Adolf Frohner: Blutorgel; Rez.: Eva Riebler

Eva Riebler

BLUTORGEL. ADOLF FROHNERS ANFÄNGE IM WIENER AKTIONISMUS
07/09/2014–06/04/2015 Forum Frohner, Minoritenplatz 4 Krems/Stein.

ADOLF FROHNER 1934-2007: FÜNF JAHRZEHNTE MALEREI, GRAFIK, OBJEKTE
05/09/2014-11/01/2015 ESSL Museum, Klosterneuburg

Adolf Frohner (1934–2007) wäre heuer 80! Ein guter Zeitpunkt für das Forum Frohner in Kooperation mit dem Essl Museum einen umfassenden Rückblick auf sein Lebenswerk zu präsentieren und einen gemeinsamen Katalog herauszugeben.

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Da Frohner nie Werkslisten oder Buch über seine Arbeiten führte, ist das Forum Frohner zur Vervollständigung des Werksverzeichnisses, wie es so schön heißt, auf zweckdienliche Hinweise angewiesen!

Ist die Ausstellung im Essl Museum retrospektiv angelegt, fokussiert die Kuratorin Elisabeth Voggeneder im Forum Frohner sein frühes künstlerischen Schaffens im Umfeld von Otto Muehl und Hermann Nitsch, die  sich mit der Aktion „Die Blutorgel“ (1. bis 4. Juni 1962) in die österreichische Kunstgeschichte eingeschrieben haben.

„Wir wollten diesen Vatermord begehen […]!“, beteuerte Frohner seine und Dvoraks, Nitschs und Muehls Motivation für die aufsehenerregende Aktion „Die Blutorgel“, die zusammen mit dem gleichnamigen Manifest den Beginn des „Wiener Aktionismus“ bedeutet. Die Manifeste sind in Vitrinen ausgestellt. Josef Dvorak fasste in über weite Strecken sehr alttestamentlichem Ton den Sinn und Zweck u.a. zusammen, Auszug aus dem  im Frohner Museum ausgestellten Schauobjekt der Blutorgel: …Das Kunstprojekt ist ein Ausdruck der gesamten Schöpfung. …“eine philosophie des rausches, der exstase, der entzückung zeigt als resultat, daß das innerste des lebendigen, intensiv vitalen, die rauschhafte erregung, der orgiasmus ist, der eine daseinskonstellation darstellt, bei der sich genuß, qual, tod und zeugung annähern und durchdringen. … das opfer ist eine andere umgekehrte form der brunst … es geht um die erreichung der an der anthropolologisch bestimmten daseinssicht, durch welche gral und phallus als zwei sich bedingende extreme angesehen werden.“

Adolf Frohner rekuriert mit seinen Werken stets auf eine Selbstsicht des Künstlers, die ihn in einen Spannungsbogen von der Rennaissance zur klassischen Moderne verortet. Er verbindet christologische Attribute mit modernistischen Entwürfen zu seiner Interpretation des ecce homo. Der Künstler ist der Leidende an der (jetzigen) Welt. - Nicht zu vergessen ist ja, dass erst 1982 die Freiheit der Kunst in das Österreichische Grundgesetz aufgenommen wurde! Die zur Jahrhundertwende an der Wiener Sezession angebrachte Inschrift in Goldbuchstaben „der Zeit ihre Kunst – der Kunst ihre Freiheit“ galt in den 60er Jahren noch lange nicht! – Frohner also meinte in seinem Teil der Niederschrift der Blutorgel (aus dem Katalog, Essay Eva Badura-Triska: „Man muß vom Wau-Wau angewidert werden; man Muß die Schleime aller Dinge erkennen. Man muß den Sprung ins Bodenlose (Sumpfige) wagen, um einmal am Rande sanft zu kotzen. Der Ringkampf mit den Dingen ist das eigentliche Tricktrack meiner Arbeit.“ Er spricht davon, dass man in irgendein Ding oder eine weiße Leinwand den Finger stecken soll und auch der Dreck, der an den Fingern klebt nicht abgewaschen werden soll. Zitat: Kunst ist nur ein Mittel zum perverseren Leben. Man darf sich nicht selbst die Flügel stutzen!! Man darf nicht schmollen, sonst kotz(t) man grün in einen Krater.“

