Im Klassenzimmer war es dunkel und kalt. Marie dachte an die Frostbeule an ihrem linken großen Zeh. Wenn es noch lange so weiter ging, würde der rechte wohl auch bald folgen. Der Ofen stand verwaist und kalt in der Ecke, sein großes Maul hielt er aufgesperrt für Scheite, die nicht folgen würden. Seit Wochen waren die letzten Holz-Reste in der ganzen Stadt beinah’ gänzlich aufgebraucht. Ihre Mutter hatte geweint als der Vater schließlich den Parkettboden aus dem Speisezimmer gerissen hatte. Marie dachte an den ungewohnten Anblick ihres Vaters, der Werkzeug in seinen Händen hielt und mehr schlecht als recht eine Diele nach der anderen löste. Ob ihre Eltern einen geheimen Schatz entdeckt hatten? Nun war Vati fortgeschickt worden, obwohl es in der Bank viel zu wenige Männer gab. Organisation Todt. An diesen Namen wollte Marie sich lieber gar nicht erinnern. Es klang wie – nein, das durfte sie einfach nicht denken! Mutti weinte ohnehin, wenn sie sich in den zusammengeschobenen Betten alle aneinander drängten. Ganz leise schluchzte sie, Marie hörte es trotzdem. Wenn sie Leopold nicht hätte, dann wäre alles blöd! Bald wäre alles vorbei, hatte er gesagt. Und wer sollte es nicht wissen, wenn nicht der gescheiteste Bub der ganzen Schule!
„Ponner!“ Marie sprang mit einem Satz in die Höhe. „Ich warte!“ Die Lehrerin hielt ihr Notizbuch gezückt und runzelte verärgert die Stirn, das konnte Marie selbst in der Dunkelheit erkennen. „Antworte, gefälligst, Ponner!“ Verflixt, wieso hatte sie schon wieder nicht aufgepasst! Marie knetete verzweifelt ihre Hände. Was würde ihre Mutti denn nur dazu sagen, wenn sie nun auch noch einen Verweis heim brachte! Sie hatte doch wirklich schon genug Kummer! „Moldau“, klang es ganz leise von der vorderen Reihe. Fini! Marie starrte die Lehrerin an. Hatte sie etwas gehört? Der linke Fuß von Fräulein Wimmer klopfte ungeduldig auf den Boden. „Moldau“, sprach sie vorsichtig ins Dunkel. „Das wurde aber auch Zeit!“
Marie und Fini stapften nach Hause. Plötzlich schnelle Schritte hinter ihnen, eine Berührung an der Schulter. „Servus Marie.“ Leopold! Schon rannte er weiter, bestimmt um seine jüngste Schwester von der Schule abzuholen. Leopold war wirklich der tollste Bub der ganzen Straße! Wenn sie groß wäre, dann –verdammt! Erst jetzt bemerkte Marie den spöttischen
Seitenblick ihrer Schwester! „Verliebt, verlobt, verheiratet, verliebt, …“
Als sie ankamen, saßen die Mutter und die Schwester schon in der Küche. Anna stopfte Socken, während die Mutter mit einer Stecknadel Würmer aus einer Menge Erbsen holte, die im Lavoir lagen. Wenn sie doch nur eine Hand voll essen könnte, eine einzige Hand voll, dachte Marie. Manchmal war ihr so schwindelig, dass sie keinen klaren Gedanken fassen konnte. Ihre Mutti saß mit traurigen Augen auf einem der Küchenstühle und wies zu dem kleinen Reindl auf dem Herd. „Esst, Kinder und dann hurtig an die Arbeit; Gott bewahre, die Erbsen werden uns noch kaputt!“ Fini und Marie hielten ihre Nasen einige Zeit in den Topf mit der klaren Suppe. Herrlich, dieser Duft! Fast wie früher die gute Rindssuppe am Sonntag! Ihre Mutter hatte zum vierten Mal in dieser Woche einige Kürbisschalen und –kerne ausgekocht. Vorsichtig
teilten die Mädchen die lauwarme Brühe auf. Nach dem Essen machten sie sich an die Arbeit.
