39 / Prosa: Lazarus ist auferstanden ... Manfred Chobot

Manfred Chobot
LAZARUS IST AUFERSTANDEN UND GEHT MIT JESUS AUF TOURNEE

 

Das Fernsehstudio gleicht einer Kirche von der Art eines Theatersaals. Oder. Die Kirche ist ein Theatersaal, wobei die Darbietung vom Fernsehen aufgezeichnet wird. Beides gleichermaßen zutreffend. Der Hauptdarsteller kommt aus New York, ein kleiner quirliger Mann schwarzer Hautfarbe. Dessen Profession: Prediger. Sofern er nicht gerade von Auftritt zu Auftritt reist und Jesus-Geschichten erzählt, betreut er auch ein Basketballteam. Als Textvorlage seiner Monologe dient Tim die Bibel, und zwar das Neue Testament, weil das von Jesus handelt.

Diesmal steht die Legende von Lazarus auf dem Programm, deren Inhalt allgemein bekannt sein dürfte: Lazarus ist schwer krank und erliegt schließlich seinem Leiden. Da wird nach Jesus geschickt, aber die damalige Kommunikation war eben noch nicht derart entwickelt. Wäre Jesus allerdings eher gekommen, als Lazarus noch lebte, wäre es mit dem Wunder nichts geworden. Heute hätte Maria ihm ein Fax geschickt, integriert Tim die Gegenwart, und Jesus wäre gleich zur Stelle gewesen, nicht erst nach vier Tagen, als der Tote bereits ein bisschen gestunken hat, worüber Jesus gar nicht erbaut war und die Nase rümpfte. Bilderreich kommt die Sprache rüber, gibt sich simpel, Vergleiche mit Fernsehen und Football, denn Tim ist nicht weltfremd, steht vielmehr beidbeinig darauf. Ohne Zweifel von bemerkenswertem Talent, der Junge. Allmählich nähert sich die Dramaturgie dem Höhepunkt, findet endlich ihre Kulmination. „Jesus hat Lazarus erweckt.“ Das Auditorium klatscht Beifall. Jede Leistung gebührt honoriert, erst recht ein Wunder.

Zur Entspannung ist nun ein Lied angesagt, was die Gemeinsamkeit vertieft sowie Besinnlichkeit keimen lässt. Durch eine gute Inszenierung wird selbst ein mäßiges Stück aufgewertet.

Danach wird von der Theorie zur Praxis geschritten: Auf die Bühne treten jene, die von einem Leiden geplagt werden. Der eine hat Kopfweh, das nicht verschwinden will, Knieschmerzen die andere, jenen drückt es hartnäckig im Magen, diese zwickt es übel an den Nieren. Tim macht whoo, fuchtelt mit dem Arm, und die Patienten fallen rücklings um wie Mehlsäcke. Werden aufgefangen von vier kräftigen Assistenten und mit einem Tuch am Unterkörper bedeckt, kaum dass sie den Boden erreicht haben. Keinesfalls sollen sie sich die Knochen brechen oder eine Erkältung zuziehen. Da liegen sie kreuz und quer, die Männer mit Anzügen und Krawatten, die Damen überaus anständig gekleidet.

Tim geht zwischen den Liegenden herum, ruft hey hey hey ins Mikrophon, als wäre es der Refrain eines Songs, den eine elektrische Orgel dezent begleitet. Was sein hey hey hey bedeute, habe ihn einer gefragt. Das bedeutet exakt hey hey hey, und das ist, wie ich mich fühle. Das ist mein Stil.

