43/ Essay: Feindbild Feind: Ingrid Rahlf

Ingrid Rahlf
Feindbild Feind

Wenn man Sie fragt, ob sie einen Feind oder gar Feinde haben, fällt Ihnen dann jemand ein? Jemand, von dem Sie annehmen, dass er oder sie Sie vernichten will? Denn das ist es doch, was Feinde tun, nicht wahr, uns bedrohen, schaden, uns vernichten, wenn sie können. Feind, das klingt nach unerbittlich. Gegen Feinde muss man sich schützen, sich verteidigen, man muss sie bekämpfen, nicht wahr, ihnen zuvorkommen. Angriff ist die beste Verteidigung, das wird immer noch oft gesagt. Gedankenlos daher gesagt?
Voraussetzung für einen Kampf gegen einen Feind ist aber zu wissen, wer überhaupt Feind ist, wo er oder sie sitzt. Wenn unklar ist, woher und von wem eine Bedrohung ausgeht, entsteht Unsicherheit, eine diffuse Angst. Wir fühlen uns handlungsunfähig, ohnmächtig ausgeliefert. Jemanden oder etwas bekämpfen (können), ist angenehmer, als sich mit der eigenen Ohnmacht zu beschäftigen.
Einen Schuldigen benennen zu können, ist da eine Erleichterung, entlastet, gibt der Frustration ein Ziel, vorausgesetzt der Schuldige ist nicht stärker als wir. Gegen Stärkere zu kämpfen, ist schwierig und der Erfolg ist ungewiss. Gegen Schwächere zu kämpfen, ist viel leichter.
Wenn man sich nun bedroht und gleichzeitig ohnmächtig fühlt, weil es keinen konkreten Feind gibt oder keinen, gegen den man kämpfen kann, kann man sich mit Feindbildern behelfen. Feindbilder lassen sich ziemlich leicht erzeugen. Bilder sind sehr wirksam. Das Feindbild ersetzt zunächst einen nicht vorhandenen Feind und mit der Zeit können aus den Feindbildern Feinde geschaffen werden. Und wenn diese aus Feindbildern zu Feinden deklarierten Menschen sich wehren, kann leicht sogar ein Krieg dabei herauskommen.

Feindbilder werden aber auch gerne inszeniert, um die Durchsetzung eigennütziger und fragwürdiger Interessen gleichzeitig zu verschleiern und zu erleichtern. Um sich Macht zu verschaffen, an die Macht zu gelangen oder an der Macht zu bleiben. Zur Bewahrung des Besitzstandes durch Ablenkung.
Es ist ein altes Mittel, das aber immer wieder erstaunlich gut funktioniert. Besonders in wirtschaftlich schwierigen, unsicheren Zeiten, wenn der Wohlstand gefährdet scheint oder ist, wenn die soziale Lage sich verschlechtert, besonders bei Menschen, denen es schlecht geht, die sich als benachteiligt erleben, die unzufrieden sind.
Das Vorgehen ist denkbar einfach.
Zunächst gilt es, vorhandene Ängste zu formulieren, zu verstärken und zu steigern und Bedrohungsszenarien herauf zu beschwören wie Verdrängung vom Arbeitsplatz, Verschlechterungen im Gesundheitswesen und bei Sozialleistungen, zur Minderheit zu werden.

Nun gilt es, nach geeigneten Schuldigen zu suchen und Schuldzuweisungen zu formulieren. Dabei ist es nützlich, dass die meisten Menschen alles Unbekannte und Fremde, das sich ihnen nähert, zunächst argwöhnisch beäugen. Ein geeignetes Feindbild unterscheidet sich auffällig von Vertrautem, hebt sich optisch ab – zum Beispiel durch Hautfarbe und oder Bekleidung - und ist somit leicht zu erkennen, leicht zu identifizieren. Einzelne individuelle Menschen werden zu einer Gruppe zusammengefasst, abstrahiert, alles Differenzierende wird ausgeblendet.

