63/Alles Theater/Prosa: Egyd Gstättner: Mein Theater

Mein Theater
Oder: Meine Vorstellung von einer Vorstellung


Das Kellertheater ist klein, und groß ist auch das Honorar nicht gerade. Aber immerhin: Es gibt eines, und ich war schlau genug, mir die erste Rate vom Theaterleiter, einem begnadeten Wedekind-Darsteller auf und hinter und jenseits der Bühne, am Nachmittag vor der Premiere im Theatercafè auszahlen zu lassen mit der Androhung, mich anderenfalls während der Vorstellung auf die Bühne zu stellen und coram publico und vor allen Journalisten mein Honorar einzufordern. Sonst hätte ich es wohl nicht bekommen. Obwohl es zehn volle Jahre gedauert hat, bis mein erstes, anlässlich meines Zwanzigers geschriebenes Drama uraufgeführt worden ist, waren die Premiere und auch die folgenden fünf Aufführungen restlos ausverkauft: So viele Bekannte kann man gar nicht haben. Eines Tages möchte ich sagen können: Wenn man bekannt ist, braucht man keine Bekannten. Freilich hatte ich niemals Lust gehabt, Dialoge mit Turnübungen zu garnieren und auf der Bühne irgendwelche Leute irgendetwas reden zu lassen, damit am Ende eine Lebensweisheit herauskommt. Die Tageszeitungen konnten sich nicht zwischen einem brisanten Stück in hausbackener Inszenierung und der ambitionierten Inszenierung eines langweiligen Stücks entscheiden. Einhelliges Lob galt den diabolischen Dessous des Erzengels, eine noch nicht zwanzigjährige Laiendarstellerin vom Land. So ist der Boulevard. Wirklich verrissen hat mich nur die Kirchenzeitung. Hat sich der Autor ganz einfach über sein Publikum lustig gemacht, und wenn ja: Ist das mutig? Die Grenze zwischen Mutprobe und Jugendsünde ist fließend. Am Theater lässt es sich unmittelbar und einwandfrei feststellen, ob das Publikum an den richtigen Stellen lacht. Aber es lässt sich nur schwer und nicht einwandfrei feststellen, ob das Publikum an diesen richtigen Stellen auch aus dem richtigen Grund lacht, falls es überhaupt lacht. Es gibt in meinem Schöpfungsbericht eine Stelle, in der der Teufel und der Liebe Gott gemeinsam ein Tischgebet sprechen, und eine Kritikerin fand den Einfall gelungen, den Teufel beten zu lassen. Meine Frau hingegen fand den Einfall gelungen, Gott beten zu lassen. Ich selbst darf jetzt im Nachhinein durchaus behaupten, daß die Produktion meines Schöpfungsdramas kein besonderer Erfolg war. Während ich nur bei der Generalprobe für das Regionalfernsehinterview, bei der Premiere und bei der Abschlussaufführung anwesend war und mich also noch kein Übersättigungsgefühl plagte, hatten sich die Schauspieler während der sechswöchigen Probenzeit und der vierwöchigen Aufführungszeit offenbar den Geschmack verdorben. Bei der Abschlussaufführung haben die Schauspieler gespielt und gemacht, was sie wollten, sodaß diese Abschlussaufführung mit der Premiere und mit dem, was ich mir unter der Vorstellung vorgestellt hatte, nicht mehr viel zu tun hatte. Vor allem der norddeutsche Hauptdarsteller, der den Adam gab, ein sogenannter professioneller Schauspieler, hat ungeniert den Text verändert, ganze Passagen entweder weggelassen oder frei erfunden, für das ahnungslose Publikum unbemerkbar das Original parodiert und sich durch meine Anwesenheit bei dieser Abschlussaufführung in seinem Einfallsreichtum nicht im mindesten irritieren lassen. Im Gegenteil hatte ich den Eindruck, daß der Adam mich die ganze Vorstellung lang fixierte und nur für mich, das heißt: gegen mich spielte und sich mit diesem Spiel an mir für die Qualen der vorangegangenen zwölf Aufführungen rächte. Das hat man davon, wenn man Menschen anstatt Buchstaben für sich arbeiten lässt! Während dieser Abschlussaufführung waren nach dem zweiten Bild etliche Zuschauer gegangen, wie bei den meisten Aufführungen, die Premiere ausgenommen, vereinzelt Leute nach dem zweiten Bild das Kellertheater verlassen haben. So schlimm war es für sie gewesen. Sogar eine Reisegruppe aus Wolfsberg, die mit dem Bus zu meinem Theaterstück angereist war, soll das Theater nach dem zweiten Bild geschlossen wieder verlassen haben, in den Bus gestiegen und nach Wolfsberg zurückgefahren sein. Während des Abschlussessens bezahlte der angeheiterte Kellertheaterintendant die zweite Rate der Honorare aus. Das Abschlussessen mussten sich die Esser selbst bezahlen. Der angeheiterte Intendant hat aber allen Beteiligten in schwarzes Seidenpapier eingewickelte Mängelexemplare von Taschenbüchern zur Erinnerung geschenkt. Welch schöne Geste! Ich habe einen Band mit Theateressays von Arthur Miller bekommen. Die habe ich sofort wieder in das schwarze Seidenpapier eingewickelt und in die nächste Mülltonne geworfen, obwohl man keine Bücher wegwerfen sollte, ganz gleich warum. So unbescheiden war ich. Während also manche Leute nach dem zweiten Bild gegangen sind, obwohl sie vollen Eintritt bezahlt haben, ist unser beamteter