31/ Prosa: Der Bodenbelag, Eszter Váci

BODENBELAG
Eszter Váci

„Man spricht von der ‚tierischen’ Grausamkeit des Menschen. Aber das ist sehr ungerecht und für die Tiere wirklich beleidigend:
Ein Tier kann niemals so grausam sein wie der Mensch, so ausgeklügelt, so kunstvoll grausam.“
Fjodor Michailowitsch Dostojewskij

Ich hab die Schnauze voll.
Hundertmal hab ich’s gesagt, aber nein, das Biest will und will nicht hören und muss alles kaputt machen.
Mir langt’s. Morgen kommt der Teppich da raus, dann gibt’s nichts mehr zum Kratzen und Nagen.
Klaus soll mir dann bloß nich mit seinem Gelaber kommen, von wegen, dass jede Katze einen Kratzbaum hat. Den würde man ihr doch wohl auch wegnehmen, wenn sie alles zerfetzen würde. Woher soll sie sonst wissen, was sie darf und was nicht? Wenn sie fressen kann, wann sie will, überall hinpinkeln, an Möbeln rumkauen.
Nee, was zu viel is, is zu viel.
Ich hab ja nun wirklich alles versucht, aber meine Geduld is auch mal zu Ende. Wie soll ich mich denn hier um alles kümmern, wenn ich den ganzen Tag drauf achten muss, dass keiner die Wohnung zerlegt?
Genau das würde nämlich passieren und wir würden jede Menge Ärger kriegen!
Hat mich doch die Neumann gestern im Fahrstuhl angequatscht und gefragt, ob unsere Katze in letzter Zeit häufiger mal ihre drolligen fünf Minuten hat – angeblich rummst es ab und zu über ihrem Schlafzimmer und sie hört da nachts was schrapen.
Den Zahn hab ich der blöden Kuh aber gleich gezogen und ihr verklickert, dass unser Mohrle ein ganz Lieber is und total brav, den haben wir nämlich vor zwei Jahren kastrieren lassen. Die Geräusche müssen darum woanders herkommen, hab ich gesagt, und bei dem Radau, den ihre Gören veranstalten, kann sie doch wohl sowieso nichts anderes hören.
Da war sie platt und hat die Klappe gehalten!
War auch besser. Ich kann’s nicht ab, wenn Leute rumstressen und die Neumann hat’s gerade nötig:
Hockt den ganzen Tag zu Hause und ihre Blagen haben trotzdem immer speckige Klamotten an und allen läuft der Rotz aus der Nase.
Ich würd mich ja bedeckt halten, wenn mein Kind draußen so rumlaufen würde. Da kann man sich schon vorstellen, wie die Bude aussieht. Wahrscheinlich wie bei den Schlampen in der Sendung über diese Müllsammler, die nie was wegwerfen und wo alles steht vor lauter Dreck.
Wie kann man denn so leben, hab ich Klaus gefragt, die hausen ja wie die Schweine.
Er hat nur was gemurmelt, aber er redet ja nie viel, wenn wir fernsehen.
Mittendrin im Bericht hat es nebenan geknallt und ich musste hin und für Ruhe sorgen und hab dadurch den Anfang von der nächsten Geschichte verpasst.
Wie ich das hasse!
Doch es nützt nichts. Auch wenn ich der Neumann den Marsch geblasen hab, manche Geräusche hört man. Natürlich ist das immer dann, wenn wir mal was Spannendes gucken. Als ob er das mit Absicht macht.
Das is Quatsch, weil er ja nicht versteht, was wir machen. Nerven tut’s trotzdem.
Ich bin danach zurück in die Stube und da meinte Klaus zu mir, dass das so nich mehr weitergeht und dass wir uns mal was überlegen müssen. Er hat keine Lust mehr, dauernd was zu reparieren und das alles geht ja auch ganz schön ins Geld: Die Vorhänge mussten runter und das Rollo von außen dran, die Möbel waren reif für die Tonne, die Stromkabel angefressen und dazu jeden Tag der Dreck und Gestank.
Und wer weiß, vielleicht beschwert sich die Neumann eines Tages bei der Hausverwaltung und die kommen her und überprüfen uns, weil im Mietvertrag steht, dass man keine Tiere halten darf. Dann müssen wir unseren armen Mohrle abgeben, obwohl der doch gar nichts dafür kann.
Der süße Schatz. Wie er da auf seinem Kissen liegt, ganz klein zusammengerollt, den Schwanz über der Schnauze. Wie ein kleiner Engel auf seiner Wolke.
Oh, es ist Zeit für sein Fresschen. Ich geb ihm die neue Sorte, die mit Entenbrust, will mal sehen, ob er das mag oder –
Verdammt, schon wieder dieses Gejammere!
Kann das Miststück denn etwa riechen, wenn ich in der Küche eine Dose aufmache, oder was?
Ich hab’s so satt!

