55/verloren/Prosa: Karin Seidner - Flussfrau

Karin Seidner

Flussfrau (Für Ingeborg Bachmann)

Geboren mit einem Namen wie ein offenes Buch. In einen geschlossenen Raum hinein. Mit dem Herren im Haus und im Namen. Inge, borg mir dein Fließen! Rette dich nach vorn ins geöffnete Reich von unbekannten Grenzen! Rette dich, rette die Sprache, rette die Poesie! language: space without frontiers poetry: room of one‘s own place to meet yet no danger of burning one‘s skin. Sie hatten ihr das Blaue vom Himmel versprochen, den Tag vor dem Abend gelobt und ihr auch sonst einiges eingebläut. Dennoch hat sie ihnen später die Sterne vom Himmel geholt, die Sehnsucht für sie angerufen und ihre Stimme erhoben in der ewigen Stadt. Sie legte Zeugnis ab mit lichten und mit schweren Zungen. Zeitlebens hat sie ihnen die Worte geschenkt, die sie unter Schmerzen gebar. Mit den Füßen im eiskalten Gebirgswasser. Etwas zerriss. Es zerriss sie. Immer wieder. Und immer wieder zerriss sie. Papiere. Texte. Briefe. Bande. Sie zerriss und sie schluckte. Wein. Rauch. Tabletten. Worte. Und immer wieder Männersätze. Unverdaubare Männersätze. Schenk mir dein Fließen, Frau! Das Fließen der Bilder aus deiner Feder. Den Fluss der Melodien, die du deinen Schreibmaschinen entlocktest. Wie du, immerzu in den Worten sein – überlasse mir deinen Wort- und Bilderfluss! Stille Wasser sind tief heißt es und nur tote Fische schwimmen mit dem Strom. Ich steig in deinen Wört(h)ersee und bade darin, statt weiterhin in Arbeit unterzugehen! Flussfrau, könnte ich dir nur das Wasser reichen! Du hast für uns mit der deutschen Sprache gerungen und dem unsäglichen Dunkel. Du hast sie und dich zu befreien versucht, wolltest über Wasser bleiben, Oberwasser behalten und warst dennoch nicht mit allen Wassern gewaschen. Du konntest beim Schreiben in Fluss kommen – bist dennoch untergegangen. Flussfrau, hättest du doch die Männer den Bach runtergehen lassen! Ich versuche die Mailflut zu bewältigen, die Wäscheberge zu bezwingen, meine intellektuellen Ergüsse zu kanalisieren. Meine Haushaltslandschaft gelassen zu durchwaten, die sich aufbäumenden Wellen der Arbeitsflut zu reiten, nicht in den Strudel der Aufgaben zu geraten. Was ist überflüssig? An der Oberfläche bleiben oder in die Tiefe tauchen? Aufpassen, dass mir die Felle nicht davon schwimmen. Den Garten gießen, Salat waschen, mit den Kindern schwimmen gehen und auch sonst im Fluss bleiben, ohne vom Alltag aufgesogen zu werden. Ich versuche meine Erfahrungen in die Praxis einfließen zu lassen und den anderen damit Vertrauen einzuflößen – mich vor dem Einfluss der Medien zu schützen. Den Wortfluss nicht einzudämmen, den Tränenfluss willkommen zu heißen und jeden Tag aufs Neue ins kalte Wasser zu springen.

Karin Seidner
Geb. 1963 in Wien Schriftstellerin, Performance-Künstlerin, Psychotherapeutin und Mitarbeiterin der Frauenberatung Wien der literarischen Performance-Gruppe „grauenfruppe“ www.grauenfruppe. at. Zahlreiche Veröffentlichungen in literarischen Zeitschriften und Anthologien.

Erschienen im etcetera Nr. 55 / verloren / März 2014 mehr...

