54/blind/Portrait: Gottfried Helnwein, das Phänomen

Gertraud Artner

Gottfried Helnwein, das Phänomen

Gottfried Helnwein ist ein äußerst populärer Maler, hierzulande vielleicht der populärste. Allein der enorme Besucherandrang bei der heurigen Retrospektive, die ihm von der Albertina anlässlich seines 65. Geburtstages in seiner Heimatstadt Wien ausgerichtet wurde, stellte seine hohe Bekanntheit/Beliebtheit unter Beweis. Das Echo in den Printmedien und im Fernsehen war gewaltig. Die Ausstellung selbst wurde in den höchsten Tönen gelobt, einfach überwältigend. 1)
Was für ein krasser Gegensatz zu den Anfängen in den frühen 70er Jahren mussten noch seine Präsentationen wegen heftiger Proteste abgebrochen werden. Unbekannte klebten Etiketten mit der Aufschrift „entartete Kunst“ auf Helnweins Bilder, einige Werke wurden sogar aufgrund ihres angeblich pornografischen Inhalts von der Gendarmerie beschlagnahmt. Helnwein war d e r Aufreger, der Schockmaler schlechthin. Als Rudolf Hausner seinen Lieblingsschüler an der Akademie für Bildende Künste als seinen Nachfolger für die Leitung der Meisterklasse für Malerei vorschlug, wurde dieses Ansinnen vom Rektor und einem großen Teil der Professorenschaft zurückgewiesen.

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Gottfried Helnwein Selbstporträt ( BLACKOUT ), 1982 Christian Baha, Zürich © VBK, Wien, 2013

 

Zu dieser Zeit (1985) lief übrigens bereits die zweite Einzelausstellung des Künstlers in der Albertina.
Rückblickend stellt sich die Frage, was war das Besondere an Helnweins Bilder, das eine derart aggressive Empörung in der Öffentlichkeit auslöste, das „Volksempfinden“ so abgrundtief verletzte. Natürlich liegt es auch an seinem Grundthema Gewalt, noch dazu Gewalt (und das ist immer auch Missbrauch) an Kindern. Mit wenigen Ausnahmen sind es kleine Mädchen, die hier verletzt, verstümmelt, mit irgendwelchen Geräten malträtiert werden. Was das Schreckliche allerdings zur monströsen Bedrohung wachsen lässt, ist Helnweins handwerkliche Perfektion. Da gibt es für den Betrachter keine Ausflüchte in Richtung „Das ist mir zu abstrakt.“ oder „Der kann ja nix.“. Seine akribische Malweise, der fotografische Realismus fasziniert, zieht den Blick wie ein Magnet nahe ans Bild, um ihn dann umso härter und verstörender mit den Inhalten zu konfrontieren. Dieser Hyperrealismus ist unmissverständlich und hält den Generationen, die sich in die Verdrängung flüchten wollten, gnadenlos den Spiegel vor. Die mühsam aufgebaute Idylle von der heilen Familie, vom makellosen Schoß der Kirche bis hin zur Opferrolle Österreichs in der Nazidiktatur fällt angesichts Helnweins Bilder wie ein Kartenhaus zusammen. Es ist absolut bemerkenswert, dass der Künstler mit seinen erschütternden Kinderdarstellungen quasi intuitiv die heute geführte Debatte um Misshandlungen in Kinderheimen bereits vor vier Jahrzehnten thematisiert und vorwegnahm.

Dabei ging es Helnwein nie allein um Provokation, er wollte – wie er sagt – mit den Leuten in Dialog treten. Seine Bilder sollten nicht in exklusiven und musealen Galerien behütet werden, er suchte den Weg in die Massenmedien, die Zusammenarbeit mit Zeitungen und Magazinen. In seinen performativen Selbstinszenierungen ging Helnwein buchstäblich auf die Straße. Erste Aktionen im öffentlichen Raum Wiens fallen in die 70er Jahre. Mit bandagiertem Kopf, verbundenen Augen stellte/legte er sich auf den Asphalt („Hallo Dulder“ 1973, „Allzeit bereit“ 1976) – ein Versehrter, Kriegsversehrter, der die Reaktion der Passanten herausfordert. Die Selbstinszenierungen des gepeinigten Körpers rücken ihn scheinbar in die Nähe des Wiener Aktionismus, doch blieb Helnwein ein Einzelgänger, seinem spezifischen Anliegen verpflichtet.

