69/LitArenaVIII/Siegertext 3. Platz: Anna Stern (Bischofberger) : Karte und Gebiet
Sie kartiert das Land ihrer Träume.
Sie beginnt im Nordwesten, zeichnet die Küste, an der sie die – die vielleicht wichtigste Woche ihres Lebens verbringt, im Auto, auf Strassen, draussen, die Sonne scheint, es regnet. Sie denkt an die Feldstation, an Tapka und Mad Maddie.
An das heilende Wasser von Loch Maree und an das Zittern nach den Schwimmzügen auf die Insel zu. Wenig Schlaf, dafür tentative steps.
Ein ganzes Stück davon entfernt dann das schwarze Loch für die Wunden, die nur langsam heilen. If ever.
Sie zeichnet Linien zwischen drei Punkten, zwischen V. und P. und B. Ein Dreieck, Descartes’ Dreieck. Und mittendrin ihr Zuhause.
Ohne weiter darüber nachzudenken fügt sie den See hinzu. Weil er schon immer da war; weil er nicht verschwinden wird.
Dann die Risse und Gräben, die Verwerfungen, die nach dem Erdbeben zurückbleiben. Teile der Küste plötzlich vom Festland abgetrennt, Flussläufe verändert, ein Stück Vergangenheit dem Erdboden gleichgemacht.
Ihr Herz klopft schneller, als sie das nächste Zeichen einträgt: Für die Stadt, das Haus, den Raum, in dem ihr das Geheimnis der schwarzen Bücher geschenkt wird.
Sie hört die Stimme, die sagt: I will give you a secret, I will give you the secret of the black books.
Sie setzt den Punkt, an dem sie versteht, wie Verstehen funktioniert.
Ein Ein □ als Symbol der Wahl für das Haus an der Nordsee. Das Haus auf den Stelzen, in Hörweite des Wellengangs. Schilfgras wiegt im kühlen Wind, auf den trockenen Lippen schmeckt die Zunge Salz. Ein niedriger Zaun aus Schwemmholz umgibt einen kleinen Garten. Die Weite des Himmels hier, die Möwen weiß gegen das Blau; sie singen. Und der Sand ist warm und weich.
Sie zögert, macht dann aber doch ein Zeichen, um nicht zu vergessen, was in Bologna geschieht. Ihr ist zudem bewusst, dass sie die Avenue of Mysteries nicht weglassen darf. Für die verpasste Gelegenheit.
Keine Straßen, keine Wege darüber hinaus. Sie will sich nicht vorschreiben lassen, wie sie sich zwischen ihren Träumen bewegt.
Unverzichtbar aber Chaser Point und Nine Oat Wood. Weil … Schlicht weil.
Sie zeichnet ein Kreuz: en mémoire de tous qui étaient et ne sont plus.
Das in der Mathematik für den Kontravalentor stehende Symbol markiert die Stadt der Lichter und darin die Suche nach dem verlorenen Glück. Die Unsicherheit, das Schweigen. Und was ihnen abgesehen davon bleibt.
Sie fügt die Grenzen hinzu, die längst überschritten sind.
Etwas zaghaft geraten die Umrisse der Wüste der Anderen, fast als zitterte sie.
Es ist ein Ort, den sie nicht kennt, von dem sie zwar gehört, den sie jedoch nie gesehen hat. Man erzählt sich Dinge, man macht sich Gedanken. Eine Vorstellung, nicht mehr als ein Schatten eigentlich. Ein Schatten von erstaunlichem Gewicht. Sie glaubt, dass das Gebiet irgendwo im Süden liegt, weiß es aber nicht mit Sicherheit.
Unweit davon vermutet sie auch die Grube. Die Grube mit dem Blut und den Tränen.
Ohne Mühe findet sie hingegen den Hügel, die Wiese, auf der das Zelt stand, damals. Das Zelt der vier. Eine alte Fotografie erinnert daran.
A second □ stands for Franz Wright’s Progress.
Kafka schrieb: „Stummheit gehört zu den Attributen der Vollkommenheit.“ Und: „Von einem gewissen Punkt gibt es keine Rückkehr mehr. Dieser Punkt ist zu erreichen.“ Sie fügt ein Symbol für Kafka in ihre Karte ein.
Zuletzt markiert sie Darlace, wo nachts mehr Sterne sichtbar sind als überall sonst. Sie sieht den Ort klar vor sich, die zwei Gebäude in der zum Meer hin sanft abfallenden Wiese, das Gras trocken, strohig zum Sommerende, und die großen Fenster spiegeln das Licht der knapp über dem Horizont stehenden Sonne feuerrot.
Einst ein Bauernhof, Wohnhaus plus Scheune aus grauem Stein. Niedrig, einstöckig ursprünglich nur und dunkel. Ein ungeschliffener Diamant, der nun ... Nachts ist Orion sichtbar, ein neues Leben.
Éloigné, cet abri, dans la campagne; ihr persönliches Finistère.
Sie weiß, es ist der Ort, auf den alles hinausläuft. An dem sein wird, was sie sich nicht vorstellen kann.
Ein Ende.
Ein Anfang.
Anna Stern (Bischofberger)
Geb. 1990 in Rorschach (CH), Abschluss: Umweltnaturwissenschaften MSc, ETH Zürich. Veröffentl. unter Anna Stern: 2014 'Schneestill', 2016 'Der Gutachter', Roman, beide im Salis Verlag, Zürich. 2017 erschien 'Beim Auftauchen der Himmel', Erzählungen, lectorbooks, Zürich.