„Aufstehen, Mädchen, sofort!“ Nicht schon wieder, sie war doch so müde! Ihre Mutti stand schon mit den Mänteln vor den Betten. „Anziehen, flott, Kinder!“ Die Sirenen heulten. Wo war nur Trude bloß wieder hin geraten? „Marie, sofort, habe ich gesagt, wir haben keine Zeit, deine Spielsachen zu suchen!“ Da war sie ja, ein Glück. Hoffentlich würde Leopold auch unten sein, mit ihm war alles halb so schlimm. Sie liefen die Stiegen hinab in den Keller, Marie hielt ihre Trude fest im Arm. „Du bist vielleicht ein Butzi“, raunte Fini. Die war doch bloß neidisch! Eine Stufe, zwei, drei …
Marie schreckte hoch. Schon wieder ein Alarm? Es war nur Anna, die sich auf den Weg machte. Die Mutter gab ihr einen Kuss auf die Stirn und flüsterte: „Pass auf dich auf, mein Kind!“ Die große Schwester lächelte. „Mach Dir keine Sorgen, Mutti!“ Anna war so tapfer! Die Ostmarkwerke waren direkt neben dem Arsenal. Alle wussten, dass dort die meisten Bomben abgeworfen wurden. Auch Marie. Sobald ich groß genug bin, gehe ich statt der Anna hin! Na ja, vielleicht würde es aber auch gar nicht so weit kommen, der Krieg wäre zu Ende und Vati wieder da. Marie machte nochmals die Augen zu und wickelte die Decke enger um sich. Mit einem Mal langte sie direkt in eine dicke Schicht Federn! „Gucki!“ Die Henne gackerte und blickte sich mit ruckartigen Kopfbewegungen um. „Marie, aus dem Bett mit dem Federvieh!“ Ach, sie konnte doch gar nichts dafür, Gucki mochte es einfach gerne warm! Gleich als der Krieg begonnen hatte, waren ihre Eltern aufs Land gefahren und hatten sie mitgenommen. Statt Mamas Fuchs. „Ihr werdet sehen, mitten in Wien werden wir immer frische Eier haben, Kinder“, hatte der Vater gestrahlt. Zwei Eier hatte Gucki gelegt. „Was habt ihr denn da für eine alte Suppenhenne?“, hatte die Großmutter ausgerufen und vielsagend auf den großen Suppentopf gedeutet. Ganz wie auf dem Land in den Sommerferien, hatte Marie gedacht. Sie war glücklich gewesen. Auf Kinderlandverschickung würde sie ganz viele solcher fedriger Gesellen um sich haben. Und Erdäpfel und Kohl und Karotten und, und, und. Wenn sie es schaffen würde noch vor dem Weckerläuten bis zehn zu zählen, dann würde sie bald fahren dürfen!
Fräulein Wimmer war befördert worden. Stolz hatte sie an ihrem letzten Schultag das Abzeichen mit einem noch größeren Hakenkreuz getragen. Statt ihrer begrüßte Fräulein Adagger am nächsten Morgen die Klasse. Dünn und ausgezehrt stand sie vorne beim Pult und – lächelte. Die hab ich lieb, dachte Marie sofort und lächelte zurück. Der liebe Gott hatte sie erhört.