Geeignet als Feindbild ist eine Gruppe, die als homogen dargestellt werden kann und die sich nicht wehren kann, die sozial schwächer ist als die aufzuhetzende Gruppe. Sehr praktisch ist es, wenn sich die ausgewählte Gruppe unter ein einzelnes gemeinsames Merkmal zusammenfassen lässt, etwa durch die Religionszugehörigkeit, ihr wird damit quasi ein Stempel aufgedrückt.
Sodann gilt es Ablehnungen und Angriffe möglichst griffig zu formulieren. Sie leben auf unsere Kosten. Sie sind kriminell. Sie verdrängen uns, sie wollen uns ihre Kultur aufzwingen. Der Wahrheitsgehalt spielt dabei keine Rolle.

Feindbilder lenken ab von der Beschäftigung mit Ursachen, Hintergründen, Zusammenhängen gesellschaftlicher Entwicklungen. Statt sich damit zu beschäftigen, dass Wenige immer reicher und immer mehr Menschen ärmer werden, statt zu fragen, für wen und zu wessen Wohl eigentlich Politik gemacht wird, wird mittels Feindbildern ein Kampf Schwache gegen Schwächere angezettelt, der die Entstehung von Solidarität und eine Durchsetzung von eigentlich gemeinsamen Interessen in der Gesellschaft verhindert. Mit Feindbildern im Kopf wird, statt miteinander zu gestalten, gegeneinander gekämpft. Eine einzelne Person, die zur Feindbildgruppe gehört, wird dann als Person, als Mitmensch zur Ausnahme deklariert, ohne dass das Feindbild infrage gestellt wird.
Durch die Angriffe können heftige Reaktionen provoziert werden, auf die hin dann wieder „zurückgeschossen“ werden kann. Die Erzeugung von Feindbildern ist gesellschaftliche Brandstiftung.

Ingrid Rahlf
Geb. 1949 in Hamburg, Studium der Ernährungs- und Agrarwissenschaften, war Studienberaterin an Universitäten in Hessen. Lebt in Wien, Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften.

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43/ Essay: Die suizidale Literaturpolitik...: Amrit Mehta

Amrit Mehta
Die suizidale Literaturpolitik der Kulturzentren
deutschsprachiger Länder in Indien

Eine Einsicht in die verkehrte Wirkungsweise eines eigensinnigen Kartells: Kann die moderne deutschsprachige Literatur in Indien noch gerettet werden?

Die kulturellen Beziehungen zwischen Indien und Deutschland sind seit jeher vielgestaltig, gefällig und beständig gewesen. Während Goethe im 18. Jahrhundert die im 4. Jahrhundert in Indien auf Sanskrit verfasste klassische Sanskrit-Epik „Abhijanana Shakuntalam“, deren Schöpfer Kalidasa ist, und die Schönheit der Protagonistin sehr bewundert hatte, ist im 21. Jahrhundert die Zahl der in Deutschland die Indologie als eine Disziplin anbietenden Universitäten beträchtlich höher als selbst in Indien. Dafür ist die Zahl der Zweigstellen des Goethe-Instituts in Indien auch ziemlich hoch; das Institut hat auch einen indischen Namen in Kalidasas Land, nämlich Max Müller Bhavan – benannt nach dem bekannten deutschen Indologen Friedrich Max Müller. Seit Jahrzehnten ist das Max Müller Bhavan in Indien kulturell sehr aktiv gewesen, hauptsächlich mit einem riesigen Angebot an Opern, Konzerten, Filmen, Theaterstücken usw. Von Zeit zu Zeit werden auch Autoren aus deutschsprachigen Ländern nach Indien eingeladen, die ihr Werk vor einem deutschsprachigen Publikum auf Deutsch und einem Englisch sprechenden Publikum auf Englisch lesen. Ein fast identes Programm wird von den Kulturzentren der anderen deutschsprachigen Länder, nämlich von Pro Helvetia und dem Österreichischen Kulturforum, einer indischen Elite dargeboten.

Was man eigentlich als Vermittler der deutschen Kultur dem indischen Publikum - sogar ohne viel Aufwand - zur Verfügung stellen könnte, ist die Literatur. Aber merkwürdigerweise haben alle drei Kulturzentren nicht nur ihre Literatur vernachlässigt, sondern auch alles in ihrer Macht Stehende getan, das Lesepublikum Indiens von moderner deutschsprachiger Literatur fernzuhalten.