Universitätsstadtphilosoph erst nach dem zweiten Bild gekommen und hat, wie mir die Kartenfrau später erzählt hat, am Kassatisch so lange mit ihr gefeilscht, bis er nur noch den halben Preis bezahlen musste. Ohne die ersten beiden Bilder gesehen zu haben, sagte mir der beamtete Universitätsphilosoph später, er an meiner Stelle hätte dieses Stück nicht aufführen lassen. Ja, sagte ich dem lässigen Zuspätkommer und pragmatisierten Philosophiebeamten, ja Anarchiebeamten mit Zusatzpension, aber dann wäre das Fernsehen erst zu meinem Siebziger und nicht schon vierzig Jahre früher, also jetzt gekommen, um mich wie zufällig und unabsichtlich bei einer natürlich gestellten Unterhaltung mit dem Regisseur zu filmen, auch wenn schließlich nur ein einziger Satz aus meinem Mund tatsächlich gesendet wurde, ein völlig idiotischer, wenn ich mich recht erinnere. Aber ein Fernsehsatz ist besser als kein Fernsehsatz. Wie viele Dichter müssen ihr Leben lang ohne Fernsehsatz auskommen! Wie viele werden nie um einen O-Ton gebeten! Nach dem Fernsehsatz hat mich jemand aus Judenburg angerufen und gesagt: „Du hast es geschafft! Du hast es ja jetzt geschafft!“ Er habe es nicht geschafft. Und dann hat er mir sein ganzes Leben erzählt: Ein schreckliches Leben, wenn auch ohne Ereignis. Einer hat mir einen Brief geschrieben und mir ein gutes, altes Hausmittel gegen rezidivierendes Erbrechen empfohlen. Dann hat einer angerufen und gesagt, er müsse ein Referat über mich halten: Wann ich geboren sei und welche Hobbys ich habe? Dann habe ich mir einen automatischen Anrufbeantworter gekauft. Ohne Aufführung wären nicht nur die schmucken Programmhefte, sondern auch die ein Meter zehn mal siebzig Zentimeter großen Plakate mit meinem Namen nicht gedruckt und aufgestellt und aufgehängt und aufgeklebt worden. „Weißt du“, habe ich dem pragmatisierten Philosophiebeamten gesagt, „es gibt hier sonst keine Arbeit für mich.“ Auch das Fräulein Moser von der Landhausbuchhandlung hätte kein Schaufenster gestalten können. Dazu muß man wissen, daß das Fräulein Moser die schönsten Buchhandlungsauslagen der ganzen Stadt gestaltet, und die mich betreffenden Schaufenster gehören zu den schönsten der ganzen Landhausbuchhandlung. So viel Liebe zum Detail! Regelrechte Kunstwerke! Das Fräulein Moser ist aber nicht nur als Dekorateuse unübertroffen. Sie trägt auch aufregende Stöckelschuhe, die ein aufregendes Klappergeräusch erzeugen, wenn sie sich auf den Weg macht, um im Lager nach einer aufregenden Buchbestellung zu sehen. Bei der Drucklegung dieses Buches werde ich meinem Verleger vorschlagen, den Umschlag mit dem Bildnis der Stöckelschuhe des Fräuleins Moser zu gestalten. Überhaupt ist es wohl einer meiner größten Wünsche, einmal in ein vom Fräulein Moser gestaltetes Landhausbuchhandlungsschaufenster zu blicken, das sowohl mein Buch zeigt, dessen Umschlag mit den Stöckelschuhen des Fräuleins Moser gestaltet ist, als auch Fräulein Mosers wirkliche Stöckelschuhe daneben. Fräulein sollte man angesichts dieser Frau natürlich überhaupt nicht sagen. Ich zitiere nur all diejenigen, die das tun, zum Beispiel den Geschäftsführer. Nun hat mich das Fräulein Moser aus der Landhausbuchhandlung aber insofern vor den Kopf gestoßen, als sie sich mir anlässlich meiner Abholung der bestellten Philosophie des Glücks von sich aus als Mitglied einer Pischeldorfer Laienschauspieltruppe zu erkennen gab, die im Rahmen der Pischeldorfer Sommerkulturtage in einer Pischeldorfer Scheune zugunsten der Kriegsopfer vom Balkan Die blaue Maus von Hugo Wiener zur Aufführung bringt. Zur Philosophie des Glücks wollte mir das Fräulein Moser gleich noch zwei Eintrittskarten für die Blaue Maus andrehen! Wäre es nicht sehr geschmacklos gewesen, zugunsten der Kriegsopfer vom Balkan über das Fräulein Moser in der Blauen Maus von Hugo Wiener zu lächeln, falls überhaupt etwas zu lächeln gewesen wäre? Eine Dramatisierung von Candide oder der Optimismus oder eine Dramatisierung der Welt als Wille und Vorstellung hätte ich mir, wenn auch vielleicht nicht ausgerechnet in einer Pischeldorfer Scheune, zugunsten der Kriegsopfer vom Balkan einreden lassen. Aber Hugo Wiener? Die letzten Tage der Menschheit: ja! Vom Nachteil geboren zu sein: ja! Die verfehlte Schöpfung: ja! Die blaue Maus: nein! Heute arbeitet das Fräulein Moser längst nicht mehr in der Landhausbuchhandlung, das Klappern ihrer Stöckelschuhe ist verhallt. Die Landhausbuchhandlung existiert gar nicht mehr. Auch das Kellertheater existiert heute nicht mehr, sondern ist durch ein Restaurant ersetzt. Nichts, rein gar nichts, deutet darauf hin, was hier einmal gewesen ist. Genau dort, wo damals die Bühne stand, befinden sich heute die Toiletten. Genau dort, wo du dich damals nach deiner Premiere verbeugt, wenn auch nur ansatzweise und fast unmerkbar verbeugt hast, junger Mann, könntest du heute dein Wasser abschlagen.

