63/Alles Theater: Eva Riebler-Übleis im Gespräch mit der Intendantin Bettina Hering

Bettina Hering
Das Publikum hier hat keine Dünkel!

Im Landestheater führte Eva Riebler-Übleis mit der Intendantin Bettina Hering, die am Ende der Spielzeit2016 im Sommer als Festspielintendantin nach Salzburg gehen wird. Sie wurde 1960 in Zürich geboren, studierte dort Dramaturgie und Germanistik. Ist als Regisseurin und Intendantin, hier am LandestheaterNÖ seit 2012, tätig.

Seit einem Jahr ist bekannt, dass Sie mit Beginn der Intendanz von Markus Hinterhäuser ab 2017 Schauspielchefin der Salzburger Festspiele werden. Waren die Jahre Ihre Intendanz im Landestheater die richtige Spielwiese vorweg?
Jeder Einstieg ist in unterschiedlicher, diese 4 Jahre stellen eine gewisse Wegmarke dar und ich hab unglaublich viele Erfahrungen gesammelt und fühle mich nach 30 Jahren in diesem Gewerbe gut vorbereitet.

Sind Sie gleichviel engagiert bei Produktionen im großen Haus, in der Werkstattbühne oder bei Kinderproduktionen?
Jede Produktion, die hier im Haus geprobt und geplant wird hat das gleiche Augenmerk. Da unterscheide ich überhaupt nicht zwischen Kinderproduktion oder Großem Haus!

Wo liegt Ihr Herz am meisten?
Die neuen Formate zu kreieren und diese zu entwickeln ist spannend gewesen. Da gehört dazu das Bürgertheater das Klassenzimmertheater und die Personalen, die wir im Rahmen des St. Pöltner Blätterwirbels machen. Ganz neu ist auch die Zusammenarbeit mit den Schauspielschulen.

Mit welchen?
Mit dem Rainhardseminar und dem Mozarteum Salzburg, die dann jeweils mit einer Produktion hier gastieren. Wir wollen sehen, was der Nachwuchs macht oder machen will. Eine Plattform dem Nachwuchs zu bieten ist wichtig. Und die Zuschauer können sehen, was nachfolgt.


Das Bürgertheater, das Sie vor drei Jahren mit einem äußerst modernen und interessanten Bahnhofsstück „aufgleisen!“, (ein Situationsstück mit Innenschau der  am Gleis stehenden Personen) begannen, hatte sehr viel Inneres der Laienspieler hervorgebracht. Bei der Bürgerproduktion im folgenden Jahr suchten sich die Laien ebenfalls selber ihre Text. Und zwar aus 700 Seiten Horvath.
War das Ihre Idee der Regieführung?
Ja, das Bürgertheater war ein neues Format. Du
rch die Erfahrungen dreier Jahre stehen wir nun auf einem anderen Punkt als damals. Es hat sehr viel Resonanz erfahren, hier in der Stadt, dank renate Aichinger, die das wunderbar machte und macht.
Gemeinsam setzten wir auf, überlegen den Stoff, dann ist es die Sache von Renate, dann diskutieren wir weiter … vor allem bei den Endproben bin ich immer auf dem Laufenden.

Bei der Bürgerproduktion Glanzstoff im Vorjahr waren 60 Interessierte ab Februar dabei. Wie sieht es heuer aus?
Der Kern kommt wieder! Neue und bewährte Kräfte mischen die Gruppe!
Beides ist schön!

Wie überrascht waren Sie als der Nestroypreis für die dritte Bürgertheaterproduktion „Glanzstoff“ spruchreif wurde?
Wir waren schon öfter nominiert und zwar mit verschiedenen Produktionen. Dies war eine ganz besondere Produktion für und in der Stadt. Ich habe mich wahnsinnig gefreut. Vor allem dass eine Bürgertheaterproduktion gewonnen hat!

Ihr Germanistikstudium finde ich eine tolle Voraussetzung für Sie als Dramaturgien und Intendantin. Warum haben Sie als Schweizerin eine Liebe für österreichische und altösterreichische Autoren entwickelt? Ich denke da an Thomas Bernhard, Nestroy, Raimund und beim Bürgertheater an Ödön von Horvaths Geschichten aus dem Wienerwald oder an die Produktion „Kasimir“.
Ich hab immer die österreichischen Schriftsteller wie Nestroy, Raimund, Josef Roth, Mayröcker, Jandl usw. gekannt und gelesen, schon bevor ich in Zürich studierte und bevor ich in Österreich lebte… Nun bin ich 20 Jahre in Wien!