Als Initialzündung seiner gesellschaftlichen Politisierung nennt er selbst den Holocaust und dessen jahrzehntelange Verdrängung. Als der renommierte österreichische Gerichtspsychiater Dr. Heinrich Gross über seine Tätigkeit in der Kinderklinik Am Spiegelgrund während der NS-Zeit in einem Interview 1979 meinte, die Kinder seien nicht durch Injektionen umgebracht worden, es sei ihnen lediglich Gift ins Essen gemischt worden, reagierte Helnwein umgehend. Er malte das Aquarell „Unwertes Leben“, brachte es im „profil“ zur Veröffentlichung und initiierte damit eine breite Diskussion über die Vergangenheit des NS-Arztes Dr. Gross.

Großes Aufsehen erregte Helnwein auch mit seiner Plakatinstallation „Neunter November Nacht“ 1988 in Köln. Zum 50jährigen Gedenken der Reichskristallnacht waren auf einer 100 Meter langen Bilderwand unter der Ankündigung „Selektion“ 17 Portraits von in Deutschland lebenden Kindern zu sehen. Entsetzen und Empörung unter der Bevölkerung waren die Folge, Vandalen schlitzten den Kinderportraits die Kehle durch.
Die Auseinandersetzung mit der NS-Ideologie zieht sich wie ein roter Faden durch sein gesamtes Werk. Wie Untote tauchen sie immer wieder auf, die Gespenster der Vergangenheit. Zuletzt 2013 in „Epiphanie (Anbetung der Könige 3)“, wo die christliche Ikonografie in einen nationalsozialistischen Kontext gestellt wird. Auch der Führer selbst kommt immer wieder ins Bild: Hitler mit kleinen Mädchen an der Hand (Ohne Titel,1988), Hitler mit Micky Mouse (Ohne Titel,2012). Der surrealistische Zugang Helnweins – die Verbindung von Gegensätzlichem- ist offensichtlich, wie auch später etwa in der Verbindung von Manga-Figuren und Kriegsfotografie.

Helnweins Malerei ist ohne Portraits undenkbar. Da gibt es die vielen Abbildungen seiner Kinder, meist Anna in der Opferrolle, die zahlreichen Selbstportraits mit bandagiertem Kopf und durch chirurgische Instrumente entstellt. Zum internationalen Durchbruch verhalf ihm das „Selbstprotrait als Schreiender, Geblendeter“, das 1982 als Titelbild des Zeit Magazins und im selben Jahr als Cover der LP „Blackout“ der deutschen Rockband Scorpions veröffentlicht wurde. Oft werden die Grenzen von Malerei und Fotografie überschritten/aufgelöst. Eine Fotoserie über Ikonen der Pop-Kultur manifestiert seine tiefe Affinität zur kulturellen Revolution der 60er Jahre. Demgegenüber sind die „48 Portraits“ als singuläres Ereignis einzustufen, zugleich aber ein faszinierendes Beispiel für Helnweins Begabung, Gesellschaftskritik und Marketing synergetisch zu verbinden.

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© Foto: Gerhard Axmann

In einem Radiointerview hatte Alice Schwarzer die „48 Portraits“ (1971/72) von Gerhard Richter, überragende Gestalt und teuerster Maler der gegenwärtigen Kunstszene, kritisiert. Richter zeigte in der in Grautönen gehaltenen Bildergruppe 48 berühmte Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Kunst – ausschließlich Männer. Genau 20 Jahre später stellte Helnwein den Arbeiten von Richter seine eigenen „48 Portraits“ gegenüber. Es war eine reine Frauengruppe, in Rottönen gemalt. Die spannende Konfrontation von Richters und Helnweins Werk in der Galerie Rudolfinum in Prag kann als ein weiterer, kräftiger Karriereschub in Helnweins künstlerischer Laufbahn gewertet werden.

