Niki de Saint Phalle: Im Garten der Fantasie. Rez.: I. Reichel

Ingrid Reichel
DIE ZORNIGE SCHÖNE

 

 

Essl Einladung.
Niki de Saint Phalle:
„La Tempérance“.
1985, Modell
für Jardin des Tarots.

 
   
 
NIKI DE SAINT PHALLE
Im Garten der Fantasie
Museum Essl Kunst der Gegenwart, großer Saal und Rotunde
Eröffnung: 20.05.10
Ausstellungsdauer: 21.05.10 – 26.09.10
Kuratoren: Andreas Hoffer, Anna Szöke und Maria Theresia Moritz

 

Katalog zur Ausstellung:
NIKI DE SAINT PHALLE
Im Garten der Fantasie
Hg. Museum Essl Kunst der Gegenwart
Zweisprachig: Englisch-Deutsch
Klosterneuburg: Museum Essl, 2010.
80 S.
ISBN 978-3-902001-55-9
Euro 19.-

 

Es ist eine kleine Ausstellung, die den Besucher im Museum Essl erwartet. Nur der große Saal im obersten Stockwerk und die Rotunde sind mit Werken der 2002 verstorbenen amerikanisch-französischen Künstlerin Niki de Saint Phalle bestückt. Dafür sind es selten bis noch gar nicht außerhalb des Museum Sprengel in Hannover ausgestellten Werke, die in Klosterneuburg nun bis Ende September 2010 zu sehen sind. Richtige Juwelen der schwer transportierbaren filigranen Arbeiten aus den drei Perioden der Niki de Saint Phalle hat der Direktor des Sprengel Museums Ulrich Krempel Karl-Heinz und Agnes Essl für diese schmucke Schau zur Verfügung gestellt: von den anfänglichen Schießbildern anfangs der 1960er Jahre, den frühen noch collagierten bis zu den späteren „nur“ mehr bemalten Nanas, den Assemblagen sowie den Modellen für die begehbaren Skulpturen im Tarot-Garten 1974-1998 in der südlichen Toskana, genauer in dem ehemaligen Steinbruch von Garavicchio, die erst durch die dazu ausgestellten Fotos so richtig für den Betrachter in ihrer Größendimension sichtbar werden.

Saint Phalle war die einzige Frau unter den Nouveau Réaliste, die sich gegenüber ihren männlichen Kollegen mit ihrer Kunst behaupten konnte, so der einstige Leiter der neuen Galerie der Stadt Linz - unter dem die Nachfolgeinstitution Lentos Kunstmuseum Linz als neuer Standort für die Sammlung gebaut und 2003 eröffnet wurde - Peter Baum in seinen einführenden Worten bei der Ausstellungseröffnung. Den Namen der künstlerischen Bewegung Nouveaus Réalisme verdankte die Gruppe dem bekannten französischen Kunstkritiker Pierre Restany. Gegründet wurde sie Anfang der 1960er in Mailand. Mit dabei waren Arman, César François Dufrêne, Yves Klein, Daniel Spoerri, Jean Tinguely und viele mehr. Die Annäherung an die Wahrnehmungsfähigkeit des Realen entsprang dem Neodadaismus und hatte als Ziel die Überwindung der abstrakten und informellen Kunst. Les Nouveaux Réalistes verarbeiteten Müll und sonstige Fundstücke – objets trouvés - zu Kunstwerken. Es war eine idealistische und kaum materialistisch orientierte Gruppe, die vorwiegend aus Autodidakten bestand (Rede: Peter Baum).

 

In der Tat kann man sie heute von der Entwicklung der Objekt- bis zur Aktionskunst, die auch immer die Betrachter in das künstlerische Geschehen involvierten, mit gutem Gewissen als die Vorreiter der Trashkunst bezeichnen.

Nebenbei bemerkt, darf man sich schon heute auf die Ausstellung in der Kunsthalle Krems im Herbst freuen, die sich auf den Nouveau Réalisme konzentriert und zum Jahresende hin mit einer Retrospektive von Daniel Spoerri ihr Auslangen findet, freuen.

