TOMAK über Salzburg. Rez.: I. Reichel

 

 

 

 

 

 

Ingrid Reichel
DIE SPIELWIESE DES TOMAK
oder
Eine komplexe Kunstfigur ohne Spielregeln

 

 

 
   
 

TOMAK ÜBER SALZBURG
Museum der Moderne Salzburg (MdM), Rupertinum
Eröffnung: 13.05.2010
Ausstellungsdauer: 13.05.10 – 18.07.10
Kuratorin: Emilie Breyer

 

 

Katalog zur Ausstellung:
TOMAK ÜBER SALZBURG
Hg. MdM Salzburg (Toni Stooss, Emilie Breyer)

Weitra: Verlag Bibliothek der Provinz, 2010. 72 S.
ISBN 978-3-900000-94-3
Euro 19.-

 

Das Rupertinum in Salzburg ist seit Donnerstag, 13. Mai bis Mitte Juli Schauplatz und Manege des 1970 in St. Veit an der Gölsen in NÖ geborenen und in Wien lebenden Künstlers TOMAK, der sich zum zweiten Mal die Stadt Salzburg zum Thema gemacht hat. TOMAK der von 1995 bis 2000 an der damals noch Akademie, aber heutigen Universität für angewandte Kunst in der Meisterklasse Ludwig Attersee studierte, wird gerne als Ausnahmekünstler bezeichnet. Malerei, Graphik, Skulpturen und Performance machen ihn zu einem multitalentierten Allround-Künstler. Neuerdings lässt er sich nicht ohne Theatralik auch als Schriftsteller bezeichnen. Gleichzeitig ist TOMAK noch bis 30.05.2010 in der Gruppenausstellung „Lebt und arbeitet in Wien III – Stars in Plastic-Bag“ in der Kunsthalle Wien zu sehen.

 

An die 50 Zeichnungen werden in der Einzelschau im Rupertinum gezeigt: 5 Blätter aus der Serie „Ich ziehe in den Krieg“ (2008); 5 Blätter aus dem Zyklus „10 Jahre TOMAK“ (2008); mehrere Einzelblätter aus dem Jahr 2009; eine zweiteilige und zwei dreiteilige Arbeiten aus den letzen zwei Jahren; der 23-teilige „Alphabet Zyklus“ (2009); 6 Blätter aus der siebenteiligen Serie „TOMAK über Salzburg I“ aus dem Jahr 2008; 8 Blätter aus der Serie „TOMAK über Salzburg II“ (2010).

Hinzu kamen extra für diese Ausstellung angefertigte 9 Gemälde in Öl und Acryl auf Holz (2010) und ein ready-made „Kukident“ (2010). In einer Vitrine wir eine „Kodakmappe“ gefüllt mit 13 Blättern - Bleistift auf Millimeterpapier - aus dem Jahr 2003 präsentiert. Zwei Videoarbeiten zeigen Ausschnitte aus der Performance „TOMAK über Salzburg“ und „Ich ziehe in den Krieg“ und geben somit einen umfassenden Überblick über das gesamte Wirken des Künstlers.

 

„Wenn der Künstler bei der Arbeit ist, ist er wie ein Kind beim Spielen.“, mit diesem Zitat des Künstlers beginnt die Kuratorin der Ausstellung Emilie Breyer ihren Essay „Die gottgewollte Metamorphose“. Wenn TOMAK von seinen Werken als Spielwiese spricht, werden wir mit der Komplexität seiner Themen konfrontiert, vielleicht aber auch mit den Komplexen des Künstlers selbst. In selbstreflexiver und auf exhibitionistische Weise bringt er seine Einstellungen zum Leben, zur Gesellschaft und wie der Titel der Ausstellung besagt, auf Salzburg konkret bezogen, zu Papier. Daraus stellt sich unweigerlich die Frage: Wer ist TOMAK? „Wer ist er denn? Was hat er denn? Was macht er denn? Wer glaubt er, dass er ist? […]“(Zitat Katalog TOMAK: S. 20 „Ich als HEILAND und WAHNFRIED“)

 

