Anders als man erwarten könnte, wiegt das Rhinozeros nicht viel mehr als Paul.
Nun, woher willst du so genau wissen, wie viel das Rhinozeros wiegt?, fragt Hanna.
Dass ich es eben wisse, antworte ich, er habe es mir selbst gesagt. Sie will dann Zahlen wissen, nur habe ich alles Zahlen vergessen. Nicht viel mehr als Paul, wiederhole ich. Sie lutscht an ihrem Eis und schielt mich von der Seite an und zuckt dann mit den Achseln. Wenn sie glaubt, ich lüge, zuckt sie mit den Achseln. Da ich davon weiß, macht es mich wütend sie so zu sehen, eisessend und achselzuckend.
Gut möglich, dass wir morgen ausgehen, sage ich. Sehr gut möglich.
Bitte, sagt sie und zuckt wieder mit den Achseln und ich schaue auf die kleinen Kieselsteine, die neben dem Podest im Vorgarten liegen, und stelle mir vor, wie ich eine Handvoll davon nehme und nach ihr werfe.
Selbst im Sommer trägt das Rhinozeros immer Schwarz.
Wie ein Künstler, sagt Hanna, die versucht mir Mut zu machen. Weil die Dinge nun ernst werden, ist sie netter zu mir.
Wie ein Künstler, ermahne ich mich, als ich ihn vor dem Brunnen stehen sehe, an dem wir verabredet sind. Ich spreche es dann auf wie ein Gebet: Wie ein Künstler. Wie ein Künstler. Aber als ich ihn erspähe, sieht er kein Stück wie ein Künstler aus. Mit einem Mal sehe ich nur noch und ganz überraschend ein Rhinozeros, eine vorübergehend zum Stillstand gekommene Lawine.
Hallo, sage ich. Dann fällt mir nichts weiter ein, und wir laufen schweigend zum nächsten Café. Unterwegs versucht er meine Hand zu halten. Er lässt seinen Arm in meine Richtung schwingen und als ich mich halb hüpfend halb fallend zur Seite werfe, gerade so als würde ich mich vor einer Abrissbirne ducken, ist es ihm unangenehm. Er gibt dann vor, etwas ganz anderes geplant zu haben, wie etwa mit dem Arm in der Luft zu dirigieren, so als wolle er einem unsichtbaren Orchester Anweisungen geben.
Das erste Mal begegnet bin ich dem Rhinozeros vor zwei Wochen. Seitdem führt er ungeduldig Buch und hat bereits errechnet, dass es an der Zeit ist meine unschlüssigen Finger zu ergreifen. Ich verwehre ihm die Hand und er wertet mich aus. Ich bin nicht zu seiner Zufriedenheit. Tatsächlich schneide ich so schlecht ab, dass sich auf seiner Stirn eine tiefe, eine erstaunlich feste Falte bildet und sich langsam ihren Weg bis zur Nasenwurzel frisst.
Als ich ihm das erste Mal begegnet bin, da bin ich erstaunt gewesen, weil Ines mir nichts davon erzählt hat, wie blass er ist. Aber das erwähnt man doch nicht, sagt Hanna später. Man sagt doch nicht: Ich möchte dir jemanden vorstellen und er ist sehr blass.
Gut, denke ich, trotzdem, es wäre nett gewesen, vorgewarnt zu sein.
Nach dem ersten Treffen will Hanna alles ganz genau wissen. Was macht er denn, und wie sieht er aus und ist er lustig und ist er schlau und wie zieht er sich an?
Ich schaue auf meine Fingernägel, während sie eine Frage nach der anderen stellt, und versuche der Sache auf den Grund zu gehen. Bloß fällt mir nichts ein, überhaupt nichts. Und ich sage:
Wie ein Rhinozeros. Er erinnert mich an ein Rhinozeros.
Weil jetzt jeder eine Meinung zu allem hat, nimmt Paul mich zur Seite. Na hör mal, sagt er.
Ich höre und lege den Kopf zur Seite um zu verdeutlichen, dass ich höre.
Na hör mal, sagt er noch einmal, unbeeindruckt von der Vorstellung. Also, der sieht doch nicht wie ein Rhinozeros aus, sagt er weiter. Nach dem was du erzählst hast, na hör mal, da hatten wir ja was anderes erwartet. Der sieht doch ganz normal aus.
Ja gut, sage ich. Und dann noch, weil ich sehe, man erwartet mehr von mir: Das mag sein.