Schön. Auch gut.
Kommt der Teppich eben heute schon raus.

Kurzbiografie: Eszter Váci
Geboren 1971. Hamburgerin. Schreibt Kurzprosa und Lyrik (Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Anthologien u.ä.). http://www.esztervaci.de
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29/ Prosa: Sprachlosigkeit, Markus Köhle

etcetera 29/Blätterwirbel/Oktober 07
Mit diesem Text gewann Markus Köhle unter dem Pseudonym „Johann aus Tirol“ den Poetry Slam im Rahmen des Blätterwirbel 2006. Erstabdruck in „Brahmskoller“, edition ch, 2005. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag.

SPRACHLOSIGKEIT
Markus Köhle
(alias Johann aus Tirol)

(Hirnstromprotokoll eines sich auf den ersten Blick Verliebenden, dessen Stimme versagt, weil das Herz halshoch pocht)

Mayday, mayday, melde Sprachverlust.
Sprache, wo bist du? Komm raus aus dem Loch, zeig dich!
Lass mich artikulieren meine Stimmung – meine Gefühle.
Keine Kunst? Schon Kunst.
Gib mir Stimme, Worte und Gleitmittel.
Lass fließen sodann Schwülstiges, lass anschwellen einen hormonigen Bockgesang, der sich gewaschen hat und wurlert wabert.
Spachtelmasse für Gehörgänge will ich haben, tonnenweise und Honig, Honig, Honig in allen Körperöffnungen. Ja, auch im Kofferraum.
Ich will orgeln und arschgeigen, die Gefühlstreppen rauf- und runterschwanken und wärmende Steppdecken aus Seelenheil häkeln.
Sprache verleih mir Bügel, dass ich meine Hemmungen aufhängen und endlich den Krawattenknopf der Liebesrhetorik bindend ablegen kann.
Mach mich los, zieh mir die Gürtelschnalle der Kontaktscheue über den Hinterkopf und die Unterwürfigkeitsunterhose aus.
Biet mir die Stirn, zerfrans mir meinen Betulichkeitsscheitel, zopf mir meinen Zungenwaudel aus und zitier mir Faust I und II in den Nacken.
Schenk mir die Gretchenfrage ein und greif mir in den Hodenstall.
Melk dort die schwangeren Zärtlichkeitszitzen und lass mich angestaute Mühsalmilch abrahmen, bevor der Glibber stockt.
Richt mir die Wohlfühlwarzen auf, wart mir die Wadenwände, pell sie, mach reinen Beintisch.
Streich mir die Relativitätsgänsefüßchen der Zweisamkeit, weis mir den Weg zum Hosenboden der großen weiten Gefühlswelt und schnür mir die Schuh der Ungebundenheit, in alle Ewigkeit, ICH und SIE, wir zu zweit.
Himmelherrgottnochmal mach, mach, mach!

Ist das nicht das, was man Liebe nennt?
Stürmische Gefühle, drängende Expressionen, anschaulich umgesetzte Satzunfälle, Durchfallworte, Sprachabfall? Ist das die Sprache der Liebe?
„Die Sprache ist dann am eindeutigsten Sprache, wenn sie in ihrer Funktion verschwindet.“
Soso.
„Wir hingegen denken, dass die Sprache vor allem Sprache zu sein hat, und wenn sie schon an etwas erinnern soll, dann am ehesten an eine Säge oder an den vergifteten Pfeil des Wilden.“
Na dann spann deinen Bogen wilder Amor.

