23/ Prosa: Es, Rolf Gregor Seyfried
etcetera 23/März 06/Erste Klasse
ES
Rolf Gregor Seyfried
An diesem Morgen, an diesem letzten Morgen zupfte sie, wegen eines Staubkorns, wie sie versicherte, an seinem himmelblauen Hemd, als er aber seinen Blick, mit dem er sich unter die Blumen der Plastiktischdecke vergraben hatte, als er seinen Plastikerdenblick zu ihr hinauf hob und sie anschaute, ganz anders als sonst, vielleicht aus einer Vorahnung, da lächelte sie verlegen; ihre Hand zog sie schnell zurück.
„Als wäre es näher gerückt“, sagte er und schaute nicht zum Fenster.
„Du wirst ein verschrobener alter Mann.“
Sie bemühte sich für einen Augenblick jung auszusehen, aber es gelang nicht.
„Gestern war es weiter weg.“
Er betrachtete das schwarze Quadrat inmitten des Fensterrahmens, das nach unten mit einem schmalen, grünen Streifen abschloss. Sie hingegen schaute nicht gerne beim Fenster hinaus, sie ließ ihren Blick lieber, viel lieber durch das Haus, durch ihr Haus stolzieren. Von der Küche, wo sie gerade saßen, hinein in das langgezogene Rechteck des angrenzenden Wohnraumes, das von metallenen Linien und gläsernen Flächen durchzogen war. Das Inventar, das darinnen stand, blitzte vor Sauberkeit, dass seine Körperlichkeit halb aufgelöst schien.
„Vorgestern war es weiter weg als gestern.“
„Am liebsten sitze ich in der Schaukel.“
Wenn sie Schaukel sagte, meinte sie die durchsichtige Sitzkugel, die mit zwei Gummibändern aufgehängt im Wohnraum von der Decke herunterhing. Tag für Tag begab sie sich in die ausgepolsterte Kugel, verschränkte die Beine und beobachtete, wie mit leisem Surren eine durchsichtige Türe nach unten klappte, und wartete, bis sich das Raumfahrergefühl bei ihr einstellte. Dann konnte sie sich endlich zurückzulehnen und die Aussicht genießen, wie sie es nannte, wenn die gewölbte Umschließung zu einem einzigen Bildschirm wurde und Geschichten erzählte, Geschichten, die sich nie zugetragen haben und nie zutragen werden und nie zutragen würden. So saß sie verzückt in diesem kleinen berauschenden Kosmos fremder Bilder.
„Und vorvorgestern war es weiter weg als vorgestern.“
War dieser grüne Streifen noch schmäler geworden, in diesen wenigen Minuten. Nein! Das konnte nicht sein. Das wäre doch zu ungewöhnlich und widerspräche ganz und gar dem gewohnten Rhythmus. Das hieße doch, dass wir …
„Du solltest dir auch eine Sitzkugel anschaffen, sonst bist du unausstehlich. Außerdem ist das jetzt Pflicht. Mindestens drei Stunden täglich musst du laut Verordnung drinnen sitzen.“
Wenn sie unausstehlich sagte, schürzte sie ihre Lippen nicht verärgert oder ungeduldig, nein unausstehlich sagte sie wie „Ich liebe dich“ und lächelte dabei wie die Küchenfliesen, die jeden Morgen ihr weißes, quadratisches Küchenfliesenlächeln verschenkten.
„Ich brauche diese Kugel nicht.“
Wie ein verschrecktes Reh huschte ihr Füßchen aus dem roten Samtpantoffel und kratzte, da es erst hilflos in der Luft schwebte die Wade des anderen Beines. Er schaute verwundert unter den Tisch, da er diese Bewegung an ihr nicht kannte. Er kannte sonst jede ihrer Bewegungen.
„Es muss mich etwas gestochen haben diese Nacht.“
„Unsinn, Insekten gibt es schon lange nicht mehr. Nicht bei uns.“
Er versteckte sich wieder unter den Blumen. Diese Tischdecke hatte ihm seine Großmutter geschenkt. Sie war mit jenen Blumen bedruckt, die er das letzte Mal irgendwann in der Kindheit gesehen hatte. Das Füßchen seiner Frau kuschelte sich wieder verlegen in den Samtpantoffel hinein.
„Ich brauche meine Kugel“, raunte sie ihm mit verschwörerischem Lächeln entgegen.
„Mein Gott, diese Blumen, wie sind diese Blumen hässlich.“ Als er hinausblickte, war der grüne Streifen zu einer dünnen Linie geworden. „Es ist noch näher gekommen.“
„Heute gibt es ein spezielles Rundumprogramm.“
Ihre Lippen zuckten, als wolle aus einem tief verschlossenen Inneren etwas aufsteigen, doch nichts geschah.
„Wie können wir froh sein, dass wir oben sind und den Schmutz hinter uns gelassen haben. Es soll ja Menschen geben, die tun schmutzige Dinge.“
Ihre Füßchen zappelten ganz wild in den roten Samtpantoffeln. Die weißen Fliesenquadrate lächelten ihr weißes verständnisvolles Lächeln, und er, er riss das Küchentischtuch vom Tisch.
Der grüne Strich war nun endgültig verschwunden, innerhalb des Fensterrahmens starrte ein pechschwarzes Quadrat in die Küche hinein, die sich verdunkelte.
Auch der Wohnraum mit der Sitzkugel verschwand.□
Biographie: Rolf Gregor Seyfried
Geb. 1969 in Graz. Bewohnte bisher fünf österreichische Bundesländer und eine karibische Insel. Studierte Philosophie. Sprachpädagoge. Theaterstück: Stadt ohne Atem. Arbeitet zurzeit an zwei Theaterstücken.