56/wunder/Prosa: Dirk Alt: Märchen aus dem Orient

Dirk Alt

Märchen aus dem Orient

Einmal plante der große Sultan in den Mauern seines Palastes ein Fest, zu dem er Würdenträger aus allen Winkeln seines Reiches lud, um einen von ihnen mit seiner Tochter zu vermählen. Am Vorabend sprach er zu ihr: „Du bist die letzte deiner Schwestern, die ich noch keinem geschenkt oder versprochen habe. Da jeder der Männer, die ich herrief, mein Vertrauen und mein Wohlwollen besitzt, will ich dir die Freiheit lassen, unter ihnen den auszuwählen, der dir am mächtigsten erscheint. Zu wählen gebiete ich dir aber, denn andernfalls lasse ich den Zufall entscheiden, wer dich aus meiner Hand empfängt.“

Am Tag des Festes ragten weiß die Mauern und golden die Kuppeln des Palastes ins Himmelblau hinein. Seine Gäste empfing der Sultan zur festgesetzten Zeit auf dem großzügig angelegten Innenhof, wo er selbst mit Tochter und Gefolge auf einem marmornen Sockel unter purpurrot prunkenden Baldachinen thronte. Aus dem Torbogen auf der gegenüberliegenden Seite des Hofes schlängelte sich die Prozession der Würdenträger samt Tross und Dienerscharen, näherte sich über die vom Wüstensand polierten Steinquader und zog endlich durch das unbewegliche Spalier der Palastwachen, worauf dann jeder Gast geduldig wartete, bis die Reihe an ihn kam, zu Füßen des Sultans auf die Knie zu fallen und mit der Stirn den Boden zu berühren. Die Prinzessin, von blendender Schönheit unter ihren Schleiern, doch unerfüllt in ihrem Wesen und unempfindlich für den Glanz und die höfische Etikette, richtete ihren Blick auf die Gouverneure und Verwalter, deren Gesichter unterschiedliche Schattierungen von Gier, Heimtücke, kühler Berechnung und Grausamkeit erkennen ließen. Vor der in den weiblichen Augen aufscheinenden Verachtung wandten sich die Blicke der Bewerber mit väterlicher Gelassenheit einem anderen, weniger stechenden Gegenstand zu, während die Prinzessin, in dieser Weise als Gegnerin übergangen, ihren Blick feindselig gegen alles und jeden umherstreifen ließ. Endlich entdeckte sie am Rande des Geschehens ein Augenpaar, das sich mit ihr zu messen gewillt war. Sie blitzte es an: Unter strichdünnen Brauen blitzte es zurück. Nachdem sie den Kontrahenten zunächst nur geringschätzig überflogen hatte, zog es ihren Blick, den sie schon hatte weiterwenden wollen, zwanghaft zu ihm zurück. Sie musste ihn eingehender betrachten, er betrachtete sie.
Als auch der letzte der Gäste dem Sultan seine Ehrerbietung bezeugt hatte, nahmen die Herren auf den farbenfroh am Boden ausgelegten Kissen Platz, während Gefolge und Diener in der Mittagshitze stehen und sich im eigenen Schweiß baden lassen mussten. Auf das Zeichen des Kapellmeisters begannen Tänzerinnen mit den Hüften zu kreisen, und barhäuptige Neger in weißen Seidenhosen liefen hin und her, um von goldenen Tabletten Obst und Gebäck zu reichen. Da erhob sich, gegen jedes Zeremoniell, die Prinzessin und schritt, während das Palastorchester misstönend verstummte und alles um sie in Reglosigkeit erstarrte, zu dem jungen Mann mit den strichdünnen Augenbrauen hin. Vor ihm entschleierte sie sich, reckte stolz das Kinn und schaute ihm zur Vergewisserung wiederum tief ins Auge. Dann wandte sie sich zu ihrem Vater um, der sich bedrohlich von seinem Thron erhoben hatte, und rief aus: „Mein Gebieter! Du erlaubtest mir, mich am heutigen Tage für den zu entscheiden, der mir am mächtigsten erscheint. Nun habe ich meine Entscheidung getroffen, und dieser hier soll mich haben.“
