JuSophie Kerschbaumer
Schräggang
Seit ich mich vorne mit den Ballen mehr abstoße vom Boden, habe ich ein anderes Körpergefühl. Er sagt es mit ernstem Gesichtsausdruck, doch mit einer Stimme, in der die Wohltat der neuerprobten Abfederung nachschwingt. Sie weiß darauf zunächst Nichts zu sagen. Vieles hat sie schon beobachtet, von Kindesbeinen an ist ihr nur Wenig entgangen, was sich zum Studieren, Erforschen, Begutachten oder Ausprobieren geeignet hatte. Auch ihr Gehen hat sie untersucht. Als eine Mitschülerin eines Tages einen ungewöhnlichen Rhythmus auf den Holzboden des Klassenzimmers geklopft hat, und der Nachahmungsdrang in einer Karikatur als Schatten des Gipsbeines endete mit Verbannung in eine Klassenecke ihrer Wahl zur Strafe für diese Ungehörigkeit, erging sie sich noch lustvoller der Jagd mit den Augen. Zaghaft probiert sie nun das Ballenabstoßen, das sie eher vom Laufen als vom Gehen kennt. Ihre Augen heften sich an seine Schuhe, seine stets ungeputzten. Darüber verliert sie jedoch kein Wort, lasst sich in die Körperübung fallen, breitet endlich ihre Arme aus und sagt, dass ihr Flugzeug die Fähigkeit errungen hat, sich von Nebengeräuschen zu befreien. Da schaut er auf. In lachende blitzende Augen.
Sie lauft weg und neckt ihn: Immer schön wegstoßen, immer schön wegstoßen. Ihre Schritte werden größer und schneller bis sie außer Atem ist und bei einem der großen alten Bäume anhält, die es hier rund um den See noch zur Genüge gibt. Er ist in seinem Tempo weitergegangen. Mit traurigen Augen kommt er bei ihr an. Nimmst du mich nicht ernst? Doch, meint sie und legt ihre Arme um seinen Hals.
Im Nacken verschränkt sie die Hände und zieht seinen Kopf zu sich herunter. Sehr ernst nehme ich dich. Sie legt ihren Kopf zur Seite. In Schieflage bringt man Menschen leichter zum Lächeln hat sie einmal gelesen. Gekonnt und sehr bewusst setzt sie dieses Wissen um. Ein bisschen weniger Selbstbeobachtung würde dir gut tun. Ein Satz aus ihrem Mund mit dem Tonfall ihrer Mutter. Wie oft musste sie dabei auf das Bedecken der schamrot gewordenen Wangen verzichten, um die Frau, die sie in die Welt gesetzt hatte, nicht in ihrer Wachsamkeit zu bestätigen. Er zieht sie an sich heran und schmiegt sich an ihren Körper. Wange an Wange stehen sie eine Weile, positionieren abwechselnd Standbein und Spielbein, eine Schaukelbewegung in die Zweisamkeit. Solange bis sie eine Erhebung zwischen seinen Beinen spürt. Dein drittes Bein stößt sich auch ab. Da ist er wieder, ihr lachender Tonfall nach dem ausgespuckten Satz. Mit einer spontanen Bewegung weg von ihm läuft sie in Richtung des nächsten großen alten Baumes. Diesmal lacht er mit und versucht ihr nachzukommen. Behände nimmt sie Deckung hinter dem breiten Stamm, und platziert sich dort statisch als Skulptur. Auf einem Bein, das andere am Baum abgestützt, beide Arme erhoben, die Finger krallen sich in tiefhangende Luftgebilde, die Augen bohren sich in entfernte Erde als Verankerung, ihre Lebendigkeit vergräbt sie für einen Moment. Er läuft an ihr vorbei, bleibt irritiert stehen, da er sie nicht mehr sehen kann. Er dreht sich um und ... Und ja, er antwortet mit der gleichen Körperhaltung. Spiegel wollen wir uns sein, weißt du noch? Klare Spiegel zum Zwecke aneinander zu wachsen. Sie antwortet nicht. Versucht die Schmerzgrenze der Haltung auszudehnen. Sie denkt sich als Holzfigur. In der kommt sie sich dem Wetter zu ausgeliefert vor. Sie denkt sich als Metallbildwerk. Da verspürt sie sich als zu kalt, als eine Harte. Dennoch lockt die Aussicht in solcher Konstitution konsequenter zu sein, weniger Rucksicht ausüben zu können oder sich verbiegen zu müssen.
Woran denkst du? Seine Fragen sind immer realistisch, am Konkreten verhaftet. Ich kann nicht länger so stehen. Mir fehlt ein Baum zum Abstützen. Beide springen gleichzeitig aus der gekünstelten Verkörperung in eine andere. Tastkino!
Mit geschlossenen Augen tastet er sie ab. Beginnt bei ihrem Haarschopf, spult den Film über die scharfen Begrenzungen der Schulterblätter aus, wandert weiter in die weichere Hügelgegend des Vorderkörpers, stöhnt sich bis zum Lustgebüsch hinunter. Handgreiflich und fingerfertig. Was willst du haben? Sie sieht ihn an und lacht. Nichts. Gar nichts. Das stimmt doch nicht, das kann gar nicht sein, sich nichts zu wünschen. Doch. Energisch druckt sie das Kinn gegen die Brust. Die Hände gestikulieren Abwehr. Sie drückt ihn mit den Handflächen von sich weg. Er beobachtet wieder seinen Gang. Sie beobachtet ihre Gedanken. Am Abend lösen sie ihre Verlobung. Er mochte sich dennoch vor dem Einschlafen an sie kuscheln. Wortreich. Sie hält ihm ihr Kreuz hin. Stillschweigend.
JuSophie Kerschbaumer
Geb. 1953 in Wien. Schreibt schon länger Traumtagebücher, Lyrik und Prosa. Erste Veröffentlichung ab Feb. 2011 in Driesch, DRUM Reibeisen, Zeitschrift Österr.Schriftstellerverband, Maulkorb (Dresden) u.a. Lesungen im Literaturhaus Wien (Dez 2012, Leipziger Buchmesse (Marz 2012).
Erschienen im etcetera Nr 52/ Körper/ Mai 2013 mehr...