Sophie Reyer
„Kunst greift zwar nach den Sternen, wächst aber aus dem Alltag!“
Eva Riebler im Gespräch mit der Kinderbuch- (Simon und die Zitterschnecke, Lex Lieszt 2015) und Kindertheaterautorin (Anna und der Wulian) Sophie Reyer.
Neu und bewundernswert erscheint mir Ihre Vorgangsweise bei Ihrem Kindertheater „Anna und der Wulian“ im Auftrag des Theaters Bruchsal, in dem Sie sich mit den Theaterkünstlern und auch dem zukünftigen Publikum ständig rückgeschlossen haben. War dies für Sie und das Team der vielbeschäftigten Landesbühne nicht sehr aufwändig?
Tatsächlich war es ein sehr intensiver und für alle Beteiligten aufwändiger Austausch. Aber wir hatten das Glück, dass wir mit dem „nah dran“- Preis ausgezeichnet wurden und somit einen kleinen finanziellen Polster hatten. Außerdem hatte ich die Freude, dass viele liebe Menschen mir gratis geholfen haben- z.B. die Musiker von Tonverbrechung & co, die im Alleingang eine ganze Studioaufnahme mit mir erarbeitet und gemacht haben, wobei jeder für einen riesigen Aufwand nur 30 Euro bekam. Diesen Menschen ging es, ähnlich wie den Puppenspielern, um die Freude am Tun und sie haben geholfen, weil sie an mich glauben. Es war sehr bereichernd, in einer dermaßen konsumorientierten Welt diese Erfahrung zu machen.
Was ist neu an diesem Stück? Bzw. wozu beauftragte man eine Puppenspielerin aus Frankfurt am Main und die Kölner Musiker “Tonverbrecher” zur Mitarbeit?
Die Idee war, dass alle Phantasiefiguren aus den Gegenständen im Zimmer entstehen. So wird ein Teddy, den man umdreht, zu einem Hasendrachen, wird ein Lampenschirm zu einer Glasschildkröte, und die Kuscheltiere wachsen zu dem Ur, einem riesigen uralten Monster, das die Ewigkeit gepachtet hat, zusammen. Die Musiker waren meine Entscheidung, denn ich habe einzelne lyrische Texte geschrieben- jede Figur hat einen eigenen „Song“ und dazwischen gibt es dialogisches Material. Ich denke, das ist auch das Besondere an diesem Stück, dass es quasi Rezitativ und Arie für Kindertheater übersetzt.
Greifen Sie auch bei anderen Stücken direkt aus dem Alltag, wie hier, wo das Kind Anna draufkommt, dass die Mutter ein Verhältnis mit dem Hausmeister hat und nur auf später vertröstet wird. Auf Annas Frage „Warum küsst Du den?“ erhält sie ein „Ich erklär dir das später“. Damit öffnen sich beim Schlafengehen Tür und Tor für Annas (Alp-)Träume und Phantasien.
Natürlich ist bei mir jedes Material mit dem Leben verbunden. Ich habe im Rahmen dieses Stückes auch viel mit Kindern in Bruchsal gearbeitet. Einige Ideen stammen von ihnen, z.B. die Vorstellung, dass der Mond nach Käse schmeckt. Für mich ist wichtig, dass Kunst zwar nach den Sternen greift, aber aus dem Alltag wächst.
Wie kann man sich Ihre Sprach- Kreativwerkstätten, die Sie führen, vorstellen? Welche Arbeitsweise bevorzugen Sie?
Ich arbeite mit Textanalysen und Beispielen- je nachdem ob ich Drehbuch oder Schreiben mit Kindern unterrichte, natürlich unterschiedliche Formen, die ich für inspirierend und gelungen halte- anhand derer ich kreative Schreibaufgaben anleite. Die Teilnehmer verfassen dann Texte und diese werden in der Gruppe vorgetragen und diskutiert. Wichtig ist hier, dass jeder zu Wort kommen darf und jede Meinung gleich viel gilt. Gleichzeitig wird keine Ansicht mit „gut“ oder „schlecht“ bewertet, sondern die Arbeitsweise des Textes reflektiert: Was ist sein Rhythmus, was ist die Form, was erzählt er?
In Ihrem Kinderbuch „Simon und die Zitterschnecke" Lex Lieszt Verlag 2015, wird dem sterbenskranken Simon Mut eingeflösst. Geht es Ihnen bei Literatur und Theater vor allem um Lebensbewältigung?