Auf diese Worte hin stemmten die Gäste ihre fülligen Leiber von den Kissen auf die Beine und entrüsteten sich: „Dieser dort? – Ein Kamelhirte, ein Knecht soll der Mächtigste unter uns sein? Die Prinzessin beleidigt uns, Gebieter!“ Doch als der Sultan die Stimme erhob, verfielen sie in stille Genugtuung, denn er sprach zu seiner Tochter: „Wenn du meine Freigiebigkeit zu verhöhnen wagst, so soll niemand dich haben, weder dieser noch irgendjemand sonst.“ Und dann verfügte er, dass sie umgehend in die obersten Gemächer eines hoch aufragenden weißen Turmes verbracht wurde, die sie nicht verlassen durfte. Nach seinem Willen sollte sie, so lange sie atmete, keinen Fuß mehr auf die Erde setzen. Auch erlegte er seinem Hofstaat das Gebot auf, von der Prinzessin in Zukunft zu schweigen, als hätte es sie nie gegeben.
Von nun an verlebte sie ihre Tage in der Gegenwart alter Jungfern, die ihr zu Diensten waren, und Eunuchen, die sie bewachten, denn niemand sonst erhielt Zutritt. Frei von den Zwängen ihres bisherigen Lebens las sie, dichtete und musizierte und sann über die menschliche Einsamkeit nach. In den Morgenstunden stieg sie auf die zinnenumsäumte Dachterrasse, entkleidete sich und ölte sich ein und ließ sich die in dunstigem Purpur über die Dünen steigende Sonne zwischen die Schenkel scheinen.
Sie erhielt weder Nachricht davon, dass der junge Mann von seinem Herren unter Beschimpfungen fortgejagt worden war, noch ahnte sie, dass er nur einen Tag nach ihrer Verbannung den ersten Versuch unternommen hatte, zu ihr zu gelangen. Doch bereits an den äußersten Mauern des Palastes war er erkannt und aufgehalten worden, und man hatte ihm zur Strafe für sein Vergehen drei Dutzend Stockschläge verabreicht. Danach vergingen einige Wochen, bis er wieder hergestellt war und nach gründlicher Planung einen zweiten Versuch wagte: Festgebunden unter einem Pferdefuhrwerk überwand er ungesehen die äußeren Mauern – wenn er sich auch den Schädel schlug und ihm der Sand Nase, Mund und Augen füllte. In einem Mehlsack verborgen gelangte er in eine der unterirdischen Vorratskammern, in deren gespenstischem Dunkel er zwei Tage und Nächte ausharrte, bevor sich eine Gelegenheit bot, ihr wieder zu entfliehen. Den folgenden Tag diente ihm ein Hohlraum in einer meterdicken Dornenhecke als Unterschlupf, wo er zusammengekauert hockte, bis die Nacht ihm die Möglichkeit zu einem weiteren Vorstoß eröffnete. Am ganzen Körper zerschürft und zerstochen, passte er einen günstigen Moment ab, eine der Wachen zu überwältigen und ihre Kleider anzulegen. Auch war er behende und geistesgegenwärtig genug, bis zum Portal des Turmes vorzudringen, in dem die Prinzessin sich befand. Dann aber unterzogen ihn die Eunuchen einer Prüfung, die er nicht bestehen konnte. Nach der Feststellung, dass er keiner der ihren war, legten sie ihn in Ketten und benachrichtigten den Sultan, der ihn ohne Umschweife dem Tode überantwortete. Im beinernen Licht der Mondscheinnacht geleiteten ihn zwei Wachen vor die Tore der Stadt, wo sich eine einzelne dürre Palme vor dem Dünenmeer nach den Sternen reckte. Dort zwang ihn der eine auf die Knie, während der andere sein Schwert schwang. Von den tagelangen Entbehrungen geschwächt, hob der junge Mann das Haupt und spornte seinen Henker an: „Tu’s schon, tu’s. Entleibe mich, denn dieser Körper ist meiner Liebe hinderlich.“ Die herabsausende Klinge trennte ihm den Kopf so weit vom Rumpf, dass er zur einen Seite herunterhing. Zwischen den Schultern pulste das Blut in die Höhe, und versickerte dann, nachdem sie den Körper umgestoßen hatten, gluckernd im Wüstensand.