Die erste Zweigstelle Max Müller Bhavans wurde 1959 in Pune eröffnet. In den 50 Jahren seiner Existenz kann man die Leistungen des Instituts im Bereich Verbreitung moderner deutscher Literatur in Indien als jämmerlich bezeichnen; man hat entweder die Übersetzung der Werke seiner klassischen Autoren mittels einer Filtersprache, nämlich Englisch, gefördert oder die moderne Literatur von unqualifizierten Übersetzern fragwürdigen Leumunds übersetzen lassen, deren Kenntnisse der Ausgangs- bzw. der Zielsprache ungenügend sind. Auf die Dauer ist dieses Geschäft eine Günstlingswirtschaft geworden; und seitdem eine extrem unter der Norm geleistete Übersetzung von einem der Lieblingsübersetzer des Bhavans in einem wissenschaftlichen Artikel kritisch unter die Lupe genommen worden ist, scheut man sich vor der Förderung jedweder Literatur, die unerlässlich direkt aus dem Deutschen in eine indische Sprache übersetzt werden müsste. Die direkt aus der Ausgangssprache übersetzenden Outsider werden nicht nur entmutigt, sondern auch systematisch am Übersetzen gehindert. Zahlreiche dokumentarische Belege weisen darauf hin, dass eine Handvoll am Goethe Institut arbeitende Funktionäre gegen freischaffende Übersetzer auch fortwährend konspiriert haben, um damit die Interessen ihrer Favoriten in Indien zu bewahren.

Pro Helvetia ist in Indien seit 2006 und das Österreichische Kulturforum seit 2007 tätig. In den 4-5 Jahren ihrer Existenz haben die beiden Kulturzentren dem indischen Lesepublikum nicht einmal ein einziges Werk aus ihren Sprachen anpreisen können; auch ihre nach Indien reisenden Schriftsteller haben deren Werk vor einem gleichgültigen Publikum gelesen, d.h. diese Zentren haben bloß dem Beispiel des Goethe Instituts in Indien folgend, eigene Literatur stiefmütterlich behandelt, keine Initiative ergriffen, ihre moderne Literatur in indische Sprachen übersetzen zu lassen, und die freischaffenden Übersetzer eingeschüchtert. Es ist bemerkenswert, dass die Kulturräte dieser zwei deutschsprachigen Länder vor der Eröffnung ihrer Kulturzentren sich beachtenswerte Dienste beim Verbreiten der Literatur ihrer Länder erworben haben. Es ist ironisch, dass nun, da viel mehr Geld für eine verbindliche Aufgabe zur Verfügung gestellt worden ist, es an ein unwürdiges Zielpublikum verschwendet wird, das sich nicht einmal auf 1% der Bevölkerung in Indien beläuft.

Der Grund dieses suizidalen Verhaltens der mit den Staatsgeldern autorisierten deutschsprachigen Kulturdiplomaten im Bereich Förderung eigener Literatur hat tief schürfende Motive und Dimensionen.
Woran könnte es denn liegen, dass eine vor 50 Jahren in Indien eingerichtete renommierte Institution, deren einzige Aufgabe es ist, kulturelle Brücken zwischen den zwei Kulturländern zu bauen und vor allem eigene Kultur im Ausland vorwärts zu bringen, nicht nur ihrer verbindlichen Pflicht nicht nachgeht, sondern zielgerichtet gegen die Interessen seines Arbeitgebers bzw. seines Landes handelt?

Also liegt es an den Individuen, die für die Förderung der deutschen Kultur und Sprache nach Indien geschickt werden, und auch an den einheimischen Arbeitnehmern des Instituts, die seit Jahrzehnten in verschiedenen Max Müller Bhavans beträchtlich zu der Kontinuität einer bestimmten Geisteshaltung der Ankömmlinge beigetragen haben. Dieses Verhalten hat auf die Dauer zu einer Situation geführt, durch die die Ankömmlinge permanente Freundschaften geschlossen und durch diese permanenten Freunde immer neue Freunde gewonnen haben, die einen großen einflussreichen Kreis von Funktionären der Max Müller Bhavans (nachstehend als Bhavan erwähnt), indischen Schriftstellern und Germanisten und vor allem von deutschen Indologen bilden.

