Francis Picabia: Retrospektive. Rez.: Ingrid Reichel
Ingrid Reichel
Der Plagiator und Kitschexperte
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Francis Picabia
Retrospektive
Kunsthalle Krems
Pressekonferenz 03.07.12 zur Ausstellungseröffnung
Ausstellungsdauer: 15.07. bis 04.11.2012
Kurator: Hans-Peter Wipplinger, Kunsthalle Krems
Katalog zur Ausstellung:
Francis Picabia
Hg. Hans-Peter Wipplinger
Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König, 2012.
S. 206
ISBN 978-3-901261-50-3
Plagiat ist ein extrem aktuelles Thema, nicht zuletzt, weil die Folgen der Aufdeckung die heutigen Schlagzeilen schmücken. Sie zeugen von Aberkennungen akademischer Titel, von Urheberrechtsverletzungen, aber allem voran vom Diebstahl geistigen Eigentums. Dass bei einer Verschärfung der gesetzlichen Lage, jedoch vorwiegend die Großkonzerne der Plattenindustrien und Großverlage profitieren, hat die weltweite Demonstration gegen ACTA (Anti-Piraterie-Abkommen) gezeigt. Dabei ginge es der Kunst auch an den Kragen, Künstler wie Picabia hätten mit ACTA ihre liebe Not. Unter diesem Aspekt bekommt die erste in Österreich stattfindende und historisch umfangreichste Retrospektive des französischen Künstlers Francis Picabia ( 1879-1953) eine besondere Brisanz.
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Francis Picabia Autoportrait, 1923 Privatsammlung Foto: Suzanne Nagy © VBK Wien, 2012 |
Beinahe 40 Jahre dauerte es bis die kunsthistorische Forschung sich mit den Arbeiten von Picabia auseinandersetzte und weitere 20 Jahre bis die Quellen dieser Kunst in ihrem Kontext anschaulich geworden waren, schreibt der Kunsthistoriker Zdenek Felix in seinem Essay "Der Satyr mit dem Pinsel" im zur Ausstellung erschienen Katalog "Francis Picabia" (S. 119). Letztendlich geht es um die Erkenntnis, dass die Epoche, die den Tod der Malerei vorhergesagt hat - und diese Epoche fing bereits Mitte des 19. Jahrhunderts an - eine Bewusstseinsbildung ist, lernen zu akzeptieren, dass wir bereits Vorhandenes lediglich weiterentwickeln. Der Kunstkritiker Rainer Metzger analysiert in seinem Essay "Nur das Geld hat Genie. Über Francis Picabia als Ironiker" (S.77-80), dass gemessen an gewissen Qualitäten wie Nemesis, Meisterschaft oder Wettbewerbsfähigkeit die Moderne auf ihre Art eine Spätzeit markiert: "Die Originalität der Späten ist die Ironie; und Picabia ist ihr perfekter Exponent." (S. 77) Metzger bezieht sich in seiner Argumentation u.a. auf Joshua Reynolds, britischer Maler des 18. Jahrhunderts und erster Präsident der Royal Academy, der von "Anverwandlung" sprach, die er wahlweise "borrowing" (Ausleihen), "accomodation" (Anpassung), "appropriation" (Aneignung) oder "imitation" (Nachahmung) nannte. Dabei handelt es sich um eine andauernde geistige Übung, die in Permanenz die Erfindung fördere. (S.78)
Nur so kann man Picabias Zitat über den angeknacksten Begriff des Genies: "Nur das Geld hat Genie." vollständig nachvollziehen. Zu seinem jahrelangen Misserfolg sagte Picabia: "Der Erfolg eines Mißerfolgs ist ein Erfolg. Das Leben hat weder Zweck noch Resultat." (S. 17)
Für den 1936 geborenen französischen Künstler und Schriftsteller Jean-Jacques Lebel steht fest, dass Picabia nicht nur der "Funny Guy" und wie Picabia es selbst empfand, der einzige wahre Dadaist (wiewohl er sich davon wieder gelöst hatte), sondern auch der Erfinder der Pop-Art war. Lebels Wissen über diese Zeit beruht nicht zuletzt darauf, dass sein Vater Robert Lebel Kunstkritiker und Freund von Marcel Duchamps war. (Essay: S. 59-67). Die Ausstellung in der Kunsthalle beginnt übrigens mit einem Werk von Lebel aus dem Jahre 1962, einer Collage-Bildreklame mit dem Titel "Mon cœur ne bat que pour Picabia".