Robert Schindel schätze ich sehr. Er war bei unseren Jungliteraten-Bewerben, denen wir alle zwei Jahre unter dem Titel LitArena ein eigenes Heft widmen, ein willkommener Juror. Wie war für Sie die Zusammenarbeit mit Robert Schindel?
Ich arbeite immer noch mit ihm, ich mache immer noch die Dramaturgie für „Literatur im Nebel“, seit 10 Jahren! Da lernt man sich gut kennen und tauscht sich über Autoren und Werke aus. Wir integrieren immer jüngere zu arrivierten Autoren. Es ist uns wichtig, dass junge Autoren mitlesen, z. B. Ewald Palmetshofer, Ferdinand Schmalz und Gerhild Steinbuch u.a.

Wie setzt sich der Erfolg des Landestheaters Ihrer Meinung nach zusammen?
Ich glaube dass mehrere Ingredienzien gibt, das eine ist ein interessanter Spielplan, dann natürlich eine sehr genaue Auswahl der Teams, sprich Regie und Ausstattung, die das jeweilige Stück umsetzen sollen und ein gutes Ensemble. Vor allem ein engagiertes und konstruktiv denkendes Team, mit dam man  zusammenarbeiten kann. Jede Woche haben wir jour-fixe mit den Abteilungsleitern. Und dann brauchts ein offenes Publikum, das neugierig ist und Lust hat, sich auf Neues einzulassen!

Wie finden Sie das Publikum hier in St.P.?
Offen und neugierig und interessiert! Und das ist die tollste Voraussetzung! Es lässt sich auf vieles ein. Die Leute goutieren, dass wir genau in der Vorbereitung sind, wir uns etwas überlegen und auf höchstem Niveau produzieren.

Hat die Werkstattbühne dies vorbereitet?
Ja und durch die Gastspiele, die für St. Pölten ungewöhnlich  waren und die ein Fenster nach außen aufgemacht haben. Das Publikum hat hier keinen Dünkel!

Sie haben ein so tolles Theaterensemble aufgebaut. Wenn ich nur an Swintha Gersthofer, Pascal Groß, Jan Walter, Mario Reiser etc. denke, muss ich sagen, dass ich in jedes unbekannte oder auch ungeliebte Stück gehe, wenn diese Schauspieler am Plan stehen. Ich schätze ihre Authentizität und ihr Engagement. Sehen Sie dies mit als Erfolg des Landestheaters?
Ja. Auch Lisa Weidenmüller, Tobias Vogt ist neu gekommen und auch in diesem Jahr sind Magdalena Helmiig und Lukas Spisser.
Außerdem bemühe ich mich etwas für das Publikum zu machen. Wir haben außer dem Klassenzimmertheater, das sofort ausverkauft war, auch ein Jugendabo und ein After Work Abo eingeführt.

Durch Ihre Premierenfeiern erlebt man hautnah die Persönlichkeiten der Schauspieler und Regisseure oder Dramaturgen. Werden Sie das so bei den Salzburger Festspielen weiterführen?
In diesem Haus ist ein Ensemble, das prägt und gibt ihm ein Gesicht, während man in Salzburg ohne Ensemble, weil es ein Festival ist, arbeiten wird.

Das „Stationentheater“ erlebte ich so richtig bewusst in ihrem ersten Jahr hier beim Faust, der gleichzeitig auf der Werkstattbühne und dann im großen Haus spielte. Das Publikum wanderte…
Ja, das war eine meiner ersten Produktionen hier in St.P. Noch mal ein neuer Schritt für das Bürger- und Landestheater war die Glanzstoffproduktion, für die wir andere Spielstätten, und zwar außer Haus suchten. Und bei der heurigen Bürgerproduktion  4,0  mit dem Titel „Stadtgeschichten“ gehen wir in die Stadt hinein.

Wissen Sie schon wo gespielt werden soll?
An mehrer  Orten in der Altstadt. Wir müssen gerade die technischen Bewilligungen einholen, dann wissen wir definitiv, wo wir spielen können!

Können Sie ohne Theater leben?
Finanziell nein, ideell gesehn` möchte ich nicht ohne Theater  leben!

