LitArena Siegertext 3. Platz - Oliver Loderer

Ein Einsamer. verlassen

Sie überwachen dich. Überwachen dein Zimmer. Begutachten jede noch so winzige Bewegung. Sie blicken in alle Ecken und sehen all deine Kanten; deine Fehler; deine Geheimnisse; hängen an allen möglichen Stellen, in unterschiedlichen Größen und Formaten, doch du nimmst sie mittlerweile gar nicht mehr wahr. Sie rühren sich nicht und du sie nicht an. Ihr vermeidet es euch gegenseitig zu betrachten. Du dachtest sie würden dein Innerstes erblicken, weil du sie auch in dir trägst, doch irgendwann erkanntest du, dass sie nur in die Leere starren, ihren Blick von dir abgewandt. Sie halten ihre Augen verschlossen, insofern ihre kleinen Köpfe nicht abgeschnitten sind, oder sie zu jenen gehören die scheinbar erblindeten. Du kannst vor ihnen fliehen, kannst sie zurücklassen, aber sie können ihren Unort nicht wechseln. Können an ihrem nicht-da-Sein nichts ändern. Sie sind die Illusion einer vergangenen Utopie. Die Sehnsucht nach Erlösung. Dein Ideal.

In der hellen Kammer, welche du bewohnst, Abbilder von ihr an allen vier Wänden. Sogar in deinem Kasten versteckt, deinen Lebensraum belagernd, wie unaufhaltsame Parasiten. Doch du hast dich schon längst daran gewöhnt. Ja, du hast sie sogar hereingebeten; hast sie willkommen geheißen.

Alles was ihr Blick streift, ist das Nichts. Es sind Punkte, die nirgendwo hinführen, aber nicht die Unendlichkeit. Beschämt blicken sie weg. Weg von dir, aber auch weg von ihren Gegenübern auf der anderen Seite des Raumes. Unangenehm berührt, von dem Wissen über das Leid und den Schmerz, welchen sie dir angetan haben und über die Gewalt, die jeder einzelne Anblick, in jedem Augenblick aufs Neue auslösen würde. Verstört sehen sie zur Seite. Starren schweren Blickes – bedruckt von einer unerträglichen Last – Löcher in den Boden oder in die Leere weißer Wände. Dort, wo sie bereits wie Verurteilte hängen und doch –Geistern gleich – nicht sterben können, eingefroren in einem zweidimensionalen Zeitrechteck. Die verzerrten Spiegelbilder sind nur Variationen ihrer Gestalt. Wesenlose Reproduktionen. Gefangen in der Zeit, gefesselt an die Vergangenheit wollen sie nur ihre  Gedanken vergessen. Vergessen wer sie sind und vergessen was sie getan haben. Aber da bist du und dort sind die Reflektionen ihres Selbst, die ihnen nur ihre vergangenen Handlungen vor Augen führen würden. Zwischen euch: eine gigantische Lücke. Du füllst sie mit Trauer – sie mit Vergessen.

Es sind kunstvolle Portraits. Akteure des Todes. Fragmente ihres Körpers. Ihre Beine, gehüllt in schwarze, halbdurchsichtige Strumpfhosen und ohne. Es ist die reinste Folter. Überall im Raum verteilt hängen ihre Glieder. Vorwiegend die schlanken, wohlgeformten Beine. Und so erscheint sie dir tatsächlich – auch in der realen Wirklichkeit – wie ein Spiegel, in unzählige Teile zersplittert. Grauenhaft, dies anzusehen. Plattgedruckt und weggesperrt in einen Rahmen. Zu jeder Handlung, jedem Versuch der Flucht – Kopf und Arme abgetrennt – unfähig. Manchmal, kaum merklich, zucken die bleichen, nackten Beinchen und hinterlassen Verwischungen und Unschärfen. Doch ohnehin, macht alles keinen Sinn. Aus dieser Welt gibt es keinen freiwilligen Ausweg.

 

Du wolltest ihr Spiegel sein

– „Ich liebe dich.“ –––––––––––––––––––––––– „Ich liebte dich auch.“

– aber bist nur ein Mensch.

Kopien von Kopien blicken in alle Richtungen, nur nicht nach vorne. In ihnen verbirgt sich ihre Unfähigkeit, der Zukunft entgegenzutreten. Eine Fülle voll Nichts. Einzig und allein die Information, was einst war und nicht mehr ist. Dokumentation der Bewegung von Zeit. Durch das Wandeln im Raum.

Doch in keinem dieser Bilder siehst du sie. Kannst sie wiedererkennen. Ihr Wesen ist verschwunden. Es sind nur noch stille Körper, leere Hüllen. Sie sind nur Bilder und sind es nicht. Nicht sie. Sie scheint nur da zu sein und auch wenn sie noch immer ist, so ist sie schon lange fort, ist nicht mehr da, ist nur noch dort, an einem anderen Ort. Und doch: Sie wohnt bei dir, wohnt in deinen Gedanken und deine Gedanken sind bei ihr. Es ist keine Einbildung. Sie ist bei dir. Am Tage ist sie ein Schatten ihrer selbst und in der Nacht die Reaktion auf einer lichtempfindlichen Schicht. Sie lebt bei dir und lebt doch nicht. Es ist ein andauerndes sterben und nicht sterben können.

Für dich ein Leben und Nicht-Leben-Wollen. Sie ist die Welt, auf der Flucht vor sich selbst. Deine Kassandra. Sie prophezeit dir den Tod, hält dir die Vergänglichkeit vor Augen, das Ende der Zukunft. Deiner Liebe verweigert sie sich, doch wehr- und wortlos, kann sie nicht verhindern von dir weggesperrt zu werden, in einen Rahmen, hinter Glas.

Du allein hast die Macht über ihr unentwegtes Fortsterben. Du kannst sie erlösen, doch du hebst sie, ihr Leben, eure Liebe, auf. Nicht als Erinnerung – sondern als kläglichen Versuch der Rückkehr. Es ist der Versuch, den Bruch einer Welle unter einer Glasglocke zu konservieren. Hinter einer erweiterten Ebene, wo sie für jeden Besucher augenscheinlich und in direktem Blickfeld verborgen liegen, hältst du sie nun, innerhalb desselben Rahmens, wie von Anfang an, versteckt. Es sind die Bilder hinter den Bildern. Das Unsichtbar-Offensichtliche.

 

––––– o –––––

 

– Und trotz alledem seid ihr mir Augen und Lichter zugleich, in der Dunkelheit einer hellen Kammer. Damit ich mich nicht fürchten muss und zuversichtlich – Rücken an Rücken zu euch – einen Weg erblicke, der sich eurer Zugänglichkeit auf ewig verweigert.


"Nun schaut nicht so. Ihr habt mich doch verlassen."

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"Man photographiert Dinge, um sie aus dem Sinn zu verscheuchen.
Meine Geschichten sind eine Art von Augenschließen."
– Franz Kafka

 

 

Oliver Loderer

Geb. 1992 in Graz,  2003-2007 Musikgynasium Dreihackengasse, 2007-2012 HTBLuVA Ortweinschule: Audiovisuelles Mediendesign-Film&Photographie, 2013 Zivildienst in Graz, 2013-2017 Studium Vergleichende Literaturwissenschaften Uni Wien, seit 2017 geringfügig beschäftigt in einer Tabaktrafik. Seit 2018 Studium MA Philisophie Universität Wien.