Fräulein Adagger mochte alle Kinder gleich gern, das merkte man sofort. Auch jene die eigentlich längst hinüber in die Hauptschule gehört hätten und noch immer in der Volksschule saßen – wegen dem Krieg. Man munkelte, dass Fräulein Adagger im Anschluss an eine Strafversetzung nach Elsaß-Lothringen nur ausnahmsweise eine zweite Gelegenheit gegeben worden war, der Partei beizutreten. Genau wie Mutti, dachte Marie bei sich. Selten war der Vater so böse geworden wir an jenem Tag, an dem die Mutter zwar das große „Ja“ auf dem Stimmzettel angekreuzt, die dargebotene Anstecknadel aber wütend weggeschleudert hatte. „Du hast es nur unserem guten Namen zu verdanken, dass dir diesmal nichts passiert ist! Denk doch an die Kinder! Nicht auszumalen…“ Marie und ihre Schwestern hatte alles mitgehört – trotzdem die Eltern versucht hatten, im Schlafzimmer leise miteinander zu reden. Marie hatte die Blumen auf der Tapete gezählt. Rot, gelb, rot gelb, rot … Wenn die letzte Blume vor dem Türstock gelb wäre, würde Mutti nichts passieren! Betreten waren die Eltern anschließend hervor gekommen. Maries Bauch hatte so weh’ getan wie damals, als sie die Ruhr gehabt hatte – nur dass es diesmal die Angst gewesen war. Wenn nun die Polizei kommen würde und Mutti mitnähme? Ins Gefängnis stecken würde? Und wegbringen? Wie die Tante von Gretl? Mutti und Vati hatten sie alle umarmt und dann hatten sie einander versprechen müssen, nie, aber auch wirklich niemals vor anderen Leuten über den Krieg zu reden. Wieso, das verstand Marie nicht. Schließlich sprach sie mit Erwachsenen doch ohnehin nur, wenn sie vorher von ihren Eltern dazu aufgefordert worden war!
Das Trimester war vorbei, welche Freude. Fini und Marie stürmten die Treppe zur Wohnung hinauf. Es duftete einfach herrlich. Die Mutter musste ein Stück Fleisch auf dem Schwarzmarkt ergattert haben! Marie war als Erste bei der Tür. „Mutti, Mutti, das ist ja herr-“, sie hielt mit einem Mal inne. Die Mutter saß in der Küche und weinte. Auf dem Ofen köchelte es. Vor ihr lag ein großer Berg Federn.
Der Frühling kam, Fräulein Adagger bekam ein klein wenig Farbe im Gesicht. Vom Vater keine Nachricht. Immerhin hatte die Kälte ein Ende. Marie träumte vor sich hin. „Ehne, Mehne, Muh und drauß’ bist du!“ Würde vor dem Ende des Reimes die Schulglocke läuten, wäre der Krieg bald vorbei. „Eins, zwei, drei, vie-“ „So Kinder, genug für heute!“ Marie begann, ihre Sachen einzuräumen. Fräulein Adagger hob die Hand und deutete auf einige Kinder. Auch auf sie. Hatte sie etwas angestellt? „Ihr sechs kommt bitte zu mir.“ Marie und Fini standen auf. Als die anderen Kinder das Klassenzimmer verlassen hatten, malte die Lehrerin einen großen Kreis an die Tafel. Was dies wohl zu bedeuten hatte? Alle sechs blickten gespannt auf die Lehrerin. Diese unterteilte den Kreis in vier Teile und malte einen davon weiß an. Marie musste sofort an eine Torte denken. Hmmm. Ihr Magen knurrte. Wenn dieser Krieg doch nur endlich vorbei wäre! Fräulein Adagger drehte sich um und legte behutsam das Kreidestück zur Seite. „Kinder, es handelt sich leider um ein sehr ernstes Thema.“ Marie hörte aufmerksam zu. Ja, sie hatte davon gehört, dass manche Kinder gar nicht mehr zur Schule gehen durften. Jene, die zwei Großeltern hatten, die jüdisch waren – schon gar nicht jene mit zwei jüdischen Eltern. Mutti hatte gesagt, dass sie Glück gehabt hatten, weil nur der Großvater Jude gewesen war! „Aber Frau Lehrerin, wir sind keine Halbjuden!“ „Fini! Du weißt, wir sollen nicht –“, Marie war entsetzt. Fräulein Adagger hob beschwichtigend die Hände. „Kinder es ist so, ihr alle seid so genannte Viertel-Juden, das heißt, dass einer Eurer Großväter oder eine Eurer Großmütter jüdisch sind oder waren.“ „Ja, aber unser Großvater doch schon lange nicht mehr, nachdem er die Großmutter geheiratet hat, und Vati an der Privatschule eingeschrieben worden ist!“ Fini war einfach unverbesserlich! „Kinder, das spielt leider keine Rolle. Es steht fest: Ihr dürft nicht mit auf Kinderlandverschickung fahren! Ich wünschte, ich könnte Euch helfen!“ Die Lehrerin wischte sich eine Träne aus dem Winkel ihres rechten Auges. Es war so gemein! Mit einem Mal war Marie alles egal, sie rief: „Aber Leopold darf doch auch, wir wollten doch zusammen fahren!“ Fräulein Adagger öffnete ihre Arme. „Komm her, kleine Marie, sei doch nicht so traurig! Weißt Du, Leopolds Familie ist arisch.“ „Weil er blond ist?“, schluchzte Marie. Die Lehrerin lächelte traurig und nickte. Marie dachte an Leopold. Und an all die Erdäpfel, die Karotten und was sie alles mitnehmen hatte wollen, heim zur Mutter. Alles verloren - nur wegen eines dummen Tortenstücks!
