28/ Essay: Schund und Postmoderne, Alois Eder
etcetera 28/ SCHUND/ April 07
EIN HAUS MIT VIELEN WOHNUNGEN:
Schund und Postmoderne
Alois Eder
I.
Die Semantik der Schimpfwörter legt oft weniger eine klare Verweisrelation fest als das jeweils gespielte Sprachspiel der Distanzierung. So kommt man dem Ausdruck Warmduscher offenbar nicht allein dadurch bei, dass man von einem Oberbegriff Duscher ausgeht und die Unterbegriffe Kalt- bzw. Warmduscher durch eine klare Celsius-Marke nach der Wassertemperatur unterscheidet.
Wichtig sind vielmehr die im Kontext mehr atmosphärisch enthaltenen als ausgesprochenen Konnotationen: Dass da einem der Vorwurf gemacht wird, sich durch widerwärtige äußere Umstände wie zu kaltes Badewasser allzu rasch abschrecken zu lassen – und seiner Einordnung in ein minderwertiges Menschen-Genre steht dann nichts mehr im Wege.
Dasselbe wird wohl auch für einen Begriff wie Schund gelten, weshalb das Unternehmen eines Trash-Museums, wie „Schundpapst“ Peter Hiess schon vor Jahren eines – wenigstens virtuell – einrichten wollte (vgl. http://www.evolver.at/trashmuseum/doctrash.html ), nicht bloß zu Vitrinen exponierter Trash-Objekte führen kann, sondern den ganzen kulturgeschichtlichen Kontext dieser abwertenden Einordnung mit präsentieren muss, um nicht zu kurzschlüssig zu informieren.
Ärgerlicherweise geht es dabei aber nicht nur um einen kulturell je nach Epoche normierten Erwartungsgrad, hinter dem die klassifizierten Kunstwerke zurückbleiben, sondern auch um einen Sozialrollen-spezifischen, ja sogar individuellen.
Kein Wunder, wenn das Interview mit Dr. Trash Peter Hiess folgendermaßen eingeleitet wird: „Viele haben darüber schwadroniert, philosophiert und paraphrasiert – wissen tut trotzdem kaum einer was darüber. Höchste Zeit, Missverständnisse auszuräumen und die Sache auf den Punkt zu bringen. Vorausgesetzt übrigens, dass die Konnotationen des angelsächsischen Wertungsbegriffs mit dem des deutschen Schund überhaupt mehr als nur ungefähr übereinstimmen.
Was ist Trash denn nun wirklich? Zu viele Stefan Raabs, zu viele RTL-Shows, zu viele Schlingensiefsche Container vor der Wiener Staatsoper verwässern das Subkultur-Segment, verzerren den Begriff bis zur Unkenntlichkeit, führen in weiterer Folge zu einer Desorientierung ...“ So das einleitende Lamento, immerhin mit der impliziten Anerkennung einer mittlerweile nicht unwesentlichen Kulturströmung, eines medienübergreifender Genrebegriffs. Dr. Trash präzisiert, dass es sich nur dann um ein Etikett für zeitgenössische Gegenströmungen handle, wenn wir von der Zeit seit Erfindung der Massenmedien sprechen – es hat also auch mit dem Überangebot zu tun, das eine stärkere Selektion mit sich bringt, und die Ausgräber antiker Tempelanlagen haben wohl kaum das Problem zu entscheiden, was etwa vom Metopenfries seinerzeit als unterklassig eingeschätzt wurde.
Und auch für den gegenwärtigen Geschmack endet die Begriffsbildung in einer Aufzählung mit offenem Ende: die ersten „Stag“-Movies, Ärzteromane, Superhelden-Comics und vieles mehr, das die Hochkultur abfällig als „Schmutz & Schund“ (oder im angloamerikanischen Sprachraum eben als „Trash“) bezeichnete.
Auch dieses Synonym für Abfall hilft allerdings nicht aus der Patsche, weil dann der Trash-Begeisterte kaum anders denn als Abfalleimer figurieren könnte, während er doch den Anspruch erhebt, aus den Wertmustern einer Gesellschaft Schlüsse zu ziehen und allfällige Schätze zu heben, die jenseits des Hochkultur-Mainstreams (wenn's den überhaupt noch gibt) und in den Deppenmedien kultiviert oder aus Protest zur Subkultur hochgepäppelt wurden.