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Hauptstadt! Weltstadt! Theaterwelthauptstadt! Ein Theater neben dem anderen! Links ein Theater, rechts ein Theater, oben ein Theater, unten ein Theater, Theater wohin man schaut. Abend für Abend hebt sich Vorhang um Vorhang. Überall wird gespielt. Aus der ganzen Welt kommen die Menschen hierher, um im kardinalroten Plüsch zu versinken. Das goldenste Gold. Das plüschigste Plüsch. Die spartanischten Bühnenbilder! Und das größte aller Theater der Theaterwelthauptstadt ist das Volkstheater! Größer als das Burgtheater! Größer als das  Akademietheater! Größer als das Raimundtheater! Größer als die Josefstadt. Und natürlich größer als das Kellertheater in den Landhauskatakomben. Niemals bis zum jüngsten Gericht wird das Volkstheater abgerissen und durch ein Pissoir ersetzt werden. Hoffe ich jedenfalls. Du verlässt das Café Raimund, wo du Eiernockerl mit grünem Salat gegessen hast, und spazierst einmal rund um die Kathedrale des gottlosen Schöpfers, und noch einmal, und noch einmal. Dem Bühneneingang gegenüber im Weghuberpark sitzt der versteinerte Raimund auf einer versteinerten Bank, hat aber noch ein Plätzchen freigelassen, nett von ihm, da kletterst du hinauf, setzt dich und zündest dir eine Zigarette an. Leider fotografiert dich niemand. Leider versteinert dich niemand. Du weißt es zwar seit einem halben Jahr, aber du kannst es immer noch nicht wirklich glauben: Du wirst am Volkstheater gespielt, junger Mann! Wer sein Leben lang in dieser Stadt zubringt und die Zusammenhänge und Hintergründe kennt und hinter die Kulissen blickt, wird immer einen Grund zu Schmähung und Erniedrigung, Abwertung und Miesmachung finden. Wer das Gemauschel und die Intrigen kennt, wird wissen, dass nicht alles Gold ist, was in der glänzenden Stadt glänzt. Und er wird nicht gleich in vorauseilende Hochachtung und Begeisterung ausbrechen. Das Volkstheater hat viele Spielorte, den Plafond, den Roten Salon, den Rauchersalon, und es gastiert sogar in den Außenbezirken. Aber das geht dich nichts an. Du wirst am großen Haus gespielt! Am GROSSEN Haus!!! Auf der großen Bühne!!! Vor tausend Plüschplätzen!!! Und deswegen verwandelt sich jetzt alles hier zu Gold. Das Volkstheater bis hinauf zu seiner Kuppel pures Gold! Das Kunsthistorische, das Naturhistorische, das Museumsquartier daneben: Goldgoldgold. Die Museumsstraße, die Burggasse, die Neustiftgasse: Goldgoldgold. Das Raimunddenkmal, das Café Raimund, der Würstelbrater, das Neubaukino und die Ubahnstation so golden wie der goldene Johann Strauß im Stadtpark! Midas mein Name, sehr erfreut! Das Innenministerium muß auch irgendwo hier in der Nähe sein. Na, egal. Ich packe jetzt einmal die Trommel aus und mache einen kleinen Trommelwirbel, denn oben am Dach, vor der Kuppel des Volkstheaters ist ein Riesentransparent angebracht, auf dem in Riesenlettern schwarz auf weiß zu lesen ist HEUTE: JAN PHILIPP MÖLLER. Nein, ich trommle gleich den Zarathustra von Richard Strauß. Bamm! Bamm! Bamm! Bamm! Und Beethoven hinterher: Bammbammbammbamm! Im ganzen Land sitzen die Menschen nach einem langen Arbeitstag müde vor ihren Fernsehgeräten und drohen einzuschlafen. Aber plötzlich schrecken sie hoch und trauen weder ihren Ohren, noch ihren Augen. Denn am Ende der Hauptnachrichtenshow schaltet das Staatsfernsehen live in die Loge des Volkstheaters, wo stechenden Blickes der gestrenge alte Kulturchef des Staatsfernsehens sitzt, das fleischgewordene Kunstgewissen der Republik, das das Mikrophon mit dem roten Kopf wie ein Zepter hält und nun auf das grüne Licht wartet, um die Nation mit seinem Premierenbericht zu versorgen. Millionen und Abermillionen von Dichterinnen und Dichtern hat er von den Logen dieser Welt aus ohne mit der Wimper zu zucken zerbrochen und zerstört, und ausgerechnet du bist der einzige Mensch im ganzen Land, der jetzt nicht hören kann, was der oberste Theaterscharfrichter des Theaterweltreiches zu sagen hat, denn du bist ja, wie alle sehen, in diesem Augenblick gerade in seinem Rücken unten auf der Bühne, nimmst den Premierenapplaus entgegen und verbeugst dich. Was heißt verbeugen? Du hältst wieder einmal Gangaufsicht, weißt nicht wohin mit Kopf und Händen – klatscht selbst – noch dämlicher geht es gar nicht! - und möchtest nichts lieber als hier raus und neben Raimund eine Zigarette rauchen… Jedenfalls konntest du von deiner Position aus nicht sehen, dass sich der Kopf des Fernsehsuperkritikers live auf Sendung plötzlich und unvermutet ebenfalls in pures Gold verwandelte und meldete, es sei gerade ein großer Theaterabend zu Ende gegangen, es sei eine Überraschung, eine Entdeckung…man müsse unbedingt… aber lassen wir das. Man will ja nicht unbescheiden sein. Wenn man dem Chef der Kulturredaktion des Staatsfernsehens so zuhörte, hätte man durchaus den Eindruck gewinnen können, der soeben vom Himmel gefallene Urheber der Uraufführung sei selbstverständlich im Intercontinental oder im Imperial oder im Bristol abgestiegen und nicht in der Pension Rathaus. Und er sei auch nicht „einquartiert worden“, sondern er habe „residiert“…