 

Saint Phalle wurde 1930 in einem Vorort von Paris als Catherine Marie-Agnès Fal de Saint Phalle, als zweites von fünf Kindern geboren. Der Vater, ein adeliger Bankier, verlor sein gesamtes Vermögen im Börsenkrach 1929, die Mutter war eine amerikanische Schauspielerin. So lebt die Familie oft getrennt zwischen den USA und Frankreich. Niki kehrte 1951 nach Paris zurück.

Die Empfindung, dass sie nur für den Heiratsmarkt geboren und erzogen wurde, der väterliche sexuelle Missbrauch, die Vertuschung durch die Mutter, so Ulrich Krempel in seiner Eröffnungsrede, trieben sie schnell aus dem elterlichen Haus. Mit 18 Jahren „flieht“ sie, laut biographischer Einführung der beiden Kuratoren Andreas Hoffer und Maria-Theresia Moritz (Katalog S. 22) mit Harry Matthews, den sie 1950 heiratet, der Vater ihrer beiden Kinder Laura (*1951) und Philip (*1954) ist und von denen sie sich 1960 trennt. Doch zunächst beginnt sie eine Karriere als Fotomodell und malt ihre ersten Bilder in Öl und Gouache während ihr Gesicht das Cover von Vogue ziert. Aus dieser Zeit entsteht eine Freundschaft zur Fotografin Marella Caracciolo, die später den damaligen Vizepräsidenten des Fiat-Konzerns heiratet und ihr 20 Jahre später den Steinbruch für den Tarot-Garten in der Toskana zur Verfügung stellt. Erst nach einem Nervenzusammenbruch im Jahr 1953 erkennt sie den positiven Einfluss der Malerei auf ihre Psyche. Sie entschließt sich in die künstlerische Richtung weiterzuarbeiten und findet in dem amerikanischen Maler Hugo Weiss ihren Mentor. Ihre frühen Arbeiten, auch aus der Zeit in Spanien und Mallorca sind noch mit Niki Matthews signiert. Der Einfluss von Gaudí und seinem Parc Güell sollen später zu ihrer vollen Entfaltung gelangen. Ihre erste Ausstellung findet in St. Gallen/ Schweiz 1955 statt.

Bald darauf lernt sie den Schweizer Künstler Jean Tinguely kennen mit dem sie bis zu seinem Tod (1991) eine langjährige Arbeitsgemeinschaft verbinden sollte. Sie heirateten 1971, lebten aber später wieder getrennt.

Ab 1956 entstehen Ölbilder mit Fundstücken, meist haben die Bilder symbolhaften und einen naiven Charakter: Tiere, Göttinnen, Bräute, Monster, Schlösser, Sonne, Mond und Sterne nehmen den fantastischen Bezug zu dem später entstandenen Tarot-Garten vorweg.

 

Für die damaligen Verhältnisse verbarg sich in Saint Phalles Wirken eine ungeheuerliche provokante Kunsthandlung. Laut Baum verarbeitet Saint Phalle politische und philosophische Inhalte und man darf im Kontext den Schrecken der vielen Kriege in dieser Zeit nicht vergessen: 2. Weltkrieg, Kalter Krieg, Vietnam Krieg, Algerien Krieg … Nicht zuletzt waren in ihrem Werk im Zusammenhang von Machtausübung das Patriarchat und die Frauenemanzipation ein massives Thema, das die Künstlerin als geballte Ladung Gewalt in ihren Schießbildern ausdrückte.

Bei der Assemblage „Kennedy-Kroutchev“ (1962) nimmt sie Bezug auf das wichtige Treffen in Wien, wo die beiden Präsidenten einen eskalierenden internationalen kriegerischen Konflikt vermieden. Die auf Holz mit Gips aufgebaute Figur hat einen weiblichen Unterleib, einen männlichen Oberkörper und endet nach oben mit zwei Köpfen, den zwei Köpfen der amtierenden US- und UdSSR-Präsidenten John F. Kennedy und Nikita S. Chruschtschow.

 

Niki de Saint Phalle:
Film still „Daddy“, 1973.

