34/ Prosa: Rhinozeros, Katharina Hartwell

Katharina Hartwell
RHINOZEROS

 

Anders als man erwarten könnte, wiegt das Rhinozeros nicht viel mehr als Paul.

Nun, woher willst du so genau wissen, wie viel das Rhinozeros wiegt?, fragt Hanna.

Dass ich es eben wisse, antworte ich, er habe es mir selbst gesagt. Sie will dann Zahlen wissen, nur habe ich alles Zahlen vergessen. Nicht viel mehr als Paul, wiederhole ich. Sie lutscht an ihrem Eis und schielt mich von der Seite an und zuckt dann mit den Achseln. Wenn sie glaubt, ich lüge, zuckt sie mit den Achseln. Da ich davon weiß, macht es mich wütend sie so zu sehen, eisessend und achselzuckend.

 

Gut möglich, dass wir morgen ausgehen, sage ich. Sehr gut möglich.

Bitte, sagt sie und zuckt wieder mit den Achseln und ich schaue auf die kleinen Kieselsteine, die neben dem Podest im Vorgarten liegen, und stelle mir vor, wie ich eine Handvoll davon nehme und nach ihr werfe.

 

Selbst im Sommer trägt das Rhinozeros immer Schwarz.

 Wie ein Künstler, sagt Hanna, die versucht mir Mut zu machen. Weil die Dinge nun ernst werden, ist sie netter zu mir.

Wie ein Künstler, ermahne ich mich, als ich ihn vor dem Brunnen stehen sehe, an dem wir verabredet sind. Ich spreche es dann auf wie ein Gebet: Wie ein Künstler. Wie ein Künstler. Aber als ich ihn erspähe, sieht er kein Stück wie ein Künstler aus. Mit einem Mal sehe ich nur noch und ganz überraschend ein Rhinozeros, eine vorübergehend zum Stillstand gekommene Lawine.

Hallo, sage ich. Dann fällt mir nichts weiter ein, und wir laufen schweigend zum nächsten Café. Unterwegs versucht er meine Hand zu halten. Er lässt seinen Arm in meine Richtung schwingen und als ich mich halb hüpfend halb fallend zur Seite werfe, gerade so als würde ich mich vor einer Abrissbirne ducken, ist es ihm unangenehm. Er gibt dann vor, etwas ganz anderes geplant zu haben, wie etwa mit dem Arm in der Luft zu dirigieren, so als wolle er einem unsichtbaren Orchester Anweisungen geben.

 

Das erste Mal begegnet bin ich dem Rhinozeros vor zwei Wochen. Seitdem führt er ungeduldig Buch und hat bereits errechnet, dass es an der Zeit ist meine unschlüssigen Finger zu ergreifen. Ich verwehre ihm die Hand und er wertet mich aus. Ich bin nicht zu seiner Zufriedenheit. Tatsächlich schneide ich so schlecht ab, dass sich auf seiner Stirn eine tiefe, eine erstaunlich feste Falte bildet und sich langsam ihren Weg bis zur Nasenwurzel frisst.

 

Als ich ihm das erste Mal begegnet bin, da bin ich erstaunt gewesen, weil Ines mir nichts davon erzählt hat, wie blass er ist. Aber das erwähnt man doch nicht, sagt Hanna später. Man sagt doch nicht: Ich möchte dir jemanden vorstellen und er ist sehr blass.

Gut, denke ich, trotzdem, es wäre nett gewesen, vorgewarnt zu sein.

Nach dem ersten Treffen will Hanna alles ganz genau wissen. Was macht er denn, und wie sieht er aus und ist er lustig und ist er schlau und wie zieht er sich an?

Ich schaue auf meine Fingernägel, während sie eine Frage nach der anderen stellt, und versuche der Sache auf den Grund zu gehen. Bloß fällt mir nichts ein, überhaupt nichts. Und ich sage:

Wie ein Rhinozeros. Er erinnert mich an ein Rhinozeros.

 

Weil jetzt jeder eine Meinung zu allem hat, nimmt Paul mich zur Seite. Na hör mal, sagt er.

Ich höre und lege den Kopf zur Seite um zu verdeutlichen, dass ich höre.

Na hör mal, sagt er noch einmal, unbeeindruckt von der Vorstellung. Also, der sieht doch nicht wie ein Rhinozeros aus, sagt er weiter. Nach dem was du erzählst hast, na hör mal, da hatten wir ja was anderes erwartet. Der sieht doch ganz normal aus.

Ja gut, sage ich. Und dann noch, weil ich sehe, man erwartet mehr von mir: Das mag sein.

Überzeugt bin ich nicht, nehme mir aber vor das nächste Mal genauer hinzuschauen, das Rhinozeros ganz genau ins Auge zu fassen. Ein Irrtum, das sehe ich ein, wäre folgenschwer.

 

Nachdem ich also meine Hand verweigert habe, laufen wir zusammen bis zum Fluss und setzen uns ans Flussufer.

Er sagt:

Er könne mich noch nach Hause fahren, das sei überhaupt kein Problem. Er wolle mich aber auch gar nicht bedrängen. Das sei ihm aufgefallen, dass ich da ein wenig eigen, dass ich da besonders sei. Ich könne also auch mit dem Zug fahren, das sei zwar umständlicher und ich würde viel länger unterwegs sein, während es ihm nun tatsächlich überhaupt nichts ausmachen würde, mich zu fahren, aber er habe da Verständnis für, dass ich, da ich ja nun etwas eigen sei, es vielleicht vorziehen würde, nicht mit ihm zu fahren. Er würde nun auch gar nicht weiter davon reden, ich solle mir das einfach durch den Kopf gehen lassen. Er wolle nur, dass ich Bescheid wisse.