Überzeugt bin ich nicht, nehme mir aber vor das nächste Mal genauer hinzuschauen, das Rhinozeros ganz genau ins Auge zu fassen. Ein Irrtum, das sehe ich ein, wäre folgenschwer.
Nachdem ich also meine Hand verweigert habe, laufen wir zusammen bis zum Fluss und setzen uns ans Flussufer.
Er sagt:
Er könne mich noch nach Hause fahren, das sei überhaupt kein Problem. Er wolle mich aber auch gar nicht bedrängen. Das sei ihm aufgefallen, dass ich da ein wenig eigen, dass ich da besonders sei. Ich könne also auch mit dem Zug fahren, das sei zwar umständlicher und ich würde viel länger unterwegs sein, während es ihm nun tatsächlich überhaupt nichts ausmachen würde, mich zu fahren, aber er habe da Verständnis für, dass ich, da ich ja nun etwas eigen sei, es vielleicht vorziehen würde, nicht mit ihm zu fahren. Er würde nun auch gar nicht weiter davon reden, ich solle mir das einfach durch den Kopf gehen lassen. Er wolle nur, dass ich Bescheid wisse.
Ich weiß dann Bescheid und blinzele in die Sonne und es tut mir leid, dass ich mir nicht Hannas Sonnenbrille ausgeliehen habe. Ich weiß, dass Hanna zu Hause wartet und aufgeregt ist und alles genau wissen will, wenn ich an ihre Tür klopfe. Nun, könnte ich sagen, du bist sechzehn, such dir vielleicht deine eigene Geschichte, dann hast du auch etwas zu tun. Aber natürlich werde ich nichts dergleichen sagen, viel mehr werde ich vom Rhinozeros erzählen und froh sein, dass sie noch wach ist, und ich mir das Rhinozeros in Schichten von der Seele reden kann. Erst wenn ich Tonnen von Rhinozeros aus mir herausgesprochen habe, kann ich mich beruhigt ins Bett legen, wissen, dass ich keinen schmutzigen Abdruck hinterlasse und die Bettpfeiler nicht krachen werden.
Wir fangen an zum Brunnen zurückzulaufen, als die Sonne untergeht und es langsam kalt wird. Vor einer Weile hat das Rhinozeros seine Sonnenbrille aufgesetzt. Ich wünschte, das hätte er nicht getan, denn durch die dunklen Gläser sieht er noch blasser aus. So gar nicht mehr nach einem Mensch, fast wie ein Gespenst, nur dass er dafür viel zu solide ist. Das Gespenst eines Rhinozerosses vielleicht, denke ich, und muss lachen, vor mich hin und nur halb in mich hinein, und weil er mich so freundlich lachen sieht, fragt er:
Bist du dir sicher mit dem Zug? Ich meine, ich möchte nicht wieder davon anfangen. Ich weiß, dass du da ein bisschen eigen bist. Ich werde auch nicht darauf herumreiten. Ich wollte nur erwähnen, dass ich eigentlich sowieso in die Richtung muss und dann habe ich dieses neue Navigationssystem. Das wäre doch mal eine Herausforderung. Aber wie gesagt, es ist mir völlig gleich, mir völlig einerlei. Willst du lieber mit dem Zug fahren, dann fahr lieber mit dem Zug.
Ich denke dann an Paul und denke an Hanna und an mich und wie ich es wieder fertig bringe, so ohne Geschichte, so ganz alleine nach Hause zu kommen. Wie ich es all die Jahre geschafft habe und noch viele Jahre schaffen werde, nur weil sich jeder Mann früher oder später in ein Rhinozeros verwandelt.
Nein, sage ich. Fahren, das wäre doch sehr nett.
Halb rechne ich damit, dass Hanna am Fenster steht oder Paul.Das ist mein Haus, sage ich, und sehe, dass niemand hinter den Fenstern steht, weder Paul noch Hanna. Auf einmal fällt mir auf, dass es nur wir beide sind in diesem Auto. Ich fühle mich in eine Ecke, eine Sackgasse gelockt und während ichbereits die Wand in meinem Rücken fühle, schaue ich mir das Rhinozeros genauer an. Seine langen Arme und Beine stoßen und ecken überall an.
