59/Gier/Prosa: Manuel Zerwas: Verlangen

Manuel Zerwas

Verlangen

Ich bin also im Puff
Und will gerade mit Chantal aufs Zimmer gehen
Da spricht mich ein Kerl an
Ob er zuhören dürfe, fragt er
Und ich sehe seine Ohren an
Die ganz normal aussehen
Nur zuhören, nicht zusehen, sagt er
Von außen an der Tür
Er bezahle auch dafür
Ich sehe Chantal an
Und die zuckt nur mit den Schultern
Wen wollen Sie bezahlen, frage ich
Und er sagt, uns beide
Ich sehe wieder Chantal an
Und die zuckt wieder nur mit den Schultern
Die Augen des Mannes sind unbeständig und gierig, unstillbar
auch
Wie ein Tier, das ich noch nicht kenne
Das wahrscheinlich aus einem Dschungel kommt
Und in einer Höhle lebt, vermutlich
Ein Akustik-Voyeur, schießt es mir durch den Kopf
Wie viel, frage ich dann
Und er sagt Fünfzig, für jeden von uns
Ich sehe Chantal an
Und sie nickt
Der Mann gibt uns das Geld
Chantal und ich gehen ins Zimmer und
Der Mann legt wohl sein Ohr von
Draußen an die Tür
Drinnen versuche ich nicht an den Mann zu denken
Während ich auf Chantals Brüste sehe
Und sie auf mir sitzt
Ganz kann ich den Mann nicht ausblenden
Mit seinen Ohren
Die völlig normal aussehen
Ich frage Chantal ob ich
Ihre Ohren anfassen darf und
Sie zögert einen Moment
Dann nickt sie wieder
Ich streichle ihre Ohren
Und dann schießt mein Samen
Als wir wieder angezogen sind
Öffne ich die Tür
Und da steht der Mann
Seine Ohren sind rot, aber vielleicht
Bilde ich mir das auch ein
Der Mann verabschiedet sich wortlos
Schleicht beinahe geräuschlos davon
Ich will auch gehen dann
Fällt mir das Geld ein das
Der Mann mir gegeben hat
Ich drehe um
Und gehe wieder zu Chantal

Manuel Zerwas
Geb. 1987 in Speyer, Bachelor of Education (Germanistik, Sport),
Uni. Landau. Master of Education (Germanistik, Sport), Universität
Mainz. Seit 2014: Erzieher in einem Mainzer Kindergarten
Hobbys: lesen, schreiben, Sport, Musik (Gitarre, Ukulele und
Bluesharp). Publikationen zuletzt in Edition Paashaas 2014, in etcetera
58. 2014, im Schreiblust-Verlag (Anthologie). Sinn im Unsinn.
Erster eigener Gedichtband in der Reihe Lyrik im Quadrat.
Karlsruhe: 2014.
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59/Gier/Prosa: Hanspeter Ausserhofer: Der Beinklotz

Hanspeter Ausserhofer

Der Beinklotz

Ich sehe es Ihnen an, an der der Art und Weise, wie sie diese Zeilen lesen. Sie sind gierig. Aber Sie wollen es nicht sein. Sie haben Angst vor der Gier. Vergessen sie diese Angst. Die Gier beißt nicht. Nicht sofort. Es ist umgekehrt, die Gier hat Angst vor ihnen. Sie hat Angst davor, daß sie von ihnen missbraucht wird. Sie haben eine latente Neigung zur Maßlosigkeit. Die Gier weiß das. Aber Sie, Sie wissen davon nichts. Doch Sie ahnen es; befürchten es. Darum haben Sie Angst. Angst vor sich selbst. Das Problem ist nicht die Gier. Sie sind das Problem. Sie und ihre Maßlosigkeit. Na sieh mal einer an, Sie haben mit dieser Einsicht ein Problem? Dann nehmen Sie sich ein Beispiel an Dagobert Duck. Herr Duck ist gierig. Und es ist ihm schnurz-piepegal! Stimmt’s Dagobert? Nein Dagobert, bitte sag jetzt nichts!