 

Ich weiß dann Bescheid und blinzele in die Sonne und es tut mir leid, dass ich mir nicht Hannas Sonnenbrille ausgeliehen habe. Ich weiß, dass Hanna zu Hause wartet und aufgeregt ist und alles genau wissen will, wenn ich an ihre Tür klopfe. Nun, könnte ich sagen, du bist sechzehn, such dir vielleicht deine eigene Geschichte, dann hast du auch etwas zu tun. Aber natürlich werde ich nichts dergleichen sagen, viel mehr werde ich vom Rhinozeros erzählen und froh sein, dass sie noch wach ist, und ich mir das Rhinozeros in Schichten von der Seele reden kann. Erst wenn ich Tonnen von Rhinozeros aus mir herausgesprochen habe, kann ich mich beruhigt ins Bett legen, wissen, dass ich keinen schmutzigen Abdruck hinterlasse und die Bettpfeiler nicht krachen werden.

 

Wir fangen an zum Brunnen zurückzulaufen, als die Sonne untergeht und es langsam kalt wird. Vor einer Weile hat das Rhinozeros seine Sonnenbrille aufgesetzt. Ich wünschte, das hätte er nicht getan, denn durch die dunklen Gläser sieht er noch blasser aus. So gar nicht mehr nach einem Mensch, fast wie ein Gespenst, nur dass er dafür viel zu solide ist. Das Gespenst eines Rhinozerosses vielleicht, denke ich, und muss lachen, vor mich hin und nur halb in mich hinein, und weil er mich so freundlich lachen sieht, fragt er:

 Bist du dir sicher mit dem Zug? Ich meine, ich möchte nicht wieder davon anfangen. Ich weiß, dass du da ein bisschen eigen bist. Ich werde auch nicht darauf herumreiten. Ich wollte nur erwähnen, dass ich eigentlich sowieso in die Richtung muss und dann habe ich dieses neue Navigationssystem. Das wäre doch mal eine Herausforderung. Aber wie gesagt, es ist mir völlig gleich, mir völlig einerlei. Willst du lieber mit dem Zug fahren, dann fahr lieber mit dem Zug.

Ich denke dann an Paul und denke an Hanna und an mich und wie ich es wieder fertig bringe, so ohne Geschichte, so ganz alleine nach Hause zu kommen. Wie ich es all die Jahre geschafft habe und noch viele Jahre schaffen werde, nur weil sich jeder Mann früher oder später in ein Rhinozeros verwandelt.

Nein, sage ich. Fahren, das wäre doch sehr nett.

 

Halb rechne ich damit, dass Hanna am Fenster steht oder Paul.  Das ist mein Haus, sage ich, und sehe, dass niemand hinter den Fenstern steht, weder Paul noch Hanna. Auf einmal fällt mir auf, dass es nur wir beide sind in diesem Auto. Ich fühle mich in eine Ecke, eine Sackgasse gelockt und während ich  bereits die Wand in meinem Rücken fühle, schaue ich mir das Rhinozeros genauer an. Seine langen Arme und Beine stoßen und ecken überall an.

Ich versuche nicht zu starren und denke, dass wir unmöglich beide in diesem Auto Platz haben können. Atmen kann ich schon lange nicht mehr. Als wüsste er um meine Sorgen, entfaltet sich sein Körper langsam. Mit der Geschwindigkeit einer Kaugummiblase, die gerade zum Platzen gebracht wird, dehnt er sich in meine Richtung aus. Bevor ich mich versehe, rutsche ich zurück und spüre das Glas des Beifahrerfensters an meinem Hinterkopf und nicht nur das, auch seinen Herzschlag kann ich spüren und hören. Viel lauter als meiner bringt er das ganze Auto zum Vibrieren. Ich bin nun sehr beunruhigt und drohe im Blass des Rhinozerosses zu ertrinken. Darum öffne ich die Beifahrertür und falle aus dem Auto heraus. So sitze ich auf dem Boden und das Rhinozeros kippt fast aus dem Auto, auf der Suche nach mir. In den letzten drei Minuten bin ich erschreckenderweise geschrumpft, etwa auf die Hälfte meiner gewöhnlichen Größe, und winke ihm vom Boden aus zu, damit er mich dort unten erkennen kann. Alles in Ordnung, versichere ich, alles in Ordnung hier unten. Ich wollte bloß atmen.

Das Rhinozeros faltet die blasse Stirn und winkt zum Abschied. Ich schaue dem davonfahrenden Auto nach, bevor ich ins Haus gehe.

 

Und?, fragt Hanna, die alles genau wissen will, und extra noch wachgeblieben ist, um die ganze Geschichte zu hören.

Ich zucke mit den Achseln und drehe auf ihrem Bürostuhl hin und her. Nun, sage ich, einen Moment sah es kritisch aus. Einen Moment dachte ich, das Rhinozeros hätte mich gekriegt. Und ich kann dir versichern, was man sagt ist wahr. Unter all den Tonnen atmet es sich schlecht.

Ich warte darauf, dass sie ‚Na hört mal’ sagt, stattdessen aber zuckt sie nur mit den Achseln. Wenn du meinst, sagt sie, als wüsste sie es besser.

Ich meine, sage ich und mache mir nichts weiter daraus und tanze einen kleinen Tanz als ich aus ihrem Zimmer gehe, denn ich bin so leicht, dass ich mich bewegen muss.

 

 

Biographie: Katharina Hartwell

Jahrgang 1984. Seit 2003 Studium der Anglistik und Amerikanistik in Frankfurt. 2006 Preisträgerin des „Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen“. Zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, zuletzt in "Quietschblanke Tage, spiegelglatte Nächte – Großstadtgeschichten", hg. von Katharina Bendixen, Leipzig 2008.