56/wunder/Prosa: Dirk Alt: Märchen aus dem Orient
Dirk Alt
Märchen aus dem Orient
Einmal plante der große Sultan in den Mauern seines Palastes ein Fest, zu dem er Würdenträger aus allen Winkeln seines Reiches lud, um einen von ihnen mit seiner Tochter zu vermählen. Am Vorabend sprach er zu ihr: „Du bist die letzte deiner Schwestern, die ich noch keinem geschenkt oder versprochen habe. Da jeder der Männer, die ich herrief, mein Vertrauen und mein Wohlwollen besitzt, will ich dir die Freiheit lassen, unter ihnen den auszuwählen, der dir am mächtigsten erscheint. Zu wählen gebiete ich dir aber, denn andernfalls lasse ich den Zufall entscheiden, wer dich aus meiner Hand empfängt.“
Als auch der letzte der Gäste dem Sultan seine Ehrerbietung bezeugt hatte, nahmen die Herren auf den farbenfroh am Boden ausgelegten Kissen Platz, während Gefolge und Diener in der Mittagshitze stehen und sich im eigenen Schweiß baden lassen mussten. Auf das Zeichen des Kapellmeisters begannen Tänzerinnen mit den Hüften zu kreisen, und barhäuptige Neger in weißen Seidenhosen liefen hin und her, um von goldenen Tabletten Obst und Gebäck zu reichen. Da erhob sich, gegen jedes Zeremoniell, die Prinzessin und schritt, während das Palastorchester misstönend verstummte und alles um sie in Reglosigkeit erstarrte, zu dem jungen Mann mit den strichdünnen Augenbrauen hin. Vor ihm entschleierte sie sich, reckte stolz das Kinn und schaute ihm zur Vergewisserung wiederum tief ins Auge. Dann wandte sie sich zu ihrem Vater um, der sich bedrohlich von seinem Thron erhoben hatte, und rief aus: „Mein Gebieter! Du erlaubtest mir, mich am heutigen Tage für den zu entscheiden, der mir am mächtigsten erscheint. Nun habe ich meine Entscheidung getroffen, und dieser hier soll mich haben.“
Auf diese Worte hin stemmten die Gäste ihre fülligen Leiber von den Kissen auf die Beine und entrüsteten sich: „Dieser dort? – Ein Kamelhirte, ein Knecht soll der Mächtigste unter uns sein? Die Prinzessin beleidigt uns, Gebieter!“ Doch als der Sultan die Stimme erhob, verfielen sie in stille Genugtuung, denn er sprach zu seiner Tochter: „Wenn du meine Freigiebigkeit zu verhöhnen wagst, so soll niemand dich haben, weder dieser noch irgendjemand sonst.“ Und dann verfügte er, dass sie umgehend in die obersten Gemächer eines hoch aufragenden weißen Turmes verbracht wurde, die sie nicht verlassen durfte. Nach seinem Willen sollte sie, so lange sie atmete, keinen Fuß mehr auf die Erde setzen. Auch erlegte er seinem Hofstaat das Gebot auf, von der Prinzessin in Zukunft zu schweigen, als hätte es sie nie gegeben.
Von nun an verlebte sie ihre Tage in der Gegenwart alter Jungfern, die ihr zu Diensten waren, und Eunuchen, die sie bewachten, denn niemand sonst erhielt Zutritt. Frei von den Zwängen ihres bisherigen Lebens las sie, dichtete und musizierte und sann über die menschliche Einsamkeit nach. In den Morgenstunden stieg sie auf die zinnenumsäumte Dachterrasse, entkleidete sich und ölte sich ein und ließ sich die in dunstigem Purpur über die Dünen steigende Sonne zwischen die Schenkel scheinen.
Sie erhielt weder Nachricht davon, dass der junge Mann von seinem Herren unter Beschimpfungen fortgejagt worden war, noch ahnte sie, dass er nur einen Tag nach ihrer Verbannung den ersten Versuch unternommen hatte, zu ihr zu gelangen. Doch bereits an den äußersten Mauern des Palastes war er erkannt und aufgehalten worden, und man hatte ihm zur Strafe für sein Vergehen drei Dutzend Stockschläge verabreicht. Danach vergingen einige Wochen, bis er wieder hergestellt war und nach gründlicher Planung einen zweiten Versuch wagte: Festgebunden unter einem Pferdefuhrwerk überwand er ungesehen die äußeren Mauern – wenn er sich auch den Schädel schlug und ihm der Sand Nase, Mund und Augen füllte. In einem Mehlsack verborgen gelangte er in eine der unterirdischen Vorratskammern, in deren gespenstischem Dunkel er zwei Tage und Nächte ausharrte, bevor sich eine Gelegenheit bot, ihr wieder zu entfliehen. Den folgenden Tag diente ihm ein Hohlraum in einer meterdicken Dornenhecke als Unterschlupf, wo er zusammengekauert hockte, bis die Nacht ihm die Möglichkeit zu einem weiteren Vorstoß eröffnete. Am ganzen Körper zerschürft und zerstochen, passte er einen günstigen Moment ab, eine der Wachen zu überwältigen und ihre Kleider anzulegen. Auch war er behende und geistesgegenwärtig genug, bis zum Portal des Turmes vorzudringen, in dem die Prinzessin sich befand. Dann aber unterzogen ihn die Eunuchen einer Prüfung, die er nicht bestehen konnte. Nach der Feststellung, dass er keiner der ihren war, legten sie ihn in Ketten und benachrichtigten den Sultan, der ihn ohne Umschweife dem Tode überantwortete. Im beinernen Licht der Mondscheinnacht geleiteten ihn zwei Wachen vor die Tore der Stadt, wo sich eine einzelne dürre Palme vor dem Dünenmeer nach den Sternen reckte. Dort zwang ihn der eine auf die Knie, während der andere sein Schwert schwang. Von den tagelangen Entbehrungen geschwächt, hob der junge Mann das Haupt und spornte seinen Henker an: „Tu’s schon, tu’s. Entleibe mich, denn dieser Körper ist meiner Liebe hinderlich.“ Die herabsausende Klinge trennte ihm den Kopf so weit vom Rumpf, dass er zur einen Seite herunterhing. Zwischen den Schultern pulste das Blut in die Höhe, und versickerte dann, nachdem sie den Körper umgestoßen hatten, gluckernd im Wüstensand.