Ich versuche nicht zu starren und denke, dass wir unmöglich beide in diesem Auto Platz haben können. Atmen kann ich schon lange nicht mehr. Als wüsste er um meine Sorgen, entfaltet sich sein Körper langsam. Mit der Geschwindigkeit einer Kaugummiblase, die gerade zum Platzen gebracht wird, dehnt er sich in meine Richtung aus. Bevor ich mich versehe, rutsche ich zurück und spüre das Glas des Beifahrerfensters an meinem Hinterkopf und nicht nur das, auch seinen Herzschlag kann ich spüren und hören. Viel lauter als meiner bringt er das ganze Auto zum Vibrieren. Ich bin nun sehr beunruhigt und drohe im Blass des Rhinozerosses zu ertrinken. Darum öffne ich die Beifahrertür und falle aus dem Auto heraus. So sitze ich auf dem Boden und das Rhinozeros kippt fast aus dem Auto, auf der Suche nach mir. In den letzten drei Minuten bin ich erschreckenderweise geschrumpft, etwa auf die Hälfte meiner gewöhnlichen Größe, und winke ihm vom Boden aus zu, damit er mich dort unten erkennen kann. Alles in Ordnung, versichere ich, alles in Ordnung hier unten. Ich wollte bloß atmen.
Das Rhinozeros faltet die blasse Stirn und winkt zum Abschied. Ich schaue dem davonfahrenden Auto nach, bevor ich ins Haus gehe.
Und?, fragt Hanna, die alles genau wissen will, und extra noch wachgeblieben ist, um die ganze Geschichte zu hören.
Ich zucke mit den Achseln und drehe auf ihrem Bürostuhl hin und her. Nun, sage ich, einen Moment sah es kritisch aus. Einen Moment dachte ich, das Rhinozeros hätte mich gekriegt. Und ich kann dir versichern, was man sagt ist wahr. Unter all den Tonnen atmet es sich schlecht.
Ich warte darauf, dass sie ‚Na hört mal’ sagt, stattdessen aber zuckt sie nur mit den Achseln. Wenn du meinst, sagt sie, als wüsste sie es besser.
Ich meine, sage ich und mache mir nichts weiter daraus und tanze einen kleinen Tanz als ich aus ihrem Zimmer gehe, denn ich bin so leicht, dass ich mich bewegen muss.
Biographie: Katharina Hartwell
Jahrgang 1984. Seit 2003 Studium der Anglistik und Amerikanistik in Frankfurt. 2006 Preisträgerin des „Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen“. Zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, zuletzt in "Quietschblanke Tage, spiegelglatte Nächte – Großstadtgeschichten", hg. von Katharina Bendixen, Leipzig 2008. mehr...
34/ Prosa: Bei Schnee I & II, Klaus Stadtmüller
Klaus Stadtmüller BEI SCHNEE I
Es schneite und Adelheid fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, dass sie bei dieser Dunkelheit mit dem Fahrrad den Heimweg antreten sollte. Aber das war Teil des Plans, da half kein Jammern. Sie schob die Gardine beiseite. Es schneite ununterbrochen und das war gut so. Der Schnee würde die feine Spur der Fahrradreifen zudecken, als hätte nie jemand von außen das Haus betreten, geschweige denn es verlassen. Die Heizkörper waren noch warm. Dennoch fror sie in ihren Wollhandschuhen in Erwartung der Kälte. Sie hatte sich die Situation bis ins Kleinste ausgemalt. Nun war sie nicht eigentlich erleichtert, sondern erstaunt, wie gefasst sie im Grunde war, und auch gewiss, nichts falsch gemacht zu haben. Sie, die halbe Portion, wie er immer gesagt hatte, diejenige, die keiner Fliege etwas zuleide tun konnte, hatte zugeschlagen, mit aller Kraft und immer wieder bis es vorüber war. Die ganze unbändige Wut, die ihren Entschluss bestimmt hatte, war mit einmal vorbei. Nur noch der bloße Wille, zu funktionieren, es zu Ende zu bringen, war in diesem Moment übrig geblieben. Ob es lange gedauert hatte, konnte sie jetzt nicht mehr sagen. Genau so hatte sie es sich vorgestellt und genau so hatte er es verdient. Da war sie sich sicher. Es war nicht einmal so sehr die andere Frau, die mal ihre Freundin gewesen war. Schließlich hatten sie da schon fast ein halbes Jahr lang getrennt gelebt, sie in der Stadt und er hier am Waldrand in dem Haus, das sie jahrelang gemeinsam bewohnt hatten, zuerst durchaus glücklich. Die Fotos von den Kindern und sogar die von ihren Eltern, seinen Schwiegereltern, standen noch am gleichen Platz im Regal. Merkwürdig, kam es ihr in den Sinn, dass die Neue die nicht weggeräumt hatte. Sie fand es geschmacklos. Aber den Gang durchs Haus auf der Suche nach Veränderungen ersparte sie sich. Sie überzeugte sich, dass es weiterhin schneite. Nein, es war danach diese zufällige Begegnung im Schuhgeschäft gewesen, wo sie schon saß, in Strümpfen zum Anprobieren, während er mit der aufgetakelten Neuen hereinkam. „Guck diese, Schatz...