Zwei Wochen später fuhr Fräulein Adagger weg. Man hörte die Erwachsenen munkeln, der Krieg sei vielleicht bald zu Ende. Die neue Lehrerin trug trotzdem ein großes Hakenkreuz am Revers. Vom Vater keine Spur. Wenn morgen die Sonne scheinen würde, dann käme bald ein Brief von Vati. Oder von Leopold. Oder von allen beiden. „Marie, ein Brief!“ Fini grinste hämisch. Marie war das egal, ihr Herz machte einen Sprung vor Freude, als sie an Leopolds blitzende blaue Augen, sein schelmisches Lächeln und sein zerzaustes blondes Haar dachte. Damit Fini nicht wieder ihren Schabernack trieb, stopfte Marie den Brief unter ihrem Rock und schloss sich auf dem Klo ein. Mit zitternden Händen öffnete sie das Kuvert: Leopold hatte Angst. „Der Lehrer hat uns erzählt, dass der Krieg jeden Tag zu Ende sein kann. Wir können nicht zurückkommen. Ich habe heimlich zwei Seiten aus dem Schul-Atlas heraus gerissen. Dann kann ich zu Fuß nach Hause kommen. Falls wir uns nie mehr –“ Nein, nein, das wollte sie einfach nicht lesen! Die Kacheln an den Wänden! Wenn in der obersten Reihe keine angeschlagen wäre, dann würde alles gut werden, ganz bald, egal, was Leopold schrieb! Marie schluchzte. Alles war so ungerecht, wieso hatte sie es so gut, während Leopold ganz allein war, so weit weg! Nur an sich selbst hatte sie gedacht, sie war so eine dumme Kuh! Hätte sie ihr Tortenstück doch nur an Leopold verschenkt!
Ingrid Jez:
Geb. 1979 in Wien, schreibt - beruflich juristische Texte und alles was ihr so einfällt. Zuletzt las sie bei der Kriminacht 2009 einen Ausschnitt aus „Drüben“; demnächst erfolgt die Veröffentlichung von „Die Pfarrersköchin“ in der Anthologie „SchreibSpuren 2010“. mehr...
40/ Prosa: Die Variation meines Viertels. Brigitte Vollenberg
Brigitte Vollenberg DIE VARIATION MEINES VIERTELS
Herr und Frau Kampmann wiesen mir einen Teil in ihrem Leben zu, als draußen ein Schneegestöber dem beginnenden, letzten Tag des Februars einen winterlichen Anstrich gab. Herr Kampmann, drehte seiner Frau den Rücken zu, rollte sich in seine Daunendecke ein und fiel schon Sekunden später in wohlverdienten Tiefschlaf. Kurz zuvor hatte er eine neue Vaterrolle übernommen. Frau Kampmann genoss die gerade erlebte Zweisamkeit sehr, aber ihre Gedanken kreisten bereits um die morgendlichen Aufgaben, die Moritz, Chris und Jan ihr bei den Schneeverhältnissen zusätzlich stellen würden. Sie würde Tage später erst an der Verfärbung des Teststreifens ablesen, was in dieser Nacht seinen Anfang genommen hatte.