Es mag sein, dass er sich durch Preisgabe seiner Seele oder eine andere verbotene Gegenleistung jenseitige Mächte dienstbar gemacht hatte. Wie es auch kam, verspürten bald darauf die schwarzen Hünen, die in nächtlicher Wacht vor dem Turm der Prinzessin ihre Lanzen kreuzten, eine unerklärliche Gewalt, die sie mit riesigen Fäusten umfasste und so weit auseinanderrückte, dass ein Eindringling zwischen ihnen hätte hindurch schlüpfen können. Sie sahen jedoch niemanden, sondern spürten höchstens einen kühlen Hauch, der geräuschlos an ihnen vorüberzog. Dieses Ereignis, das sich von nun Nacht für Nacht wiederholte, erschien nicht nur ihnen, sondern auch der übrigen Dienerschaft so unheimlich, dass sie allenfalls hinter vorgehaltener Hand davon zu sprechen wagten.
Auch fand keiner von ihnen während der folgenden Monate den Mut, den Sultan über die wundersamen Vorgänge zu unterrichten, die in den Gemächern der Verbannten ihre Schatten voraus warfen. So blieb der Sultan ahnungslos, bis er eines Mittags mit seinem Gefolge in prächtiger Prozession den Palasthof auf einer Achse überquerte, die ihn nah am Turm der Prinzessin vorbeiführte. Eben von ihrem Sonnenbad zurückkehrend, zeigte sie sich nackt und glänzend im Bogen einer Galerie, erblickte tief unten den Vater und rief ihn an: „Mein Gebieter! – Sagte ich dir nicht, dass er von allen der Mächtigste war? Er war es, sieh her.“ – Prall gefüllt, mit höhnisch ausgestülpten Nabel, streckte sich dem Blick des Sultans die Kugel ihres Bauches entgegen, der schon so tief hing, dass man fürchten musste, sein Gewicht zöge den zerbrechlichen braunen Frauenkörper im nächsten Moment über die niedrige Balustrade in die Tiefe... Doch sie verharrte wie eine heidnische Statue, im Triumph. Das Gesicht des Vaters hatte sich bei ihrem Anblick verfinstert und verfärbt, als rasten Feuersbrünste darüber. Während die Höflinge nicht zu atmen wagten, ertönte ein Knistern aus seinem Bart, dann sponnen sich immer dichter werdende Rauchschwaden daraus hervor. Des Sultans Kopf- und Barthaar wurde von seinem lodernden Zorn vertilgt, ohne dass er seine stierenden Augen von der Gestalt der Tochter hätte losreißen können. Die Prinzessin beobachtete dies mitleidlos und warf, als das Feuer verpufft war, gleichgültig das Kinn zur Seite, dem der Bauch schwerfällig nachfolgte, bevor sie in das kühle Dunkel ihrer Gemächer entschwand.
Der Sultan ging von diesem Tage an kahl und bloß. Das Haar, das ihm sein Zorn entzündet hatte, wollte nicht nachwachsen, und manch einer seiner Vertrauten fand, er sei alt geworden. Die Prinzessin aber lebte unbehelligt in ihrem Turme fort und brachte Jahr um Jahr ein gesundes Kindlein zur Welt, von denen ein jedes im Gesicht die strichdünnen Brauen und die verwegenen Züge des jungen Mannes trug, den der Sultan hatte enthaupten lassen.