 
TOMAK: Grand Art
Öl und Acryl auf Holz
2010
 

TOMAK ist in erster Linie ein Pseudonym, die Person, die dahinter steckt, hat sich in konsequenter Weise zu einem selbstständigen Wesen, einer Kunstfigur, entwickelt. Beide sind untrennbar miteinander verbunden. Er selbst nennt sich einen „proleur“ (S. 20), ein künstliches Vokabel, nicht existent, daher ohne Definition, dennoch mit Wurzeln behaftet. „eur“ ist die französische Endung einer männlichen Personenbezeichnung, die von einem Substantiv oder Verb abgeleitet wurde. Mit dem Wortbeginn „prol“ stößt man schon auf erhebliche Schwierigkeiten. Jedem ist es letzten Endes selbst überlassen zu interpretieren, was TOMAK wirklich mit einem „proleur“ meint. Die assoziative Kommunion von Prolog und parleur wird wohl die sinnvollste Lösung sein: der Sprecher einer Einleitung, eines Vorspiels, eines Vorredners also. Und in der Tat zeigt sich TOMAK gerne in der Rolle eines Zirkusdirektors, der seine Artisten ankündigt, in deren Rolle wieder nur er selbst schlüpfen mag: Vom „Monsieur“ bis zum Dandy, vom Macho-Terminator-Rambo zu einem androgynen Wesen, vom Clown zum Dompteur und bis zum Tier spielt er uns multiple Persönlichkeiten vor und empfindet sichtlich großes Vergnügen daran.

 

 

Das obige TOMAK Zitat aus dem Katalog Seite 20 besteht – für diejenigen, die es nicht kennen – aus Bruchstücken des Schlagertextes „Egoist“ des Musikers Falco.

 

Die ganze Welt dreht sich um mich,

denn ich bin nur ein Egoist.

Der Mensch, der mir am nächsten ist,

bin ich, ich bin ein Egoist […]

 

Refrain:

Wos is er denn,

wos hat er denn,

wos kann er denn,

wos mocht er denn,

wos red' er denn,

wer glaubt er, dass er ist?

 

Eindeutig zuweisbare Quellenangaben seiner Zitate sind nicht zu finden, bzw. bleiben rätselhaft. Zu sehr ist seine bildende Kunst mit seinen eigenen geschriebenen geistigen Ergüssen von fremden Texten – ob Briefe, Lyrics, Werbeslogans u.a. durchmischt. TOMAK nimmt alles aus seinem Alltag auf. Man könnte ihn als Staubsauger bezeichnen, der nach dem Aufsaugen ein Chaos ausspuckt, das, wie man weiß, wieder eine eigene Weltordnung beinhaltet. TOMAK erschafft damit quasi einen eigenen Kosmos und spielt somit Gott, beansprucht Macht und vollzieht zugleich den Leidensweg eines Märtyrers nach. Dass dies nicht ohne eine gewisse Ironie geschieht, sei hier gleich vorweggenommen.

 

Vom tatsächlichen Refrain des Falco Hits fehlen laut abgedrucktem Zitat von Seite 20 zwei wesentliche Sätze: […] wos kann er denn, […] wos red’ er denn […]?“:

In den letzten zwei Jahren hat sich TOMAK im Gegensatz zu seinen großformatigen Ölbildern mit groben Pinselstrichen im Wesentlichen auf präzise und akribisch ausgetüftelte Bleistiftarbeiten (Formate zwischen DIN A1 und A2, mit wenigen Ausnahmen alle hochformatig) konzentriert. Stil und Inhalt sind jedoch unverwechselbar gleich: Ein bildnerischer Realismus, umgeben und überlappt von schriftlichen Fragmenten, die im Gegensatz zu anderen Künstlern auch immer, wenn auch teilweise mühsam, dechiffrierbar sind. TOMAK geht es nicht um visuelle Poesie, er baut keine Attrappen, die Schriften haben trotz ästhetischer Wirkung keinen dekorativen Effekt, sondern sind tatsächlich inhaltlicher Teil des Kunstwerks und ergeben im Gesamtbild eine perfekte Konvergenz von Schrift und Bild. Einziger Wehrmutstropfen: Kein Besucher wird die vielen Blätter durchlesen können, bzw. nach dem ersten Blatt, spätestens nach dem zweiten, das Scheitern des Vorhabens feststellen. Dafür haben die glücklichen Besitzer eines solchen Blattes lange etwas zu schauen, zu lesen, zu denken, vielleicht auch zu lachen, auf jeden Fall etwas zu rätseln. Gerne glaubt man ihm seine Ankündigung auf Seite 24 des Katalogs „TOMAK über Salzburg II, 2010“, dies wären für lange Zeit seine letzten gezeichneten Blätter in dieser, ich möchte sagen, manischen und besessenen Art.