Haben sie die Zeit andere Theater zu besuchen um Produktionen zu sehen?
Ja, das ist wichtig! Schauspieler wie Regisseure guck ich mir  in Wien an. Seit letztem Jahr bin ich mehr in Salzburg unterwegs und werde die Reisetätigkeit  verstärken und dann zwei Wohnsitze haben müssen…

Haben Sie einen Wunsch für heuer?
Dass wir noch eine anregende und aufregende Restspielzeit vor uns haben und uns auf die  zwei Gastspiele  und uns gemeinsam freuen auf die weiteren fünf Premieren!

Danke für das Gespräch!

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63/Alles Theater: Eva Riebler-Übleis im Gespräch mit der Intendantin Bettina Hering

63/Alles Theater: Eva Riebler-Übleis im Gespräch mit der Kinderbuch- und Kindertheaterautorin Sophie Reyer

Sophie Reyer
„Kunst greift zwar nach den Sternen, wächst aber aus dem Alltag!“

Eva Riebler im Gespräch mit der Kinderbuch- (Simon und die Zitterschnecke, Lex Lieszt 2015) und Kindertheaterautorin (Anna und der Wulian) Sophie Reyer.

Neu und bewundernswert erscheint mir Ihre Vorgangsweise bei Ihrem Kindertheater „Anna und der Wulian“ im Auftrag des Theaters Bruchsal, in dem Sie sich mit den Theaterkünstlern und auch dem zukünftigen Publikum ständig rückgeschlossen haben. War dies für Sie und das Team der vielbeschäftigten Landesbühne nicht sehr aufwändig?

Tatsächlich war es ein sehr intensiver und für alle Beteiligten aufwändiger Austausch. Aber wir hatten das Glück, dass wir mit dem „nah dran“- Preis ausgezeichnet wurden und somit einen kleinen finanziellen Polster hatten. Außerdem hatte ich die Freude, dass viele liebe Menschen mir gratis geholfen haben- z.B. die Musiker von Tonverbrechung & co, die im Alleingang eine ganze Studioaufnahme mit mir erarbeitet und gemacht haben, wobei jeder für einen riesigen Aufwand nur 30 Euro bekam. Diesen Menschen ging es, ähnlich wie den Puppenspielern, um die Freude am Tun und sie haben geholfen, weil sie an mich glauben. Es war sehr bereichernd, in einer dermaßen konsumorientierten Welt diese Erfahrung zu machen.

Was ist neu an diesem Stück? Bzw. wozu beauftragte man eine Puppenspielerin aus Frankfurt am Main und die Kölner Musiker “Tonverbrecher” zur Mitarbeit?

Die Idee war, dass alle Phantasiefiguren aus den Gegenständen im Zimmer entstehen. So wird ein Teddy, den man umdreht, zu einem Hasendrachen, wird ein Lampenschirm zu einer Glasschildkröte, und die Kuscheltiere wachsen zu dem Ur, einem riesigen uralten Monster, das die Ewigkeit gepachtet hat, zusammen. Die Musiker waren meine Entscheidung, denn ich habe einzelne lyrische Texte geschrieben- jede Figur hat einen eigenen „Song“ und dazwischen gibt es dialogisches Material. Ich denke, das ist auch das Besondere an diesem Stück, dass es quasi Rezitativ und Arie für Kindertheater übersetzt.

Greifen Sie auch bei anderen Stücken direkt aus dem Alltag, wie hier, wo das Kind Anna draufkommt, dass die Mutter ein Verhältnis mit dem Hausmeister hat und nur auf später vertröstet wird. Auf Annas Frage „Warum küsst Du den?“ erhält sie ein „Ich erklär dir das später“. Damit öffnen sich beim Schlafengehen Tür und Tor für Annas (Alp-)Träume und Phantasien.

Natürlich ist bei mir jedes Material mit dem Leben verbunden. Ich habe im Rahmen dieses Stückes auch viel mit Kindern in Bruchsal gearbeitet. Einige Ideen stammen von ihnen, z.B. die Vorstellung, dass der Mond nach Käse schmeckt. Für mich ist wichtig, dass Kunst zwar nach den Sternen greift, aber aus dem Alltag wächst.

Wie kann man sich Ihre Sprach- Kreativwerkstätten, die Sie führen, vorstellen? Welche Arbeitsweise bevorzugen Sie?