Ein vielschichtiges Gebilde also, dem auch die Lexika nur durch Aufzählungen beikommen können, auch wenn sie dem Ausdruck Schund ausweichen und etwa weniger emotionell belastet von Trivialliteratur reden (Mayers großes Taschenlexikon, Bd. 22, S. 222f.): am häufigsten verwendeter Begriff für Unterhaltungsliteratur zur Bezeichnung einer aus den verschiedensten Gründen abgewerteten Literatur. Andere Bezeichnungen sind zum Beispiel: minderwertige Prosaliteratur, Gebrauchs-, Bestätigungs-, Anpassungs-, Konsum-, Konform-, Massen-, Populär- und Marginalliteratur.
Es geht also um Strömungen, die inhaltlich oder sprachlich-stilistisch nicht den geltenden Normen der hohen Literatur entsprechen. Ersatzbefriedigung ... Traumwelt ... Geschmackskonformität mit breiten Leserschichten ... von wenigen Grundmustern und Schablonen abhängig ... Zeugnisse der Massenkultur – das sind dabei die Stichworte, und man kommt auf eine hübsche Anzahl von Genres: Witzbücher, Anekdoten, Comics, Kriminal-, Spionage und Detektivromane, Abenteuer-, Wildwest-, Kriegs-, Heimat-, Liebes-, Frauen-, Familien- und Arztromane, ohne dass das eine vollzählige Aufzählung wäre.
Dabei kann dann auch noch je nach Wertungs-Richtung differenziert werden, und dann kommen wieder Begriffe wie Kitsch oder Schmutz und Schund zu ihrem Recht.
Weil allerdings Komponenten der Trivialliteratur auch in der Hochliteratur auftauchen – immer häufiger gibt's ja den dialektischen Umschlag der Wertungen und Revolutionäre definieren sich ja geradezu dadurch, dass sie das Unterste zu oberst kehren, wird inzwischen das „Zweischichtenmodell“ mit seiner hoch-niedrig-Koordinate literaturwissenschaftlich angezweifelt, wodurch dann ohne Wertungskomponente literarisch wertloses Unterhaltungsschrifttum oder massenhaft verbreitete Literatur als Untersuchungs- oder Museumsgegenstand überbleibt. Aber damit stecken wir schon wieder mitten im Wertungsdiskurs ...
Armer Dr. Trash! Er hat's nicht leicht, auch wenn er sich zwischendurch auch als Produzent betätigt, wie jener amerikanische Regisseur, dem der Ehrentitel eines Schund-Papsts noch vor ihm verleihen wurde, etwa 1972 für Pink Flamingos - An Exercise in Poor Taste: John Waters. „Pope of Trash“ oder „Meister des schlechten Geschmacks“ ist also eine durchaus angesehen Rolle im Mediengefüge und findet ihre Anerkennung dank einer „Ästhetik des Hässlichen“ und der ehrenwerten Absicht einer Umkehrung ästhetischer Wertvorstellungen, vor allem, wenn diese schon in die Jahre gekommen sind und der sogenannte gute Geschmack der Mittelklasse zur Zwangsjacke geworden ist.
II.
Freilich ist wertfreies Rezipieren auch nicht jedermanns Sache und in jedem Fall sekundär, es gelingt ja erst, wenn man seine Regungen zugunsten einer zivilisierten Betrachtung und Einstufung zurückgenommen hat. Wenn man mitten in der Lektüre von Harry Potters Feuerkelch-Abenteuern beim dritten Bewerb des trimagischen Turniers nach dem Unterwasser-Bravourstück des Helden, wo er auch die Aufgaben seiner Mitbewerber löst, im erleichterten Gespräch der unterlegenen Fleur Delacours mit ihrer von Potter befreiten Schwester liest: „Es waren die Grindelohs ... sie 'aben misch angegriffen ... oh, Gabrielle, isch dachte schon ... isch dachte ...“ (S. 526), kann einem plötzlich einschießen, dass dieses französisierende Deutsch zwischen zwei Französinnen eigentlich der Höhepunkt des Schwachsinns ist, weil es zwar vielleicht Autorin und/oder Übersetzer aus einer Aporie befreit, aber gleichzeitig den Leser für vollkommen dumm verkauft. Aber finden wir das nicht auch in allen Fernseh-Unterhaltungsformaten, von CSI-Folgen mit den grundsätzlich auch bei Tageslicht Stablampen-fuchtelnden Aufdeckern bis zu den grundsätzlich betuchten Familien der Telenovelas, in denen der Sturm der Liebe nie in der Windstille endet sondern alles nach dem Brautkleid drängt, und die Wege des Glücks nacheinander von immer wieder neuen Glücklichen gewechselt werden?
