Eva Lugbauer
Immer nur du
Könntest du bitte gehen?, denke ich. Das denke ich schon
die ganze Zeit. Immer gehst nur du durch meinen Kopf.
Immer nur du! Bitte geh!, denke ich.
Und nehme mein Notizbuch.
Bitte geh!, schreibe ich.
Und starre auf die Buchstaben.
Geh raus!, schreibe ich.
Und starre auf die Buchstaben.
Raus, nicht rum!, schreibe ich.
Und starre auf die Buchstaben.
Dann lege ich es weg, das Notizbuch.
Und ich, ich starre weiter.
Und du, du gehst weiter. Gehst und gehst weiter. Durch
meinen Kopf, zwischen den Zellen spazierst du hin und
her. Die Gehirnwindungen rauf und runter.
Und, wie lebt es sich in meinem Kopf?, frage ich dich.
Aber du sagst nichts.
Du schreibst auch nichts. Nicht einen Buchstaben. Nichts
erscheint auf dem Telefon.
Ich springe auf und schmeiße das Handy in die Ecke und
schüttle meinen Kopf und klopfe auf mein Ohr.
Komm heraus, sage ich.
Versteck dich nicht da drinnen, sage ich.
Sei nicht feig, sage ich.
Sich in meinem Kopf verstecken und nichts sagen und
nichts schreiben und nur herumgehen, das ist feig!, sage
ich.
Und du gehst gemütlich weiter.
Ich setze mich und schaue mir wieder meine Buchstaben
an.
Bitte geh!, lese ich.
Geh raus!, lese ich.
Raus, nicht rum!, lese ich.
Raus mit dir aus meinem Kopf, schreibe ich. Und unterstreiche
die Buchstaben ganz dick und fett und doppelt
und dreifach. Aber nichts da. Du bleibst und gehst weiter.
Solange du nicht kommst, zur Tür herein kommst, gehst
du weiter, weiter durch meinen Kopf. Du musst also kommen.
Ja, eigentlich will ich, dass du kommst. Auf der Stelle
und etwas sagst. Das will ich.
Zu mir kommen sollst du her und aus meinem Kopf gehen
sollst du raus.
Zu mir her kommen, aus meinem Kopf raus gehen.
Kommen und gehen.
Das sollst du tun.
ER
Jetzt bist du weg.
Ich habe dich gesucht. Aber du bist nicht mehr da. Ich habe
dich nicht mehr gefunden, in meinem Kopf. Ich hätte es
nicht für möglich gehalten, vor ein paar Wochen noch hätte
ich es nicht für möglich gehalten, aber jetzt, jetzt bist du
tatsächlich weg.
Weg. Aus meinem Kopf verschwunden.
Gut, zugegeben, wenn ich dich suche, wenn ich dich wirklich
angestrengt suche, dann finde ich dich. Hinter irgendeiner
Gehirnwindung steckst du schon noch. Aber du tauchst
nicht mehr auf, ganz plötzlich. Springst nicht vom heiteren
Himmel herunter, in meinen Kopf hinein, und sagst, rufst,
schreist: Hier bin ich! Und gehst nicht weg. Und gehst herum.
Und herum und herum. Tust du nicht mehr.
Wenn ich meine Suppe essen will. Oder die Zeitung lesen
will. Oder schlafen will. Oder einfach nur aus dem Fenster
schauen will. Im Mond versinken will. Jetzt, jetzt kann ich
Suppe essen, tonnenweise, Zeitung lesen, tagelang, schlafen,
endlos, aus dem Fenster schauen, gedankenverloren,
im Mond versinken – ohne von dir behelligt zu werden.
Dass das möglich ist. Jemals. Ich hätte es nicht geglaubt.
Aber so ist es. So ist es, mein Lieber. Und soll ich dir sagen,
warum?
Es ist er. Er ist das neue Du. Jetzt geht er durch meinen
Kopf.
Dass in meinem Kopf nicht einmal Ruhe herrschen kann.
Eva Lugbauer
Geb. 1985, lebt in Wieselburg NÖ. Ausbildung zur Kindergärtnerin,
Sprachassistentin in Sizilien, Studium der Germanistik in Wien.
Teilnehmerin der Leondinger Akademie für Literatur 2013/14. Veröffentlichungen
in der Erostepost und im &radieschen. mehr...