Sean Scully: Retrospektive. Rez.: Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
Vom Konkreten in der Abstrakten

   
       
       
   

Sean Scully
Retrospektive

Lentos Linz
Ausstellungseröffnung 21.07.2012
Ausstellungsdauer: 22.07. bis 07.10.2012
Kuratorin: Brigitte Reutner
Kunstmuseum Bern, Ausstellungsdauer: 09.03. bis 24.06.2012
Kuratorin: Annick Haldemann

Sean Scully. Retrospektive
Matthias Frehner, Stella Rollig Hrsg.

Berlin: Jovis Verlag, 2012. S. 208
ISBN: 978-3-86859-183-5
Deutsch-Englisch
€ 28.- Lentos Shop!/ € 32.-

 

 
Sean Scully: Wall of Light Golden Brown, 2010
Öl auf Aluminium
Privatsammlung
Foto: © Sean Scully
 
 
Sean Scully: Uriel, 1997
LENTOS Kunstmuseum Linz
Foto: © Sean Scully
 
 
Sean Scully: Untitled Valencia, Spanien, 2002
C-Print auf Aludibond
Privatsammlung
Foto: © Sean Scully
 

Es ist nicht Sean Scullys erste Ausstellung in Linz. Für den 1945 in Dublin geborenen Künstler der geometrischen abstrakten Malerei wurde bereits 1997 in der Neuen Galerie der Stadt Linz - dem heutigen Lentos - eine Personale ausgetragen. Diese Ausstellung ist nun eine Retrospektive seines gesamten Œuvres, welche 40 Jahre umspannt und entstand in Kooperation mit dem Kunstmuseum Bern. Die Sammlung Lentos ist um ein Gemälde reicher geworden, denn Scully verehrte dem Museum ein Werk, welches das Museumsteam selbst aussuchen durfte: Wall of Light Golden Brown (2010).

Die geometrische abstrakte Malerei öffnet einen großen Resonanzraum verkündet Stella Rollig, die Direktorin des Lentos bei der Eröffnung der Ausstellung. Scully selbst bezeichnet sich als Romantiker, vermutlich, weil er trotz geometrischer Abstraktion die Tradition der Malerei stets fortsetzte und vielleicht deshalb erst relativ spät - zwischen 1984 und 1989 - seinen internationalen Durchbruch schaffte. Dies erinnert unweigerlich an die immer wieder aufkeimenden Frage nach dem Sinn und Fortbestand des Tafelbildes. Scully gehört zu den Befürwortern der Malerei, stellt sie nicht in Frage, sondern nützt sie, um das Lebens in all seinen Widersprüchlichkeiten zu veranschaulichen. Dualität und Bruch spielen dabei eine große Rolle. Nähe und Ferne, Leben in Kontroverse zu Abschied, Tod und Verlust sind Sujet seiner Malerei, wobei in den neuen Werken seit dem Jahr 2000, laut Rollig, mehr Zuversicht zu spüren ist und eine spirituelle Komponente deutlich hervortritt. Scully ist kein Illustrator oder Geschichtenerzähler, vielmehr transformiert er Begegnung und Gefühl wie die Wildheit eines Tieres (Bsp. Grey Wolf, 2007) und die Unfassbarkeit der Natur in Malerei. Seine Bildoberflächen sind suggestiv und vermitteln Bewegung, erwecken ein archaisch-elementares Angesprochenwerden auf non-verbalem Kommunikationsweg. Für Scully ist und bleibt die Malerei ein Instrument der Verantwortung und Reflexion. (Katalog S. 15). "Sein Werk negiert das postulierte Ende der Malerei." (Zitat Frehner: Katalog S. 16)

Nur 37 meist großformatige Exponate und 7 C-Prints umfasst die Ausstellung im Lentos. Bemerkenswert sind Scullys unaufdringliche Photographien, die generell erst 1997 an die Öffentlichkeit kamen. Sie handeln vorwiegend von Oberflächenstrukturen von im architektonischen Verfall befindlichen Häuserfronten. Interessant hierbei ist die empfundene Korrelation zu seinen Bildern, obwohl die Photographien gegenständlicher Natur sind.

Scullys klarer Bildaufbau besteht aus verschiedenen Kombinationen von vertikalen und horizontalen Farbbahnen, bzw. quadratischen Farbfeldern. Scully ist von dieser Orthogonalität seit früherster Jugend geprägt, sie veranschaulicht Fortbewegungsmittel (Schienen, Schiffsmasten) und sie erzeugt eine gewisse Grundspannung: "Denn jeder große Künstler geht von der Erscheinungswelt seiner Gegenwart aus und stellt die eigene Zeit in das Kontinuum von Vergangenheit und Zukunft." (Zitat Frehner: Katalog S. 15)

Scully, der von 1968 bis 1972 an der Newcastle University in Nordengland Kunst studierte, erweist sich als Kenner der Kunstgeschichte - vor allem der Renaissance, man könnte ihn als einen intellektuellen Maler bezeichnen, der dennoch der Kopflastigkeit nicht verfallen ist. "Malerei ist dann Kunst, wenn sie als Bildmedium geistige Inhalte erfahrbar machen kann, die anders nicht vermittelbar sind." (Zitat Scully: Katalog S. 12). Scullys zahlreiche Reden und Texte sind von Kunsttheorien untermauert.