Die ersten frisch Genesenen erheben sich, um Platz zu machen für neue Umzufallende. „Ich fühle mich großartig, kann es kaum glauben.“ Spricht es und fällt um. Kein Kopfweh mehr, wie weggeblasen sind die hartnäckigen Magenschmerzen, wogegen kein Medikament half. Auch das Knie ist wieder in Ordnung. Die Gesunden tanzen und singen im Gospelchor. Eine Frau ist von konvulsivischen Zuckungen befallen. Erhebt eure Hände und preist IHN. Wie im Kasperltheater oder in der Schule heben alle ihre Pfoten. Jene, die in einem fort kichert, wird keiner Heilung unterzogen. Sollte Tim sie etwa zum Weinen genesen.

Gebührenfrei kann jeder bei der Gebetsberatung anrufen, wozu ein Moderator animiert. Ich weiß nicht, ob ich bereit bin für den Himmel. Ich bin ein Sünder. Jesus starb für mich, trete in mein Leben, für DICH will ich leben. Zur Verfügung steht eine eigene Telefonnummer, rund um die Uhr. Drogenabhängige, Alkoholiker sind aufgefordert. Aufgrund der heutigen Nacht wird sich Ihr Leben verändern, Sie werden frei sein.

Zurück zu Tim, der inzwischen erfolgreich sein Heilwerk betrieben hat. Nicht er sei es gewesen, sondern Gott, delegiert Tim: Applaus und Jubel für den HERRN. Den ER bekommt. Die Konvulsivische schüttelt es nach wie vor. Lasst sie beben, sie ist nicht das verrückte Huhn, wie man es aus der Werbung kennt. Empfangen Sie Ihr Wunder gleich jetzt, die Macht des Herren ist in Bewegung – über Satellit und über Kurzwelle. Tims Show vernetzt den Äther.

Plötzlich fühlt er etwas für Tulsa. Danach etwas für diese und jene amerikanische Stadt. Kein Handauflegen ist erforderlich, Tim schafft es ohne diese veraltete Technik. Unbeirrt heilt er weiter, einfach via Fernsehen. Eine unsichtbare Berührung, aber eine mächtige. Die Kraft der Auferstehung fließt durch euch. Arthritis und Ohrenschmerzen werden nun beseitigt. Man fragt sich, wofür es eigentlich noch Ärzte gibt in den Vereinigten Staaten. Tim macht sie allesamt arbeitslos und prellt die Pharmaindustrie um verdiente Gewinne. Einen Applaus für den HERRN. Gott braucht Sie. Empfangen Sie Ihr Wunder.

Zum Beispiel acht Videokassetten für läppische 160 Dollar. Exklusive Porto und Verpackung. Um 25 Bucks wäre der Mitschnitt des Abends zu erwerben. Erhebt euch. Gott berührt eure Kinder, eure Geldangelegenheiten. Gott vollbringt gewaltige Dinge. Heute ist der Tag der Tage. Ich möchte nicht, dass Sie versäumen, was Gott für Sie bereithält. Ergriffen weint eine Teilnehmerin, schwarz rinnt die Schminke über ihre Wangen.

Ich anerkenne Jesus Christus als den Retter der Welt. Im Liedtext steht sie in einer weißen Wolke, oben im blauen Himmel, weil das Leben gerade beginnt, und sie kann die Engel lächeln sehen. Mich auch. Eine Jerusalem-Reise könnte ganz günstig gebucht werden.

Der Moderator mischt sich wieder ein: Gott hat wunderbare Dinge vollbracht während dieser Woche, aber ER ist damit noch nicht fertig. Jesus wird bald wiederkehren, seien Sie bereit. Jesus kann heute Nacht kommen, aber auch in einem Monat. Heute ist der Tag für Ihr Wunder. Eine Genesungs- und Wunderepidemie scheint ausgebrochen zu sein.

Für zehn Tage lockt die Werbung um 1895 Dollar ins Land der Bibel. Was im Preis nicht alles inkludiert ist. Gesucht werden Prediger. Anruf und ein aktuelles Foto erbeten.