Kurzvita:
Geboren 1982 in Hannover. Promovierter Historiker mit Forschungsgebiet Film/Propaganda/Nationalsozialismus: Fachpublikationen, Tätigkeit in der Erwachsenenbildung, Regie bei zeitgeschichtlichen Dokumentarfilmen. Veröffentlichung von Prosatexten in verschiedenen Zeitschriften (Dichtungsring, Driesch, entwürfe, Krautgarten u.a.).

Kontakt:
Anschrift: Dirk Alt / Märchenweg 26 / D-30938 Burgwedel
E-Mail: DirkAlt@gmx.de

Erschienen im etcetera Nr. 56 / wunder / Mai 2014 mehr...

56/wunder/Prosa: Brigitte Pokornik: Alte Möbel

Brigitte Pokornik

Alte Möbel

Als es zum ersten Mal passierte, war sie gerade zwanzig und stand vor dem Scherbenhaufen ihrer Zukunftspläne. Harry, ihr Verlobter, war bei einem Autounfall ums Leben ge-kommen, damals noch eine ungewöhnliche Todesart, es gab so wenige Autos – und ausgerechnet Harry mußte es treffen! Eine Freundin überredete sie zu einem Schaufensterbummel: „Damit du etwas Neues siehst und nicht immer nur grübelst.“ Sie ließ sich mitziehen, schaute teilnahmslos in die Auslagen -und blieb plötzlich stehen, wie vom Blitz getroffen.
Da, im Fenster des Antiquitätengeschäfts, stand Harry, eindeu- tig Harry – das waren seine wohlgeformten Waden, auf die er immer so stolz gewesen war, nur daß er jetzt vier davon hatte - und der Bezugsstoff glich aufs Haar dem Stoff seiner Lieblingsjacke.
Der obere Rand der Rückenlehne erinnerte sie an Harrys Schultern und die Armlehnen waren in einer seiner typischen Gesten erstarrt, als wollte er sagen: „Komm, worauf wartest du!“
Die Freundin drängte aufs Weitergehen, und sie mußte sich fügen. Sie konnte doch unmöglich sagen: „Das da ist Harry, in einen Lehnstuhl verwandelt, Harry in einer Reinkarnation als Möbel - “
Die Freundin hätte sie für verrückt gehalten. Vielleicht war sie das auch. Die ganze Nacht lag sie wach und dachte an den Lehnstuhl, der Harry war. Als das Geschäft am nächsten Morgen aufsperrte, stand sie schon vor der Tür und verlangte den Lehnstuhl zu sehen. Sie bemerkte, daß er sogar roch wie Harry, aber das konnte auch eine simple Erklärung haben. Vielleicht benutzte der Vorbesitzer das gleiche Haaröl. Sie kaufte den Lehnstuhl. Sie mußte ihn einfach kaufen. Undenkbar, Harry hier in der Auslage zurückzulassen, sie hätte keine ruhige Minute mehr gehabt. Als der Lehnstuhl geliefert war und in ihrem Zimmer am Fenster stand, holte sie tief Luft und ließ sich vorsichtig auf ihm nieder. Sie schloß die Augen, da saß sie auf Harrys Schoß, Harrys  Arme  umfingen sie, sie lehnte sich an seine Brust und fühlte sich zum ersten Mal seit Wochen getröstet.
Der Lehnstuhl wurde ihr Lieblingsmöbel und blieb es auch, als sie Bodo kennenlernte. Und als sie Bodo heiratete und zu ihm in sein Haus zog, kam der Lehnstuhl mit. Dann brach der Krieg aus und Bodo mußte einrücken. Eines Tages half sie einer Bekannten, die aufs Land übersie- delte. Sie stiegen auf den Dachboden, um die Koffer herunter- zuholen, da entdeckte sie Bodo. Bodo in Schwarz, an den Kanten ein klein wenig abgeschabt, aber in eleganter Haltung wie immer. Unverkennbar war es Bodo, der da in einer Ecke des fremden Dachbodens stand, als Sekretär, wie er es im Zivilberuf auch war. Wie eine Schlafwandlerin ging sie nach Hause. Tags darauf kam die Nachricht, daß Bodo gefallen war. Die Bekannte überließ ihr gern den alten Sekretär und wun- derte sich nur ein wenig über die Leidenschaft, mit der sie ihren Wunsch geäußert hatte. Später entdeckte sie in dem Sekretär ein kleines Geheimfach, das sie nicht öffnen konnte, egal was sie auch versuchte.
Und sogar das paßte zu Bodo – ein Teil von ihm war ihr immer  unzugänglich geblieben. Wenn sie aber die Schreibplatte aufklappte und die Arme aufstützte, und sei es nur, um eine Einkaufsliste zu schreiben, dann klärten sich ihre Gedanken und sie wußte genau, was wichtig und was nebensächlich war. Das war der Liebesdienst, den Bodo ihr erweisen konnte – ein unschätzbarer Dienst in wirren Zeiten. Nach dem Krieg, als ihre ältere Schwester Gisela plötzlich verstarb, fand sie sie im Dorotheum wieder, als Kommode, mit  gewölbten Laden und dem gleichen Hüftschwung, das Furnier blondgesträhnt wie Giselas Haare. Natürlich ersteigerte sie die Kommode. Gisela war nicht billig, und wieder einmal zweifelte sie an ihrem Verstand. 
Doch die Kommode hatte Platz für all ihren Kleinkram, und wenn sie etwas suchte, stand die richtige Lade schon einen Spalt breit offen und der gesuchte Gegenstand lag obenauf. Gisela war immer schon praktisch gewesen. Außerdem war da noch die Sache mit dem Wasserfleck, rechts oben an der Rückwand, der ihr beim Aufstellen der Kommode aufgefallen war.
Er hatte die selbe Form wie das Feuermal auf Giselas Schulterblatt. Von da an zweifelte sie nicht mehr, weder an sich noch an ihren Möbeln. In ihrem langen Leben scharten sich noch mehr alte Möbel um sie. Jetzt war sie schon über neunzig und immer noch rüstig und klar im Kopf. Die Nachbarn wunderten sich darüber, daß sie sich nicht einsam fühlte, so allein in ihrer großen Wohnung.
Daß die alte Dame gar nicht alleine lebte, sondern alle ihre Lieben um sich hatte, die ihr durch den Tag halfen und immer für sie da waren, jedes auf seine Weise, das konnten die Nachbarn ja nicht ahnen. Sie hatte es nie jemandem erzählt. Sie war schließlich nicht verrückt.