Bedenkt man die Unfreiheit der Zeit der 60er Jahre, das oftmalige Arretieren durch die Wiener Polizei,  so versteht man den vielleicht derben Aufschrei oder die Übertreibung, den Schmerz Frohners und der anderen Künstler. Nur krasse Agitationen waren für sie vorstellbar. Daher die Blutorgel und notwendiger Weise der Abstand zur klassischen Malerei und Bildhauerei. Der Aktionismus war geboren und fand seinen ersten Niederschlag in der Einmauerungsaktion. Als dreitägige Aktion konzipiert, fand diese vom 1. bis zum 4. Juni 1962 in einem Wiener Atelierkeller statt. Sie bestimmte in besonderer Weise den Werdegang Frohners und gilt aus heutiger Sicht als Ausgangspunkt seiner formalen Konzeptionen zwischen Objekt, Bild und Relikt auf der Spur einer Ästhetik des Hässlichen.

Neben dokumentarischen Zeugnissen der Aktion „Die Blutorgel“ sind in der Ausstellung zentrale Material-Arbeiten Frohners aus den frühen 1960er-Jahren – wie „Ausgeweidet“ oder „Das hohe Bett der Rituale“ – in Dialog mit Werken von Nitsch und Muehl zu sehen. Die Ausstellung  in Krems Stein folgt damit Frohners Suche nach einem bildnerischen Neuanfang.

 

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In Klosterneuburg im Essl Museum sind zahlreiche Malereien, Grafiken Materialbilder und Objekte (z.B. die Spinne, Die Gequetschte) aus der Sammlung ESSL Privatstiftung, dem LENTOS Kunstmuseum Linz und aus anderen Stiftungen oder der Sammlung der Familie Frohner zusammen getragen worden. Eine äußerst repräsentante Schau, deren Bilder immer wieder den Bezug Mann : Frau, die weibliche Nacktheit , Verletzlichkeit, Sexualität oder Lust und den Tod thematisieren.

Peter Gorsen bringt im Katalog das Ringen Frohners zwischen moralischem Kritiker des ästhetischen, an den industriegesellschaftlichen Konsums angepassten Geschmacks und der Zustimmung zur dies ermöglichenden Liberalisierung. Frohner stimmte dem studentischen Protest gegen die institutionelle Tabuierung und soziale Normierung des Triebhaften und Erotischen zu. Schließlich war er souveräner Künstler, der das Gestalten des Anomalen besonders favorisierte. Das Verschränken von  Nutzen und Vergnügen, von Moralität und sinnlicher Begierde liegt seinem Schaffen stets zugrunde.

Der Katalog: Adolf Frohner (1934-2007) Fünf JahrzehnteMalerei, Grafik, Objekt, Herausgegeben von Dieter Ronte, Elisabeth Voggeneder bringt nicht nur die ausgestellten Werke, eine Ausstellungs-Auswahl, Biografische Notizen sondern auch informative, interessante Essays der Herausgeber, ein Vorwort Karlheinz Essls und Dieter Rontes sowie drei weitere  umfangreiche Texte mit gedanken und Erläuterungen von Eva Badura-Triska zu Frohner und der Wiener Aktionismus, von Peter Gorsen zu Der Erotiker und Moralist und  von A. Hoffer,  G. Oberhollenzer zu Liebe und Tod im Werk von Adolf Frohner. HG Kunstmeile Krems Betriebs GmbH, 2014.144 Seiten, ISBN 978-3-901261-55-8

Die Ausstellung „Blutorgel. Adolf Frohners Anfänge im Wiener Aktionismus“ in Krems/Stein ist bis 6.4.15 zu sehen und ist eine Kooperation mit der im Essl Museum in Klosterneuburg gezeigten Schau: „Adolf Frohner (1934–2007). Fünf Jahrzehnte Malerei, Grafik, Objekt“. Bis 11.1.15 geöffnet.

 

 

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