Eigentlich hat die Präsenz des heidelbergischen Südasien-Instituts in den Räumlichkeiten Max Müller Bhavans in New Delhi und die enge Zusammenarbeit dieses Instituts mit dem Bhavan der Literaturpolitik des Goethe Instituts in Indien die heutige Gestalt gegeben. So eine Kombination sollte in so vielen Jahren Wunder für die deutsche Literatur in Indien verrichtet haben, aber leider hat man für die moderne deutsche Literatur kaum etwas getan, und wenn überhaupt, dann mit verheerenden Folgen.

Es liegt grundsätzlich daran, dass die von Zeit zu Zeit in Indien verweilenden deutschen Indologen immer große Lust daran gehabt haben, selber Literatur aus manchen indischen Sprachen ins Deutsche zu übertragen, und dazu bräuchten sie jemanden aus Indien, der ihnen beim Übersetzen helfen könnte. Manche indische Schriftsteller waren gerne bereit, diese Lücke zu füllen; und um die Jahrhundertwende wimmelte das Max Müller Bhavan von indischen Schriftstellern aller Schattierungen, die inzwischen auch angefangen hatten mit der Unterstützung beider Institute deutschsprachige Literatur selber in indische Sprachen, hauptsächlich ins Hindi, Marathi und Malayalam zu übersetzen, ohne auch nur einmal Deutsch gelernt zu haben. Die befreundeten indischen Germanisten legitimierten diese semantisch und stilistisch inakzeptabel durchgeführten Übersetzungen, indem sie bei verschiedenen Konferenzen diese großherzig würdigten. Mit der Unterstützung  Max Müller Bhavans und berühmten indischen Schriftstellern wurden einige indische Germanisten plötzlich zu Übersetzungsexperten aller aus dem Deutschen ins Hindi übersetzten literarischen Werke, und einer von denen, Prof. Pramod Talgeri, deren Hindikenntnisse nicht der Rede wert sind, war kühn genug, ein sogenanntes „Center for Literary Translation“ zu gründen und jahrelang damit grosszutun, dass er von der indischen National Akademie der Literatur mit einem Projekt namens „Indien übersetzen“ beauftragt worden sei. Es sei ein Projekt, in dem Texte bedeutender deutscher Autoren, Indologen und Philosophen aus dem Deutschen in verschiedene indische Sprachen, aber zunächst ins Hindi und Marathi übersetzt werden sollten. Für 25 Texte wurden 12 Übersetzer ausgesiebt, - die meisten von ihnen mit gar keinen Deutschkenntnissen. Die Anthologie sollte am 15. August 1997 präsentiert werden; dieser Zeitpunkt war wichtig für die Fertigstellung des Projekts, weil der 15. August ein historischer Tag, nämlich der Nationalfeiertag Indiens ist, und 1997 Indien das fünfzigjährige Jubiliäum seiner Unabhängigkeit feiern sollte.

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43/ Essay: Blickfang Kopftuch: Marc Hieronimus

Marc Hieronimus
Blickfang Kopftuch
Eine Männermeinung

Alle gucken gerne auf die anderen, Begucktwerden ist nicht so schön. Darum haben wir Fernsehen und Gardinen. Draußengucken ist anstrengender, da gucken vor allem die Männer, und zwar die jungen mehr auf die Jungen: eh, kuckstu?, fuck you lookin at?, die älteren mehr auf die jungen Frauen. Bevorzugtes Objekt etwa vom blicksicheren Logenplatz der westdeutschen Großstadtparkbank ist die Joggerin, aber im Grunde jede ansehnliche Frau zwischen achtzehn und mindestens vierzig. Der Männerblick sticht und lastet, die Frauen senken den ihren. Für die „Karriere“, d.h. der im Rahmen des Aussehens und der Fähigkeiten möglichen beruflich-gesellschaftlichen Entfaltung mögen sie die Präsentation (und immer häufiger chirurgische Transformation) ihrer Körper durchaus in Kauf nehmen; in der „Freizeit“, dem Rest- oder eigentlichen Leben, entziehen sie sich leidlich den Männerblicken, indem sie beim Joggen Schirmmützen, Schlabberhosen und Sonnenbrillen tragen, in der Bahn, die sie möglichst selten benutzen, halsstarr aus dem Fenster oder auf ihre Unterhaltungselektronik schauen, und sich ansonsten, wo es nur geht strikt unter ihresgleichen oder ganz allein daheim aufhalten.