Also, mir wurde gerade unfreiwillig, ein Platz in dieser Familie eingeräumt. Wenn auch noch niemand von meiner Existenz Kenntnis genommen hatte, so war von Gesetzes wegen mein Anteil schon gesichert. Als ich genau neun Monate später den Arbeitstitel „Paul“ abgelegt wurde in der Familienchronik folgender Satz vermerkt: „am 30. November erblickte Lucca, als vierter Sohn der Eheleute Klaus und Barbara Kampmann, geborene Meier, das Licht der Welt,“ begann für mich der Kampf um jegliches Viertel, was meine Brüder mir immer wieder streitig machten. Sie waren es gewohnt, alles durch drei zu teilen, aber jetzt verkleinerte sich durch meine Anwesenheit ihr Drittel auf ein Viertel. Chris und Jan waren kampferprobt, denn sie hatten einschlägige Erfahrungen, die mir natürlich fehlten und somit fiel mein Viertel in dieser Familie in den ersten Jahren immer kleiner aus, als mir eigentlich zustand. Meine frühkindlichen Erinnerungen sind nur vage, aber das Gefühl gemütlich in meinem Kinderhochstuhl zu sitzen, an dem Riegel Schokolade zu lutschen, während meine Brüder die Köstlichkeit mit einem Biss verschlangen und mir dann, weil ich mich nicht wehren konnte, von meinem Viertel noch die Hälfte abbrachen, ist mir schon noch gegenwärtig. Das Bemühen unserer Eltern, den Gleichbehandlungsgrundsatz gegenüber uns auch konsequent zu verfolgen, muss ich loben. Doch meine Brüder schafften es immer wieder, mein Viertel zu verkleinern und sie nutzten auch jede Gelegenheit dazu. Alles was ich ihnen bereitwillig überließ, wollten sie nicht, denn meistens teilten sie dann mit mir die Auffassung, dass es nicht erstrebenswert war, über mehr als ein Viertel davon zu verfügen.
In die Reihe dieser unliebsamen Viertel gehörte das Müllentsorgen und das Abtrocknen des Geschirrs, ebenso wie das Gassi gehen mit dem Hund und das Säubern der Käfige, in denen der familiäre Zoo beherbergt wurde. Am meisten nervte mich, wenn ich das schäbige Viertel an Kleidung auftragen musste, was durchaus noch tragbar war, aber sich oftmals durch deutliche Gebrauchsspuren auszeichnete und den annähernden Status von „modern“ abgelegt hatte. In einem Jahr erhielten wir alle vier eine neue Winterjacke, weil der Opa das Portemonnaie gezückt hatte, aber über die Freude hinaus, wusste ich schon, wie in den nächsten Jahren meine Jacken aussehen würden, wenn ich meinem eigenen Modell entwachsen war.
Nach außen traten wir immer als Ganzes auf. Wir demonstrierten eine geschwisterliche Zusammengehörigkeit, die uns stark machte. In der Zeit meiner körperlichen Unterlegenheit konnte ich auf meine Brüder zählen. Wenn ein Viertel von uns Ärger bekam, mussten sich die Gegner mit vier Viertel auseinander setzten. Wir entwickelten uns aber dennoch sehr individuell, allein schon um uns der Gleichmacherei unserer Eltern zu entziehen. Wir versuchten an uns Talente zu entdecken, die uns voneinander unterschieden.
Es reichte schon, dass man in der Schule die Augen verdrehte, wenn wir gemeinsam im Anmarsch waren. Moritz lernte schwimmen und trat auch gleich in den örtlichen Schwimmverein ein. Für Chris war Wasser kein Element, in dem er sich länger als unbedingt nötig aufhalten würde, er liebte das Radfahren. Jan war so unsportlich, wie es kaum möglich war und wurde ausschließlich mit etwas Lesbaren in der Hand angetroffen. Ich konzentrierte mich ganz auf die Musik, denn ich wollte es auf jeden Fall vermeiden, auf ausgeleierte Badehosen, abgelegte Fahrräder und zerlesene Bücher zurück greifen zu müssen.