Nein und ja. Ich finde, dass Kunst auf keinen Fall mit Therapie verwechselt werden darf. Auf der anderen Seite kommt ihr- wenn nun die Katharsis vielleicht auch im postmodernen Werk nicht ausgeführt, sondern nur angeregt ist- meiner Meinung nach schon die Funktion der Reinigung zu. Außerdem muss es eine Aufgabe der Kunst bleiben, randständige Themen, Tabuthemen zu bearbeiten, und da gehören die Bereiche der Lebensbewältigung hinzu, denn im Mainstream werden sie meist verdrängt oder abgespalten, pauschalisiert oder künstlich erhöht wie z.B. in der kastastrophenorientierten Medienberichterstattung. Mir geht es um einen menschlichen Umgang mit menschlichen Themen.
Kann man sagen, Sie wählen in Ihren Stücken und Geschichten sehr gerne den Märchenton?
Nein, eigentlich ist das eher eine Erscheinung der letzten drei Jahre. Davor habe ich mich wenig mit archetypischen Themen befasst. Aber irgendwie hatte ich mehr und mehr das Gefühl, es wäre wichtig, sich seiner Wurzeln und Traditionen bewusst zu sein, und das Erzählen von Märchen gab es ja schon in den Anfängen der Literatur.
Haben Sie da bestimmte Märchen oder AutorInnen als Vorbilder?
Nicht wirklich, ich lese sehr viel und gern. Wer mich sicher irgendwie geprägt hat war Andersen, auch Oscar Wilde`s Märchen finde ich unglaublich. Aber am Wichtigsten ist für mich ein dicker Sammelband über Mythen der gesamten Weltliteratur, da ist dermaßen viel an Poesie zu finden, dass es eine Freude ist.
In Ihrer Erzählung „La. Stimmen im Kopf“, die für dieses Heft ausgewählt wurde, trösten Sie ein mongolides Kind. Wie erfinden Sie diese kindliche Sicht auf die Dinge des Alltags? (Z.B. Wenn die Mutter im Raum ist, spürt La kleine Sterne, die sich ausbreiten…)
Das ist komplex. Zum einen habe ich in diesem konkreten Fall Zeit mit einem mongoloiden Kleinkind verbracht und einfach versucht, mich auf dessen Alltag einzulassen. Da war einfach der Fokus auf der Mutter. Die Metapher der Sterne ist meine, es ist ein Gefühl, das ich meine, bei dem Kind gefunden zu haben und für das ich meine eigenen Bilder verwendet habe. Das hat aber keinerlei Wahrheitsanspruch sondern bleibt meine Weltsicht auf die Dinge, die sich bemüht, sich selbst zu reflektieren und zuzuschauen....
Sie haben diesen Text (siehe Seite 51) schon mit Regieanweisungen versehen. Könnte er als Grundlage für ein Kindertheater vorgesehen sein?
Nein, „La“ ist kein Drehbuch, aber ich hab es mal für Theater angedacht. Bis jetzt jedoch hat sich niemand dafür interessiert, alle meinten, es sei eher ein Hörstück.....
Dann wünsche ich Ihnen weiterhin viel Glück und hoffe, dass dieser sorgsam aufbereitete Text sich zu einem Theaterstück oder Kinderbuch auswächst
Danke!
Sophie (Anna) Reyer
Geb. 1984 in Wien. Erscheinung der Lyrikbände “geh dichte” (EYE- Verlag 2005) sowie “binnen (miniaturen)” (Leykam 2010). Literaturförderungspreis der Stadt Graz 2007. 2008 Romane “vertrocknete vögel” (Leykam); “baby blue eyes” (Ritter). 2009 Uraufführung “Schneewittchenpsychose” im Theater in der Drachengasse. Manuskripte- Förderungspreis 2009 sowie Startstipendium des bmukk 2009. Seit 2009 Redaktionstätigkeit für die Grazer Literaturzeitschrift “Lichtungen” sowie Leitung der JugendLiteraturwerkstattGraz für 14 bis 19-Jährige im Literaturhaus Graz. “Master of Arts” in Komposition/ Musiktheater 2010 sowie Diplom in “Szenisch Schreiben” bei uniT 2010. Teilnahme am Stück- für- Stücke- Lehrgang am Schauspielhaus Wien 2010. 2010 Theaterexte “vogelglück” und “hundpfarrer”, S. Fischer- Verlag. Seit 2011 Studium an der Kunsthochschule für Film und Medien in Köln. 2012: Lyrikband “flug (spuren)” (Edition Keiper, Graz); Theaterstück “baumleberliebe” (S. Fischer-Verlag). 2013 Prosaband “marias. ein nekrolog” (Ritter, Klagenfurt), “die gezirpte Zeit” (Berger- Verlag). 2013 Auftrag “Nah dran” für das Kindertheaterstück “Anna und der Wulian” (badische Landesbühne) und Literaturstipendium der Stadt Graz. 2015: “lime- lab”- Preis und Lehrgangsleitungsassistentin an der Wiener Schreibpädagogik Lehrauftrag zum Thema “Performanz und Biomacht” auf der Theater- Film und Medienwissenschaft Wien. mehr...