Ich arbeite mit Textanalysen und Beispielen- je nachdem ob ich Drehbuch oder Schreiben mit Kindern unterrichte, natürlich unterschiedliche Formen, die ich für inspirierend und gelungen halte- anhand derer ich kreative Schreibaufgaben anleite. Die Teilnehmer verfassen dann Texte und diese werden in der Gruppe vorgetragen und diskutiert. Wichtig ist hier, dass jeder zu Wort kommen darf und jede Meinung gleich viel gilt. Gleichzeitig wird keine Ansicht mit „gut“ oder „schlecht“ bewertet, sondern die Arbeitsweise des Textes reflektiert: Was ist sein Rhythmus, was ist die Form, was erzählt er?

In Ihrem Kinderbuch „Simon und die Zitterschnecke" Lex Lieszt Verlag 2015, wird dem sterbenskranken Simon Mut eingeflösst. Geht es Ihnen bei Literatur und Theater vor allem um Lebensbewältigung?

Nein und ja. Ich finde, dass Kunst auf keinen Fall mit Therapie verwechselt werden darf. Auf der anderen Seite kommt ihr- wenn nun die Katharsis vielleicht auch im postmodernen Werk nicht ausgeführt, sondern nur angeregt ist- meiner Meinung nach schon die Funktion der Reinigung zu. Außerdem muss es eine Aufgabe der Kunst bleiben, randständige Themen, Tabuthemen zu bearbeiten, und da gehören die Bereiche der Lebensbewältigung hinzu, denn im Mainstream werden sie meist verdrängt oder abgespalten, pauschalisiert oder künstlich erhöht wie z.B. in der kastastrophenorientierten Medienberichterstattung. Mir geht es um einen menschlichen Umgang mit menschlichen Themen.

Kann man sagen, Sie wählen in Ihren Stücken und Geschichten sehr gerne den Märchenton?

Nein, eigentlich ist das eher eine Erscheinung der letzten drei Jahre. Davor habe ich mich wenig mit archetypischen Themen befasst. Aber irgendwie hatte ich mehr und mehr das Gefühl, es wäre wichtig, sich seiner Wurzeln und Traditionen bewusst zu sein, und das Erzählen von Märchen gab es ja schon in den Anfängen der Literatur.

Haben Sie da bestimmte Märchen oder AutorInnen als Vorbilder?

Nicht wirklich, ich lese sehr viel und gern. Wer mich sicher irgendwie geprägt hat war Andersen, auch Oscar Wilde`s Märchen finde ich unglaublich. Aber am Wichtigsten ist für mich ein dicker Sammelband über Mythen der gesamten Weltliteratur, da ist dermaßen viel an Poesie zu finden, dass es eine Freude ist.

In Ihrer Erzählung „La. Stimmen im Kopf“, die für dieses Heft ausgewählt wurde, trösten Sie ein mongolides Kind. Wie erfinden Sie diese kindliche Sicht auf die Dinge des Alltags? (Z.B. Wenn die Mutter im Raum ist, spürt La kleine Sterne, die sich ausbreiten…)

Das ist komplex. Zum einen habe ich in diesem konkreten Fall Zeit mit einem mongoloiden Kleinkind verbracht und einfach versucht, mich auf dessen Alltag einzulassen. Da war einfach der Fokus auf der Mutter. Die Metapher der Sterne ist meine, es ist ein Gefühl, das ich meine, bei dem Kind gefunden zu haben und für das ich meine eigenen Bilder verwendet habe. Das hat aber keinerlei Wahrheitsanspruch sondern bleibt meine Weltsicht auf die Dinge, die sich bemüht, sich selbst zu reflektieren und zuzuschauen....

Sie haben diesen Text (siehe Seite 51) schon mit Regieanweisungen versehen. Könnte er als Grundlage für ein Kindertheater vorgesehen sein?

Nein, „La“ ist kein Drehbuch, aber ich hab es mal für Theater angedacht. Bis jetzt jedoch hat sich niemand dafür interessiert, alle meinten, es sei eher ein Hörstück.....

Dann wünsche ich Ihnen weiterhin viel Glück und hoffe, dass dieser sorgsam aufbereitete Text sich zu einem Theaterstück oder Kinderbuch auswächst

Danke!