“, bis er sie da sitzen sah, kaum verhoffte und mit jovialer Impertinenz lauthals loslegte: „Darf ich die Damen miteinander bekannt machen: Meine Angetraute Adelheid, meine Geliebte Rosemarie.“ Genau so. Das „Danke, wir kennen einander“ war ihr im Halse stecken geblieben. Nun, da sie es getan hatte, empfand sie die Erniedrigung beinahe als willkommenen Anlass, es ihm heimzuzahlen. Quitt, sagte sie bei sich, nun sind wir quitt, mein Lieber. Als sie die Haustür von außen zuzog, fiel der Schnee noch in dichten Flocken. Sie stieg aufs Fahrrad und stellte sich vor, wie sie Franz vorfänden, seinen über alles geliebten Jagdhund, wenn er mit der Neuen nach Hause käme.
BEI SCHNEE II
„Da ist noch der kleine Karton mit deinen Sachen. Und die Pelzjacke. Du wirst sie brauchen bei diesem Wetter. Und morgen Abend bin ich zu Hause. Ja, allein...Nur das letzte Stücke durch die Tannenschonung ist etwas vereist, aber ohne weiteres passierbar.“
Mit dem Anruf gestern hatte er sie herlocken wollen in das Haus am Waldrand, das ihr gemeinsames Heim war, bis sie vor gut sechs Monaten ausgezogen war, Knall auf Fall.
Sicher, es hatte immer mal wieder Auseinandersetzungen gegeben, gelegentlich auch heftige. Allerlei Hässlichkeiten und Verletzendes hatten sie einander an den Kopf geworfen, Adelheid vor allem, fand er. Aber gerade als sie ihren Entschluss verkündet hatte, war kein Streit vorausgegangen. Sie werde besser allein leben. Erst später hatte er erfahren, dass „allein“ nur hieß, ohne ihn, aber meist mit diesem Anderen, dem Flotten.
Er blickte zum wiederholten Mal zur Uhr. Gegen sechs, hatte sie am Telefon zugestimmt. Das wäre vor über einer Stunde gewesen. Draußen nur Schneetreiben und niemand in Sicht. Mit dem Fahrrad wollte sie kommen, bei diesem Schnee. Aber ihm war's nur Recht. Bei der Witterung und mit dem Fahrrad da konnte so Manches passieren. Wie leicht rutschte einem auf dem Eis das Rad weg. Ein Fall, den Arm gebrochen, ein Bein, eine Rippe vielleicht. Hier draußen kam keiner vorbei, der hätte helfen können. Nicht, dass er so etwas einkalkuliert hätte. Aber es wäre eine Möglichkeit. Er zündete sich eine zweite Pfeife an. Du stinkst, hatte sie gesagt, auch das. Vermutlich war der flotte Bubi Nichtraucher und Sportler, Tänzer dazu. Als Anlageberater nicht ausgeschlossen. Ja, er hatte sich erkundigt. Sechzehn Jahre jünger als sie. Das wusste Rosemarie, ihre frühere Vertraute, mit der er sich seither ziemlich angefreundet hatte. Zwanzig nach acht und es schneite unaufhörlich. Könnte natürlich sein, dass sie sich anders entschieden hatte. Andererseits würde sie nicht kneifen wollen, Adelheid nicht. Wenn sie jetzt noch käme und geschäftsmäßig ihre Sachen verlangte, würde er ihr einen heißen Tee anbieten „nach der Fahrt durch die Kälte. Oder wartet Bastian, dein jugendlicher Lover?“ „Lass das. Das geht dich nichts an“, würde sie wahrscheinlich schnappen. Dennoch würde sie in Erfahrung bringen wollen, wie viel er wisse, und den Tee akzeptieren, nur eine Tasse. Eben die eine Tasse, die er so sorgfältig für sie vorbereitet hatte und die sich in Farbe und Geschmack nicht von herkömmlichem Tee unterschied. Die Kerze im Stövchen war noch nicht völlig heruntergebrannt. Aber nun, fast dreieinhalb Stunden später, würde sie nicht mehr kommen, nicht bei diesem Wetter. Irgendwo unterwegs musste sie bewusstlos neben dem Fahrrad in einer Schneewehe liegen. Vom Schicksal entlastet, schloss er die Rollläden, löschte das Licht und ging zu Bett.