Pssst, psst,…räusper,…! Rücken Sie mal ‘n Stück näher. Ihnen kann ich es ja sagen: Dagobert spricht nur gegen Bezahlung. Sein Vortragshonorar? Völlig abgehoben. Für mich unbezahlbar. Schon seine Anwesenheit kostet mich ein Vermögen. Doch das ist es mir wert.

Sehen Sie wie Dagobert seinen Schnabel zusammenpresst? Er möchte gerne reden. Reden über die Gier. Doch die verbietet ihm das Reden. Vortragen ohne Honorar? Niemals! Seine Gier wird ihm zum Beinklotz. Die Gier ist das Tier in mir. Es bringt mich voran. Ich weiß mit ihm umzugehen. Ich zügle es, halte es im Zaum, gebe ihm die Sporen. Letzteres nur ganz sachte. Ich achte darauf, was es will, was es braucht. Es weiß, was ich brauche. Dieses Tier hat Verstand, aber kein Herz. Jetzt, in diesem Moment spüre ich dieses Tier in mir. Ich spüre die Gier. Die Gier mich auszubreiten, aufzublasen, mich wichtig zu machen. Die Gier mehr zu sagen, mehr zu schreiben, als es zu sagen und schreiben gibt. Ich spüre ihn, diesen Beinklotz. Alles ist gesagt, alles geschrieben. Finito! Dagobert!! Wir gehen!

Hanspeter Ausserhofer
Mein Name, Hanspeter Ausserhofer. Jahrgang ̓62, verheiratet,
Tischler, Durchschnittsbürger, Niemand, und Jedermann. Veröffentlichungen?
Eine Leistungsschau? Ein Abgesang auf vergangene
Heldentaten? Wozu? Dient dies der Gier nach Selbstdarstellung?
Selbstfindung? Selbsterfindung? Was zählt, ist das, was
steht. Hier und jetzt. Sonst nichts.
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56/wunder/Prosa: Roman Schweidlenka: Fin und der Kopfhörer

Roman Schweidlenka

Fin und der Kopfhörer

Da lag er nun. Direkt unter der kleinen Tanne, die als Weihnachtsbaum diente; mit bunten Kugeln, gelben, bereits etwas verblichenen Strohsternen, dünnen weißen und gelben Kerzen in wackeligen Kerzenhaltern aus der Steinzeit,  und allerlei essbarem Süßem, eingewickelt in einfallloses, glitzerndes Papier,  geschmückt. Der neue Kopfhörer. Ein Geschenk  meiner Söhne. Schwarz und elegant hob er sich von dem roten Teppich ab, der den alten Holzboden verdeckte. Ein Kopfhörer; einer der guten Sorte. Qualität, mit allerlei Raffinessen verziert, deren pikanten Klang ich musikliebende Banause wohl nie so richtig schätzen werde, da mir dazu das nötige künstlerische Sensorium fehlt.

Wie auch immer. Mein alter Kopfhörer  litt seit langen Monaten an einem Wackelkontakt, wodurch der Ton immer wieder  wie durch Geisterhand bewegt verschwand, zumindest ein Kanal fiel permanent aus. Stress beim Musikhörern zu später Stunde war hiermit vorprogrammiert. Kein Wunder: Ich freute mich über das neue gute schwarze Ding, drehte es verzückt hin und her und beschloss, dieses Highlight der Technik  am nächsten Tag, sobald es die Zeit erlauben würde, auszuprobieren.

Nach dem Frühstück, es muss so um zwei Uhr nachmittags gewesen sein, stapfte ich mit übervollem Bauch, wie es in dieser Feiertagszeit so der Brauch ist, in das Wohnzimmer, das nun nicht nur der unvermeidliche Flachbildschirm-Fernseh-Apparatschik, sondern auch besagte Weihnachtstanne schmückten. Ich blickte unter den leicht nach Erde duftenden Baum, wo üblicherweise die Geschenke lagen, um mir den schwarzen Kopfhörer zu schnappen, doch … der Platz dehnte sich behaglich in gähnender Leere aus. Verwundert ging ich in die Knie, tapste leicht senil mit den Händen den roten Teppich ab, hob ihn auf, blickte darunter, der nackte Holzboden winkte mir zu. Ich stand auf, drehte mich auf der Suche nach meinen Kopfhörern im Kreis, hob achtlos weggeworfenes Verpackungspapier auf, drehte Polster um, blickte hinter Kästen und auf den großen weißen Kachelofen, ja, in meinem weihnachtlichen Dilt schüttelte ich sogar den geschmückten Baum, in der verrückten Annahme, dass vielleicht der Kopfhörer herunter fallen könne; was er natürlich nicht tat.