Tim ist abermals dran. Ausstrahlung besitzt er. Seine Schäfchen halten Händchen, derweil Tim den Teufel über den Ozean schickt. (Danke Tim.) Gott hat einen O-Beinigen geheilt, behauptet Tim. (Warum hat ER das bloß getan? Oder macht uns jemand ein O für ein X vor.) Jedenfalls Applaus für Gott. Wiederholung. Und alles wieder von vorne, was wir bereits hatten: die ganze Lazarus-Geschichte. Die Heilerei nimmt kein Ende.

 

Manfred Chobot:

Geb. 1947 in Wien. Studium der Kulturtechnik und Wasserwirtschaft. Von 1991 bis 2004 Herausgeber der Reihe „Lyrik aus Österreich“. Redakteur der Literaturzeitschrift „Podium“ (1992 bis 1999) und „Das Gedicht“ (1999 bis 2002). Vorstandsmitglied der GAV, der IG-AutorInnen und der europ. AV „Die Kogge“. Ausgezeichnet u.a. mit dem Literaturpreis des Landes Burgenland 2006 und dem BEWAG-Literaturpreis 2007. Zahlreiche Hörspiele, Features, Fotoausstellungen und Publikationen. Zuletzt erschienen: Blinder Passagier nach Petersburg. Essays. ex liszt, 2009; Genie und Arschloch (Hg.). Molden, 2009; Reise nach Unterkralowitz. Roman. Limbus, 2009. www.chobot.at

 

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39 / Prosa: Die Herrin der Ringe. Doris Nußbaumer

 

 

 

 

 

Doris Nußbaumer
DIE HERRIN DER RINGE

 

Ich weiß nicht, wie es geschehen ist, dass der Stiegenhaus-Smalltalk mit meiner Nachbarin in einen gegenseitigen Austausch unserer aktuellen Krankenakten ausartete. Obwohl ich vor allem mein Gegenüber jammern ließ, entschlüpfte mir schließlich doch das Geständnis, dass ich zur Zeit dauernd müde war und auch wusste, warum: Einschlafen – irgendwann vielleicht einmal, fallweise. Durchschlafen – sicher nicht.

Meine Nachbarin spreizte die Augen auf: „Liegen Sie vielleicht auf einer Wasserader? Sie sollten das unbedingt testen lassen, da kann man sich die ärgsten Sachen einfangen! Vielleicht müssen Sie einfach nur das Bett umstellen.“

„Ähm“, machte ich frustriert. Zu oft schon war ich mit meiner Anti-Erdstrahlen-Argumentation an schierem Nichtvorhandensein von dreidimensionalem Vorstellungsvermögen gescheitert. Trotzdem versuchte ich es erneut: „Was soll es denn bringen, das Bett um zwei oder drei Meter zu verrücken? Mehr Veränderung ist in einem Durchschnittsschlafzimmer ja doch nicht drin. Strahlen breiten sich zentrifugal, d. h. in alle Richtungen von der Quelle aus. Eine Wasserader, die mehrere hundert Meter unter der Erdoberfläche liegt und dann noch im x-ten Stockwerk schädliche Wirkung verbreiten will, müsste von einem riesigen schlauchförmigen Problemraum umgeben sein, dessen Radius die Tiefe des strahlenden Objekts plus der Gebäudehöhe beträgt. Wenn man sich in diesem gedachten Objekt wenige Meter seitwärts bewegt, kann man die Distanz zur Strahlenquelle nur marginal verringern und bekommt deshalb fast genau so viel Strahlung wie vorher ab. Selbst wenn Wasseradern wirklich schaden würden, Möbelrücken hilft nicht dagegen. Man müsste mindestens zehn Hausnummern weiter ziehen.“

Meine Nachbarin sah mir freundlich zu, wie ich mit beiden Händen Punkte, Kreisbögen und Radien in die Luft fuchtelte. Dann meinte sie lächelnd: „Aber das mit den Wasseradern ist doch in zig-tausend Fällen erwiesen. Mir hat das selber total geholfen, ich hatte ja solche Schlafprobleme, bis ich...“