Egyd Gstättner
Geb 1962, studierte Germanistik und Philosophie, lebt als freier Autor in Klagenfurt. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Letzte Buchpublikationen: Absturz aus dem Himmel. Picus, Wien 2011, Ein Endsommernachtsalbtraum. Picus Wien 2012, Hansi Hinterseer rettet die Welt. Amalthea Wien 2013, Der Haider Jörg zieht übers Gebirg. Drava Klgf. 2013, Das Geisterschiff 2013, Am Fuß des Wörthersees 2014, Das Freudenhaus 2015, alle Picus.
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62/Angst, Furcht und Schrecken/Prosa: Eva Schörkhuber. Habe ich Ihre letzte Frage nun beantwortet?

Eva Schörkhuber
Habe ich Ihre letzte Frage nun beantwortet?

schleim schleichende sabbernde sehnsucht
verführt folternden knecht deiner selbst
lechze lüstern…

Faust a.d.D.

Nein, wann genau es begonnen hat, kann ich Ihnen nicht sagen. Auch beim besten Willen kann ich Ihnen nicht den genauen, den exakten Zeitpunkt nennen, an dem die Dinge sich aufgemacht haben, um den Lauf zu nehmen, den Sie jetzt ja schon kennen. Nein, von einem eindeutigen Anfang kann wirklich keine Rede sein. Sie müssen sich das eher vorstellen als einen… einen schleichenden Prozess – jawohl, das scheint mir der richtige Ausdruck zu sein, ein schleichender Prozess… Irgendwann hat es begonnen, völlig unbemerkt hat es eingesetzt und als ich endlich bemerkt habe, dass etwas bei mir oder vielmehr mit mir vorgeht, ist es schon viel zu spät gewesen. Im Übrigen habe ich nichts gegen diese Existenzweise einzuwenden: Sie bekommt mir ausgezeichnet. Und auch wenn Sie jetzt leicht angewidert das Gesicht verziehen – ich sage Ihnen: Es hätte Sie viel viel schlimmer treffen können. Ich kann Ihnen versichern, dass es kurz und relativ schmerzlos von statten gehen wird. Wobei die Schmerzgrenzen von Person zu Person natürlich variieren, einmal sind sie höher-, einmal niederschwelliger, das liegt in der Natur der… – Aber das wollten Sie ja alles gar nicht wissen, verzeihen Sie. Sie haben mich gefragt, wann genau es begonnen habe und ich kann Ihnen diese Frage nicht beantworten. Leider. Mir ist das ausgesprochen unangenehm, das müssen Sie mir glauben. Das Recht auf eine letzte Frage und auf eine ehrliche Antwort, bevor – nun, ich halte große Stücke auf dieses Recht. Dass ich gerade Ihre letzte Frage nicht einwandfrei beantworten kann, das kränkt mich und ich werde mich bemühen, Ihnen zumindest ein Bild zu geben von der Unabwägbarkeit Ihrer Frage. Es ist, wie gesagt, ein schleichender Prozess gewesen, der zu einem mir unbekannten Zeitpunkt eingesetzt hat und dessen Konsequenzen mir erst Monate, vielleicht sogar Jahre später aufgefallen sind. Es könnte zum Beispiel zu jener Zeit begonnen haben, als ich das erste Mal in diese Gegend gefahren bin. Sie wissen schon, diese Hügellandschaften, die so sanft geschwungen sind wie die Rücken ruhender Kamele. Und die Farben dieser Landschaften – oh, sie machen durstig, diese Farben, sie spielen Ihnen Sandlieder in die Augen und wirbeln Staub in Ihrer Kehle auf. Auch das Grün sprießt dort nicht aufdringlich und vorlaut, es stimmt sich ab mit den Ocker-, den Beige-, und Brauntönen. Eine Symphonie der Kargheit, eine Oase der Unstillbarkeit mitten in Europa. Vielleicht sind sie es gewesen, die den Prozess in Gang gesetzt haben, vielleicht haben mich diese Farben, diese Töne – nun, soweit gebracht, dass ich jetzt versuche, Ihre letzte Frage zu beantworten. Wenn ich an diese Gegend denke, an ihre Rundungen, ihre sanften Wölbungen, an ihre beigen Augenlider – eine sehnsuchtsvolle Wolllust überkommt mich dann, die ich nicht stillen kann, die ich ebenso wenig stillen kann wie den Durst nach… Nun, über dieser Sehnsucht, dieser Wolllust, vergesse ich immer, dass der ockerbeigebraune Teint dieser Landschaften an vielen Stellen zerfressen ist von Brandmalen, von Brandwunden. Schwarze Brachflächen klaffen zwischen den dunklen Grün-, den Kupfer-, Sandund Erdtönen und wenn ich an diesen Frevel denke, an die Feuerzungen, die regelmäßig an meinen Landschaften lecken und ihnen den Busch-, den Grasflaum vom Leibe fressen, dann ist mir, als hätte ich Blut geleckt, als könnte ich aus der Haut fahren und alles um mich herum verschlingen. Auch an die Grabsteine denke ich nicht, wenn ich mich dieser wolllüstigen Sehnsucht überlasse, an diese schiefen, weißen Grabsteine, die aussehen wie ein sehr unordentliches Gebiss, mit dem – bei Gott – nichts mehr anzufangen ist. Vielleicht ist es auch dieser immer wieder aufkeimende, dieser manchmal sogar auflodernde Ärger über die Brandflächen und die Grabsteine gewesen, der den schleichenden Prozess in Gang gesetzt hat. Ach, Sie merken schon, der Zeitpunkt, an dem es begonnen hat, er lässt sich einfach nicht genau bestimmen. Es könnte auch sein, dass es gar nichts mit dieser Gegend, mit diesen Landschaften zu tun gehabt hat. Dass es vielmehr von innen heraus passiert ist, dass in meinen Venen etwas begonnen hat, zu zirkulieren, das meine Gesamtkonstitution verändert hat – sie nachhaltig verändert hat. Ich kann mich zum Beispiel an jene Zeit erinnern, als mein Blut begonnen hat, zu köcheln, zu schäumen. Es ist die Zeit meiner ersten Hitzen gewesen. Vor dieser Zeit habe ich den Körpern anderer Menschen tatsächlich nichts abgewinnen können. Sie sind mir immer nur im Weg gewesen, im Weg gestanden, gesessen oder gelegen. In dieser Zeit aber habe ich zum ersten Mal in meinem Leben etwas von