Nach Wien, Deutschland und Irland siedelt sich Helnwein 2002 samt Familie in Los Angeles an, wo er sich ein Atelier einrichtet. Er, der die Begegnung mit den Micky Maus-Comics als Kind wie eine Offenbarung gleich einem religiösem Erlebnis empfand und zum „Donaldisten“ wurde, lässt sich in der Heimat Carl Barks, dem genialen Zeichner und Erfinder der Donald Duck-Geschichten nieder. Zwar bleibt Helnwein bei seinem Grundthema der Gewalt, doch seine Bilder werden größer, wachsen durchdrungen von innerer Schönheit zu einer filmischen Monumentalität. Die Welthauptstadt des Films hinterlässt ihre Spuren, doch ändert die neue Umgebung nichts an Helnweins gesellschaftskritischen Anliegen. Seinen Wohnsitz in L.A. beschreibt der Künstler gern als einen Logenplatz, von dem er aus nächster Nähe die Destruktion, den Zerfall des herrschenden Systems verfolgen kann.
In „The Murmur of the Innocents“(2011) stattet er seine kindlichen Opfer mit miliärischen Uniformen und Waffen aus. Sie erinnern an jugendliche Amokläufer in US-amerikanischen Schulen und die maßlose Freizügigkeit amerikanischer Waffengesetze, aber auch an junge Selbstmord-Attentäter im Nahen Osten. In „The Disasters of War“ aus dem selben Jahr steht die Obszönität moderner Kriegsführung am Pranger, die – per Joystick ausgeführt - die Grenzen von Realität und Computerspielen auflöst.
Schon vor der Übersiedlung nach Amerika begann Helnwein sein Äußeres zu „verkleiden“, sich sozusagen als eigener Werbeträger seiner Bilder und seiner Botschaften zu präsentieren. Der verbundene Kopf und die sehbehinderten Augen wurden zu seinem Markenzeichen und sind mittlerweile fixer Bestandteil seines Auftretens in der Öffentlichkeit. Das weiße Verbandsmaterial von früher ersetzt er durch dunkelgraue Tücher, gebunden auf Piraten- oder Bikerart, dunkelgraue Brillen verhindern den Augenkontakt. Schwere Bikerringe und Kette in Silber zu ebenfalls grauschwarzem Anzug und Hemd komplettieren die Darstellung.
Es ist ein Rocker-Outfit, das an Helnweins jugendliches Ideal künstlerischer Existenz als „Mitglied der Rolling Stones“ erinnert. Die Ähnlichkeit zu Keith Richards ist wirklich frappant.
Fragen nach der Bedeutung seines Outfits wiegelt der sonst so eloquente Künstler mit einem lapidaren „Es gefällt mir einfach.“ ab. Umso lieber und mit großer Begeisterung spricht er über die kulturelle Revolution in den 60er Jahren, einer Eruption des Freiheitswillens, die sich in allem manifestiert und das Establishment in Panik versetzt habe. Dagegen führte der Weg neomarxistischer Ideologien dieser Zeit seiner Meinung nach in die Irre. „Aber im kulturellen Bereich war die Power, die wirklich etwas verändert hat..... Deshalb fürchten Diktatoren in erster Linie die Künstler und ihre revolutionäre Ästhetik, die alles penetrieren kann.“ 2) Die beispiellose, ja geradezu beängstigend erfolgreiche Vermarktung der Pop-Kultur scheint ihm nicht erwähnenswert.

So dezidiert Helnwein jegliche Gewalt ablehnt, so wenig kann er auch mit dem Begriff Macht etwas anfangen.Ihm geht es immer nur um Freiheit, das ist das höchste Gut. Auf die Niederungen der Politik will er sich eigentlich gar nicht einlassen. Dass er 2006 zum Ehrenbotschafter Niederösterreichs ernannt wurde und sogar im Personenkomitee für Erwin Pröll zu finden war, bereitet ihm aber keine Schwierigkeiten. Der Landeshauptmann sei ein großer Förderer der Künste, weiß er sich mit seinem Jugendfreund Manfred Deix, der ihn im lokalen Rahmen an Popularität noch übertrifft, einig.
Die schockierenden Bilder Helnweins haben nichts von ihrem Schrecken verloren. Dass sie heute anders aufgenommen werden als vor 40 Jahren, begründet sich in einer gesellschaftlichen Entwicklung, die gegenüber Machtmissbrauch sensibler geworden ist und dessen Verdrängung nicht mehr zulassen will. Eine Entwicklung, zu der der Maler einen eindrucksvollen Beitrag geleistet hat. Auch die begeisterte, teilweise enthusiastische Resonanz auf die große Helnwein-Retrospektive der Albertina weist in diese Richtung. Nach guter österreichischer Sitte könnte man den Künstler schon einmal als Anwärter für einen Orden vormerken. Vielleicht zum 70. Geburtstag?

1) Katalog zur Austellung: Gottfried Helnwein, Hg. Klaus Albrecht Schröder und Elsy Lahner, Albertina 2013
2) Gottfried Helnwein, Interview von David Bogner, Vice, Volume 7, Number 4

Gertraud Artner
Geb. 1948 in St. Pölten, Dr. phil., Akademie der Bildenden Künste (Meisterklasse Rudolf Hausner) und Soziologie an der Universität in Wien, Ausbildung zur Maltherapeutin, lebt in Wien und St.Pölten, in der Kunstvermittlung tätig.

Erschienen im etcetera Nr. 54 / blind / Dezember 2013