„Ich bin Sechsundneunzig hier eingezogen und habe seit dem ersten Tag an ein und dem selben Fleck geschlafen, zuerst auf einer Luftmatratze, dann auf einem Camping-Klappglumpert und dann auf einem Luxus-Naturmaterialienbett, und zwar meistens murmeltiertief. Jetzt schreiben wir das Jahr Nullsechs. Seit ein paar Wochen schlafe ich nicht so super – na und? Glauben Sie etwa, dass vorigen Monat eine neue Kupferader oder ein unterirdischer Fluss unter dem Wiener Becken entstanden ist?“, unterbrach ich heftig.

„Wer weiß?“ flötete die Nachbarin und fuhr unerschüttert fort, mir den Vorher-Nachher-Effekt ihrer Anti-Wasseradern-Maßnahmen zu schildern. „...und das Beste daran ist, man muss gar nicht die Möbel umstellen, man legt einfach nur diese Kupferringe unters Bett, die lenken das Strahlenzeugs zu 98 Prozent ab, das ist wissenschaftlich erwiesen.“

Ich dachte das unanständige Wort, das mit „Pl“ beginnt und mit „acebo“ endet. Gerade wollte ich etwas über die Kriterien der Wissenschaftlichkeit bemerken, da lief sie in ihre Wohnung zurück, rumpelte mit ein paar Schubladen und brachte mir einen bunten Folder.

Bevor ich noch den Inhalt des Prospekts intellektuell erfassen konnte, fielen mir altgedientem Korrekturlesetrampel gleich drei falsche Wortteilungen, ein Layoutschnitzer und – wuah! Schreikrampf! – ein  überflüssiger Genitiv-Apostroph auf. Der Text, der zwischen mit Weichzeichner aufgenommenen Fotos von dezent geschminkten, schönen jungen Menschen stand, begeisterte mich auch nicht wirklich. Nach der Einleitung – Gesundheit wertvollstes Gut – und dem Gewissensargument – Verantwortung für das Wohlbefinden der ganzen Familie – steuerte die Argumentation über die Problemstellung – heutzutage alle immer Stress und Weh und viel sensibler als – auf die Lösung zu: ewige Kräfte der Erde nutzen, Kupfermagnetringe von Biosanaflux (Registered Trademark) kaufen und unter die Matratze stopfen.

Die Preisliste auf der letzten Seite zog mir die Luft aus den Lungen, ich machte ein Geräusch, das in etwa mit „Iiiiärgh!“ zu transkribieren wäre. Ein Set Erdstrahlenverhinderungsringe kostete etwa soviel wie Kindlers zwanzigbändiges Literaturlexikon oder, weltlicher umgerechnet, mehr als sehr, sehr viele Billigstflugtickets in europäische Hauptstädte.

Zwar hatte ich momentan keinen Bedarf an Billigstreisen, und den Kindler konnte ich auch in der Institutsbibliothek konsultieren (obwohl es natürlich schick wäre, die zwei Laufmeter geballte Info wirklich zu besitzen, während der Schlaflos-Phasen Artikel für Artikel zu lesen und dann bei der Diplomprüfung so zu tun, als hätte man sich die gesamte Weltliteratur intravenös gespritzt...)

„Ja, ich weiß, die Preise sind ganz schön happig“, schaltete sich meine Nachbarin in meine literaturwissenschaftlichen Größenwahnsinnsphantasien ein, „aber Gesundheit hat eben ihren Preis, man muss auch einmal etwas für sich tun, was bringt einem der schnöde Mammon auf dem Sparbuch, wenn man leidet... Sie können den Prospekt behalten, rufen Sie den Herrn Preinitzlhofer gleich an, vielleicht hat er sogar schon dieses Wochenende Zeit, er pendelt Ihnen die Wohnung mit der Wünschelrute aus und sagt Ihnen dann genau, welches Ringe-Set Sie brauchen.“

