69/LitArenaVIII/Heftkünsterlin: Linda Partaj

Anlässlich der gemeinsamen Ausstellung „Frauen, die auf Männer schauen“ im Juni im DOK Stadtmuseum St.P. kam Eva Riebler ins Gespräch mit Linda Partaj aus St.Pölten.

 

Dein Vater unterrichtete Bildnerische Erziehung im BORG, in der Schule, in der Du maturiertest. Inwieweit hatte er Einfluss auf Deinen künstlerischen Lebensweg?

Die Begeisterung für Kunst wurde natürlich durch meinen Papa sehr früh geweckt.  Vieles, was ich von ihm im Laufe der Jahre gelernt habe, beeinflusst mit Sicherheit auch grundsätzlich meinen Zugang zu Kunst & Kultur und in weiterer Folge auch meinen künstlerischen Ausdruck. Auch von dem ganz besonderen fotografischen Blick meiner Mama habe ich viel gelernt. In ihren Fotos steckt unfassbar viel Inspiration für mich. Grundsätzlich sind meine Eltern, was meine Arbeiten anbelangt, fördernd und kritisch zugleich, was meiner Meinung nach eine gesunde Balance ist.

 

Seit Deinem 20. Lebensjahr studierst Du „Kunst und kommunikative Praxis“ an der Angewandten in Wien und beteiligtest Dich an einer Ausstellung zu diesem Thema in Villach. Ist für Dich Kunst bereits Kommunikation?

Ich denke, Kunst ist immer Kommunikation, sobald sie betrachtet wird. Durch den persönlichen künstlerischen Ausdruck ist es wie eine eigene Sprache, welche man entwickelt. Die Bildsprache ist aber verständlicherweise mal verschlüsselter, mal verständlicher. Ich denke, das ist auch eine Frage von Geschmack, Bezug und Zugang, aber auch ein Thema des kulturellen Verständnisses.

 

Hat Kunst Unterhaltungswert? Ist sie ein Konsumprodukt?

Kunst kann sehr unterhaltsam sein und das gefällt mir auch, wenn Ironie und Witz darin steckt. Unterhaltsam auf eine andere Art und Weise ist es aber doch genauso wenn es dich berührt, in dem es irritiert, erstaunt, Fragen aufwirft,  dich traurig stimmt, erfreut, verärgert oder auch verstört. Ich finde, Kunst unterhält insofern, weil es dir auf so unterschiedlicher Art nahe gehen kann.
Als Konsumprodukt würde ich sie auf jeden Fall auch bezeichnen, obwohl das Wort keinen guten Beigeschmack hat, aber Kunst wird natürlich konsumiert, vorrangig weil sie schlicht und einfach betrachtet wird. Sicher wird Kunst oft allein deshalb produziert, um konsumiert und vor allem verkauft zu werden und in weiterer Folge irgendwann als Wertanlage gehandelt zu werden. Das ist Teil des Kunstmarkts. 

 

Soll St. Pölten sich als „Europäische Kulturhauptstadt 2024“ bewerben?

Ich finde es gut und wichtig, dass sich St.Pölten als Kulturhauptstadt bewirbt. Die Stadt hat viel Potenzial, aber auch noch einige Lücken. Ich wohne zwar schon seit einigen Jahren in Wien um zu studieren, komme aber gerne und oft nach Hause und schätze sehr vieles an St.Pölten. Ich weiß nicht, warum man gegen die Bewerbung sein sollte, denn ganz unabhängig vom Ergebnis, kann die Stadt doch nur davon profitieren. Das Engagement und die Motivation mit welcher dieses „Projekt” angegangen wird, bringen viele Ideen und Umsetzungen mit sich- somit sehe ich darin eine wichtige Dynamik und auch ein starkes Fundament für die Zukunft der Stadt!

 

Wie politisch ist Deine Kunst? Welches sind Deine Anliegen?

Ich befasse mich oft mit der irrsinnigen Reizüberflutung der heutigen Zeit, welche einem einen kompletten Overload an den Kopf wirft, mit dem man tagtäglich konfrontiert wird, egal ob im Internet, im Fernsehen oder auf der Straße. Eine Bilderflut, welche auf uns niederbrasselt. Ich finde, dass man für sich selbst ein Ventil finden muss, um diesen Wahnsinn zu filtern. Ich mache das durch Zeichnungen oder Malerei, in dem ich meine subjektive Wahrnehmung reflektiere und der medialen Reizüberflutung kritisch gegenüberstehe. Das, was dabei rauskommt, ist ein Bruchteil dieser Fülle. Die Malerei entschleunigt und hält fest, was in Realität oft nur mehr oberflächlich und kurzlebig überflogen wird. Das sind für mich Prozesse, welche wohl eher den gesellschaftskritischen Teil meiner Arbeit ausmachen.

 

Wie ist das Verhältnis von Anliegen und Durchsetzung?