Biographie: Klaus Stadtmüller Geb. 1941, Redaktionsmitglied der Literaturzeitschrift "die horen". Veröffentlichte seit 1975 Mappenwerke, Lyrik sowie ein paar Bände Kurzprosa, Kinderbücher und Stempeltexte, ist Herausgeber bzw. Mitherausgeber diverser Werke, nicht zuletzt zu Kurt Schwitters, und Autor einiger Radio-Features. Seit Anfang 2002 hat er den Juristen-Beruf an den Nagel gehängt und wohnt seither im Ausland, zuerst fünf Jahre in Kapstadt/Südafrika und nun in Buenos Aires/Argentinien. mehr...
34/ Prosa: Ausrutscher, Andreas Lehmann
Andreas Lehmann AUSRUTSCHER
Die Idee kommt ihm während der Heimfahrt. Der Zug hält auf offener Strecke, und die Stimme aus dem Lautsprecher bittet um Geduld und Verständnis. „Betriebsstörung“ heißt es und „auf unbestimmte Zeit“. Er ruft zu Hause an, um die Floskeln weiterzugeben, und wie immer findet er dabei, dass er wie ein Mann klingt, dem keine guten Ausreden einfallen.
Diesmal ist Ann nicht zu Hause. Er hinterlässt seinen Spruch auf dem Anrufbeantworter (seine eigene Stimme hat ihn darum gebeten), und noch während er spricht, kommt ihm der Gedanke: Hat Ann sich ihn schon einmal als einen dieser leichtfertigen Männer vorgestellt, dem sich zu viele Gelegenheiten bieten? Hat sie ihm je misstraut, wenn er tagelang unterwegs war? Die Frage amüsiert ihn, aber es irritiert ihn auch, sie nicht beantworten zu können. Für einen Moment denkt er an Ann wie an eine Fremde.
Als der Zug endlich im Bahnhof hält, geht er zunächst in eine Drogerie und sprüht sich aus einem Tester etwas Frauenparfüm auf sein Hemd. Er sieht sich um wie ein Dieb, als er die Flasche ins Regal zurückstellt, und auf dem Weg hinaus steigt ihm der fremde, süße Geruch in die Nase.
Draußen kauft er schnell noch einen großen Strauß Blumen und fährt dann nach Hause. Als das Taxi an der Straße hält und er das Licht im Wohnzimmer brennen sieht, wird er unsicher. Vielleicht ist es doch eine unsinnige Idee, dieses Spiel zu spielen; wer weiß schon, wie Ann reagieren wird. Doch er redet sich die Zweifel aus (ein Spiel ist es, gibt er sich Recht, nichts weiter), gibt dem Fahrer ein viel zu hohes Trinkgeld und reicht ihm sogar die Hand zur Verabschiedung. Der Wagen fährt mit quietschenden Reifen davon.
Um die Zweifel gar nicht erst erneut aufkommen zu lassen, geht er schnell in die Offensive. Nach einigem Vorgeplänkel – das übliche „Wie war die Fahrt?“ und „Die Blumen sind für dich, mein Schatz“ – sagt er: „Ich muss dir etwas sagen. Ich muss mit dir reden, Ann.“ Er sieht ihr nicht in die Augen, und er weiß, dass er seine Rolle gut spielt. Anns Skepsis, ihre lauernde Furcht, ist förmlich greifbar.