Z-o-i-n-g – Flapp!
Volltreffer!
Da wie dort. Gefühle kurbeln die Fensterscheibe runter, lassen den Arsch raus hängen und scheißen drauf. Spielt alles keine Nebenrolle, ist alles sächlich und mega egal wie nur was, weil hier hat nämlich ein Pfeil Weg gewiesen was fortan Programm ist.
Schalt dich ein und nicht um, reich ihr die Hand und versprich diverse Schwüre, das schadet nicht, vorerst.
Gib Quasimodo Wasser Esmaralda, auf dass er alle Liebesglocken in Schwung bringe, auf dass sie anflattern mögen, denn Glocken fliegen gerne und wenn dass kein Anlass für eine fröhliche Bim-Bam-Karawane ist, dann ist’s aus mit Christ sein.
Dann wird sich beschwert bei der Diözese, dem Bischof der Marsch geblasen und konvertiert was das Sektenspektrum hergibt.
Da darf man sich nicht lumpen lassen, schließlich hat man ja lange genug Obolus abgelegt für Hostienhokuspokus und Bubenstreicher.

Jetzt ist die Rendite fällig: Glocken als Vorspiel, zur Lesung irgendetwas Geiles, Fürbitten für geschlechtliche Funktionstüchtigkeit, zur Wandlung die Frucht ihres Leibes, oh Herr ich bin nicht würdig, dass sie eingeht unter mein Dach, aber sprich du ein Wort und mach meine Seele gesund und zum Schlusssegen guten kinderlosen Sex in alle Ewigkeit Amen.
Ja Vater unser, das wäre mir ein paar Gegrüßt seist du Maria wert, doch du sollst den großen Gott nicht vor dem Abend loben, denn mit Göttern ist kein Staat zu machen, das lehrten uns schon die alten Griechen und so schlage ich mir denn einstweilen bloß mal ein Kreuz auf die Brust, kaue Nägel und harre der bestellten Frohlockungen.
Man möge mich erhören.
Vergelt’s Gott!

Biografie Markus Köhle: Schreibt seit geraumer Zeit um sein Leben. Er ist eigentlich Tiroler Knödel, kugelt aber seit gut zwei Jahren in Wien herum. Nichtsdestotrotz ist er seit fünf Jahren der Veranstalter des monatlichen Bierstindl Poetry Slams (BPS)in Innsbruck. Er fährt gerne Zug (schon seit vielen Jahren) und hat eine schöne Homepage: www.autohr.at mehr...

28/ Prosa: Doktor Robert, Thomas Havlik

etcetera 28/ SCHUND/ April 07
DOKTOR ROBERT

Thomas Havlik

Doktor Robert saß mit einer Zigarette im Mund über seine Medikamentensammlung gebeugt und schachtelte weiße, rosa und hellgrüne Tabletten in die Dispenser der Autoren. Die verschiedenen Neuroleptika, Tranquilizer und Literatur-Pillen, die er aus den Verpackungsfolien gedrückt hatte, kollerten lose und in einer Buntheit auf dem Tisch, die einem Laien unerklärlich war. Manches Mal hatte auch er sich schon vertan und ein Leponex mit einem Valium vertauscht, oder jemandem anstatt einem „Upper“ einen „Downer“ verabreicht, aber Probleme hatte er deshalb noch nie bekommen.
Doktor Roberts „Wabe“, wie die Untergruppen der Literaturabteilung genannt wurden, war spezialisiert auf deutschsprachige Autoren, so wie Privatärzte auf kaputte Sprunggelenke oder Halswirbelbrüche.
Der letzte, den ihm die Jurymitglieder eingewiesen hatten, hieß „Reuss“ und war dem ersten Eindruck nach nicht uninteressant, mit den Stimmen, die er hörte.
Wie Figuren in einem Setzkasten ordnete Doktor Robert die tablettenförmigen literarischen Einflüsse und legte sie bedächtig in die einzelnen Morgen, Mittag, Abend und Nachtfächer. Das war seine liebste Beschäftigung.
Sobald er damit fertig war, betrachtete er selbstsicher die befüllten Dosen wie einer, der soeben ein dreihundertteiliges Puzzle vollendet hat. Der Behälter von Reuss war noch leer, ansonsten war er mit der Arbeit fertig. Robert konnte nach Gutdünken aus einer Handvoll Pillen auswählen, die übrig geblieben waren.
Gedankenverloren zog er an seiner Belohnungszigarette, als...
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