 
Sean Scully: Blaze, 1971
Acryl auf Leinwand
Privatsammlung
Foto: © Sean Scully
 

Zu Beginn stand er unter Einfluss von van Gogh, Nolde, Schmidt-Rottluff und Matisse, um nur die wichtigsten zu nennen, bis er den abstrakten Expressionismus durch Mark Rothko entdeckte. So verließ Scully die figurative Malerei Mitte der 1960er Jahre und übte alle Aspekte der geometrischen Abstraktion durch: Von der OP-Art, der optischen Kunst, die sich durch ihre präzisen abstrakten Formmuster und geometrische Figuren auf irritierende optische Effekte und Täuschungen konzentrierte und die Scully in Form seiner Gitterbilder wie "Soft Ending" (1969) interpretierte; dem Hard-Edge, der schablonenhaften, flächigen, geometrischen ohne Pinselspuren und Expressivität und meist auf drei Farben reduzierten Malform mit harten Kanten, die durch Abdeckung mit Klebeband entstehen wie in seinem Werk "Blaze" (1971); der Minimal-Art, eine Kunstrichtung, die sich als Gegenbewegung des gestischen Abstrakten Expressionismus verstand, jedoch trotz Streben nach schematischer Klarheit sichtbare Pinselstriche, weiche Übergänge und überlagerte Farbschichten zuließ. Nach einer relativ kurzen Zeit der intensiven Acrylmalerei entschied sich Scully wieder für die Öltechnik und vermochte durch die vielen transparenten Farbschichten ein luminöses Tiefenräumlichkeitserlebnis auszulösen.

 
Sean Scully: Inset #2, 1973
Acryl auf Leinwand
Privatsammlung
Foto: © Sean Scully
 

Scully konnte in Rückbesinnung der vielen Stilrichtungen der Abstrakten eine eigene Form der Abstraktion entwickeln, wie Matthias Frehner, Direktor des Kunstmuseums Bern, in seinem ausgezeichneten Essay "Grey Wolf oder das Geistige in der Kunst von Sean Scully" im Ausstellungskatalog bestätigt.
1987 entwickelte Scully einen neuen Werktypus: Insets. Hierbei werden kleine Leinwände mit weniger komplexem Aufbau in eine große Leinwand eingesetzt, Bsp. Inset #2 (1973), eine Bild-im-Bild-Strategie.
1995 entstanden die ersten Floating Paintings, eine Art der skulpturalen Malerei: Gemälde auf Aluminiumblock, die mit der schmalen Seite an der Wand befestigt sind, somit im rechten Winkel von der Wand stehen und in den Raum ragen.

Scully erweist sich als unermüdlich das Tafelbild in all seinen Facetten - von der zweidimensionalen Fläche zum dreidimensionalen Objekt, ja zur Skulptur selbst - zu präsentieren. Auf Seite 25 des Katalogs spricht Frehner von Scullys Ziel: Es ginge ihm darum auf die Betonung des Objektcharakters des Bildes zu setzen. Das Bild wäre somit die Oberfläche eines Körpers und zugleich dessen spirituelle Körperlichkeit.

Auch wenn Scullys Exponate des erklärenden Titels bedürfen, um das Spirituelle zu verstehen, so vermitteln seine Bilder eine große Ausgeglichenheit und Ruhe. Die Dualität des Lebens ist nun mal abstrakt und daher scheint die geometrische abstrakte Malerei besonders geeignet, dieses Empfinden zu stillen. Was unter allen geschriebenen Aspekten jedoch tunlichst vermieden worden ist zu erwähnen, ist, dass Scullys Werke durchwegs harmonisch sind und damit auch einen dekorativen Zweck erfüllen. Zugegeben, das ist in der gegenwärtigen Kunst verpönt, scheint aber in der traditionellen Malerei durchwegs relevant.

 
Sean Scully: Backs and Fronts, 1981
Öl auf Leinwand
Privatsammlung
Foto: © Sean Scully
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fazit: Eine gut konzipierte Ausstellung, die Scullys Werk von allen Perspektiven der letzten vier Jahrzehnte durchleuchtet und ihn den Status in der Kunstszene einräumt, die er verdient. Der ausgezeichnete Katalog, welcher Scullys Farben gut repräsentiert, rundet die Retrospektive qualitativ ab. Die beiden Kuratorinnen lieferten dementsprechend aufschlussreiche Beiträge: Annick Haldemann referierte über das Konkrete in der Abstraktion und Brigitte Reutner erklärte die Entwicklung und Wirkung des Lichts in Werken Sean Scullys. Am aufschlussreichsten jedoch ist Matthias Frehners bereits erwähnter, detaillierter Essay.

Der Katalog enthält eine Werkauflistung der ausgestellten Werke, Biographie und eine ausgewählte Bibliographie sowie Biographien der Autoren. In der Ausstellung wurde eine informative und gelungene Filmreportage über Sean Scully gezeigt, welches das Lentos eigens produzierte. Schade, dass es diesen Film als DVD nicht zu kaufen gibt!
Ausstellung und Katalog sind absolut sehens- und lesenswert.

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