Ratlos, fassungslos, leicht verärgert, begann ich einen Rundgang durch das Haus, in der Annahme, dass irgendein unberufener Kerl den Kopfhörer geschnappt hätte und damit widerrechtlich Musik hörte. Ich inspizierte erfolglos die Zimmer, kam endlich in die langgezogene Küche mit dem großen rechteckigen Tisch, der auch König Arthurs Tafelrunde beherbergt hätte, wäre er rund gewesen. Und da, unter dem Tisch, sah ich ihn: Fin, der kleine schwarze Hund meines ältesten Sohnes, saß schuldbewusst da, die Kopfhörer übergestülpt, die er an ein Handy angeschlossen hatte, und nickte mit heraushängender Zunge zum Takt irgendeiner bescheuerten Hip Hop-Musik. Als ich ihn strafend fixierte, fing er zu winseln an und klopfte verzagt mit dem kurzen Schwanz auf den Boden. Begleitet von einem Schwall der antibürgerlichsten Schimpfwörter zog ich Fin den schwarzen Kopfhörer  von seinen schwarzen Hundeohren, riss den Stecker des Kabels aus dem Handy heraus und eilte, ohne den Hund noch eines Blicks zu würdigen, aus der Küche, um sodann das kostbare Gerät mit einer Grateful Dead-CD zu erproben. Wahrhaftig, ein königlicher Soundgenuss.

Die Sache mit Fin vergaß ich schnell. Der kleine Beller war ja für allerlei  Unfug bekannt. Eine Labrador-Pintscher Mischung, die die angenehme Eigenschaft aufwies, als Staubsauger das gesamte Haus zu säubern, d.h. sämtliche zu Boden gefallene Essensreste, und seien sie auch noch so alt und bereits im Zustand der Verwesung verweilend, blitzschnell zu eliminieren und einen sauberen, aufgeschleckten Boden zurück zu lassen.

Am nächsten Tag, es handelte sich, wie der aufmerksame Leser  zu Recht vermutet, um den 26. Dezember, spazierten Freunde und ich durch das Dorf, um die drückende Kalorienlast der Festtage in kalter, frischer Luft ein wenig zu liften. Der gefrorene Schnee klirrte vor Kälte, die schweren Bergschuhe knirschten unverfroren, Raureif umhüllte wie feine Schleier aus tausendundeiner Nacht die Äste und Zweige der erstarrten Bäume, von einigen Hausrauchfängen quollen sich kräuselnde, weißgraue Wölkchen. Wie auf eine Leinwand gebannt schien der Fluss unter Eismalereien zu verstummen, ein paar Krähen erhoben sich laut schimpfend, als wir uns dümmlich schwatzend und blöde lachend nährten.