Zu aufwendig erscheint diese Technik, zu komplex die Komposition in unserer schnelllebigen Zeit und in unserer oberflächlichen Gesellschaft. Man spürt beinahe körperlich beim Betrachten, dass sich das TOMAK’sche-Sauggebläse ausgepumpt hat, alles was auf dieser Spielwiese inhaliert wurde, wurde wieder gut strukturiert Blatt für Blatt geordnet ausgekotzt. „Es ist dies auch das Ende des Sich-frei-Machens. Ein Gefühl der Leere macht sich breit – ein Ausphilosophiert-Haben. Am Ende habe ich alles vernichtet, was mich umgab, was mich hinderte ich zu sein. Dies ist nun beseitigt, ist nun getötet, all diesem ist die Luft genommen. […] dies ist das vorletzte Blatt des Jahres 2010. […]“ (S. 24), schreibt er an seine als Publikum angesprochenen Betrachter auf seinem mit der Ziffer „6“ (von acht) gekennzeichneten Blatt der Serie „TOMAK über Salzburg II“ auf Seite 30 des Katalogs.

TOMAK sieht darin einen neuen und positiven Beginn für seine Malerei, für Skulpturen, Aktion, Theater, Performance und Film. Der Ausruf, dass ab jetzt wieder Kunst gemacht wird und die Aussage „Ich hatte das Glück, diese ganze Scheiße, um es beim Namen zu nennen, überwinden zu dürfen.“ auf jenem Blatt 6 kommen jedoch sehr ambivalent rüber.

Schmerz, Wut und Hass in seinen Texten neigen Liebe, Neugierde und Witz des bildnerischen Werks zu erdrücken.

 

Der Titel der Ausstellung „TOMAK über Salzburg“ reflektiert auf die zwei bereits oben genannten Serien aus dem Jahr 2008 und 2010. Der Direktor des Museums der Moderne in Salzburg Toni Stooss schreibt in seinem Vorwort, der Titel sei „mindestens zweideutig“: „[…] beinhaltet er (der Titel) TOMAK’s Gedanken und Auseinandersetzung mit Salzburg, impliziert er, dass der Künstler gar über Salzburg steht als gleichsam über die Stadt Erhabener, oder droht er uns, über Salzburg zu kommen, als Faust oder Mephisto zugleich?“ (S. 6).

Fakt ist, dass TOMAK so gut wie nichts bildnerisch über Salzburg bringt, mit Ausnahme von einer Mozart Skizze. Dafür lässt er sich umso mehr schriftlich auf seinen Blättern aus. Mozart, der eigentlich in seinen Augen ein Wiener Künstler war, da man ihn „aus dieser winzigen katholischen Fürstchenwelt vertrieb.“, Mozart, der nichts anderes als „ein Jünger Haydns“, „ein kleiner Provokateur“ und ein „listiger Vielkompositeur“ war (S. 14). Salzburg, das ihm, TOMAK, weder philosophisch noch künstlerisch nahe war und offensichtlich weiterhin ist, erschien ihm auch durch „die Trennung durch ein Flüsslein als ein Symbol von Zwietracht.“ Das Klischee Salzburg erstreckt sich dann musikalisch weiter auf Falco mit „Rock me Amadeus“, da er Sommer 1986 am Domplatz ein Konzert erlebte, zu einem vorhersehbaren und abgeschmackten „Fuck me Amadeus.“ Seine Prioritäten beschränken sich auf eine in Erinnerung gebliebene Notdurft in einen Springbrunnen im Schloss Hellbrunn während einer Landschulwoche und an erste pubertäre Sexspielchen.

 
TOMAK über Salzburg I (Blatt 4)
Bleistift auf Papier 2008
 

Schließlich mündet seine Provokation in einem Wettstreit der Festspiele, in einem Gegenpol zu Bayreuth in der Gestalt von Richard Wagner, und des weiteren auf einem anderen Blatt im Portrait des entmündigten und später auf unaufgeklärte Weise ertrunkenen Königs von Bayern Ludwig II, dessen Kopf von einer mit „Wagner’s Griff“ betitelten Alien Hand verschlungen wird. Gleich daneben fährt der Antichrist in einem Penis, samt Dionysos, Schopenhauer und Wagner im Gedärme, in Friedrich Nietzsches Fontanelle ein (Blatt 5, TOMAK über Salzburg I, S. 21).