Wenn Du das Verhältnis von Vorstellung und Umsetzung meinst, würde ich sagen, je konkreter meine Bilder im Kopf sind, ich Komposition und Skizzen anfertige, umso präziser wird natürlich die Umsetzung. Um aber intuitiver und spontaner zu arbeiten, braucht es eine andere Haltung. Die eigene Erwartungshaltung muss man manchmal etwas zurückschrauben, um Neues zuzulassen und auszuprobieren. Manchmal braucht`s eben auch gar keine Anliegen oder Vorstellungen, sondern nur den Prozess des Tuns.

 

Rollenspiel und Kunst: Wie siehst Du es, wenn ein Künstler sich stets in eine bestimmte Rolle oder ein künstlerisches Outfit zwängt? (Kopfbedeckung von Ernst Fuchs …?)

Bei solch Markenzeichen, welche ja auch sehr extrem sein können, geht es eher um eine Inszenierung der Person als Künstler. Erfolgreich verkaufte Kunst kommt von Künstlern, die wie eine Marke funktionieren und einen unverwechselbaren Wiedererkennungswert haben. Dieser kann in den Werken des Künstlers liegen oder in dessen Person.
Um heute aufzufallen, muss der Künstler extremere Wege gehen als seine Vorgänger, darum denke ich, wird das Corporate Design als Inszenierung und Abgrenzung immer präsenter. Ich stehe dem dahingehend eher skeptisch gegenüber, da dies am ersten Blick zwar mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht, aber in Wahrheit auch von der eigenen künstlerischen Arbeit gleichzeitig ablenkt.

 

Ist eine äußerliche Zuordnung, Markenzeichen etc. wichtig/von Vorteil?)

Zwecks Wiedererkennungswert und Vermarktung wohl von Vorteil, da der Kunstmarkt mittlerweile sehr stark nach solchen Prinzipien funktioniert, aber wie gesagt, Fokus ist in solch Fällen die Person als Kunstfigur und nicht die Qualität der Arbeiten.

 

Dein Logo-Pickerl (siehe Seite 4) sieht wie ein budda-ähnliches Baby mit Palmzweigen statt Haaren am Kopf aus. Da denke ich an Chagall. Woran dachtest Du?

Ich verwende gerne verschiedene Dinge, die ich aus dem Kontext reiße und neu kombiniere. In dem Fall ist es ein altes Portrait von meiner Schwester, als kleines Bébé und ihr wachsen statt Haare Palmenblätter aus dem Kopf. Ich dachte auch an einen schönen, alten Blumentopf - ein Kopf aus Ton, welchen wir, seit ich denken kann, zuhause stehen haben. Oft sind es Kindheitserinnerungen oder auch altes Fotomaterial, woraus dann eigene, neue Bilder im Kopf entstehen, welche ich dann zeichnerisch oder malerisch umsetze. Außerdem gehören Mensch und Natur zusammen, zurück zum Ursprung, das frischgeborene Menschenkind und die Natur in ihm, die muss bewahrt werden.

 

Wieweit ist „Try and Error“, so hieß Deine Ausstellung 2015 in Amsterdam, ein Arbeitsweg/Arbeitsprogramm bei Deiner grafischen oder malerischen Tätigkeit?

Eigentlich spielt diese Haltung jedes Mal aufs Neue eine Rolle. Vor allem wenn ich eher prozessorientiert statt resultatorientiert arbeite. Das Scheitern ist oft Thema und ein schwieriger aber ganz wichtiger Punkt, an dem man häufig ansteht. Ohne den Versuch, das Experiment und das Scheitern kann man sich auch schwer weiterentwickeln. Manchmal braucht es aber auch eine Zeit, bis man Fehlversuche oder neue Herangehensweisen, ob technisch oder thematisch, für sich annehmen und damit arbeiten kann!

 

Du hast sehr oft Köpfe als Thema. Sie fließen ineinander statt hinter- oder nebeneinander angeordnet zu sein. Was ist der Gedanke dabei/dahinter?

Gesichter können sehr viel Ausdruck vermitteln. Auch wenn es oftmals eher leere Gesichtsausdrücke sind- trotzdem sind sie oft eine schöne Projektionsfläche für Emotionen des Betrachters. Das übereinander gelegte Spiel vieler meiner Figuren sehe ich vor allem als Form, die Konstellationen zwischen Menschen zu verbildlichen oder erst selbst zu verstehen.

Thematisch sind die Überschneidung auch ein wichtiger Aspekt, da sie in meinen Arbeiten als Schnittstellen auftreten, meistens eben zwischen zweien oder mehreren Figuren. Diese Überlagerung sehe ich im übertragenen Sinn auch als das Zwischenmenschliche. Die Summe der einzelnen Teile umfasst ein breites, oft sehr persönliches Spektrum.

 

Siehst Du Dich als eine gute Beobachterin und machst daher Momentaufnahmen von Menschen/ Gesichtern?