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Francis Picabia Notre-Dame, 1906 Arp Museum Rolandseck Foto: Nic Tenwiggenhorn © VBK Wien, 2012 |
Francis Picabia Aux Bords de la Creuse / Soleil d'Automne, 1909 Kunsthalle Emden Foto: Elke Walford, Hamburg © VBK Wien, 2012 |
FRancis Picabia Les seins, 1925-1927 Privatsammlung Foto: Suzanne Nagy © VBK Wien, 2012 |
Picabia, der durch eine Erbschaft in Wohlstand leben konnte, verkörpert in der bildenden Kunst das Dandytum, gleichwohl er die gutbürgerliche Gesellschaft mit seinen "Imitationen" der teuren Illustrierten mit ihren verklärten Romantikvorstellungen und sexuellen Tabus anprangerte. Die innere Zerrissenheit zwischen dem Führen eines luxuriösen Lebens und der sozialen Kritik widerspiegelt sich in einem unsteten Stil. "Der Maler trifft seine Wahl, imitiert danach den Gegenstand seiner Wahl, dessen Formveränderung die Kunst ausmacht." (Zitat Picabia: S. 12) Gleichwohl er chronologisch die Epochen der Kunstgeschichte durchmalt, ähnlich William Turner oder Pablo Picasso, manifestiert sich in Picabias Werk ein intellektuelles und politisches Ansinnen. Alle drei Autoren des Katalogs - Lebel, Metzger und Felix - sind sich über die Satire in seinem Œuvre einig. Weiters ist von Pastiche die Rede, ein Begriff, der Picabia schon näher kommt: Ein Werk, welches den Stil eines Künstlers imitiert, eine Parodie ohne Humor, eine Parodie mit Ehrerweisung.
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Francis Picabia Femme au châle vert, ca. 1940-1941 Private Collection: Hauser & Wirth Foto: Stefan Altenburger, Zürich © VBK Wien, 2012 |
Francis Picabia Andalouse (Espagnole à la mantille), ca. 1926-1927 Collection Pierre et Franca Belfond Foto: Rue des Archives, Paris © VBK Wien, 2012 |
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Francis Picabia Double-Soleil, 1950 Ursula Hauser Collection Foto: Archiv Hauser & Wirth, Schweiz © VBK Wien, 2012 |
Francis Picabia Mélibée, 1931 Marianne et Pierre Nahon, Paris Foto: Suzanne Nagy © VBK Wien, 2012 |
Dass Picabia neben seinen Imitationen der mondänen Welt dann den triefenden Kitsch herausbrachte, versteht sich von selbst. Schließlich verbrachte der Lebemann Picabia viel Zeit im Casino und auf Partys, liebte die Frauen und lebte die Oberflächlichkeit dieser - nicht zuletzt von ihm selbst - so kritisierten Bourgeoisie. Um das Leben zu lieben und davon zu erzählen, wählte er das Leben eines Nomaden. "Ich habe es immer geliebt, mich ernsthaft zu amüsieren." (Zitat Picabia: S. 13) ist wohl eines seiner repräsentativsten Zitate. Wobei im Französischen das Wort plaisir für amüsieren steht und daher die Übersetzung dem Pläsier nicht gerecht wird, beinhaltet es mehr Komponenten als den Spaß und die Gaudi, nämlich die Freude, den Genuss und das Vergnügen und bekundet somit ein weitaus intensiveres und erotischeres Lustempfinden als das Amüsement schlechthin. Seine letzte Schaffenszeit nach 1945 widmete er der Abstrakte, vielleicht, wie es der Museumsdirektor der Kunsthalle Krems und Kurator der Ausstellung Hans-Peter Wipplinger in seinem Pressetext anmerkt, als Ausdruck der Sprachlosigkeit gegenüber den Gräueln des Krieges. (S. 8)
Eine aufwendige Ausstellung mit rund 180 Werken aus allen Schaffensphasen, die Picabia als das Chamäleon aller Ismen - vom Impressionismus, Fauvismus, Expressionismus, Kubismus, Dadaismus, Surrealismus … - entlarvt. Zu sehen sind Radierungen, Öl- und Lackbilder, Collagen und Originalcover seiner Dadaistischen Zeitung 391 und der Literaturzeitschrift Littérature, Vignetten u.v.m. Werke aus seiner über Jahre andauernden Serie "Les espagnoles", Monster- und Materialbilder und die berühmten "Transparences", Abstrakte sowie Akte und Porträts. Abgerundet wird die Ausstellung durch den dadaistischen Kurzfilm von Francis Picabia und Eric Satie "Entr'acte", der am 27. November 1924 als Zwischenspiel von Francis Picabias Ballettinszenierung "Relâche" am Pariser Théâtre des Champs-Élysées uraufgeführt wurde. (Filminfo)
Für diese Ausstellung schaffte es Hans-Peter Wipplinger, die Leihgaben aus rund 50 renommierten internationalen Museen wie Musée d'Art Moderne Paris, Petit Palais Genf, Kunstmuseum Bern, MUMOK-Stiftung Ludwig Wien, Kunsthalle Emden … und aus vielen Privatsammlungen zu erhalten.
Der Katalog zur Ausstellung hat im Anhang eine französische und englische Übersetzung aller Texte. Einzige Kritik: Die Biografie der Autoren fehlt.
Fazit: Eine aufschlussreiche und sehenswerte Ausstellung mit einem gut konzipierten und profunden Katalog.









