34/ Prosa: Bei Schnee I & II, Klaus Stadtmüller

 

 

 

 

Klaus Stadtmüller
BEI SCHNEE I

 

Es schneite und Adelheid fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, dass sie bei dieser Dunkelheit mit dem Fahrrad den Heimweg antreten sollte. Aber das war Teil des Plans, da half kein Jammern. Sie schob die Gardine beiseite. Es schneite ununterbrochen und das war gut so. Der Schnee würde die feine Spur der Fahrradreifen zudecken, als hätte nie jemand von außen das Haus betreten, geschweige denn es verlassen. Die Heizkörper waren noch warm. Dennoch fror sie in ihren Wollhandschuhen in Erwartung der Kälte. Sie hatte sich die Situation bis ins Kleinste ausgemalt. Nun war sie nicht eigentlich erleichtert, sondern erstaunt, wie gefasst sie im Grunde war, und auch gewiss, nichts falsch gemacht zu haben. Sie, die halbe Portion, wie er immer gesagt hatte, diejenige, die keiner Fliege etwas zuleide tun konnte, hatte zugeschlagen, mit aller Kraft und immer wieder bis es vorüber war. Die ganze unbändige Wut, die ihren Entschluss bestimmt hatte, war mit einmal vorbei. Nur noch der bloße Wille, zu funktionieren, es zu Ende zu bringen, war in diesem Moment übrig geblieben. Ob es lange gedauert hatte, konnte sie jetzt nicht mehr sagen. Genau so hatte sie es sich vorgestellt und genau so hatte er es verdient. Da war sie sich sicher. Es war nicht einmal so sehr die andere Frau, die mal ihre Freundin gewesen war. Schließlich hatten sie da schon fast ein halbes Jahr lang getrennt gelebt, sie in der Stadt und er hier am Waldrand in dem Haus, das sie jahrelang gemeinsam bewohnt hatten, zuerst durchaus glücklich. Die Fotos von den Kindern und sogar die von ihren Eltern, seinen Schwiegereltern, standen noch am gleichen Platz im Regal. Merkwürdig, kam es ihr in den Sinn, dass die Neue die nicht weggeräumt hatte. Sie fand es geschmacklos. Aber den Gang durchs Haus auf der Suche nach Veränderungen ersparte sie sich. Sie überzeugte sich, dass es weiterhin schneite. Nein, es war danach diese zufällige Begegnung im Schuhgeschäft gewesen, wo sie schon saß, in Strümpfen zum Anprobieren, während er mit der aufgetakelten Neuen hereinkam. „Guck diese, Schatz...“, bis er sie da sitzen sah, kaum verhoffte und mit jovialer Impertinenz lauthals loslegte: „Darf ich die Damen miteinander bekannt machen: Meine Angetraute Adelheid, meine Geliebte Rosemarie.“ Genau so. Das „Danke, wir kennen einander“ war ihr im Halse stecken geblieben. Nun, da sie es getan hatte, empfand sie die Erniedrigung beinahe als willkommenen Anlass, es ihm heimzuzahlen. Quitt, sagte sie bei sich, nun sind wir quitt, mein Lieber. Als sie die Haustür von außen zuzog, fiel der Schnee noch in dichten Flocken. Sie stieg aufs Fahrrad und stellte sich vor, wie sie Franz vorfänden, seinen über alles geliebten Jagdhund, wenn er mit der Neuen nach Hause käme.

 

 BEI SCHNEE II
 

„Da ist noch der kleine Karton mit deinen Sachen. Und die Pelzjacke. Du wirst sie brauchen bei diesem Wetter. Und morgen Abend bin ich zu Hause. Ja, allein...Nur das letzte Stücke durch die Tannenschonung ist etwas vereist, aber ohne weiteres passierbar.“

Mit dem Anruf gestern hatte er sie herlocken wollen in das Haus am Waldrand, das ihr gemeinsames Heim war, bis sie vor gut sechs Monaten ausgezogen war, Knall auf Fall.

Sicher, es hatte immer mal wieder Auseinandersetzungen gegeben, gelegentlich auch heftige. Allerlei Hässlichkeiten und Verletzendes hatten sie einander an den Kopf geworfen, Adelheid vor allem, fand er. Aber gerade als sie ihren Entschluss verkündet hatte, war kein Streit vorausgegangen. Sie werde besser allein leben. Erst später hatte er erfahren, dass „allein“ nur hieß, ohne ihn, aber meist mit diesem Anderen, dem Flotten.

Er blickte zum wiederholten Mal zur Uhr. Gegen sechs, hatte sie am Telefon zugestimmt. Das wäre vor über einer Stunde gewesen. Draußen nur Schneetreiben und niemand in Sicht. Mit dem Fahrrad wollte sie kommen, bei diesem Schnee. Aber ihm war's nur Recht. Bei der Witterung und mit dem Fahrrad da konnte so Manches passieren. Wie leicht rutschte einem auf dem Eis das Rad weg. Ein Fall, den Arm gebrochen, ein Bein, eine Rippe vielleicht. Hier draußen kam keiner vorbei, der hätte helfen können. Nicht, dass er so etwas einkalkuliert hätte. Aber es wäre eine Möglichkeit. Er zündete sich eine zweite Pfeife an. Du stinkst, hatte sie gesagt, auch das. Vermutlich war der flotte Bubi Nichtraucher und Sportler, Tänzer dazu. Als Anlageberater nicht ausgeschlossen. Ja, er hatte sich erkundigt. Sechzehn Jahre jünger als sie. Das wusste Rosemarie, ihre frühere Vertraute, mit der er sich seither ziemlich angefreundet hatte. Zwanzig nach acht und es schneite unaufhörlich. Könnte natürlich sein, dass sie sich anders entschieden hatte. Andererseits würde sie nicht kneifen wollen, Adelheid nicht. Wenn sie jetzt noch käme und geschäftsmäßig ihre Sachen verlangte, würde er ihr einen heißen Tee anbieten „nach der Fahrt durch die Kälte. Oder wartet Bastian, dein jugendlicher Lover?“ „Lass das. Das geht dich nichts an“, würde sie wahrscheinlich schnappen. Dennoch würde sie in Erfahrung bringen wollen, wie viel er wisse, und den Tee akzeptieren, nur eine Tasse. Eben die eine Tasse, die er so sorgfältig für sie vorbereitet hatte und die sich in Farbe und Geschmack nicht von herkömmlichem Tee unterschied. Die Kerze im Stövchen war noch nicht völlig heruntergebrannt. Aber nun, fast dreieinhalb Stunden später, würde sie nicht mehr kommen, nicht bei diesem Wetter. Irgendwo unterwegs musste sie bewusstlos neben dem Fahrrad in einer Schneewehe liegen. Vom Schicksal entlastet, schloss er die Rollläden, löschte das Licht und ging zu Bett.

 

Biographie: Klaus Stadtmüller
Geb. 1941, Redaktionsmitglied der Literaturzeitschrift "die horen". Veröffentlichte seit 1975 Mappenwerke, Lyrik sowie ein paar Bände Kurzprosa, Kinderbücher und Stempeltexte, ist Herausgeber bzw. Mitherausgeber diverser Werke, nicht zuletzt zu Kurt Schwitters, und Autor einiger Radio-Features. Seit Anfang 2002 hat er den Juristen-Beruf an den Nagel gehängt und wohnt seither im Ausland, zuerst fünf Jahre in Kapstadt/Südafrika und nun in Buenos Aires/Argentinien.