55/verloren/Prosa: Artur Rosenstern - Variationen über eine glückliche Bratpfanne

Artur Rosenstern

Variationen über eine glückliche Bratpfanne

Mein Leben, also mein zweites Leben, begann am 3. Oktober 1990 ganz unspektakulär am Flughafen in Frankfurt am Main, als ich zum ersten Mal den deutschen Himmel erblickte, die deutsche Luft einatmete und den ersten Schritt auf den deutschen Boden setzte. Das Himmelzelt war azurblau gestrichen. Die Oktobersonne lächelte mich an, mutete aber künstlich an - wie verschleiert. Es war kein wohlgesonnenes Lächeln. Der kühle Wind streifte meine Wangen und wirbelte mein Haar durcheinander. Die Stewardess wies stumm den Weg zum Bus. Ein Kind mit einem Schnuller presste sich an die Schulter seines Vaters und verschlief das Ankommen in seinem neuen Leben. Ich machte mir Sorgen um meinen Koffer, um Mutters Bratpfanne darin und die neuen Schlüpfer. Ich hoffte, die Bratpfanne war mit demselben Flugzeug geflogen wie ich. Ich hatte nicht gesehen, wie man meinen Koffer ins Flugzeug geladen hatte. Es war keine einfache Bratpfanne, sondern eine wohlgeartete Gusseisenbratpfanne meiner Mutter. Es war ein Erbstück! Fürs Leben gemacht. Sie hatte die Bratpfanne von ihrer Mutter geerbt. Und diese hatte das gute Stück wiederum von ihrer Mutter bekommen. Es war eine alte, echte deutsche Bratpfanne. Und langsam bekam ich Hunger. Beide Teile Deutschlands hatten sich gerade wieder vertragen. Und in mir setzte die Spaltung meiner Identität ein. Mein Ich und mein Es gerieten in Konflikt miteinander und entfernten sich immer mehr voneinander. Ich hatte mein früheres Leben hinter mir gelassen. Endgültig! Ich wollte ein neuer Mensch sein. Vor allem ein freier Mensch. Ein Mensch, der mit seiner Bratpfanne fliegen und fahren kann, wohin er will. Das konnte in meinem ersten Leben nicht jeder. Ich konnte das nun und war sehr glücklich darüber. Wie würde das Leben auf dem vereinten Planeten Germania sein? , fragte ich mich. Natürlich wollte ich voll und ganz dazu gehören. Aber nun gut. Es wurde mir zügig klar, dass ich hier bloß ein Kind war. Ein Kind mit dem Schnuller! Ich konnte nicht sprechen wie die Deutschen, ich konnte nicht lächeln wie sie, konnte nicht riechen, nicht hören und nicht fühlen wie sie. Und pissen im Sitzen sowieso nicht. Die Gusseisenbratpfanne konnte mir in dieser Sache nicht weiterhelfen. Man nennt es Kulturschock! Ich bitte daher um Nachsicht, sollte ich mich nicht präzise ausdrücken. Ich habe einen gemeingefährlichen, den fiesesten Schock meines Lebens erlitten. Und ich leide immer noch unter den Folgen. Es war schließlich meine zweite Geburt. Die Geburten sind stets schmerzvoll, sind nie ohne Folgen, auch wenn die Mütter hinterher von Glückshormonen überschwemmt werden. Das Pissen im Sitzen - wo hat man das schon gesehen? Jemand hatte in meinem ersten Leben erzählt, ich sei ein Deutscher. Meine Großeltern waren angeblich Deutsche und die Eltern natürlich auch. Ich hatte daher nie Zweifel an dem Umstand gehegt. Ich zählte die Tage und Stunden. Ich sehnte mich jahrelang danach, nichts anderes zu sein, als ein waschechter Deutscher. Doch scheiterte ich immer wieder kläglich. Nun, aus der Ferne betrachtet sieht die Sache anders aus. Auch die menschliche Nähe sieht aus der Ferne betrachtet ganz anders aus. Das hatte jemand schon früher behauptet. Wer? Ich komme nicht drauf. Schuld daran ist der Kulturschock. Die Bratpfanne kann nix dafür. Da bin ich mir sicher. Sie wollte eben auch nur dazu gehören. Wer wollte das nicht? Ich kaufte mir das deutsche Lexikon. Duden heißt es - sozusagen die germanische Bibel. Es war dunkelblau wie das ägäische Meer während der Abenddämmerung und roch nach Druckerfarbe. Ich setzte mich, zählte einst und einst zusammen und las es durch, von einem Deckel bis zum anderen. Als ich fertig war, wusste ich es: Es waren bloß sechsundzwanzig Buchstaben. Ganz leicht, sagte ich mir. Ich spitzte die Feder und begann zu schreiben. Ein Buch über den Planeten Germania. Die Bratpfanne war dort die glückliche Heldin! Zwanzig Jahre sind es her seit meiner zweiten Geburt. Ob ich glücklich bin? Ob ich mich immer noch danach sehne, ein Deutscher zu sein. Hm … eine schwierige Frage. Kann ein Mann, der im Sitzen pissen muss, in seinem tiefsten Inneren wirklich glücklich sein? Ich empfinde es als Freiheitsberaubung. Das sind feste Indizien für das aufkommende Matriarchat! Männer, packt eure Bratpfannen und geht auf die Straßen! Lasst es euch nicht gefallen, sonst werdet ihr todunglücklich! Ich hatte mir Mühe gegeben. Ich hatte mich angepasst, mich assimiliert, bin mutiert. Ich habe alles gelernt, was man von mir verlangt hatte, um ein waschechter Deutscher zu sein. 