Sophie (Anna) Reyer
Geb. 1984 in Wien. Erscheinung der Lyrikbände “geh dichte” (EYE- Verlag 2005) sowie “binnen (miniaturen)” (Leykam 2010). Literaturförderungspreis der Stadt Graz 2007. 2008 Romane “vertrocknete vögel” (Leykam); “baby blue eyes” (Ritter). 2009 Uraufführung “Schneewittchenpsychose” im Theater in der Drachengasse. Manuskripte- Förderungspreis 2009 sowie Startstipendium des bmukk 2009. Seit 2009 Redaktionstätigkeit für die Grazer Literaturzeitschrift “Lichtungen” sowie Leitung der JugendLiteraturwerkstattGraz für 14 bis 19-Jährige im Literaturhaus Graz. “Master of Arts” in Komposition/ Musiktheater 2010 sowie Diplom in “Szenisch Schreiben” bei uniT 2010. Teilnahme am Stück- für- Stücke- Lehrgang am Schauspielhaus Wien 2010. 2010 Theaterexte “vogelglück” und “hundpfarrer”, S. Fischer- Verlag. Seit 2011 Studium an der Kunsthochschule für Film und Medien in Köln. 2012: Lyrikband “flug (spuren)” (Edition Keiper, Graz); Theaterstück “baumleberliebe” (S. Fischer-Verlag). 2013 Prosaband “marias. ein nekrolog” (Ritter, Klagenfurt), “die gezirpte Zeit” (Berger- Verlag). 2013 Auftrag “Nah dran” für das Kindertheaterstück “Anna und der Wulian” (badische Landesbühne) und Literaturstipendium der Stadt Graz. 2015: “lime- lab”- Preis und Lehrgangsleitungsassistentin an der Wiener Schreibpädagogik Lehrauftrag zum Thema “Performanz und Biomacht” auf der Theater- Film und Medienwissenschaft Wien.
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63/Alles Theater: Johannes Schmidt im Gespräch mit der Schauspielerin Anna Maria Eder

Anna Maria Eder
Spontane Idee

Johannes Schmidt sprach mit der St. Pöltner Schauspielerin Anna Maria Eder über ihre Erfahrungen und Interessen.

Was hat Dich bewogen Schauspielerin zu werden? Hattest Du als Schülerin die Möglichkeit einschlägige Erfahrungen zu sammeln?

Ich hatte bei all den Überlegungen zur Berufswahl nach der Matura die spontane Idee, Schauspiel zu studieren und zwar ohne zuvor einschlägige Erfahrungen im Schultheater gemacht zu haben. Was aber sicherlich eine große Rolle gespielt hat, waren die von der Schule organisierten Theaterfahrten nach Wien. Ich erinnere mich noch gut, Karlheinz Hackl als Liliom gesehen und dabei gedacht zu haben: „Da oben auf den Brettern will ich auch stehen.“ Und der Altgriechisch Unterricht, bei dem wir viel über das altgriechische Theater gelernt haben. Eine Summe diverser Erfahrungen also.

Wenn sich eine junge Frau oder ein junger Mann an Dich wendete und Dich fragte, ob es sinnvoll wäre, eine schauspielerische Karriere anzustreben, was würdest Du ihr/ihm sagen?

Ich würde jede/n unterstützen, seine/ihre Träume jedweder Art Wirklichkeit werden zu lassen. Denn das Wichtigste im Leben ist, glücklich zu sein, bei dem was man macht. Und wenn Schauspiel einen glücklich macht, dann ist es das.

Welche Aufgabe hat Deiner Meinung nach das Theater heute? Soll es unterhalten, erziehen, belehren, politisch wirksam sein, einen Spiegel vorhalten oder einfach in beispielhafter Weise den Menschen in all seinen charakterlichen Facetten darstellen?

Theater hat vor allem die Aufgabe zu unterhalten – in all den Formen, die das Theater zu bieten hat, wie unter anderem: Interesse wecken für bestimmte Themen, zum Nachdenken anregen, Lebensgeister wecken, Menschheitsthemen widerspiegeln… Und dafür gibt es unzählige Möglichkeiten. Dem aktuellen Geschehen um uns herum kann Theater sich meiner Meinung nach ohnehin nicht entziehen, allein weil die großen Themen der Menschheit, die schon in den ältesten Dramen vorzufinden sind, nie an Aktualität verlieren. Wir, sowohl die Theatermacher als auch die Zuschauer, sind es, die den Inhalt mit neuen Augen betrachten und aktuelle Bezüge herstellen.

Wie beurteilst Du die soziale Lage von Schauspielern in Österreich, wenn wir einmal von den großen Stars absehen?