Erschienen im etcetera Nr. 56 / wunder / Mai 2014 mehr...

55/verloren/Prosa: Margit Heumann - Tochter meiner Mutter

Margit Heumann

Tochter meiner Mutter

Letzte Nacht ist der Berg ins Rutschen gekommen, die Mure herabgestürzt, hat die Straße verschüttet, den Bach gestaut, das Wasser donnert in breitem Fall zu Tal. Daneben liegt ein Haus in Trümmern, ein blaues Haus, mein Elternhaus, das nie blau gewesen ist, und neben dem Durcheinander aus hellblauen Bruchstücken steht eine Person mit hängenden Armen wie nicht von dieser Welt, verloren, nicht die Mure hat das Haus zum Einstürzen gebracht, sie hat sich ihren Weg knapp daneben gesucht, es war die Erschütterung, und dann geht ein Ruck durch meine Mutter, und im Aufwachen weiß ich, gleich wird sie die Ärmel hochkrempeln, um Ordnung in das Chaos zu bringen. Ordnung schaffen ist ihr Prinzip. Sie ist akkurat. Das Wort verwendeten damals schon nur noch die Alten, die Oma, die Großtanten, der zittrige Nachbar auf der Hausbank, aber es passte und passt auf meine Mutter. Alles hatte seine Ordnung. Keine auffällige, besondere, bloß das nicht, nein, aber die eine richtige. Ordnung ist das halbe Leben, das hat sie nicht grundlos beschlossen, das hat Erfahrung sie gelehrt.
«Die Mama …letzte Nacht … », Wortfetzen aus dem Telefonhörer, gefolgt von trockenem Schluchzen, aus dem Mund meines disziplinierten Vaters mehr ein Schmerzensschrei, dann wird aufgelegt. Ich rufe zurück, frage nach Wie und Warum und Was und verspreche, ich komme. Sitze im Zug und fahre durch die Nacht und ertrage nicht den Gedanken, dass meine Mutter sang- und klanglose gegangen ist. Oder war der Traum ein letzter Gruß? Wieder und wieder spiele ich ihn ab, suche Hinweise oder Anknüpfungspunkte und finde keine außer jenen, die ich hineininterpretiere und gleich wieder verwerfe. Erinnerungen drängen sich auf, solche und solche, großes Kino und kurze Einblendungen, ich nähere mich dem Todesfall, indem ich Mutterfilme ordne.

