34/ Prosa: Ausrutscher, Andreas Lehmann
Andreas Lehmann
AUSRUTSCHER
Die Idee kommt ihm während der Heimfahrt. Der Zug hält auf offener Strecke, und die Stimme aus dem Lautsprecher bittet um Geduld und Verständnis. „Betriebsstörung“ heißt es und „auf unbestimmte Zeit“. Er ruft zu Hause an, um die Floskeln weiterzugeben, und wie immer findet er dabei, dass er wie ein Mann klingt, dem keine guten Ausreden einfallen.
Diesmal ist Ann nicht zu Hause. Er hinterlässt seinen Spruch auf dem Anrufbeantworter (seine eigene Stimme hat ihn darum gebeten), und noch während er spricht, kommt ihm der Gedanke: Hat Ann sich ihn schon einmal als einen dieser leichtfertigen Männer vorgestellt, dem sich zu viele Gelegenheiten bieten? Hat sie ihm je misstraut, wenn er tagelang unterwegs war? Die Frage amüsiert ihn, aber es irritiert ihn auch, sie nicht beantworten zu können. Für einen Moment denkt er an Ann wie an eine Fremde.
Als der Zug endlich im Bahnhof hält, geht er zunächst in eine Drogerie und sprüht sich aus einem Tester etwas Frauenparfüm auf sein Hemd. Er sieht sich um wie ein Dieb, als er die Flasche ins Regal zurückstellt, und auf dem Weg hinaus steigt ihm der fremde, süße Geruch in die Nase.
Draußen kauft er schnell noch einen großen Strauß Blumen und fährt dann nach Hause. Als das Taxi an der Straße hält und er das Licht im Wohnzimmer brennen sieht, wird er unsicher. Vielleicht ist es doch eine unsinnige Idee, dieses Spiel zu spielen; wer weiß schon, wie Ann reagieren wird. Doch er redet sich die Zweifel aus (ein Spiel ist es, gibt er sich Recht, nichts weiter), gibt dem Fahrer ein viel zu hohes Trinkgeld und reicht ihm sogar die Hand zur Verabschiedung. Der Wagen fährt mit quietschenden Reifen davon.
Um die Zweifel gar nicht erst erneut aufkommen zu lassen, geht er schnell in die Offensive. Nach einigem Vorgeplänkel – das übliche „Wie war die Fahrt?“ und „Die Blumen sind für dich, mein Schatz“ – sagt er: „Ich muss dir etwas sagen. Ich muss mit dir reden, Ann.“ Er sieht ihr nicht in die Augen, und er weiß, dass er seine Rolle gut spielt. Anns Skepsis, ihre lauernde Furcht, ist förmlich greifbar.
Die Szene, die entsteht, ist fürchterlich. Anns Blick bricht ihm das Herz, und nur die Aussicht auf ihr erleichtertes Gelächter, das sicher seinem Geständnis folgen wird, dass es in Wahrheit nichts zu gestehen gibt, lässt ihn durchhalten. Ann wird blass, in ihren Augen ist Wut, Schreck, Enttäuschung, alles auf einmal, und sie bringt kein Wort hervor. Entweder riecht sie das Parfüm oder sie fängt an zu weinen, er weiß es nicht, denn im selben Moment dreht sie sich um, lässt ihr Weinglas auf den Boden fallen und rennt hinaus. Sie schlägt die Tür hinter sich zu und stürzt die Treppe hinauf. Er erkennt am Geräusch der Tür, dass sie ins Bad geht, und er lauscht so konzentriert, dass er sogar hört, wie der Schlüssel im Schloss herumgedreht wird. Er bleibt allein im Wohnzimmer zurück, für einen Moment ist er völlig ratlos. Einige Zeit vergeht, bevor er einen klaren Gedanken fassen kann. Dann erst holt er einen Lappen und wischt den Rotwein vom Parkett. Ein Spiel, sagt er sich und schließt seine Augen. Es ist alles nur ein Spiel.
Wenig später kommt sie zurück nach unten. Ihre Augen sind gerötet. Er will sofort anfangen, sich zu erklären, doch sie lässt ihn nicht.
„Nein“, sagt sie, nicht laut, aber so bestimmt, dass er augenblicklich gehorcht. „Nein“, wiederholt sie, und dann fängt sie an zu erzählen: „Ich bin froh, dass du so ehrlich bist. Es tut weh, aber es ist besser so.“
Er unterbricht sie nicht. Auch sie macht ihm ein Geständnis, es ist ungeheuerlich. Auch sie sei nicht die Frau, für die er sie wahrscheinlich halte, gehalten habe über all die Jahre. Auch sie habe ihn betrogen, einmal nur, vor beinahe sieben Jahren, aber seither lebe sie mit dieser Schuld. Auch sie habe es nicht gewollt damals, auch sie – so setzt sie ihre Beichte fort, und sie erspart ihm kein Detail. Ausrutscher, dieses Wort gebraucht sie, und es klingt nicht nach einer Ausrede.
Er spürt zunächst, wie ihm übel wird, dann steigert sich seine Fassungslosigkeit so weit, bis er am Ende wieder ganz ruhig ist. Alles, das er zustande bringt, ist ein Kopfschütteln und dann die leise gesprochenen Worte: „Es ist nicht wahr, Ann, es ist nicht wahr.“
„Doch“, sagt sie und geht einen Schritt auf ihn zu. Die Wut scheint verglimmt, was bleibt, ist offenkundig Bedauern. „Doch“, sagt sie noch einmal, und dann ergreift er endlich das Wort.
Er macht es so kurz wie möglich, seine Stimme ist schwach und sein Hals ganz plötzlich rau. „Ann“, sagt er, „es war doch alles nur ein Spiel.“ Er möchte laut werden, doch es gelingt ihm nicht. In wenigen Sätzen sagt er, was zu sagen ist, dann sieht er sie an und schüttelt den Kopf.
Sie wird blass, dann rot im Gesicht, ihre Augen werden kleiner und füllen sich mit Wasser. Doch sie beißt die Zähne aufeinander, und keine einzige Träne läuft über ihre Wange. Still geht sie hinaus.
Eine halbe Stunde später hat sie einen Rucksack gepackt – er ist klein, viel kann nicht darin sein – und steht in ihrer Jacke in der Tür. „Hauke“, beginnt sie, zuckt dann bloß mit den Schultern und dreht sich um. Ein Spiel, denkt er noch einmal, als die Tür ins Schloss fällt und er alleine im Flur steht. Die Wohnung ist auf einmal stumm.
Später am Abend erst denkt er darüber nach, mit wem er den imaginären Seitensprung überhaupt begangen haben könnte. Gerne begangen hätte. Er holt sich ein Bier aus dem Kühlschrank und geht in Gedanken ein paar Namen durch. Mechanisch zunächst, dann fängt es an, ihm Freude zu machen.
Er holt sogar sein Adressbuch (ein Spiel, denkt er, ein Spiel) und blättert es Seite für Seite durch. Und einmal ist er kurz davor, zum Telefon zu greifen.
Biographie: Andreas Lehmann
Geboren vor 31 Jahren in Marburg, lebt heute in Mainz. Bislang Publikation von Gedichten und Erzählungen in Anthologien und Zeitschriften, u.a. in "sprachgebunden", "Entwürfe" und "Der Verstärker". 3. Platz beim Literaturförderpreis der Stadt Mainz 2007.