Als wir in der letzten Woche gemeinsam am Abendbrottisch saßen, waren wir zu siebt. Jan, mein drittältester Bruder hatte seine Freundin eingeladen und ungezwungen und natürlich wie sie war, nahm sie neben Jan Platz und integrierte sich ganz selbstverständlich in unser Familienrunde.. Wir starrten sie an wie ein Wesen aus einer anderen Welt und zeigten auch gleich alle ein überaus großes Interesse an unserem Neuzugang. Es dauerte drei Wochen, da saß sie nicht mehr neben Jan und damit auch nicht mehr an meiner Seite des Tisches, sondern sie saß mir gegenüber, und die Verliebtheit, die sie Chris, meinem zweitältesten Bruder angedeihen ließ, war schon fast peinlich. Ich, als der Jüngste wurde nicht informiert, was da abging. Für mich sah es so aus, als wenn Chris jetzt die abgelegte Freundin von Jan als seine Beziehungskiste bezeichnete. So richtig fand ich mich in dieser seltsamen Gefühlswelt noch nicht zurecht, aber insgeheim freute ich mich, dass jetzt Chris auch mal was Abgelegtes, Altes bekam, weil er fast nie alte Sachen auftragen musste, denn er war von Anfang an viel größer als Moritz. Doch Eva sah alles andere als alt und abgelegt aus. Wenn sie sich für mich begeistert hätte, ich hätte bestimmt nicht Nein dazu gesagt. Doch im Moment hatte sie nur noch Augen für Chris. Ich konnte warten. Ich zeigte mich Eva gegenüber stets von der besten Seite, war höflich und zuvorkommen und vor allem charmant. Als Moritz dann auch noch Interesse an diesem hübschen Mädchen zeigte, wichen meine Eltern von ihrem Prinzip, das sie jahrelang an uns praktiziert, ab. „Es gibt so viele nette Mädchen,“, sagte mein Vater, „ich möchte nicht, dass Eva das Gefühl bekommt, hier herum gereicht zu werden, es darf im Leben nicht alles ehrlich geteilt werden. Sollten wir da etwa einen Erziehungsfehler begangen haben?“ Eva ging bei uns ein und aus. Doch wussten wir manchmal selber nicht, wen sie eigentlich mit ihrem Besuch beehrte. Nach einiger Zeit gehörte sie irgend wie zu Familie. Da stand sie eines abends vor der Tür, als mein Vater öffnete und auf seine Frage, wen sie denn heute besuchen wolle, sagte sie: „ich habe mich jetzt entschieden, ich habe mich in ihren Vierten verliebt, ich möchten zu Lucca. Ich mag alle vier ihrer Söhne, aber ich liebe nur Lucca. Von dem Tag an hatte ich etwas Eigenes, etwas das ich nicht mehr mit meinen Brüdern teilen musste, Evas Liebe gehörte nur mir, mir ganz allein. Mein Viertel hatte sich zu einem stabilen Ganzen entwickelt.
Brigitte Vollenberg:
Geb. 1953, Diplom Betriebswirtin, Mutter zweier Kinder, lebt und arbeitet mit ihrem Mann in der Ruhr-Metropole Gladbeck. Das Schreiben hat tiefe Wurzeln und der erster Erzählbands mit heiteren Kurzgeschichten steht kurz vor der Veröffentlichung. mehr...
40/ Prosa: Das Vermächtnis. Eva Austin
Eva Austin DAS VERMÄCHTNIS
Von Manchem ist eine Hälfte schon eine Hälfte zu viel. Und zuweilen kann selbst ein Viertel von Etwas noch eine enorme Lebensaufgabe bedeuten.