Wahrscheinlich das aus Platin mit den Brillanten und den Spezial-Runengravuren am Rand, Ratenzahlung möglich!, dachte ich rabiat. Dass sich mein papierenes Einkaufssackerl gerade an einem Eck auflöste, weil ein Paket Gefriergemüse die Jetzt-ist-die-Kühlkette-aber-schon-wirklich-zu-lange-unterbrochen-Grenze überschritten hatte, besserte meine Stimmung absolut nicht. Meiner Nachbarin fiel das Missgeschick mit der Tiefkühlware ebenfalls auf, sie entschuldigte sich, dass sie mich aufgehalten hätte, ach peinlich, sie müsse jetzt ja auch, schon so spät, th-th-th.

Halb die Treppe hinunter blieb sie stehen, wandte sich noch einmal um: „Ich kann eh verstehen, dass Sie es sich bei so teuren Sachen genau überlegen wollen. Wissen Sie was, ich bin dieses Wochenende bei der Kusine im Waldviertel eingeladen, da könnte ich Ihnen meine Biosanaflux-Ringe borgen. Die Eva wohnt ganz nach Feng Shui, sie hat alles energiemäßig prüfen lassen, zu ihr muss ich die Ringe ja nicht mitnehmen. Probieren Sie sie einmal aus, schauen Sie, ob Sie damit besser schlafen. Dann können Sie sich immer noch eine Energieberatung ausmachen.“

„Ja-ha, danke schön“, sagte ich vage und begann, mein aufgelöstes Sackerl zu verarzten. Es roch nach nassen Radieschen, nassem Papier, nassem Baguette, nassem Brie und aufgetautem Kohlgemüse. Da fiel mir etwas ein, ich beugte mich übers Stiegengeländer, rief nach unten: „Ja bitte, borgen Sie mir die Dinger! Ich will es wissen!“

 

Der Herr Preinitzlhofer war wie verabredet am Samstag um vierzehn Uhr zur Stelle. Irgendwie musste ich trotz der jungen fröhlichen Stimme am Telefon noch dem antiquierten Klischeebild eines Wünschelrutengängers nachgehangen sein, das ich aus diversen Fernsehbeiträgen zu kennen glaubte. Zu den Themen Geomantik und Wenden, Gesundbeten und Geisterbeschwörung wurden vorzugsweise rundliche gepflegte grauhaarige Pensionisten interviewt. Sie trugen auffällig oft Tirolerhütel und Trachtenjanker, wollten „das geheime Wissen unserer Vorfahren“ lebendig erhalten und es gegen „diesen Multi-Kulti-Einfluss heutzutage“ verteidigen. Dass so ziemlich jede Kultur einen Fundus von komplexen, seit langem tradierten und nicht zu allen Zeiten von allen Gesellschaftsschichten praktizierten Realitätsbewältigungsstrategien vorzuweisen hatte, fiel ihnen nie auf.

Der Typ, dem ich die Wohnungstür öffnete, war ein leger gekleideter Mittdreißiger mit hellbrauner Wuschelfrisur. Er lächelte sympathisch, stellte sich vor und schleppte zwei Schultertaschen voll Equipment in meine Wohnung. Wo er es abstellen dürfe, fragte er, ob er die Schuhe ausziehen solle, und ob wir einander du sagen wollten.

Schuhe ausziehen – ja, du sagen – nein, war ich versucht anzuordnen.

Gleichviel, als ich ihm Salbeitee, Rosmarintee oder „geeisten Hopfentee“ (= Bier) anbot, wählte er Letzteres und installierte sich auf meinem schwarzen Ledersofa, nicht ohne kritisch zu bemerken, dass Schwarz negative Energien abstrahle und schwarze Möbel mit Vorsicht eingesetzt werden sollten, ja, wirklich sparsam.