dieser viel besungenen, viel bebilderten Anziehungskraft gespürt, die zwischen menschlichen Körpern auftreten kann. Ein mir bis dahin unbekanntes Verlangen nach Haut, nach feuchter Wärme und pulsierendem Atem hat begonnen, mich heimzusuchen. Und so bin ich tage-, bin ich nächtelang herumgestreunt auf der Suche nach Körpern, die mich anziehen, denen ich mich nähern, die ich umkreisen, umgarnen, berühren kann. Gesucht und auch gefunden habe ich sie, diese Körper, die ich erkundet habe, in die ich eingedrungen bin, die Körper, die ich aufgenommen habe. Oh! Wie kindisch, wie wählerisch ich doch gewesen bin am Anfang. Wie viel Zeit ich doch verloren habe mit sinnlosen Streifzügen, auf denen mir niemand angemessen erschienen ist. Im Laufe der folgenden Jahre habe ich dann begonnen zu begreifen, dass es sich nicht lohnt, wählerisch zu sein, dass diese Art der Anziehungskraft zwischen allen Körpern hergestellt werden kann, dass sich jedem Körper zumindest ein paar Lusttropfen abpressen lassen. So habe ich mit der Zeit immer mehr Körper aufgenommen, immer mehr Körper besessen – bis, ja bis ich schließlich alle gefickt habe. – Schauen Sie nicht so. Nicht so konsterniert. Sie habe ich ja auch… Sie möchten mir doch jetzt nicht weiß machen, dass Sie es nicht genossen, dass Sie es nicht geil gefunden haben, wie ich in Ihnen diese Lust nach mehr, nach immer mehr stimuliert, wie ich aus Ihnen diese Gier herausgepresst habe, die Sie alles, alles und jeden um sich herum hat vergessen lassen. Kommen Sie mir nicht damit! – Aber lassen wir das. Es geht jetzt nur noch um Ihre letzte Frage, die ich versuche, zu beantworten. Allerdings kann ich wiederum nicht mit letzter Sicherheit sagen, ob es diese, ob es meine deregulierte Libido gewesen ist, die diesen schleichenden Prozess in Gang gesetzt hat. Vielleicht hat sie ihn auch nur verstärkt, befördert. Sie wissen ja, wie schwierig es ist, die Wechselwirkungen zwischen endogenen und exogenen Faktoren zu bestimmen. Wenn wir zum Beispiel an unsere Situation hier denken, an diese Situation zwischen uns beiden … – Aber ach, verzeihen Sie! Ich lenke schon wieder ab. Schließlich geht es um Ihre letzte Frage, die zu beantworten ich mir wirklich alle Mühe gebe, das müssen Sie zugeben. Ich kann, wie gesagt, den genauen Zeitpunkt, wann das alles begonnen hat, nicht bestimmen. Mir ist das auch wirklich unangenehm, aber ich versuche, Ihnen ein paar mögliche Momente zu nennen, an denen es begonnen haben könnte. Zu diesen möglichen Momenten zählt auch jener, an dem sich mir dieser Satz auf die Zunge gelegt hat, dieser Satz von den Masken und den Vorhängen. Ich erinnere mich genau: Am Fenster bin ich gestanden, mit einer Tasse Kaffee in der Hand und habe zugesehen, wie diese Mauer abgerissen worden ist. Alle haben sich damals daran beteiligt. Mit großen oder mit kleinen Werkzeugen haben sich alle an dem Mauerwerk zu schaffen gemacht. Handmeißel, Schraubenzieher und Stemmeisen, aber auch Bagger- und Traktorenschaufeln sind im Einsatz gewesen. Und in mitten dieses empörten Klopfens, dieses pulsierenden Hämmerns ist dieser Satz auf meiner Zunge gelandet. „Die Masken fallen wie Vorhänge“ habe ich laut ins Fensterglas hinein gesagt. Zuerst habe ich, wie Sie sich denken können, wenig mit diesem Satz anzufangen gewusst. Mit der Zeit aber ist er mir immer klarer geworden, durchsichtiger und verständlicher. Masken – Sie verstehen schon – wenn Masken fallen, dann gehen die meisten davon aus, dass sich das, was sich hinter den Masken verborgen hat, nun offenbart. Wenn Masken im Spiel sind, dann wird erwartet, dass es etwas hinter den Masken zu entdecken, freizulegen gibt. Nun, ähnlich ist es im Falle der Vorhänge oder der Jalousien. Hinter ihnen wird stets etwas im Verborgenen gehalten – so zumindest die landläufige Vermutung – und werden sie zur Seite geschoben, dann tritt zu Tage das, was im Dunkel hätte bleiben sollen. Verstehen Sie? Masken wie Vorhänge stimulieren das Vorurteil, es verberge sich hinter ihnen etwas, etwas, das realer, authentischer sei als die Maske oder der Vorhang selbst. Das altbekannte Vorurteil von Sein und Schein, Sie wissen schon. Wenn sich nun, frage ich Sie, wenn sich nun aber nichts, rein gar nichts hinter der Maske oder dem Vorhang verbirgt, was würde dann passieren, wenn sie fielen, die Masken und die Vorhänge? – Richtig, ich sehe, Sie begreifen schnell. Sie hätten wieder nur die Maske und den Vorhang vor sich. Und wenn es nun in meinem Fall genauso wäre, dass es niemals begonnen hätte, dass meine Masken immer schon gefallen wären wie Vorhänge, hinter denen sich nichts verbirgt, nichts als die Maske, nichts als die Fratze, die Sie jetzt vor sich sehen, die nach dem Fall des Vorhanges, ob nun eisern oder nicht, auf der Bühne steht, mit Ihnen gemeinsam, die ihre Zähne in diese Landschaften schlägt, die sie aussaugt, die sie auslaugt die sanften Wölbungen und Rundungen dieser Landschaften, die so durstig machen und in denen sich die Oasen der Unstillbarkeit befinden? Unstillbar also das Verlangen nach Mehr, Mehr, Mehr, denn geil ist die Gier und heiß ist der Preis, und nur für den Schein gibt’s das Sein, das Etwas- Sein, und die Wirtschaft ist groß, soviel Blut überall, das Blut von meinen Lippen leckt die Zunge, es bläht dein Blut blubbernde Blasen, in meinem Magen Säure ätzt, mein Bauch spannt in fetter Fülle und wenn die Blase voll ist schütt‘ ich dich wieder aus.