Wenigstens im letzteren Fall lässt man sich’s einreden, dass die Drehbuchschreiber unter Zeitdruck nur zur Hervorbringung stets derselben Handlungszüge fähig sind und von einem Publikum, das stets dasselbe erwartet, darin quotenmäßig bestärkt werden.
Möglicherweise sind diese und andere Versimpelungen einfach nur die Begleiterscheinungen seichter Unterhaltung, bei der man ohnehin nie mit dem vollen Gewicht der Persönlichkeit engagiert sei. Der Verdacht, dass es da zu einer echten gegenseitigen Verblödung kommt, liegt natürlich für alle nahe, die dem Publikum wie den Produzenten etwas Besseres gönnen würden: eine Situation, die bis zum Kulturkampf eskalieren kann und im Laufe der letzten hundertfünfzig Jahre auch eskaliert ist. Ihm verdanken wir ja die Begriffspaarung von Schmutz und Schund, die sich noch immer im kollektiven Gedächtnis hält, obwohl damit – siehe Dr. Trash – kaum mehr argumentiert wird.
Rainer Schmitz' Enzyklopädie kurioser Details „Schillers Schädel“ kennt zum Beispiel kein Stichwort Schund, dagegen eines über den Schmutzbrunner Sp. 1277, einen Gymnasiallehrer und Zensurbeamten namens Karl Brunner, promoviert 1895, gestorben 1944, ab 1903 in Pforzheim, von wo er den Kampf gegen Schmutz und Schund begann, u. a. in einer Zeitschrift „Die Hochwacht“ ab 1910. Ab 1914 war er Kinozensor und dann in die Reigen-Affäre verwickelt. Über Arthur Schnitzler führt die Gedankenbrücke dann sofort zur deutschnationalen Verschwörungstheorie, wonach es sich bei Schmutz und Schund eine Art Angriff der jüdischen Intelligenz gegen die sittlich hochstehende arische Bevölkerung gehandelt habe, der sie neben der finanziellen auch in die geistige Zinsknechtschaft ihrer Verderber habe bringen sollen.
Der Antisemitismus hat das Kriegsende zum mindesten öffentlich nicht überlebt, der Verdacht gegen Schmutz-und-Schund-Produkte dagegen schon:
Prädikat wertlos ... Zack! Stempel drauf, Fall erledigt ... "Schmutz und Schund" als Stempel für Groschenhefte, TV-Serien, Comics, Kino, Internet, PC-Spiele. Verschiedene Personengruppen führen das Jugendschutzargument ins Feld, um Produkte der Populärkultur als Schmutz und Schund zu kennzeichnen – so sieht man das zumindest im Rückblick. Wobei gegen die Comics in den Augen ehemals deutschnationaler Tugend- und Jugendwächter sicher auch sprach, dass Donald Duck und Co. eine Art Import der US-amerikanischen Besetzer darstellten – ganz ungeachtet der Qualität der Carl-Barks-Welt, die inzwischen hymnisch gefeiert wird (vgl. z. B. Andreas C. Knigge, „Alles über Comics. Eine Entdeckungsreise von den Höhlenbildern bis zum Manga“, Europa-Vlg. 2004 oder Henner Löffler, „Wie Enten hausen. Die Ducks von A bis Z“, C. H. Beck 2004).
Dass der mehr als hundertjährige Streit um Schmutz und Schund einer abgeklärten Sicht der Populärkultur gewichen ist (http://www.schmutzundschund.de/Explorer/start.html), verdankt sich also vor allem der Angleichung der Medienkulturen der NATO-Welt zwei Generationen nach den noch rigiden Fünfzigerjahren. Dazu beigetragen hat wohl auch die entkrampfte Haltung aller Erotik gegenüber, die inzwischen im Gefolge der erfolgreichen Verhütungspraktiken Platz gegriffen hat und die Schmutz-Komponente der Jugendgefährdung schon dadurch außer Kraft gesetzt hat, dass die Pansexualisierung der Medien- und Diskursumgebung, das Hervorheben einer partikulären Schund-Sparte erübrigt hat. Deutlich abzulesen ist dieser Kulturwandel übrigens daran, dass der Kampf im Internet-Zeitalter eher der Kinderpornographie gilt ...