Woher und wozu die männlichen Blicke? Die meisten Gaffer wären von einem Angebot auf schnellen Sex völlig überfordert, zumal sie meist liiert und nicht selten in Begleitung sind. Mag der Anblick einer sportlichen Frau mit wallendem Haar dem „nackten Affen“ im Manne auch seit Urzeiten Gesundheit und Fruchtbarkeit signalisieren, hat seine Spezies doch seither einen beachtlichen Weg der kulturellen Sublimation (oder Entfremdung) zurückgelegt, die eine allzu rasche Performanz verhindern. Vielleicht haben die visuellen Medien die Sehgewohnheiten verändert. Vielleicht haben diese auch den Ausbau der Medien erzwungen. Wahrscheinlich gründet beides in der "Psychopathologie" der Ereignis- und Konsumgesellschaft: Mit ihren Propagandatrommeln Werbung, Medien und arrivierter Kunst spiegelt sie ihren Vollmitgliedern die Verfügbarkeit alles Materiellen vor, darunter die der weiblichen Menschheitshälfte. Die schmackhaften Musikclips, Unterwäschewerbetafeln und zwischen Kantine und Kaffee am Firmen-PC konsumierten youporn-Amateurvideos könnten ja auch nur den männlichen Appetit anregen, „aber gegessen wird zuhause“; stattdessen bedeutet dem Mann offenbar schon das bloße gute Aussehen einer beliebigen Passantin noch vor dem ersten Blickkontakt, dem ersten Lächeln, dass sie zu denen gehört, die unter den rechten Umständen zu haben sind, also nicht zuletzt sexuell.

Sicher schlägt die Ausübung des Blickmonopols gewissermaßen dialektisch auf die Gaffer zurück, werden auch die Männer mode- und körperbewusster, können sich nicht mehr gehen lassen, „beleidigen“ immer weniger den Blick der anderen (Männer und Frauen), doch statt einer geschlechtlichen Egalisierung bedeutet dies nur die Generalisierung der in ihrem Wesen zutiefst männlichen Videokratie. Wie eine ganze Reihe medien- und gesellschaftskritischer Größen aus Geistes- und (anderen) Psychowissenschaften seit nun mehr auch schon wieder mindestens vierzig Jahren verkünden, herrschen ja gar nicht die Männer, nicht einmal der Mann, sondern bestenfalls ein männliches Prinzip, ein System, in dem Männer und Frauen gleichermaßen gefangen sind. Körper, Kleidung und Konsumartikel sollen vielleicht wirklich Fruchtbarkeit und Wohlstand, vor allem aber Charakterzüge wie Offenheit, Intelligenz, Stabilität, Umgänglichkeit und die jeweilige Klassen- oder Milieuzugehörigkeit signalisieren, wo doch ein herrschaftsfreies, freundliches Gespräch so viel billiger, verlässlicher und umweltfreundlicher wäre! Echte Emanzipation aller im Sinne einer Betonung der „weiblicheren“ Seiten des Menschen scheint unmöglich; es gibt immer noch kein richtiges im falschen Leben. Der bewusste Verstoß gegen visuelle Normen, etwa durch Attribute des jeweils anderen Geschlechts oder die Mitgliedschaft in abgrenzenden Subkulturen, entzieht Frauen und Männer zwar dem sexualisierten Blick, verstellt aber den gemeinen Weg nach „oben“ und ist auch in der Breite, im Umgang mit den anderen, mehr Beschränkung als Entfaltung: Die „jugendlichen“ Subkulturen mögen eine selbstbewusste und -zufriedene Gemeinschaft bilden, sie bleiben doch immer unter sich.