 
 
„Saint-Sébastien or
Portrait of my Lover“,
1961, Schießbild.
 
 
„La mariée à cheval“,
1963-97, Assemblage.
 
 
“Petite Gwendolyn I",
1965, Nana.
 
Auf einer Holzplatte wurde in Gips neben vielen Fundstücken mit Farbe gefüllte Luftballons eingearbeitet, die, wenn man darauf treffsicher schoss, das Werk zum „bluten“ brachten. Die Farbe ergoss sich somit über die ganze Assemblage und tränkte sie in den verschiedensten Farben. Die Schießbilder ergaben somit eine kombinatorische Handlungsvielfalt von einerseits starrem Betrachten zu einer gewaltreichen Aktionskunst. Die Künstlerin lud bei den Happenings -vorwiegend waren es Freunde und Kollegen –, mit Gewehren auf ihre Bilder zu schießen, ein. Manche haben sichtbare Einschusslöcher davongetragen. Die ersten noch wenig aufwendigen Schießbilder waren Köpfe aus (!) Zielscheiben, wie z.B. „Saint-Sébastien or Portrait of my Lover“ (1961)

 

1963 entstanden große Skulpuren in denen sie sich mit der Frauenrolle auseinandersetzte: Gebärende, verschlingende Mütter, Hexen, Huren und Bräute. „Die Bräute waren vielleicht die am meisten melancholischen und introvertierten Arbeiten. Sie handeln von Schmerz, […], davon, dass nichts einfach schwarz oder weiß war, sie sind zusammengesetzt aus vielen Aspekten. […]“ (Zitat: Saint Phalle im Gespräch mit Ulrich Krempel, Hannover 2000, Katalog S. 17)

 

Nana ist in der französischen Umgangssprache ein Überbegriff für Frau, Mädchen Geliebte, Freundin. Inspiriert von einer schwangeren Freundin entstanden dann die ersten „Nanas“: „[…] kleine Frauenfiguren aus Stoffresten und Wolle, die einen schwellenden Körper und im Verhältnis dazu kleine Köpfe haben.“ (S. 17). 1965 stellt sie die ersten Nanas aus und wird mit einem Schlag international berühmt. In den folgenden Jahren entstehen sogar begehbare Riesen-Nanas für den Außenraum, die im Tarot-Garten, der 1998 eröffnet wurde, wohl in der Größendimension ihren Höhepunkt fanden. Von den bezaubernden kleinen fetzigen voluptuösen Nanas gelangte Saint Phalle also zu körperlosen kitschigen Monster-Nanas.

„Den Nanas mit ihren winzigen Köpfen und gewaltigen Körpern folgten die riesigen Frauenköpfe ohne Körper. Werden uns diese Göttinnen eines neuen Verstandes den Weg weisen können? Ich glaube nicht, denn sie haben ihren Körper verloren.“ (Zitat: Saint Phalle, Duisburg 1981, S. 38, Katalog S. 19)

 

Einer ersten Retrospektive (1969) sowie die Errichtung einer Skulpturenmeile in Hannover (2000), die mit Ankäufen von Nanas an der Straße Leibnizufer 1974 begann, zur Folge wurde Niki de Saint Phalle zur Ehrenbürgerin von Hannover ernannt. Aus diesem Anlass vermachte sie 300 ihrer Werke dem Sprengelmuseum.

Jahrelang hatte sich Saint Phalle den giftigen Gasen bei der Verarbeitung von Lacken und Kunststoffen ausgesetzt und litt bereits 1974 an Lungenbeschwerden. Auf Anraten der Ärzte zog sie nach San Diego in Kalifornien, wo sie im Alter von 71 Jahren 2002 verstarb.

 

Fazit: Wie bereits oben erwähnt, eine gut durchdachte feine Ausstellung der großartigen Niki de Saint Phalle mit einem empfehlenswerten Katalog, nicht zuletzt wegen der vielen darin gebrachten Zitate der Künstlerin.

Wer die Ausstellung gesehen und den Katalog gelesen hat, ist in die Welt der Nouveaux Réalistes gut eingeführt worden.

 

Litges, Mai 2010

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