 

TOMAK tobt sich in wilden Assoziationen ohne nachvollziehbare Zusammenhänge über „dieses deutsche Triumvirat“ aus. Er sucht das Drama, Salzburg ist ihm wie eine „unerotische Frau“ (S. 18) schlichtweg zu langweilig. „Und wieder blicken wir neidisch nach Germania!“ so TOMAK in der zweiten Serie. TOMAK gerät immer tiefer in den Sumpf der Kulturgeschichte, welche er als Morast der Zartbesaiteten betitelt, als verständnislose Welt der „Kulturzärtlinge“ beschreibt. Der Künstler, so legitimiert TOMAK seinen Zorn, wäre zwar ein Mensch, doch noch kein Tier. Ein Wesen, das dazu da ist, die Sinne und die Triebe des Kulturpublikums zu hinterfragen und sich somit wider die Natur und Gott gebärden könne (eingeflochtenes Zitat S. 13).

TOMAK bleibt mit seinem Gedankengut – vor allem schriftlich, soweit die Textauszüge im Katalog abgedruckt wurden - im 19. Jahrhundert verhaftet und verweist wie ein Leitfaden quer durch sein Werk immer wieder auf nationale Elemente, auf Krieg, auf Darwin’sche Evolutionstheorie einerseits und auf Körpernormierung andererseits, auf Krankheit und Tod. Anatomische Zeichnungen – Totenköpfe, Gehirn, Augen und Schlund, Gedärme und der Genitalbereich – aber auch Waffen, Operationsinstrumente und jede Menge Vogelarten gehören zu seinen immer wiederkehrenden Motiven. Den Gedanken der Nationalsozialistischen-Verarbeitung in seinem Werk lehnt TOMAK strikt ab.

 

 

 
TOMAK: Dionysos gegen den Gekreuzigten
Öl und Acryl auf Holz
2010
 

Auf die Frage der Kuratorin, woher die Aggression käme, antwortet der Künstler, dass es Künstler gebe, die ihre Verletzungen zeigen und andere, die verletzen würden. TOMAK gehört offensichtlich zu beiden Sparten. Auf ihre nächste Frage, ob die Bildwelt in unserer enttabuisierten Gesellschaft überhaupt noch provozieren könne, „leitet er die Phase der Überheblichkeit ein und setzt sich über seine Künstlerkollegen hinweg. Er trachtet die Kunst zu überwinden.“ Diesen Kraftakt sieht TOMAK offensichtlich in der Selbstdemontage, wenn nicht sogar in der Selbstzerstörung: „[…] Ich habe in zwei Jahren meinen Kopf an die dreißig Mal gezeichnet, habe ihn verzerrt, zerschnitten, habe ihn zerstückelt, ihn wieder aufgebaut und ihn abermals zerstört […]“ (S. 11). Mutig kommentiert Breyer TOMAKs Anflüge von Größenwahn. Eher lapidar entgegnet TOMAK, dass er in seiner eigenen Antihaltung als Kontrastmittel der festgefahrenen gesellschaftlichen Strukturen sich selbst eine eigene Inspirationsquelle geschaffen hat.

 

Allerdings bleibt TOMAK, trotz seiner Kritik an die Gesellschaft, in manchen Themen selbst oberflächlich. Die angekündigte Presche auf Religion bleibt aus, die Kritik an der Katholischen Kirche ist kaum vorhanden, eher hat man das Gefühl, TOMAK hätte lieber die Kirche im Dorf gelassen.

 

Emilie Breyer sieht eine „ungreifbare, um nicht zu sagen dämonische Kraft seiner Werke“.

Die komplexe Mischung aus geballten Informationen über Allgemeinwissen und Medienverbreitung, die zornigen Reden über Kultur, Politik und die Gesellschaft im Allgemeinen einerseits und die trotzigen Floskeln eines Pubertierenden oder die naive Sicht eines Kindes, vielleicht auch die flapsige Einstellung eines nicht erwachsen werden Wollenden andererseits, machen TOMAKs Werk zu einem Erlebnis.

Dennoch bleibt festzuhalten, dass TOMAKs Stärke in der bildenden Kunst liegt. Weder Performance noch die schriftlichen Ergüsse können seiner durchdringenden und in die Tiefe gehenden komplexen graphischen Darstellung das Wasser reichen. Sie bleiben ein amuse-gueule en passant.

 

Fazit: Mit dem Vermerk sich unbedingt zur Betrachtung Zeit zu lassen, bietet das Rupertinum eine spannende konzipierte Ausstellung mit einem übersichtlich gestalteten Katalog.

 

Litges, Mai 2010

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