Aber zurück zur Parkbank, auf der ja bisweilen auch Alte, Frauen und alte Frauen sitzen. Bei aller Unterschiedlichkeit der Blicke und Ansichten teilen die meisten selbst nicht betroffenen BetrachterInnen die Ablehnung des Kopftuchs. Warum dieser Hass, und warum heute? Zum einen mag irgendwann jener von anderen Begegnungen bekannte und etwa von Claude Lévi-Strauss beschriebene Schwellenwert erreicht worden sein, an dem der/die/das Fremde keine positive Neugier mehr erregt, noch auch nur toleriert, d.h. (lateinisch) „ertragen“ wird, sondern man sich „überfremdet“ fühlt, wie überzogen mit etwas Fremdem. Die typisch „westliche“ (oder nördliche), industrialisierte, individualisierte Entfremdung („besser wäre: Verfremdung“, „Zerfremdung“) sich selbst, den Mitmenschen und auch der eigenen Geschichte gegenüber wird so weit verdrängt bzw. notdürftig als Ablehnung des Anderen und Besinnung auf das wie auch immer definierte neue Eigene kompensiert, dass alle menschlichen, aber auch die historischen Ähnlichkeiten übersehen werden; das Kopftuch war über Jahrhunderte ein alltägliches, ja sittlich vorgeschriebenes Kleidungsstück der christlich-europäischen Frau und wird heute noch in besonders frommen Kreisen oder Regionen als solch ein „Symbol“ getragen. Die Alten sollten sich daran eigentlich noch erinnern.

Die jüngeren Männer und Frauen, unter sich Gaffer und Begaffte, haben ihre eigenen Gründe. Der primitive Mann verachtet das Kopftuch, weil es nichts zu gucken, nichts zu holen gibt. Die mit ihm Gekleidete signalisiert mit einer Glaubwürdigkeit, die überhaupt nur wenigen Zeichen eigen ist, dass nicht nur seine immer schon verschwindend geringe Chance auf raschen Flirt und Koitus bei ihr gleich Null ist, sondern sie sich dem gesamten System entzieht. Sie möchte dem Betrachter gar nicht gefallen, jedenfalls nicht so. Was stört aber die joggingverkleidete, schönheitsoperierte und/oder anders von Männerblicken ausgezogene Frau daran?

Ähnlich dem Fang im Springreiten bedeutet auch der Blickfang Schutz vor dem zu Fangenden durch seine Lenkung. Der Rückzug unter das Kopftuch ist nur und ausgerechnet den Frauen mit Migrationshintergrund (oder -affinität) vorbehalten. Sie genießen die Vorzüge der modernen Welt von Achselrasur bis Zusatzversicherung, Audi A8 bis BMW Z4 (die es vermeintlich dort, wo sie herkommen oder ethnisch „hingehören“, nicht gibt), ohne die Blicke der Männer auf ihrem Körper spüren zu müssen. Sie kämpfen nur an der Herd- und Heimatfront, und trotzdem scheinen sie glücklich. Sie lassen sich nicht operieren, und trotzdem gehen ihre Männer nur selten ins Bordell. Sie sind wie Spielverderberinnen, die beim Fangen nur am „Freio“ stehen, oder die beim Apfelklauen kneifen, aber sich beim Apfelkuchenessen als erste bedienen…

Das ist sicher polemisch, zur Unkenntlichkeit verkürzt und zur besseren Verständlichkeit und Akzeptanz mit vielen Emotikons :) zu versehen. Aber es ist doch bemerkenswert, mit welchem Selbstverständnis gerade „linke“, der Herkunft nach basisdemokratische Bürgerbewegte einer erheblichen Zahl ihrer Mitbürgerinnen mit dem Recht auf Kleidungswahl und Religionsausübung zugleich jegliche politisch-gesellschaftliche Mündigkeit absprechen und in ihrer Wut vor Gerichtsklagen und xenophober Publizistik nicht zurückschrecken.