Habe ich Ihre letzte Frage nun beantwortet?


Eva Schörkhuber Lebt und arbeitet in Wien und Bratislava (als Autorin, Lehrbeauftragte, Lektorin und Redakteurin). Ausgezeichnet mit dem exil- Literaturpreis 2012 und dem Theodor-Körner-Preis 2013. Literarische Veröffentlichungen in der Edition Atelier, der edition exil, im Globus Verlag, bei Sonderzahl und in Literaturzeitschriften (Anstalten, hochroth, Lichtungen, Podium, Triëdere). Neueste Veröffentlichungen: ... und herzte es (hochroth 9/2015), Aus allen Richtungen Karlsplatzierungen (Sonderzahl 2015), sowie der Roman Quecksilbertage (Edition Atelier 2014).

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62/Angst, Furcht und Schrecken/Prosa: Althea Müller. Elternhaus

Althea Müller
Elternhaus

Das Geräusch des Brunnens hinterm Haus, vertraut, verhasst dringt es ins Zimmer. Ein steter Tropfen, der den Stein in seinem Hirn höhlt. Rauschen, Gluckern, kleine Schreie, verzerrt vor Schmerz, nicht auszuhalten. Er muss das Fenster schließen, das zum Garten hinausführt, wo der verdammte Brunnen steht und ihm zur Last legt, was nicht seins ist. Schweiß steht ihm auf der Stirn, schwül ist die Nacht einmal mehr, das Klima hier wird ihn noch krank machen. Seit er ein Kind ist, will er nur hier weg, aber da ist das Haus, da ist der Brunnen, da sind die kleinen Schreie. Von unten hört er Schritte über Böden kriechen, langsam und ohne jene Hast, die nicht mehr möglich ist, so alt ist er nun schon, der Vater, der im Erdgeschoss haust. Sein Vater hier, der macht ihn krank.