 

Der Wünschelrutengänger Preinitzlhofer, den Paul zu nennen ich noch immer nicht bereit war, packte seine Rute aus. Es handelte sich um eine Schlaufe aus dickem Kupferdraht, die beiden Schenkel spreizten sich um etwa hundertzwanzig Grad. Er nahm die Enden zwischen Daumen und Zeigefinger, wippte die Kupferschlaufe, schloss die Augen, wippte selbst auf den Zehenballen.

„Ich muss mich erst erden.“ erklärte er mir, fast entschuldigend. Wahrscheinlich hatte ich ihn gar zu neugierig gemustert.

Erden, dachte ich, das ist äußerst sinnvoll, wir befinden uns hier in der fünften Etage. Oder heißt „sich erden“ einfach: bewusst spüren, was man sowieso die ganze Zeit macht, nämlich auf den eigenen Fußsohlen stehen?

„Formuliere bitte noch mal für mich und mein Instrument das Problem, das ich für dich untersuchen soll.“, bat er mit etwas samtigerer Stimme als zuvor.

„Ja“, sagte ich nachlässig, „ich schlafe seit ein paar Wochen ein bisschen schlecht, obwohl ich saumüde bin, schlafe ich ewig nicht ein und wache immer wieder auf, dann fällt mir dauernd etwas wegen der Uni ein, es kann auch sonst etwas Lästiges sein, entweder ich muss aufs Örtchen oder ich habe Durst oder ich habe vergessen das Fenster aufzukippen und es ist stickig herinnen, solche Sachen halt. Ich habe ja geglaubt, es ist einfach eine Stressgeschichte, aber meine Nachbarin hat gemeint, es könnte mit Erdstrahlen zu tun haben.“ Ich sah ihm treuherzig in die Augen: „Weißt du, das Komische ist ja, mein Bett steht da, seit ich vor zehn Jahren eingezogen bin, ich habe nie Schlafprobleme gehabt, aber seit ein paar Wochen...“ Ich zuckte die Schultern, blinzelte unschuldig.

Jedes medizinisch und/oder therapeutisch gebildete Individuum hätte mich sofort nach veränderten Lebensumständen fragen müssen, sich erkundigen nach Vorfällen, bezogen auf Familie, Beziehung, Job, Ausbildung, eventuellen Drogenkonsum, Medikamente oder sonst eine neue Komponente in meinem Alltag. Der Wünschelrutengänger schnüffte bedeutungsvoll und sagte: „Na, schauen wir einmal!“

Er hielt die Kupferrute waagrecht vor sich, zwirbelte sie zwischen den Fingern. Er starrte auf die Stelle, an der sich der Draht kreuzte. Die Wünschelrute sprang auf und ab. Von einer Sekunde auf die nächste sackten Pauls Augenlider tiefer. Trotz meiner extrem skeptischen Einstellung war ich überzeugt, dass sich seine Fingermuskeln plötzlich entspannten, die Rute wippte weniger, sachter, dann kaum mehr – sie vibrierte fast unsichtbar.

Paul begann mein Schlafzimmer abzuschreiten. Länge, auf, ab, zwischen Bücherregal und Bett vorbei, den gleichen Weg zurück, Neunzig-Grad-Wendung, am Fenster halb vorbei, Stopp mit halb geschlossenen Augen, einen Schritt zurück, wipp mit der Rute, noch einen Schritt zurück, wipp-wipp, wieder ein paar zarte Schritte vor, Gemurmel...

Fasziniert beobachtete ich, wie er mein Schlafzimmer sondierte. An einigen Stellen – neben der großen gestreiften Sansiveria, vor dem Rattanregal, zwischen Bett und Kleiderschrank – machte er besonders bedeutungsvoll „Hm, hm, hm, na also, alles klar!“

Schließlich packte er die Rute weg, sah mich aus großen Rehaugen tief an und teilte mir die niederschmetternde Diagnose mit: Mein Schlafzimmer sei total verstrahlt, an gesunden Schlaf sei hier nicht zu denken, hier – er zeigte längs, zeigte quer – hier und hier liefen Wasseradern, direkt, aber sowas von punktgenau unter meinem Bett kreuzten sie sich, ein Wunder, dass ich es so lange ausgehalten hätte! Ob ich sicher sei, nicht manchmal Herzrhythmusstörungen zu haben, Migräne, eiskalte Füße?