2008 haben die heute noch bekannten Figuren der Zeit um und nach 1968 deutungshoheitlich den vermeintlichen Erfolg ihrer Bewegung verkünden dürfen. Was hat sich die Gesellschaft nicht seither verändert! Unbestritten. Allerdings ging dabei völlig unter, was im „roten Jahrzehnt“ bis Ende der Siebziger Jahre noch alles verhandelt wurde, gerade als wären alle künstlerischen, ökologischen, pazifistischen, spirituellen und nicht zuletzt gesellschafts- und sexualemanzipatorischen Ziele mit der Gründung einer bürgerlichen Klientelpartei und ihrer bundesweiten Etablierung jenseits der fünf Prozent schon verwirklicht worden. Sind die Geschlechterverhältnisse zum Guten gewendet, wenn eine Frau ohne Kopftuch nicht einmal unbegafft spazieren kann? Ist die Sexualität von Zwang und Gewalt befreit, wenn der Sexmarkt aus Pornographie und Zwangs- und Kinderprostitution dank der genuin westlichen Nachfrage inzwischen zu den weltweit stärksten Wirtschaftszweigen aufgestiegen ist? Sind wir wirklich aufgeklärt und ideologieresistent, wenn die Grundlagen des menschlichen Lebens und Zusammenlebens: Freiheit von Wasser-, Nahrungs-, Bildungsmangel; Freiheit zur Selbstentfaltung, Sinngebung, Ästhetisierung; Abwesenheit von Krieg und Gewalt; Einklang mit der Umwelt im weitesten Sinne; Liebe allenfalls im Kleinen ansatzweise umgesetzt, auf globaler Ebene aber nicht einmal mehr angesprochen werden?

Das Kopftuch erinnert weniger an die Niederlage der religiösen Aufklärung; das Wissen um den Tod Gottes könnte sich eines Tages noch durchsetzen. Es erinnert an den falschen Kompromiss, die Niederlage der emanzipatorischen Bewegung, die in den Sechziger und Siebziger Jahren ihren vorzeitigen Höhepunkt fand und seither über ihre Scheinsiege verstummt ist.

Es erinnert die neidischen Männer an das Fortbestehen des Patriarchats innerhalb der somit besser dastehenden Bevölkerungsteile; bei den Türken ist die Welt noch in Ordnung, da weiß die Frau noch, wo sie hingehört. Seid mal ehrlich, Männer, unsere Ulla hat einfach nicht die Haut, den Bauch, den Arsch, ’nen flotten Bauchtanz hinzulegen, und selbst wenn: Mit den Ideen, die die Frauen heute haben, gibt es Orient nur an besonderen Tagen, und immer muss man fürchten, dass die Alte irgendwann zum Nächsten rennt.

Die zwischen Zwängen von und zu Karriere und Familie zerrissene Frauen erinnert das Kopftuch an ein ihnen verschlossenes Alternativprogramm des Sowohl-als-auch, mit dem frau in manchen Fällen sogar glücklich werden kann. Das Schlimmste sind doch wohl die Kopftuchfrauen, die nach überdurchschnittlicher Fortpflanzung über Abendgymnasium und Uni die Wende schaffen und am Ende auch noch in den Schuldienst drängen!

Und vielleicht schwingt bei den Ablehnern beider Geschlechter auch die Ahnung mit, dass viele junge Mädchen heute aus freiem Willen (wenn es den denn gibt) zum Kopftuch greifen, um zu sehen, ob sie „es“ schaffen, nämlich für ein Ideal Enthaltsamkeit und gesellschaftliche Ablehnung in Kauf zu nehmen, was den meisten „KämpferInnen“ für egal welche Emanzipation ab einem gewissen Grad von Berühmtheit abgeht. Sie könnten zurecht die Ausrichtung der erwachsenen Familienmitglieder auf Tradition und Religion bemängeln, weil sie Verhältnisse zementiert, die es langfristig zu überwinden gilt, aber aus Neid auf ihre unerkämpfte Freiheit von Konsum- und Wettbewerbszwang und vielleicht auch den Schutz, den Großfamilien bei allem Konfliktpotential auch bieten, greifen sie die jungen Frauen an und wollen sie zu ihrem, d.h. zum modernen Glück zwingen; und die Dummchen merken nicht einmal, wie schlecht es ihnen geht.

Der Autor dieser „Männermeinung“ war als Grundschulkind ein wenig in eine Mitschülerin verliebt, die, wie die meisten Türkinnen des Jahrgangs 1973, zunächst „nur“ Hausfrau geworden sein dürfte. Dass sie als solche vermutlich zu Hause mehr zu melden hat als ihre lautesten Kritikerinnen in vergleichbarer Position tut schon einiges zur Sache, ist aber nicht der Punkt: Ich wünschte, wünsche mir, dass sie als perfekt zwei- oder vielleicht längst drei- oder viersprachige Deutsche mindestens die gleichen Freiheiten und Möglichkeiten genießt wie ich selbst.