Es war einmal der Punkt da.

Nein. Bevor er weiterdenkt, sich weiterdenken will in diesen Strudel an bedauernden Wortfetzen in seinem viel zu klugen Schädel, da braucht er was zu trinken. Da braucht er was zu rauchen. Er setzt sich auf den Lehnsessel, der ihn krank macht, seit er ihn geerbt hat von der Großmama, und schenkt sich im Sitzen den Rest aus der Flasche Rotwein in das abgegriffene Glas, das er seit mehr als fünf Tagen schon in diesem Zimmer hat. Aber die Küche ist im Erdgeschoss, im Erdgeschoss ist auch sein Vater, und die verdammte Tür zum so verdammten Garten und dem Brunnen – auch die ist dort unten. Dann lieber hier oben bleiben, anstatt nach unten in die Küche gehen, Gläser tauschen. Dann lieber lang noch aus dem schmutzigen Glas trinken. Wenigstens der Wein ist ja nicht schmutzig. Der Rest aus der Flasche füllt das Glas bis zum Rand, vorsichtig setzt er die schmalen Lippen an und säuft wie ein Kalb ohne Manieren die ersten Schlucke, dann setzt er alles ab und greift nach seinen Zigaretten. Gott segne den Vorrat an Zigaretten, sicher verwahrt im Kasten neben seinem Bett, in dem er schon als junger Mann sich seinen Träumen hingab. Das Zimmer hier, es macht ihn krank. Der Rauch in der Luft tut gar nicht gut, vermischt sich unangenehm mit den Gerüchen von ihm selbst, mit den Gerüchen aus dem Kübel in der Ecke, mit seinem Schweiß und ihrem Duft. Der war mal süß, der Duft von ihr, jetzt ist er abgestanden, abgefuckt wie alles in dem kleinen Raum. Mit der Zeit vergeht das Schöne, er seufzt und zieht noch einmal an der Zigarette, hebt sich hoch, öffnet das Fenster. Die schwüle Luft von drinnen vermischt sich mit jener dunklen jetzt von draußen. Besser, besser. Aber der Brunnen ruft jetzt wieder. Unten fällt etwas um, er kann es deutlich hören, dumpf klingt es, wie ein Küchenstuhl vielleicht, der umgekippt ist einmal mehr durch diesen alten Narren, der da unten immer noch herumläuft, als wär‘ er dreißig Jahre alt. Was kümmert’s ihn. Er ist hier oben, wieder einmal, und noch nicht bereit, das Zimmer zu verlassen. Kann sein, dass die Erinnerung an sie und ihren Duft ihm bald verblassen wird, kann aber sein, dass sie ihm dieses Mal doch länger bleibt, die Frau. Wenigstens im Kopf und in der Nase. Besonders war sie, besser als die andren Huren, die er hier schon hatte. Auch keine Heilige, und doch – nur kurz – ein Stück – vielleicht eine Sekunde lang. Hätte er sich vorstellen können, mit ihr von hier wegzugehen. Irgendwo, vielleicht ja gar nicht mal so weit von hier wie er es immer dachte, da musste es doch andre Möglichkeiten geben. Weit weg von dem, was abgegriffen, kahlgeschoren, kaltgestellt ist, all das Zeug, das Leben, das Getier in diesem Haus. In diesem Garten. Nur kurz. Er hätte es sich vorstellen können. Rauschen, Gluckern, kleine Schreie. Er muss das Fenster wieder schließen, er muss den Wein austrinken, er braucht Ruhe. Bevor er sich ins Bett legt, muss er aber dringend nachschauen, nur zur Sicherheit, für später oder erst für morgen – denn morgen, wer weiß schon, ob er da dann soweit sein wird, rauszugehen? Er muss sich jetzt gleich überzeugen. Unterm Bett steht die Kiste, sein Vorratslager für den Wein, er zieht sie hervor. Vier Flaschen sind noch drin. Er seufzt erleichtert, fast fühlt er Glück in dem Moment. Er schiebt die Kiste zurück unters Bett und legt sich dann auf die Matratze, streckt sich aus. Blick durchs Dunkel an die dunkle Decke. Das Atmen fällt ihm schwerer als vor kurzem, aber das ist die Witterung, die belastet ihn, das ist das Rauchen, er sollte damit aufhören. Das ist ihr Duft, der jetzt immer säuerlicher wird, er kann nichts dagegen tun, kann nur versuchen, sich an den Ursprungsduft zu erinnern, der süß war und nur kurz, ein Stück, vielleicht eine Sekunde lang ihn glauben machte, es könnte jemals anders sein.

Es war einmal der Punkt da. Wie gesagt.