Meine Gene sind so ein Fall. Der großmütterliche Anteil ist mein Problem. Mit dem hundertprozentigen Original haderte ich bereits, kaum dass ich geboren war. Mit der Hälfte – die sich in meinem Vater befindet – kann ich gerade noch leben. Aber mein geerbtes Viertel wird mehr und mehr zu meinem Thema, je älter ich werde. Lang schon ist der Ursprung meines Kummers verstorben. Die Großmutter war, schlicht gesagt, ein böser Mensch. Sie tat, was böse Menschen seit jeher tun: Sie machte guten Menschen das Leben zur Hölle. Ein wenig Hoffnung trug ich stets in mir, dass mit ihrem Ableben der giftige Keim in unserer Familie aussterben würde. Doch sie nahm nicht alles mit. Mein Vater kann mit seiner Hälfte relativ gut umgehen – zumindest würde er es so sehen, dass im Lauf der Jahre Friede in seine leidigen Anteile eingekehrt sei. Meine Mutter ist anderer Meinung. Im Alter kommt´s immer mehr raus, hat sie letztens gesagt. Ich habe nicht nachgefragt, was denn rauskäme. Wollte es gar nicht so genau wissen. Sofort nämlich war ich mir meiner fünfundzwanzig Prozent wieder schmählich bewusst.
Wie viel genau ist ein Viertel von Böse? Kann ich damit noch unter die Leute? Bin ich damit noch ein sozial verträglicher Mensch? Darf ich damit noch Freundschaften pflegen, Partner lieben und Kinder kriegen? Oder würde es die Verantwortung der Menschheit gegenüber gebieten, das gefälligst bleiben zu lassen und sich in eine Eremitage zurückzuziehen, um niemandem schaden zu können?
Meine Großmutter hatte nie solcherlei Gedanken. Sie war voller Überzeugung, im Recht zu sein. Das Recht der Starken und Mächtigen über die Armen und Schwachen. Sie war eben etwas Besseres, das war doch nicht ihre Schuld. Oder? Warum habe ich noch immer Angst vor ihrem genetischen Nachlass? Warum klammere ich mich so verzweifelt an meine Gutmensch Prinzipien, als würde ich ohne sie Gefahr laufen, meinen Teufelchen schon zum Frühstück Nährstoffkonzentrat zu verabreichen? Und, was ich mich schon, seit ich denken kann, frage: Ist es leichter ein guter oder ein böser Mensch zu sein?
Nun sind die Dinge jedenfalls so wie sie sind. Das Böse ist tot, aber eben noch nicht ganz. Teile davon schwirren noch im Universum herum, fünfundzwanzig Prozent allein in mir. Was soll ich jetzt damit tun? Wie bringe ich das in ein paar Jahren meinem Kinde bei, dass es ebenfalls noch ein gemeines Achterl im Blute trägt? Wird das reichen, um jemandem zu schaden? Um die Welt ein bisschen schlechter zu machen, als sie schon ist? Oder wird mein Viertel Anteil vorher schon alles vernichtet haben?
Ich lerne zu meditieren. Mache Yoga. Übe und praktiziere Entspannung, wo immer es nur geht. Ernähre mich makrobiotisch, TCM konform und buddhistisch einwandfrei. Ebenso nähre ich meinen Geist mit ethisch – moralisch geprüfter Weltanschauung. Töte keine Tiere und helfe wo ich kann. Bin immer da, wenn man mich braucht, ziehe jeden Tag nebst frischer Unterwäsche ein sauberes, zutiefst ehrliches Lächeln an und habe seit Jahren nicht mehr Nein gesagt. Nun denn, was soll mir also noch passieren? Ich habe das Böse im Griff, habe es besiegt. Ich bin Hüterin unseres genetisch nicht einwandfreien Nachlasses und passe darauf besser auf, als das Pentagon auf seine roten Knöpfe. Von mir wird kein giftiger Keim nach außen dringen, keine Bazille jemandes Nase verschnupfen. Ich bin mir meiner Verantwortung der Menschheit gegenüber bewusst. So soll es sein. Ich habe das Böse unter Kontrolle!