Da bog mein ältester Sohn samt Freundin um die Kurve, die die Straße aus unbekannten Gründen vollzog. Neben ihnen, an der Leine, mit dem Kopf rhythmisch wippend, trottete Fin. Doch nicht nur er. Mit ihm trottete, über seine spitzen Ohren gezogen, mein schwarzer Kopfhörer. Hip Hop. Eindeutig. Was hatte der Hund nur für einen verkommenen Geschmack! Fin blickte triumphierend, erschrak, als er mich wahrnahm und wechselte übergangslos in eine devote, schuldbewusste Stellung mit dezent verschämtem Augenaufschlag. An seinem Halsband sah ich ein Handy angehängt, das er sich dort vermutlich befestigt hatte, das wieder mit einem Kabel mit den Kopfhörern verbunden war.
„Unerhört!“, brüllte ich und drei Spaziergänger, vermutlich deutsche, sahen mich verschreckt an und beeilten sich, schneller weiter zu gehen.
„Was ist?“, fragte mein Sohn verblüfft.
Ich deutete auf das Corpus Delicti, auf Fin, den Dieb, den Räuber, den Frevler, der von keiner Moral gehemmt  mit meinen neuen schwarzen Kopfhörern unterwegs war. Mein Sohn, der offensichtlich erst jetzt bemerkte, welche Ungeheuerlichkeit  sich da ereignete, schüttelte Fin am Halsband und löste mit einem schnellen Griff die Kopfhörer von den Hundeohren. Leicht grinsend reichte er mir sie:
„Er hört halt so gerne Musik“, sagte er, um sogleich zur Labrador-Pintscher-Mischung gewandt  laut auszurufen:
„Pfui, Fin, Pfui!“
Wieder blickten uns neu aufgetauchte Touristen schreckensbleich an, diesmal handelte es sich, sollte ich mich nicht getäuscht haben, um leibhaftige Holländer, die, wie ihre deutschen Kollegen, schnell das Weite suchten. Immerhin konnten derart brüllende Menschen – so der Volksglaube – schnell gewalttätig werden. Kopfschüttelnd, aber auch befriedigt nahm ich die neuen schwarzen Kopfhörer an mich, fest entschlossen, sie  in der Nacht, nach einem weiteren üppigen Mahl, erneut zu testen.

Am frühen Nachmittag des nächsten Tages, wieder erkennt der aufmerksame Leser zu recht, dass es sich bereits um den 27. Dezember handelte, packten meine Söhne und ihre Freundinnen nach dem Frühstück mit Toast, Salat, Eiaufstrich, Honig, Marmelade, Sesampasta und geräucherten Lachsscheiben sowie etlichen Runden Brot, Tee und Kaffee wieder ein und beluden ihren alten, aber gestylten VW-Bus. Wir verabschiedeten uns im Vorraum, wobei derartige Verabschiedungen bis zu einer Stunde dauern konnten, da ständig irgendwer noch irgendetwas vergessen hatte. Die neuen schwarzen Kopfhörer lagen entspannt auf der großen, mit einem bestickten grünen Tuch überzogenen Holztruhe, in der Getreide und Nudeln getreidemottenfrei aufbewahrt wurden.

Schließlich kam auch die Reihe an Fin, sich zu verabschieden. Artig reichte er mir seine Pfote, ließ die feuchte Zunge achtlos aus dem Maul baumeln und blickte freundlich in irgendeine Richtung, nur nicht in meine. Dann erspähte die Labrador-Pintscher-Mischung die Kopfhörer. Da senkte sich große Trauer in Fin‘s Blick, seine Schnauze wurde heiß und sein Fell schien jede gesunde Farbe, jeden Glanz zu verlieren. Wieder blickte er trostlos zu den Kopfhörern, dann begann ein langgezogenes, qualvolles Heulen, schlimmer als eine Kreissäge, die sich ständig an Nägeln im Holz reibt. Nichts und Niemand konnten Fin beruhigen. Er klagte und jaulte und heulte und litt und die ersten Nachbarn kamen gelaufen und blickten besorgt über den Zaun. Was um alles in der Welt geschah hier! Wurde da Einer umgebracht?!  Tierquälerei gar? Fünfzehn Minuten heulte, flennte und zeterte der Labrador-Pintscher. Endlich fasste ich mir ein Herz, nahm den schwarzen Kopfhörer von der Truhe und reichte ihn Fin.

Da sprang er mit einem triumphierendem Bellen, mit einem freudedurchzogenen Heulen in die Höhe, wedelte wie besessen mit seinem dünnen, kurzen Schwanz und rannte was das Zeug hielt zu dem wartenden VW-Bus. Dort sprang er auf seinen Sitz mit der löcherreichen, hellbraunen Hundedecke, ergriff das Handy eines meiner Söhne, betätigte die Tastatur, steckte den Kopfhörer an das Handy an, setzte ihn auf und blickte siegessicher und stolz zu uns.

Als sie losfuhren, sah ich Fin, der, in seliger Ekstase versunken,  mit dem Kopf monoton zu seinen Hip Hop-Rhythmen nickte.

(BM, 1 / 13)

Erschienen im etcetera Nr. 56 / wunder / Mai 2014 mehr...