Rösle, die Verkäuferin. Sie wiegt Kartoffeln ab, bedient Kunden, kassiert, füllt Regale auf, macht Inventur, bringt das Geld zur Bank. Rosa, die Hausfrau mit Staubtuch, täglich wischt sie durch die Wohnung, am Freitag ist Aufräumtag, am Montag Waschtag, Mittwoch Bügeltag, und gebügelt wird alles, auch Unterwäsche, Taschentücher, Bettbezüge, Leintücher, und dann penibel zusammengelegt und Kante auf Kante im Schrank verstaut, „zeig mir deinen Wäscheschrank, und ich sage dir, wer du bist”, da tanzt keine Hemdkragenecke aus der Reihe, da gibt es keine windschiefen Kopfkissenstapel. Rosi, die Hobbyschneiderin, Dienstag ist Nähkurs, und wenn die Nachbarin sie abholt, muss sie noch schnell die Küche kehren, „dir lege ich einmal einen Besen in den Sarg”, bekommt sie zu hören, dazu kommt es nicht, die Nähkollegin stirbt vorher an Alkoholmissbrauch. Sonntagabend werden Herrenhosen aufgebügelt, jahrelang die des Ehemannes, der von Montag bis Samstag im Ausland arbeitet, später für den Sohn, der in eben diesem Ausland eine Ausbildung beginnt, just zu dem Zeitpunkt, wo der Vater im eigenen Land eine Stelle findet. „Dieses Hosenbügeln am Sonntagabend werde ich wohl nie los”, stöhnt sie, aber das Stöhnen hat ihr noch kein Familienmitglied abgenommen. So wie es ist, ist es für sie richtig, wenn auch mühsam. 

Auf Nachfrage, noch so ein Filmschnipsel, erzählt sie von mühsamer Kindheit und Jugend, als Dienstmädchen sei ihre Mutter ins Dorf gekommen und eine Fremde geblieben, ihr Vater nur eine Urkunde in der Küche, vor ihrer Geburt im Dienst für das Vaterland und auf dem Felde der Ehre gefallen. Von einer mageren Rente, aufgebessert durch Saisonarbeiten bei Bauern, hätten sie gelebt und von ihrem großen Garten, da sei wenig Zeit für den Haushalt geblieben, sie habe sich für die Unordnung geschämt, niemand mit heim genommen und wenn, dann habe sie vorher aufgeräumt, den Herd geputzt, das Waschbecken gescheuert, den Boden gewachst, sie habe schon immer viel Ordnungssinn gehabt. Ich nenne es Aufräumwut. Jedes Ding an seinem Platz. Die Haarbürste auf der rechten Ablage, der Handarbeitskorb im offenen Fach des Küchenbüffets, Vaters Handtuch am linken Haken. Das Bettzeug besteht aus Oberleintuch, Wolldecke, Federbett, Kopfpolster und Überwurf, von wegen übergeworfen, die Mutter streicht ihn mit einem zweckentfremdeten Besenstiel glatt, die Zierkissen bekommen den Knick mit der Handkante. Seit Jahr und Tag legt sie ihrem Mann Hemd, Hose, Pulli, Krawatte bereit, wenn sie sich über seine Unselbständigkeit beschwert, kontert er, „ich werde mich hüten, selber an den Schrank zu gehen, anfangs habe ich das ja noch probiert, aber meine Zusammenstellung war immer falsch.” Ich sehe mich aus dem Zimmer kommen, schick gemacht für den Verwandtenbesuch, da steht meine Mutter und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, „mit der Hose oder dem T-Shirt oder der Jacke kannst du doch nicht beim Patenonkel aufkreuzen”, und schickt mich zum Umziehen, damals hab ich mir geschworen, meinen Kindern werde ich nie in ihre Garderobe reinreden, mach ich auch nicht, ich erfinde meine eigenen Fehler, Mutter-Tochter-Konstellationen sind selten einfach.