Wahrheitsgemäß verneinte ich.

„Nun, zum Glück hast du dich rechtzeitig um das Problem gekümmert.“ meinte Paul nach sekundenkurzer Irritation. Aus dem Juterucksack fischte er eine flache Schachtel, platzierte sie respektvoll auf dem Nachtkästchen und öffnete sie so vorsichtig, als enthielte sie das Krönungsdiadem von Kaiserin Portiuncula. „Die Kupfermagnetringe von Biosanaflux entstrahlen selbst die problematischsten Räume und verbessern die Lebensqualität entscheidend, das ist wissenschaftlich erwiesen!“ deklamierte er.

Schon begann er an meiner Matratze zu zerren. Das ging mir nun zu schnell. Betont naiv fragte ich: „Ja, aber helfen diese Ringe denn sofort? Und haben sie auch kein Ablaufdatum, ich meine, wirken sie auch nach ein paar Jahren noch so gut? Meine Nachbarin benutzt ihr Ringe-Set ja schon eine ganze Weile.“

Paul versicherte mir, dass in der selben Sekunde, in der er die Magnetringe in Position brachte, die Strahlen einen großen Bogen um mein Bett machen würden und dass das auch so bleiben werde. Biosanaflux gebe selbstverständlich lebenslange Garantie. „Du wirst sehen, wenn ich nachher noch mal eine Messung vornehme, wird die Rute kein bisschen mehr zucken.“

Bestimmt nicht, dachte ich maliziös.

Nachdem ich mich so gegen alle nachträglichen Ausflüchte abgesichert hatte, ließ ich ihn werken. Die breite Kokosfasern-Kautschuk-Rosshaar-Matratze setzte seinen Bemühungen beachtlichen Widerstand entgegen. Leise näherte ich mich dem Bücherregal. Auf der Lessing-Gesamtausgabe lag klein und unauffällig, eingeschaltet und schussbereit meine Digitalkamera. Ich wollte mir ein Bild machen, ich wollte es unbedingt verewigen, das dumme Gesicht des Wünschelrutengängers Preinitzlhofer, wenn er die schwere Matratze endgültig hochgewuchtet hatte und feststellen musste, dass sie die ganze Zeit schon da gewesen waren. Während er horrende, gesundheits-, ja lebensgefährliche Strahlenwerte rund um mein Bett „gemessen“ hatte, waren sie auf dem Lattenrost gelegen, die geborgten Erdstrahlenverhinderungsringe meiner Nachbarin.

 

 

Doris Nußbaumer:

Geboren 1973 in Gmunden/ OÖ, lebt in Wien. Schreibt Hochdeutsch und Dialekt, Prosa und Lyrik. Unterrichtet Kreatives Schreiben nach der Methode der Wiener Schreibpädagogik. Vizepräsidentin der Österreichischen DialektautorInnen. Zuletzt erschienen: "Meine Sprache heißt FRAM" im Verlag a-uhudla.

 

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37/ Prosa: Spiegelei und Pommes. Emily Walton

Emily Walton
SPIEGELEI UND POMMES

 

Du warst so hässlich.

Das ist das einzige, was mir meine Mutter je über meine Geburt erzählt hat.

Es war im Juni, der 26. des Monats, ein Sonntag vor 29 Jahren. Um 2.05 Uhr hat sie mich im Kreissaal des Diakonissenkrankenhauses aus sich herausgepresst. Danach wollte sie mich nicht sehen. „Weg“, schnaufte sie, als der Arzt mich auf ihre Brust legen wollte.