Ob ich es bin? Jemand hatte zu mir einmal gesagt: Kann aus einem Frosch je ein Elefant werden? Ich bin nicht echt. Ich bin bloß eine Kopie. Aber von wem? Eine Kopie würde ihr Leben dafür geben, um einen Augenblick lang für das Original gehalten zu werden. Nach nichts anderem sehnt sie sich. Dabei will sie nicht einmal in echt das Original sein. Die Bratpfanne hin oder her. Wahrhaftig glücklich kann von uns beiden einzig die Bratpfanne werden, denn sie ist ein Originalstück. Gute deutsche Arbeit, das sag ich euch!

Artur Rosenstern
Geb. in Kasachstan. Seit 1990 in Deutschland, studierte Musik-, Medienwissenschaft und Belletristisches Schreiben. Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften wie ALFA, Autorenträume, Driesch, LOG. Mehr unter: www.artur-rosenstern.de

Erschienen im etcetera Nr. 55 / verloren / März 2014 mehr...

52/Körper/Prosa: Schräggang. JuSophie Kerschbaumer

JuSophie Kerschbaumer
Schräggang

Seit ich mich vorne mit den Ballen mehr abstoße vom Boden, habe ich ein anderes Körpergefühl. Er sagt es mit ernstem Gesichtsausdruck, doch mit einer Stimme, in der die Wohltat der neuerprobten Abfederung nachschwingt. Sie weiß darauf zunächst Nichts zu sagen. Vieles hat sie schon beobachtet, von Kindesbeinen an ist ihr nur Wenig entgangen, was sich zum Studieren, Erforschen, Begutachten oder Ausprobieren geeignet hatte. Auch ihr Gehen hat sie untersucht. Als eine Mitschülerin eines Tages einen ungewöhnlichen Rhythmus auf den Holzboden des Klassenzimmers geklopft hat, und der Nachahmungsdrang in einer Karikatur als Schatten des Gipsbeines endete mit Verbannung in eine Klassenecke ihrer Wahl zur Strafe für diese Ungehörigkeit, erging sie sich noch lustvoller der Jagd mit den Augen. Zaghaft probiert sie nun das Ballenabstoßen, das sie eher vom Laufen als vom Gehen kennt. Ihre Augen heften sich an seine Schuhe, seine stets ungeputzten. Darüber verliert sie jedoch kein Wort, lasst sich in die Körperübung fallen, breitet endlich ihre Arme aus und sagt, dass ihr Flugzeug die Fähigkeit errungen hat, sich von Nebengeräuschen zu befreien. Da schaut er auf. In lachende blitzende Augen.

Sie lauft weg und neckt ihn: Immer schön wegstoßen, immer schön wegstoßen. Ihre Schritte werden größer und schneller bis sie außer Atem ist und bei einem der großen alten Bäume anhält, die es hier rund um den See noch zur Genüge gibt. Er ist in seinem Tempo weitergegangen. Mit traurigen Augen kommt er bei ihr an. Nimmst du mich nicht ernst? Doch, meint sie und legt ihre Arme um seinen Hals.