III.
Bleibt die Schund-Komponente. Dass hier eine unterschwellige semantische Brücke zur Menschen-Schinderei führt, kommt nicht von ungefähr. Allerdings spielt hier die Prüderie des letztvergangenen Äons keine Rolle mehr, eher die Ableitung des metaphorischen Ausdrucks vom Schinden des Schinders, also des Abdeckers, nämlich der vormodernen Tierkörperverwertung. Die Stammverwandtschaft mit dem englischen skin weist, so lehrt schon dass Grimmsche Wörterbuch, auf einen hin, der die Haut abzieht, um wenigstens von dem zu beseitigenden Aas noch Reste zu beim Gerber zu verwerten, eine frühe Form des Recycling als Nebenverdienst für den sonst ja als unehrlich geltenden, weil nebenbei auch als Henker in Dienst genommenen Berufszweig. Das restliche Aas war unter die Erde zu verbringen, daher auch die Bezeichnung Wasenmeister.
Die Ableitung vom Leuteschinder, der alles aus diesen herauspresst, insbesondere Zinsen und Dienstleistungen, ist danach ziemlich selbsterklärend. Das würde ungefähr für die moderne Telenovellistik auch hinkommen, mit kleinstem Aufwand größte Wirkungen zu erzeugen, geschunden wird dabei sozusagen der kleinste gemeinsame Nenner: Wege zum Glück und Sturm der Lieben sind sogar so nahe, dass sie sich desselben Hauptdarstellers für den Besitzer des Hotels Fürstenhof oder Friedrich von der Weyden, den Übernehmer der Porzellanmanufaktur in Falkenthal bedienen können. Denn eigentlich ist Bedarf nur für wenige leicht auseinandersortierbare Charaktere, Intrigantinnen, Liebende, oder eben Familientyrannen ... Es geht um Typen jedenfalls und nicht um Individuen ...
Aber das Grimm'sche Wörterbuch macht es uns nicht so leicht: das Stichwort Schund im neunten Band (Spalte 2000ff.), will es genauer wissen. Zunächst geht es um eine Umschreibung: das schinden, der abfall beim schinden, unflat, wertloses zeug, mit der Erläuterung: eine junge, auf das nhd. beschränkte nominalbildung. Die Vokabel werde in den wörterbüchern erst seit dem ende des 17. jahrhunderts aufgenommen, ... in heutigen Mundarten weit verbreitet (so schon Leipzig 1899!). Stammwurzel für die moderne Bedeutung sei am ehesten: abfall beim schinden, das von den häuten abgeschabte fleisch, bei den gerbern (Adelung), von da aus übertragen auf anderen schmutz und stinkenden unrat, mist, kot, und exkremente. Selbstverständlich gebe es dieses Wort – bis dahin! – in dieser Bedeutung nur in der niederen Sprechweise: in die litteratur ist sie nur selten eingedrungen. Auch vom Geldschinden im Sinne von Zinsennehmen ist bereits die Rede. Aber die gebräuchliche Entwicklung liege doch im Metaphorischen: schlechtes, wertloses, unbrauchbares zeug, ausschusz, trödel, plunder, schlechte ware ... am häufigsten auf litterarischem Gebiete gebraucht, schlechte lektüre u.s.w. und zwar schon bei Lessing. Offenbar bezeichnet er am Beginn seiner semantischen Laufbahn gedanklichen Abfall, und sein Produzent ist daher jemand, der seine Kunden damit abspeist, statt vollgewichtige geistige Ware zu liefern.
Etwa in der Art könnte der Begriff nach den ideologischen Zwischenspielen des vorigen Jahrhunderts auch heute noch Sinn machen. Die Synonyme geschmackloser Gegenstand, Kitsch, Ramsch, Mist, Schnulze, Schmalz, Rührstück, Schmachtfetzen liefen im Grunde auch in diese Richtung, die für das Verb schinden freilich in eine andere anstrengen, abmühen, schuften, verausgaben, abrackern, rackern, abplagen, mühen. Wer Schund erzeugt, hat offenbar gerade diese Mühen vermissen lassen.