Mit einer erschöpften  Handbewegung winkte sie mich fort.

 

Ich entsprach nicht ihren Vorstellungen. Ich passte nicht zu ihrem Wunschbild, das sie halluziniert hatte bei jeder  Kontraktion der Gebärmutter, bei jeder Anspannung der Bauchmuskeln, bei jedem Atemprusten und  jedem Schrei, den sie ausstieß, als sie mich Millimeter für Millimeter durch den Muttermund presste.

Statt des ersehnten glucksenden Wesens mit Pfirsichwangen und Penatenduft kam ich zur Welt. Ich. Ein von Blut, Zellflüssigkeit und ihrem eigenen Ausfluss beschmiertes Wesen. In den Falten meiner zerknitterten Haut sammelte sich der Schleim, mein blonder Flaum war von ihrem Käse verklebt.

 

„Du musst das verstehen. Sie hat sich vor Blut geekelt“, sagt  mein Vater.

Er sitzt mir gegenüber und taucht zwei Pommes in Ketchup. Es kracht, er schmatzt und ich sehe den rot-weißen Brei in seinem Mund. Jedes Mal wenn mein Vater Spiegelei mit Pommes isst, erzählt er von meiner Geburt.  Dass ich sie 20 Stunden lang quälte: meine Mutter, die Ärzte, die Hebamme, ihn. 38 Stunden hat er nichts gegessen und sein Bauch knurrte so laut, dass er meinen ersten Schrei beinahe überhörte. Zu Hause machte er sich Spiegelei mit Pommes. Dann, erst beim Essen, erzählte er es den Großeltern, Tanten und seinem besten Freund am Telefon.

Es ist immer die gleiche Geschichte.

 

„Hatte sie Hunger?“, frage ich. Mein Vater sagt, er wisse es nicht.

Er weiß auch nicht, wie sie sich gefühlt hat, als mein Kopf sich durch ihre Vagina drängte und die Haut sich wie ein Regenschirm dehnte. Er weiß nicht, wie sich das Loch in ihrem Körper anfühlte, als der Uterus nach neun Monaten plötzlich leer war wie ein schlapper Infusionsbeutel. Er weiß nicht, ob ihre Kehle vom Stöhnen kratzte, ob sie die verklebten Härchen an der Innenseite ihrer Oberschenkel spürte, oder ob sie sich schäbig fühlte, weil sie nach saurem Schweiß und Fruchtwasser roch.

 

„Du warst so hässlich.“ Nur das hat meine Mutter mir zu meiner Geburt gesagt. Oft lachte sie über ihren Ekel. Und manchmal legte sich ihre Stirn in Falten und sie rümpfte die Nase, als könne sie die ausgestoßene Plazenta noch riechen.

 

Wusste sie schon bei der Ejakulation meines Vaters  (es muss im Oktober gewesen sein), dass sich eines seiner Spermizide bald in ihrer Eizelle einnisten würde? Hat sie auf ihre Hand gepinkelt, als sie auf den Plastikstab des Schwangerschaftstests urinierte? Kam ihr die Galle hoch, als der Frauenarzt ihr beim Ultraschall mit kaltem Gel über den Bauch strich?

Hat es sie gekitzelt?

 

Wir haben nie darüber geredet. 27 Jahre nicht.

Seit 11 Wochen bin ich schwanger, seit zwei Jahren ist meine Mutter tot.

Ich vermisse sie.

 

Emily Walton: Geboren 1984 in Oxford/ England, zog 1992 nach Salzburg. Studierte Journalismus und Medienmanagement in Wien und arbeitet heute bei der Tageszeitung "Kurier". Daneben schreibt sie für Lifestyle-Magazine, Theater-Zeitschriften und Feuilleton-Magazine sowie seit kurzem auch Prosa und Lyrik. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien. mehr...