Oder? Gerade lässt mich meine Souveränität im Stich. Ich wage es kaum zu erwähnen, ich schäme mich in Grund und Boden. Eine Spinne nähert sich meinem Fuß. Spinnen sind sehr nützliche Tiere. Wenn ich könnte, würde ich jede einzeln hochheben, streicheln und mich bei ihr für ihr Dasein bedanken. Leider kann ich das nicht. Eine Spinnenphobie begleitet mich seit meiner Kindheit. Die Spinne kann natürlich nichts dafür, dass sie gerade über meinen Fuß krabbelt. Spinnen tun so etwas. Sie sind deswegen nicht böse. Böse sind nur Menschenfüße, die auf Spinnen treten. Aber ich schwöre, das ist … das war ein Reflex. Ein Automatismus. Niemand könnte mir deswegen einen Vorwurf machen! Ich hätte doch nie …
Eine Sekunde lang die fünfundzwanzig Prozent aus den Augen gelassen und vorbei mit dem hehren Anspruch! Alle Mühe war umsonst. Ich werde es nie loswerden. Man ist, was man ist. Ich trage den Nachlass eines indiskutablen Genpools in mir. Alles, was man dagegen tun kann, ist entweder aussterben lassen oder vermischen. Neue Gene hineinbringen.
Das Böse ausschwemmen. Aber das hilft erst meinen Nachfahren. Und was ist derweil mit mir?
Ich muss mein gefährliches Viertel besser hüten. Muss mich noch mehr bemühen. Muss Buße tun. Ich grabe die Spinne in dem Blumentopf mit der Yucca ein und spendiere ihr noch ein Gänseblümchen als Grabstein.
Es fällt mir nicht leicht, die richtigen Worte zu finden, aber ich bemühe mich um eine kleine Ansprache.
Dann gehe ich an die frische Luft, ich brauche Abstand.
Denke an die Großmutter. Und warum ich sie nicht loswerden kann. Und da kommt mir ein neuer Gedanke:
Vielleicht soll ich sie auch gar nicht loswerden?
Wer weiß, so ein bisschen Böse, wozu das gut sein könnte. Und mit einem Mal tun sich neue Welten auf. Ich könnte in die Politik gehen. Ich könnte Scheidungsanwältin werden. Priesterin. Oder sogar Lehrerin!
Ich könnte mehr Spaß haben. Mehr Sex. Mehr Spaß am Sex! Ich könnte Abenteuer genießen. Mal die Sau raus lassen. Mal nur an mich denken. Ich könnte …
Und dann höre ich sie plötzlich lachen. Ich kenne ihr Lachen genau, ich habe es immer gehasst. Großmutter, warum hast du so einen großen Mund? Damit ich dich besser fressen kann! Sie lacht mich aus, glaubt, gewonnen zu haben.
Aus dem Jenseits will sie weiter Böses spielen, aber da hat sie sich verrechnet! Nicht mit mir. Es ist nur ein Viertel! Ein winzig kleines Viertel! Damit kann man nicht viel anrichten. Eine Spinne, gut, das war nicht nett. Aber mehr gibt’s nicht, beschließe ich, und gehe nach Hause.
Hinter mir macht es tock – tock tock. Ich drehe mich nicht um. Ich weiß, dass Großmutter jetzt schmollt. Soll sie nur. Ich werde sie nicht in der Hölle besuchen. Meine restlichen fünfundsiebzig Prozent gedeihen besser im gemäßigten Klima. Der Pferdefuß macht weiter tock – tock tock, doch das Geräusch wird immer leiser und leiser.
Irgendwann wird es ganz aufhören.
Eva Austin:
Geb. 1965 in Kapfenberg, lebt in Wien. Schreibt Vielerlei. Mit Kreide auf Asphalt (& Radieschen Nr. 13/ 2010); Eine Liebe ist eine Liebe (Anthologie Schreibspuren 2010); Zweckentfremdet (DUM 52/2009); Diesen Mann muß ich haben (Roman, Rowohlt/Wunderlich 1998). mehr...