Ich beobachte gern und viel. Ja, meine Bilder sind meist gefühlte Momentaufnahmen und transportieren für mich Stimmungen, Zustände, Gefühle und Umstände. Oft wird Erlebtes auf Figuren projiziert, ohne konkret eine bestimmte Person darstellen zu wollen. Für mich steht also nicht der Wiedererkennungswert der Figuren im Vordergrund, sondern ich sehe die Figuren eher als Darsteller und Allegorien des Lebens.

 

Dazu finde ich den Witz, der in der Broschüre der Ausstellung „Frauen, die auf Männer schauen“ nach Deiner Biografie abgedruckt ist, über die 3 Bratheringe auf einem Baum sitzend herrlich „saßen 3 Bratheringe auf einem Baum und kämmten sich. Flog ein Pferd vorbei- sagte der eine Brathering: „Ich wär` gern ein Pferd, dann könnt` ich fliegen“. Sagte der zweite Brathering: „Ich wär` gern zwei Pferde, dann könnt` ich hinter mir herfliegen.“ Daraufhin meldete sich der dritte zu Wort: „Ich wär` gern drei Pferde, dann könnt ich seh`n, wie ich hinter mir herfliege.“

Ist er von Dir? Heißt Dein Bild aus der Ausstellung 2017 im Stadtmuseum St. Pölten deshalb „Drei Bratheringe“? (Die Menschen am Bild sehen sich nicht gegenseitig, aber der Betrachter hat ein Spektrum an Gesichtsansichten und –drehungen vor sich.)

Dieser schöne Spruch ist nicht von mir, ich hatte ihn nur grob aus meiner Kindheit in Erinnerung und habe nie herausgefunden, von wem er stammt. Jedenfalls habe ich ihn passend gefunden zu meinen zwei Bildern, welche ich für diese Ausstellung im Stadtmuseum gemalt habe. Ich wollte das Thema nicht genderspezifisch behandeln, sondern habe mich auf die Betrachtung des Menschen im Allgemeinen bezogen. Ich zeige nicht nur eine Person, welche ich eigentlich beobachte, sondern es wurde zu einer Symbiose mehrerer Figuren. Ich finde, vor allem die Körpersprache, die Mimik und die Interaktion mit den Menschen im Umfeld  gibt Aufschluss, wie ein Mensch ist. 

Welche Perspektive man im Betrachten der Bilder und der Charaktere auch einnimmt, man befindet sich auf Identitätssuche. Ein spannender Moment ist es, Personen zu beobachten, welche sich selbst als passive Betrachter verstehen. Wird man als Beobachter selbst beobachtet, spannt sich der Kreis immer weiter. In diesem Zusammenhang musste ich oft an die drei Bratheringe denken, außerdem wäre ich auch gern ein Pferd, dann könnt ich fliegen…

 

Danke, liebe Linda, ich wünsche Dir viel Erfolg bei Deiner nächsten Ausstellung im Hyppolit Haus St.P., die leider am selben Tag, dem 10.10.2017 wie die Präsentation des Heftes „etcetera“ ist. 

 

 

Linda Partaj

Geb.1992 in Tulln, wohnhaft in St. Pölten. 2010-11: Auslandsaufenthalt in Bordeaux, Frankreich, seit 2012 Studium ´Kunst und kommunikative Praxis´ und ´Design, Architecture and Environment´unter der Leitung von Prof. Barbara Putz- Plecko an der Universität für angewandte Kunst, Wien.

Seit 2015 in der Klasse ´Gegenständliche Malerei´ unter der Leitung von Prof. Kirsi Mikkola an der Akademie der bildenden Künste, Wien. www.lindapartaj.at

 

 

Letzte Ausstellungen:

April 2017: Gruppenausstellung, Stadtmuseum, St.Pölten

März 2017: „Frauenbilder”, Redpoint, St.Pölten

Jän. 2017: „Rundgang” der Akademie der bildenden Künste, Wien

Dez. 2016: „Kunst als kommunikative Praxis” Gruppenausstellung mit Studierenden der Universität für angewandte Kunst, Galerie Freihausgasse, Villach

Nov. 2016: „ÜBER EINANDER”Einzelausstellung, Lames / SWK, St.Pölten

Okt. 2016: „150 Years of Spin” Gruppenausstellung, Weselyhaus, St.Pölten

Aug. 2016: „Babylove” Druckgrafik, Gruppenausstellung, Hohe Festung, Salzburg

Nov. 2016 : „10071986” Gruppenausstellung, Kunst:werk, St.Pölten

März. 2016 : „Kunst und Käse” Gruppenausstellung, Galerie „die Schöne”, Wien

Jän. 2016 : „Rundgang” der Akademie der bildenden Künste, Wien

Dez. 2015 : „Signed and Numbered”, Druckgrafik, Jan Arnold Gallery, MQ , Wien

März 2015 : „Try and Error” Grafiken, „Home of Art”, Amsterdam, Holland