Er gibt sich seinen Denkspiralen hin. Gedanken an hätte, könnte, wäre. Sinnlos, doch beruhigend inmitten seiner Wolke, seines Nebels. Die Nacht ist schön, er könnte rausgehen. Er ist noch jung, er hätte vorvorgestern packen und verschwinden können. Es wäre möglich, wegzulaufen, weil ihm niemand folgt. Und doch. Wie Blei liegt er auf der Matratze. Die ist gut fünfzig Jahre alt. Die hat schon wirklich viel gesehen. Bald wird es Mitternacht, dann wird es wieder rundgehen da unten. Sie werden mit ihr machen, was sie immer mit den Huren tun. Nur diesmal ist es anders, denn es tut ihm leid. Es tut ihm weh. Er könnte sie noch retten. Er wäre stärker als die Alten. Er hätte gute Chancen, und sie auch. Das Blei wird schwerer, immer schwerer. Sie hat noch nicht geschrien. Kann aber sein, dass sie es nicht mehr kann. Wer weiß, wie es die letzten Nächte für sie war. Sicher kein Zuckerlecken. Er leckt sich langsam seine Lippen, erinnert sich an sie. Ganz arglos folgte sie ihm auf den Hof, der schön und blumig wirkt nach außen hin. Er glaubt ja mittlerweile, dass sie wirklich auch verliebt war. Ein Stück verliebt in ihn. In ihn. Der lieber in den Kübel scheißt, als jetzt sein Zimmer zu verlassen. Unten beginnt es jetzt, sie nehmen sich, was er, der Trottel, ihnen einmal mehr gebracht hat. Er hätte mit ihr fortgehen sollen, nicht zu sich nach Haus. Möbel kratzen auf Holz, die Schritte sind jetzt dumpfer als vor einer Viertelstunde, sicher hat er sich seine Stiefel dafür angezogen. Die hallen besser in der Stube, wo er nun tut, was Gott verboten hat. Ach Gott. Er rollt sich auf die Seite, schaut aus dem Fenster, das jetzt offensteht, ein klaffendes Maul in ein Außen, das auch nicht besser ist als das, was drinnen ist. Er atmet flach, um sich nicht hören zu müssen und besser den kleinen Schreien aus dem Erdgeschoss zu lauschen. Sein Hirn spielt ihm den Film vor zu dem bisschen, das er hören kann. Sie ist wohl durchgestreckt wie ein Stück Draht jetzt, kaum fünfundvierzig Kilo, langes Haar, das vielleicht den versifften Boden in der Stube streift dabei. Und ihre Augen starren jetzt den Alten an. Oder den andren, der daneben steht, mit Wurstfingern die Flasche haltend. Er hätte sie nicht bringen dürfen. Er wäre besser dran gewesen zu laufen. Er könnte aufstehen, sie holen und verschwinden. Das Blei senkt sich in jeder Zelle seines Körpers zur Matratze. Hält ihn fest. Er starrt hinaus, hört jetzt von unten her ihr Wimmern, nur ganz leise. Ganz laut dagegen ist das Schluchzen seiner Mutter, zwei Zimmer weit entfernt von ihm, er kann sie deutlich hören, die Alte.

Und wieder steht er auf. An Schlaf ist nicht zu denken. Sein Zimmer wird er erst verlassen, wenn sie endlich fertig sind mit ihr. Vielleicht heute. Vielleicht morgen. Bis dahin hat er noch vier Flaschen Stoff, und eine davon holt er sich jetzt unterm Bett hervor und öffnet sie. Ein Glas noch, vor dem Schlafengehen, das tröstliche, das letzte, bis er genug hat, um sie unten nicht mehr zu hören. Und auch nicht das Geheuchel seiner Mutter von dort drüben. Lange, schön beringte Finger streichen seinen Rücken entlang, als er noch klein ist. Lange, schön gekämmte Haare streifen verwirrend sein Gesicht, als er gerade Schreiben lernt. Lange, schön geformte Sätze flüstern ihm ins Ohr, wie richtig er doch alles macht.

„Ihr seid doch alle Arschlöcher“, murmelt er halblaut. Trinkt aus, geht in die Ecke, macht in den Kübel, wischt sich ab. Kontrolliert das Schloss an seiner Zimmertür. Alles in Ordnung. Von unten hört er nur noch das Grunzen der Schweine, die er selber immer weiter füttert, das Wimmern von der Duftenden ist fort, das Heulen von der Alten nebenan verstummt. Nur der Brunnen mit den kleinen Schreien steht nicht still, gluckert, rauscht, verzerrt vor Schmerz, ruft durch das offene Fenster ihm zu, dass er nicht vergisst, in welchem Sumpf er aufgewachsen und geblieben ist. Es macht ihn krank, hier zu wohnen. Aber jetzt stört es ihn nicht mehr so arg wie vorhin noch. Der Stoff vereitelt seinem Hirn das Weiterdenken.Leichtigkeit breitet sich in den Zellen aus, noch immer bleischwer, aber seine. Der Nebel legt sich über ihn und deckt ihn zu, während er zurück jetzt in sein Bettchen kriecht, klein ist er wieder, unschuldig und klug. Dies ist sein Zimmer, hier ist er sicher.

Es war einmal der Punkt da, von hier wegzugehen. Er hat ihn verpasst. Doch damit kann er leben. Damit muss er leben. Hier ist schließlich sein Zuhause. Und unten ist grad die nächste krepiert.


Althea Müller Geb. 1980. Und zum Glück in Wien. Literarisch interessiert seit dem Kindergarten. Mehrere Kurz-Geschichten wurden mittlerweile in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht – und so manches Gedicht wurde live vorgetragen. Niemand kam dabei zu Schaden. Beruflich seit 1999 beinahe laufend tätig – vorwiegend im Event-, Promotion- und Text-Bereich. Liebt Menschen und andere Tiere. Und mag stoisch stolze Topf-Pflanzen, die für tot galten und rein aus Trotz zu neuem Leben erblühten. Letzte Veröffentlichung: „Kofferkind“ (Roman) mehr...