Es mag sein, dass er sich durch Preisgabe seiner Seele oder eine andere verbotene Gegenleistung jenseitige Mächte dienstbar gemacht hatte. Wie es auch kam, verspürten bald darauf die schwarzen Hünen, die in nächtlicher Wacht vor dem Turm der Prinzessin ihre Lanzen kreuzten, eine unerklärliche Gewalt, die sie mit riesigen Fäusten umfasste und so weit auseinanderrückte, dass ein Eindringling zwischen ihnen hätte hindurch schlüpfen können. Sie sahen jedoch niemanden, sondern spürten höchstens einen kühlen Hauch, der geräuschlos an ihnen vorüberzog. Dieses Ereignis, das sich von nun Nacht für Nacht wiederholte, erschien nicht nur ihnen, sondern auch der übrigen Dienerschaft so unheimlich, dass sie allenfalls hinter vorgehaltener Hand davon zu sprechen wagten.
Auch fand keiner von ihnen während der folgenden Monate den Mut, den Sultan über die wundersamen Vorgänge zu unterrichten, die in den Gemächern der Verbannten ihre Schatten voraus warfen. So blieb der Sultan ahnungslos, bis er eines Mittags mit seinem Gefolge in prächtiger Prozession den Palasthof auf einer Achse überquerte, die ihn nah am Turm der Prinzessin vorbeiführte. Eben von ihrem Sonnenbad zurückkehrend, zeigte sie sich nackt und glänzend im Bogen einer Galerie, erblickte tief unten den Vater und rief ihn an: „Mein Gebieter! – Sagte ich dir nicht, dass er von allen der Mächtigste war? Er war es, sieh her.“ – Prall gefüllt, mit höhnisch ausgestülpten Nabel, streckte sich dem Blick des Sultans die Kugel ihres Bauches entgegen, der schon so tief hing, dass man fürchten musste, sein Gewicht zöge den zerbrechlichen braunen Frauenkörper im nächsten Moment über die niedrige Balustrade in die Tiefe... Doch sie verharrte wie eine heidnische Statue, im Triumph. Das Gesicht des Vaters hatte sich bei ihrem Anblick verfinstert und verfärbt, als rasten Feuersbrünste darüber. Während die Höflinge nicht zu atmen wagten, ertönte ein Knistern aus seinem Bart, dann sponnen sich immer dichter werdende Rauchschwaden daraus hervor. Des Sultans Kopf- und Barthaar wurde von seinem lodernden Zorn vertilgt, ohne dass er seine stierenden Augen von der Gestalt der Tochter hätte losreißen können. Die Prinzessin beobachtete dies mitleidlos und warf, als das Feuer verpufft war, gleichgültig das Kinn zur Seite, dem der Bauch schwerfällig nachfolgte, bevor sie in das kühle Dunkel ihrer Gemächer entschwand.
Der Sultan ging von diesem Tage an kahl und bloß. Das Haar, das ihm sein Zorn entzündet hatte, wollte nicht nachwachsen, und manch einer seiner Vertrauten fand, er sei alt geworden. Die Prinzessin aber lebte unbehelligt in ihrem Turme fort und brachte Jahr um Jahr ein gesundes Kindlein zur Welt, von denen ein jedes im Gesicht die strichdünnen Brauen und die verwegenen Züge des jungen Mannes trug, den der Sultan hatte enthaupten lassen.
Kurzvita:
Geboren 1982 in Hannover. Promovierter Historiker mit Forschungsgebiet Film/Propaganda/Nationalsozialismus: Fachpublikationen, Tätigkeit in der Erwachsenenbildung, Regie bei zeitgeschichtlichen Dokumentarfilmen. Veröffentlichung von Prosatexten in verschiedenen Zeitschriften (Dichtungsring, Driesch, entwürfe, Krautgarten u.a.).
Kontakt:
Anschrift: Dirk Alt / Märchenweg 26 / D-30938 Burgwedel
E-Mail: DirkAlt@gmx.de
Erschienen im etcetera Nr. 56 / wunder / Mai 2014