IV.
Wir haben es also mit zwei ganz unterschiedlichen Sachbereichen zu tun: einerseits dem des Geschmacksurteils, das nicht kollektiv ganze Genres oder Themenbereiche erfassen darf, sondern nur individuell in der Auseinandersetzung zwischen Rezipient und künstlerischer Message möglich ist. Und anderseits das epochen- und lebensgeschichtliche Neben- oder Nacheinander unterschiedlichster Konsumformen, die mehr oder minder Anspruch auf Hoch-, Subkultur- oder Trash-Ehren erheben.
Auf der ersten Ebene kann z. B. ein Comics- oder Manga-Produkt den Intellekt seiner Konsumenten unterfordern oder sogar knebeln, anderseits wäre es aber nicht nur für ein Trash-Museum kontraproduktiv, derlei Urteile über Genres zu verallgemeinern, es würde auch ein Verständnis des Insgesamts der gleichzeitig in einer Gesellschaft ablaufenden Kommunikationsprozesse erschweren. Schon wenn sich der jugendliche Manfred Deix in bewusstem oder unbewusstem Protest gegen pädagogische Verdikte dermaßen der Comicwelt verschrieb, dass aus ihm ein begnadeter Karikaturist werden konnte, überschneiden sich die angeblich so gut isolierten Lebens- und Kunstsphären. Und wenn dann noch sein Religionsprofessor Kendl nicht mit Druckmitteln dagegen ankämpft, sondern dem jungen Künstler für eine Comic-Serie in der St. Pöltner Kirchenzeitung anheuert, kommt der jeweils hinzuzudenkende kulturelle Kontext ins Spiel ...
Dass bei allem kulturellem Ein- und Ausatmen dieser Diskurskontext mitbedacht gehört, ist vielleicht noch viel zu wenig durchgedrungen. In Wirklichkeit existiert eben nicht ein isoliertes Individuum vis-a-vis von einer ebenso isolierten künstlerischen oder unterhaltenden Message, vielmehr sind beide in einer Art Diskursteppich eingespannt, ohne den sich die geistige Entwicklung eines Säuglings zum kommunizierenden Erwachsenen gar nicht denken ließe. Er reagiert auf Figuren in dieser Tapisserie und ist doch gleichzeitig selber eine, auf deren Eigenheiten wieder andere reagieren usw. ad infinitum.
Und wenn wir bei der Metapher einer Tapisserie mit wechselnden Tapetenmuster bleiben, die der Einzelne ebenso wie die gesamte Menschheit durchwandelt und dabei mitgestaltet, ist es nicht schwer, davon auszugehen, dass auch bei den Tapetenmustern der Grundsatz lautet: Variatio delectat. Entenhausen gehört dann ebenso dazu wie Goethes Faust oder Kafkas Verwandlung, Rubens' Figuren ebenso wie Nitschs Schüttbilder oder Deix'sche Karikaturen ... Je nach dem individuellen Bildungsweg und Schicksal macht man verschiedene Wege zwischen diesen und anderen Stationen durch und es wird schwer fallen, einen gegen den anderen auszuspielen.
Mit einer Einschränkung allerdings, nämlich der, dass sie Vielzahl möglicher Wege und die Reichhaltigkeit des ganzen in den letzten Jahrhunderten stark, wenn nicht exponentiell zugenommen hat.
Wenn wir mit Sir Popper annehmen, dass der Schritt vom mythischen zum philosophischen Weltbild bei den alten Ioniern dem Vergleich konkurrierender Traditionen und Weltauslegungen zu verdanken war, könnten wir heutzutage argwöhnen, dass wir unser Sinn-Universum durch allzu viele konkurrierende Inhalte zugemüllt haben – ohne dass das bereits ein Werturteil über einzelnen Werke enthalten müsste.