Die soziale Lage von Schauspielern in Österreich ist definitiv verbesserungswürdig. Denn in diesem Beruf ist es äußerst selten geworden, ein gesamtes Arbeitsleben durchgängig beschäftigt zu sein. Es wäre wichtig, dass freie Schauspieler kreativ sein können, ohne um ihr Überleben zu bangen. Ich finde, die Wichtigkeit dieser Arbeit sollte in unserer Gesellschaft höher bewertet werden.

Welche Rolle verkörperst Du am liebsten oder welchen Dramatiker schätzt Du am meisten?

Ich verkörpere am liebsten die Rolle, an der ich gerade arbeite, oder die ich gerade spiele. Und es gibt nicht einen Dramatiker, den ich schätze, sondern viele, aber es kommt ohnehin eher darauf an, was man aus einem Stück macht, wie gut es auch sein mag. Das finde ich an Elfriede Jelinek so toll, dass sie ihre Stücke als Vorlagen sieht und den Theatern freie Hand lässt.

Welches Publikum ist Dir das liebste? Kinder, die sich leicht begeistern lassen oder Jugendliche, die besonders kritisch sind oder ältere Personen und eingefleischte Theaterbesucher?

Das liebste Publikum sind Menschen, die sich berühren lassen, die sich mit offenem Herzen auf eine gemeinsame Reise mitnehmen lassen. Da können sich Erwachsene tatsächlich an den Kindern ein Beispiel nehmen und deshalb finde ich es äußerst bereichernd, für Kinder spielen zu dürfen.

Das Regietheater stößt vielfach auf Kritik? Ist dies berechtigt?

Ich persönlich habe mit dem sogenannten Regietheater keine Probleme, eher mit dem Begriff, der von den Medien gerne verwendet wird, um sich über die Zertrümmerung der viel geliebten Klassiker zu beschweren. Der Begriff Regietheater an und für sich bedeutet ja, dass es eine Idee zur Umsetzung einer literarischen Vorlage gibt, sich also ein Regisseur mit einem Text auseinandersetzt, um ihn dann mit seinen Ideen dazu auf die Bühne zu bringen. Das Regietheater bedeutet also im Endeffekt die Emanzipation von einer literarischen Vorlage. Wenn es das nicht gäbe, müsste man alte Dramen nicht mehr neu inszenieren und wie interessant wäre Theater dann noch? Ohne neue Ideen? Und da wäre ich wieder bei Jelinek, die nicht auf Werktreue besteht, weil sie weiß, dass Theater ein lebendiger, sich ständig weiter entwickelnder Prozess ist.

Kleine Bühnen kämpfen oft um das Überleben, während die großen Theater finanziell gut dotiert sind. Was würdest Du bei Subventionsvergaben ändern?

Ich finde es besonders schade, dass kleine Bühnen nicht besser subventioniert sind, da gerade diese die Vielfalt einer Theaterlandschaft ausmachen. Leider ist es am leichtesten an der Kultur zu sparen, wenngleich es falsch ist. Ich würde mir wünschen, dass die Entscheidungsträger der Kulturpolitik weitsichtig genug wären, die Vielfalt der Kulturlandschaft durch finanzielle Unterstützung zu erhalten.

Viele Schauspieler sind auch schriftstellerisch tätig? Trifft dies auf Dich zu?

Ich war immer mal wieder auch schriftstellerisch tätig, weil es mir Spaß macht zu schreiben. Aber fürs Schreiben muss ich mir immer ein extra Zeit- und Raumfenster schaffen, was nicht immer leicht ist. Würdest Du mit dem Wissen von heute noch einmal Schauspielerin werden? Auf jeden Fall!. Ich bin sehr dankbar diesen Weg gehen zu dürfen.


Anna Maria Eder
Geb. 1981 in St. Pölten, Schauspielausbildung von 2002-2006 an der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Graz. Ihr erstes Engagement führte sie 2006/07 nach Zürich an das Theater am Neumarkt. Danach spielte sie am Landestheater Niederösterreich in mehreren Produktionen. Von 2009 bis 2012 leitete sie auch den Theaterbereich im innovativen Kulturverein Oxymoron in Linz. Von 2012 bis 2015 war sie in Wien als freie Schauspielerin tätig, unter anderem im Theater Drachengasse, in der Neuen Tribüne und im Projekt „Frauen. Träume. 2 Welten - 1 Maler“ in der Klimt Villa Wien. Seit 2015 ist sie Ensemblemitglied am Theater des Kindes in Linz.
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