Gülten, trägst Du ein Kopftuch? Ich bin überzeugt, es gibt keinen Gott, in dem Punkt werden wir uns vermutlich nicht verstehen, aber ich würde gern, Abwäger, Laumann, Schmalspur-Voltaire, der ich nun mal bin, ein wenig dafür tun, dass Du auch deine Meinung haben und Dein Leben leben darfst. Oder vielmehr wir. Denn, wenn wir die Grenzen einmal anders ziehen, sind wir beide uns sehr viel ähnlicher. Leute wie wir schaffen es selten auf die Uni. Den Nachhilfeschulen und Privatgymnasien für die von da unten wird es schwer gemacht, und die deutsche Regelschule ist erwiesenermaßen nicht für Prolls gemacht. Wer vertritt da eigentlich welche Interessen? In der Politik passt es den EntscheiderInnen nicht ganz gut in den Kram, wenn die Kinder der Straßenfeger, Sesamkringelbäcker und Gemüsehändler (oder in meinem Falle: Wirte) nicht mit den ihren konkurrieren? Irgendwer muss schließlich auch in Zukunft die unangenehmen Arbeiten machen oder sich andernfalls als Nichtsnutz und Parasit beschimpfen lassen; das Selbstverständnis weiter Teile des Neuen Bürgertums hängt davon ab. Sicher, die waren auch nicht immer die Besten in der Schule, zumal nicht in Fremdsprachen, Kreativität oder Zivilem Ungehorsam, falls der irgendwann mal positiv zur Kopfnote gerechnet werden sollte, aber die sprechen zumindest sozio- und dialektfrei Deutsch. Der leichteste Akzent dagegen, schon der falsche Name können bei der Lehrlingswahl zum Ausschluss führen und sind untilgbare Mäkel in egal welcher späteren Laufbahn. Kein Wunder, dass zum Beispiel die wenigen Türken unter uns, die es trotz „Migrationshintergrund“ auf und durch die Uni geschafft haben, ihr Glück heute oft in ihrer schönen, aber falschen, ihnen selber fremden zweiten Heimat versuchen.

Die Männer unserer sozialen Herkunft sitzen übrigens häufiger im Stadion als auf den besagten Gafferbänken. Ich bin kein Fußballfreund, aber es scheint, dass meine Oma oder Thilo Sarrazin mit ihren Sprüchen unter den Schland-Schreiern und Wimpel-Winkern wenig Anklang finden. Vielleicht ahnen unsere früheren Spielkameraden bei aller Bällchennarretei, dass es im Grunde in Deutschland, in Europa, auf der Welt noch immer vor allem um Macht und Verteilung geht. „Teile und herrsche“ heißt das bei Macchiavelli, oder besser: Wenn du herrschen willst, musst du die Beherrschten teilen. Aber wahrscheinlich weißt Du das alles schon und/oder hast ganz andere Probleme. Lass uns mal auf einen Kaffee treffen, unter Familien, oder zu zweit.

Görüşmek üzere!

M.H.

Marc Hieronimus
Geb. 1973 in Köln, war Musiker, Chemiehilfsarbeiter, Deutschlehrer für ‘Jugendliche mit Migrationshintergrund’ und Aushilfskraft im Möbeltransportwesen. Der promovierte Historiker, Wirtssohn und Vater zweier Kinder lehrt seit 2007 Deutsch als Fremdsprache an der Jules-Verne-Universität Amiens (Nordfrankreich). Veröffentlichungen: Essays, Lyrik und Prosa in Zeitschriften und Anthologien, darunter Orte, Entwürfe, Lichtungen, Konkursbuch, etcetera, Sterz. Gewinner der Wettbewerbs des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt 2007. Gewinner des Wettbewerbs „Utopia. Die Gesellschaft von Morgen“ (dieGesellschafter.de / zweitausendeins). www.marc-hieronimus.de, www.daad.de

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