Im Nacken verschränkt sie die Hände und zieht seinen Kopf zu sich herunter. Sehr ernst nehme ich dich. Sie legt ihren Kopf zur Seite. In Schieflage bringt man Menschen leichter zum Lächeln hat sie einmal gelesen. Gekonnt und sehr bewusst setzt sie dieses Wissen um. Ein bisschen weniger Selbstbeobachtung würde dir gut tun. Ein Satz aus ihrem Mund mit dem Tonfall ihrer Mutter. Wie oft musste sie dabei auf das Bedecken der schamrot gewordenen Wangen verzichten, um die Frau, die sie in die Welt gesetzt hatte, nicht in ihrer Wachsamkeit zu bestätigen. Er zieht sie an sich heran und schmiegt sich an ihren Körper. Wange an Wange stehen sie eine Weile, positionieren abwechselnd Standbein und Spielbein, eine Schaukelbewegung in die Zweisamkeit. Solange bis sie eine Erhebung zwischen seinen Beinen spürt. Dein drittes Bein stößt sich auch ab. Da ist er wieder, ihr lachender Tonfall nach dem ausgespuckten Satz. Mit einer spontanen Bewegung weg von ihm läuft sie in Richtung des nächsten großen alten Baumes. Diesmal lacht er mit und versucht ihr nachzukommen. Behände nimmt sie Deckung hinter dem breiten Stamm, und platziert sich dort statisch als Skulptur. Auf einem Bein, das andere am Baum abgestützt, beide Arme erhoben, die Finger krallen sich in tiefhangende Luftgebilde, die Augen bohren sich in entfernte Erde als Verankerung, ihre Lebendigkeit vergräbt sie für einen Moment. Er läuft an ihr vorbei, bleibt irritiert stehen, da er sie nicht mehr sehen kann. Er dreht sich um und ... Und ja, er antwortet mit der gleichen Körperhaltung. Spiegel wollen wir uns sein, weißt du noch? Klare Spiegel zum Zwecke aneinander zu wachsen. Sie antwortet nicht. Versucht die Schmerzgrenze der Haltung auszudehnen. Sie denkt sich als Holzfigur. In der kommt sie sich dem Wetter zu ausgeliefert vor. Sie denkt sich als Metallbildwerk. Da verspürt sie sich als zu kalt, als eine Harte. Dennoch lockt die Aussicht in solcher Konstitution konsequenter zu sein, weniger Rucksicht ausüben zu können oder sich verbiegen zu müssen.

Woran denkst du? Seine Fragen sind immer realistisch, am Konkreten verhaftet. Ich kann nicht länger so stehen. Mir fehlt ein Baum zum Abstützen. Beide springen gleichzeitig aus der gekünstelten Verkörperung in eine andere. Tastkino!

Mit geschlossenen Augen tastet er sie ab. Beginnt bei ihrem Haarschopf, spult den Film über die scharfen Begrenzungen der Schulterblätter aus, wandert weiter in die weichere Hügelgegend des Vorderkörpers, stöhnt sich bis zum Lustgebüsch hinunter. Handgreiflich und fingerfertig. Was willst du haben? Sie sieht ihn an und lacht. Nichts. Gar nichts. Das stimmt doch nicht, das kann gar nicht sein, sich nichts zu wünschen. Doch. Energisch druckt sie das Kinn gegen die Brust. Die Hände gestikulieren Abwehr. Sie drückt ihn mit den Handflächen von sich weg. Er beobachtet wieder seinen Gang. Sie beobachtet ihre Gedanken. Am Abend lösen sie ihre Verlobung. Er mochte sich dennoch vor dem Einschlafen an sie kuscheln. Wortreich. Sie hält ihm ihr Kreuz hin. Stillschweigend.

JuSophie Kerschbaumer
Geb. 1953 in Wien. Schreibt schon länger Traumtagebücher, Lyrik und Prosa. Erste Veröffentlichung ab Feb. 2011 in Driesch, DRUM Reibeisen, Zeitschrift Österr.Schriftstellerverband, Maulkorb (Dresden) u.a. Lesungen im Literaturhaus Wien (Dez 2012, Leipziger Buchmesse (Marz 2012).

Erschienen im etcetera Nr 52/ Körper/ Mai 2013 mehr...