklären?
Einerseits geht es hier sicherlich darum, wie man mit Erinnerung umgeht, und das ist immer ein Problem beim Geschichtenerzählen. In Japan kommt gerade der Film The land of hope, im Original kibô no kuni, in die Kinos. Es handelt sich hierbei um einen halbfiktiven Film über eine Familie, die an der Grenze zum abgesperrten Gebiet lebt. Deren kleines Feld wurde dabei in ein radioaktiv verstrahlten und einen nicht-verstrahlten Bereich aufgeteilt, d.h. die Grenze verlief mittendrin. Der Film handelt von der Katastrophe und dem Leben der Familie, schlussendlich nimmt sich die Familie das Leben. Wohlgemerkt: Die reale Familie hat sich natürlich nicht wirklich umgebracht. Der Film wurde den Menschen, mit denen gearbeitet wurde, vor der Veröffentlichung gezeigt. Ich denke auch, dass in den nächsten Jahren diese Themen Akzeptanz finden werden, aber es gibt Zeiten, in denen bestimmte Geschichten erzählt werden können und es gibt aber auch Zeiten, in denen Geschichten wieder vergessen werden, oder sich auch als falsch herausstellen.
Es gab zum Beispiel auch einen Bericht über ein geheimes Atomwaffenlager unterhalb des AKWs Fukushima I. Die Geschichte wurde dann von einigen Verschwörungstheoretikern aufgegriffen, es kam zur Involvierung Chinas etc. Es bleibt die Frage, was wir als gegeben hinnehmen und was nicht. Zumindest kann man das Selbst-Gesehene als gegeben hinnehmen, weniger das Gehörte und Gelesene, und noch weniger vielleicht die eigene Vorstellung.
Interessant fand ich auch das Erlebnis eines Mitglieds der Hilfsgruppe Kayûshientai. Als am 11. März 2011 die Lichter ausgingen, verfiel ein Teil Japans in Dunkelheit. Einer der Mithelfer hatte gemeint, dass der Himmel in der Nacht sehr schön war. Weil die Stadt plötzlich so düster war und er noch nie zuvor in seinem Leben so viel Sterne gesehen hatte. Und dann erschien der Mond, auch er war sehr schön. Ein beeindruckendes Beispiel, wie Erinnerung sein kann.
Johannes H. Wilhelm
Geb. 1970 in Tôkyô. Dr. Wilhelm ist gegenwärtig als Lektor im Institut für Ostasienwissenshaften der Universität Wien tätig. Bereits lange vor der Katastrophe beschäftigte er sich mit der pazifischen Küstenbevölkerung, über die er auch seine Dissertation verfasst hat. Durch Recherchen und Besuche des Katastrophengebietes hat er sich ein großes Wissen über die Katastrophe angeeignet.
Zur Info: In drei Vitrinen und anhand von aufgehängten Bildern und Fotografien werden an der Japanologie der Universität Wien bis Anfang April 2013 Aspekte der Katastrophe ausgestellt. Durch die aufbereitete Literatur, Fotografien und Alltagsgegenständen kann man sich dort der Thematik nähern. Ab März soll auch eine kleine Ausstellung in der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) in Wien gezeigt werden. Die Fotografien wurden mit freundlicher Genehmigung zum Abdruck von Dr. Johannes Wilhelm zur Verfügung gestellt. Weitere Fotografien von ihm finden sich unter: http://picasaweb.google. com/hiraganaboy/
LitGes, etcetera 51/viel-leicht/ März 2013