Ein späterer Film, ich bin schon über dreißig, taucht auf, ein zweifelhaftes Déjà-vu, beim Blick in den Spiegel schaut meine Mutter mich an. Wie kann das sein, ich bin ein Papakind, er hat mir imponiert mit Mickymausheften und Pferdebüchern, mehr noch durch Freigeist, Kirchgangverweigerung, seltener Anwesenheit, außerdem bin ich blauäugig und blond und langmähnig, Mama brünett und dauergewellt, nur die Nase, die habe ich von ihr, und die Lippen, da bin ich froh, der Vater hat zu schmale, so gut wie gar keine. Im eigenen Spiegelbild unverhofft meiner Mutter gegenüber zu stehen, ist schräg, und nicht genug damit, spiegelt sich neben unserem Gesicht die artige Reihe meiner Schlüssel, der praktische Garderobenschrank und durch die offene Tür das aufgeräumte Wohnzimmer, da echot Mutters Erbe überlaut aus jeder Ecke, ich bin wohl mehr ihre Tochter, als ich weiß. Es gibt einen echten Film, Mutter öffnet die Haustür, weil es geklingelt hat, keiner da, sie tritt heraus, sieht sich suchend um, entdeckt den Freund mit Videokamera hinterm Baum, greift sich sofort ordnend in die Dauerwellen und springt gleichzeitig mit jugendlichem Satz zurück ins Haus. Einen Moment später tritt sie frisch frisiert und ohne Schürze wieder heraus und winkt lachend in die Kamera. Sie ist älter geworden und gelassener, wir Kinder aus dem Haus und selbständig, jedes seltene Wiedersehen großes Kino, da wird das Verhältnis automatisch besser, zumindest mit ein bisschen gutem Willen, und den haben wir beide, sie zeigt mir nicht, wie oft sie den Kopf über meinen beruflichen Zickzackkurs schüttelt, und ich sage nicht, warum kannst du nicht mal fünfe gerade sein lassen, ist doch egal, ob du den Frühjahrputz vor oder nach Ostern machst. „Genieß doch den Ruhestand”, sag ich höchstens, sie wehrt ab, «weißt du, im Alter neigt man ohnehin zur Nachlässigkeit, dem muss man beizeiten gegensteuern», und dann klagt sie, dass ihr der Haushalt so langsam von der Hand geht, dass Bettenmachen richtige Arbeit geworden ist, und keine Ahnung, wie sie das sonst alles geschafft hat.

Der nächtlichen Biennale folgen Tage voller Pflichten, ich funktioniere als Organisator, Dokumentenbeschaffer, Luftzufächler, Händeschüttler, Zuhörer, selten trifft man so viele Verwandte wie auf einem Begräbnis. Danach wartet das Loch, ich falle und falle und möchte mich, ganz Tochter meiner Mutter, ins Aufräumen retten, aber da ist nichts zu tun, auch am Tag vor ihrer letzten Nacht ist Mutter ihrem Ordnungsfilm treu geblieben. Nirgendwo ein Stäubchen, nicht in den Ecken, nicht unter den Betten, die Fenster frisch geputzt, im Vorratsschrank stehen Dosen und Gläser ausgerichtet wie Soldaten, jede angebrochene Packung Brösel, Mehl und Zucker mit Gummiring gesichert, frisches Schrankpapier in allen Schubladen, hellblau, ha!, hellblau, da ist sie, die Verbindung zu meinem Traum, das Zeichen, sie hat mich nicht ohne Gruß verlassen. 

Margit Heumann
Geb. 1949. Lebt nach Jahren in England, der Schweiz und Deutschland derzeit in Wien und Bayern. Arbeitete als Fremdsprachensekretärin, im Buchhandel, als Islandpferdetrainerin und Autorin. Schreibt regelmäßig für große Zeitschriftenverlage und gehört zum Redaktionsteam „Asphaltspuren“. Seit 2007 Einzelveröffentlichungen in Print und E-Book sowie zahlreiche Publikationen in Literaturzeitschriften und Anthologien.

Erschienen im etcetera Nr. 55 / verloren / März 2014 mehr...