Aber es ist gar nicht das Bild einer Müllhalde, das sich da aufdrängt. Wenn wir bei den Tapetenmustern bleiben, handelt es sich eher um die sukzessive Zunahme des Wohnraums, der von den Höhlenbildern bis zum Manga stattgehabt hat. Von der Wohnhöhle über den Zimmer-Küche-Kabinett-Standard bis zu Eigenheim-Villa haben sich dann auch die Ansprüche an die Tapeten der immer zahlreicheren Räume erhöht. Reichte einst ein mündlich weitergegebener Mix aus Heldenepen und Mythen, hat sich via Schrift und Druck eine immer stärkere Differenzierung ergeben. Die Märchentapete bleibt fürs Kinderzimmer reserviert die Salons schmücken sich mit der jeweiligen Hoch-, die Jugendzimmer mit der jeweiligen Subkultur. Und nun kann man spekulieren, ob die Schlafzimmer eher den Trivialmythen oder eher der Freudschen Symbolik gehören. Auch der Herrgottswinkel hätte da durchaus seinen Platz, mit oder ohne kreatives Design ... Obwohl derlei Einheit in der Vielfalt allerdings eine aufgeklärte Rezeption erfordert.
Hier wird’s individuell, man wählt aus dem Angebot, was zu einem passt, und worin man sich wohlfühlt. Und anstelle eines Zweischichtenmodells des rigiden Entweder-Oder sind wir schon längst bei einem toleranten Nebeneinander gelandet, auch wenn das einige Ideologen unter den Kunsterziehern noch nicht wahrhaben wollen.
Dass im Laufe eines individuellen Lebens ebenso wie im Ablauf der Kulturgeschichte ein Tapetenmuster gelegentlich ganz oder teilweise durch ein anderes ver- oder abgedeckt wird, führt nur teilweise in den Vorstellungsbereich des Schinders bzw. der abfälligen Charakterisierung als Schund zurück. Im Sinne einer Ausgrenzung ganzer Genres der Populärkultur hat sich der Begriff offenbar als Fehlgriff erwiesen, im Sinne einer intellektuellen oder ästhetischen Untergewichtigkeit einzelner Teilbestände unseres Diskursfeldes dagegen könnte er seine Funktion behalten: Übereilige oder schludrige Erwartungserfüllung mit der Tendenz, den Konsumenten zum freiwilligen Zimmerarrest bei diesem Tapetenmuster zu animieren, müsste dann wohl der Verdacht sein, den man mit diesem Begriff ausspricht. Und umso schlimmer, wo nicht nur der Kommunikationspartner, sondern auch der Kommunikator sich selbst damit permanent unterfordert ... Freilich mit der Option auf keine Vitrine im Trash-Museum, sondern eine im Kuriositätenkabinett, wo man sich als Besucher dann darüber Gedanken machen kann, ob etwa die großäugigen Manga-Figuren gerade bei den mit sozialer Blindheit Geschlagenen so gut ankommen, usw.
Was die Postmoderne der Moderne voraushat, ist eine stärkere Entkrampft- und Gelassenheit, nämlich, dass sie dieses Nebeneinander aushält und fruchtbar zu machen versucht, wie ein Umberto Eco – zugleich Kommunikationstheoretiker und Romancier – in seinem „Der Name der Rose“ als Kronzeuge demonstriert. Kriminalroman und mittelalterliches Klosterambiente schließen sich ebenso wenig aus, wie Populär- und Hochkultur einander ausschließen müssen.
Die Moderne hatte noch aus Selbsterhaltungsgründen die Aufgabe, parteiisch zu sein, also auf gut Hegelianisch die Antithese zur These der Tradition dazustellen, was natürlich auf die eine oder andere Art auf eine Engführung hinausläuft. Demgegenüber hat die Postmoderne die Breite der Synthese, sie braucht für ihre Identitätsfindung keine gemeinsame, alle verpflichtende Formel und verträgt das Nebeneinander, ihr Haus hat viele Wohnungen und jede ihrer Wohnungen viele Zimmer, wovon durchaus auch eines als Trash-Museum eingerichtet sein kann, ohne die Wohnqualität in den anderen zu beinträchtigen ...
Biografie: Alois Eder
Geb. 1948; Germanist, AHS-Lehrer. Zahlreiche Publikationen in Literaturzeitschriften und Anthologien. Letzte Veröffentlichungen: Essayband „Auf der ganzen Welt ist es St. Pölten“ (2002);
„Valurane Zeid & Mundart-Passion“ (2004).
Förderpreis für Wissenschaft und Kunst der Landeshauptstadt St. Pölten 2002.