Die Szene, die entsteht, ist fürchterlich. Anns Blick bricht ihm das Herz, und nur die Aussicht auf ihr erleichtertes Gelächter, das sicher seinem Geständnis folgen wird, dass es in Wahrheit nichts zu gestehen gibt, lässt ihn durchhalten. Ann wird blass, in ihren Augen ist Wut, Schreck, Enttäuschung, alles auf einmal, und sie bringt kein Wort hervor. Entweder riecht sie das Parfüm oder sie fängt an zu weinen, er weiß es nicht, denn im selben Moment dreht sie sich um, lässt ihr Weinglas auf den Boden fallen und rennt hinaus. Sie schlägt die Tür hinter sich zu und stürzt die Treppe hinauf. Er erkennt am Geräusch der Tür, dass sie ins Bad geht, und er lauscht so konzentriert, dass er sogar hört, wie der Schlüssel im Schloss herumgedreht wird. Er bleibt allein im Wohnzimmer zurück, für einen Moment ist er völlig ratlos. Einige Zeit vergeht, bevor er einen klaren Gedanken fassen kann. Dann erst holt er einen Lappen und wischt den Rotwein vom Parkett. Ein Spiel, sagt er sich und schließt seine Augen. Es ist alles nur ein Spiel.
Wenig später kommt sie zurück nach unten. Ihre Augen sind gerötet. Er will sofort anfangen, sich zu erklären, doch sie lässt ihn nicht.
„Nein“, sagt sie, nicht laut, aber so bestimmt, dass er augenblicklich gehorcht. „Nein“, wiederholt sie, und dann fängt sie an zu erzählen: „Ich bin froh, dass du so ehrlich bist. Es tut weh, aber es ist besser so.“
Er unterbricht sie nicht. Auch sie macht ihm ein Geständnis, es ist ungeheuerlich. Auch sie sei nicht die Frau, für die er sie wahrscheinlich halte, gehalten habe über all die Jahre. Auch sie habe ihn betrogen, einmal nur, vor beinahe sieben Jahren, aber seither lebe sie mit dieser Schuld. Auch sie habe es nicht gewollt damals, auch sie – so setzt sie ihre Beichte fort, und sie erspart ihm kein Detail. Ausrutscher, dieses Wort gebraucht sie, und es klingt nicht nach einer Ausrede.
Er spürt zunächst, wie ihm übel wird, dann steigert sich seine Fassungslosigkeit so weit, bis er am Ende wieder ganz ruhig ist. Alles, das er zustande bringt, ist ein Kopfschütteln und dann die leise gesprochenen Worte: „Es ist nicht wahr, Ann, es ist nicht wahr.“
„Doch“, sagt sie und geht einen Schritt auf ihn zu. Die Wut scheint verglimmt, was bleibt, ist offenkundig Bedauern. „Doch“, sagt sie noch einmal, und dann ergreift er endlich das Wort.
Er macht es so kurz wie möglich, seine Stimme ist schwach und sein Hals ganz plötzlich rau. „Ann“, sagt er, „es war doch alles nur ein Spiel.“ Er möchte laut werden, doch es gelingt ihm nicht. In wenigen Sätzen sagt er, was zu sagen ist, dann sieht er sie an und schüttelt den Kopf.
Sie wird blass, dann rot im Gesicht, ihre Augen werden kleiner und füllen sich mit Wasser. Doch sie beißt die Zähne aufeinander, und keine einzige Träne läuft über ihre Wange. Still geht sie hinaus.
Eine halbe Stunde später hat sie einen Rucksack gepackt – er ist klein, viel kann nicht darin sein – und steht in ihrer Jacke in der Tür. „Hauke“, beginnt sie, zuckt dann bloß mit den Schultern und dreht sich um. Ein Spiel, denkt er noch einmal, als die Tür ins Schloss fällt und er alleine im Flur steht. Die Wohnung ist auf einmal stumm.
Später am Abend erst denkt er darüber nach, mit wem er den imaginären Seitensprung überhaupt begangen haben könnte. Gerne begangen hätte. Er holt sich ein Bier aus dem Kühlschrank und geht in Gedanken ein paar Namen durch. Mechanisch zunächst, dann fängt es an, ihm Freude zu machen.
Er holt sogar sein Adressbuch (ein Spiel, denkt er, ein Spiel) und blättert es Seite für Seite durch. Und einmal ist er kurz davor, zum Telefon zu greifen.
Biographie: Andreas Lehmann
Geboren vor 31 Jahren in Marburg, lebt heute in Mainz. Bislang Publikation von Gedichten und Erzählungen in Anthologien und Zeitschriften, u.a. in "sprachgebunden", "Entwürfe" und "Der Verstärker". 3. Platz beim Literaturförderpreis der Stadt Mainz 2007. mehr...