42 / Essay: Herr Zhang lädt zum Dinner: Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
Herr Zhang lädt zum Dinner

Aus dem Tagebuch einer 40-tägigen Chinareise Laut ist es in Chinas Restaurants, sehr laut, … vermutlich gibt es deshalb die vielen Separées. Dort kann man die Klimaanlage nach individuellem Wunsch einstellen und man hat, vorausgesetzt das Personal lässt die Tür nicht offen, seine heilige Ruhe. Herr Zhang lud uns ausnahmslos in Lokale mit Extrazimmern ein. Es war nicht die Angst, mit Ausländern gesehen zu werden, was ihn dazu veranlasste. Nein, Herr Zhang wollte seinen Gästen die Ruhe gönnen und die Konfrontation mit dem für Europäer unästhetischen chinesischen Essverhalten vermeiden. Er wollte dem Spucken und Schmatzen, den lauten Tönen der chinesischen Esskultur entgehen. Meist führte ein Labyrinth von Gängen zu den vereinzelten chambres à part und man entging elegant und diskret den übrig gebliebenen Schlachtfeldern der restlichen Restaurantbesucher. Außerdem zog sich Herr Zhang mit seinen Gästen prinzipiell gerne in vier Wände zurück. In einer Welt voller Spitzel, in einem Land voll Angst vor politischen Dissidenten, kann man nie wissen, mit wem man es zu tun hat. Es spricht sich einfach sicherer über Geschäftliches oder Privates. Über Politisches wird nicht gesprochen.
Auch das eben wütende Hochwasser, die Schlammlawine, die Aufräumarbeiten und der Staatstrauertag waren bei Tisch kein Thema. Es herrscht im Allgemeinen Politikverdrossenheit.
Wo nicht, frage ich mich… Wir sind hier zur Entspannung, ein Gefühl der Geborgenheit wird vermittelt, auch wenn die Séparées meist sehr kahl in ihrer Dekoration ausfallen, die Beleuchtung uns weit weg vom Klischee der gedämpften Atmosphäre der Pariser Lüsternheit zu Beginn des 20. Jahrhunderts treibt. Herr Zhang ist überschwänglich vor Freude, seine Gäste bewirten zu dürfen, und weiht uns in die chinesische Esskultur ein. Höflich erkundigt er sich, ob wir mit Stäbchen umgehen können. Als dies bejaht wird, sinkt er mit einem zufriedenen Lächeln in die Rückenlehne seines Sessels zurück.
Es ist unser erster Tag in China einer 40-tägigen Rundreise.

Nach dem warmherzigen Empfang am Flughafen und der Fahrt durch einen Wald von Baukränen, die ein Meer von Wolkenkratzersiedlungen in die Höhe ziehen, ins Zentrum von Qingdao, einer 7 Millionen großen Metropole am Gelben Meer in der ostchinesischen Provinz Shandong, genau zwischen Beijing und Shanghai gelegen, ist Herr Zhang bemüht unseren beginnenden Kulturschock zu entschleunigen. Qingdao ist in China die Stadt mit der höchsten Lebensqualität, versichert uns Herr Zhang und vergleicht seine Heimatstadt mit unserer kleinen Hauptstadt Wien. Herr Zhang ist Psychiater. Er kennt sein Metier. Das bei uns relativ unbekannte Qingdao ist die Copacabana Chinas. Hier machen chinesische Präsidenten Urlaub. Hier bereiteten Mao Zedong und Chiang Kai-shek mitunter die Vertreibung der Japaner vor, hier hatten sie ein Domizil, beide Villen stammen aus der deutschen Kolonialzeit und sind heute begehrte Touristenattraktionen. So saßen wir um den runden Tisch, während eine zierliche Chinesin den Tee aus einer großen Porzellankanne in unsere henkellosen, weißen Porzellanbecher einzuschenken begann. Ungefärbtes Wasser floss in der ersten Runde heraus. Der Tee begann langsam zu ziehen und bei der zweiten Runde verfärbte er sich in ein verheißungsvolles transparentes Gelb, bis heißes Wasser wieder in die Kanne nachgegossen wurde. Europäische Geschmackspapillen sind stärkeren Würzungen ausgesetzt und haben nicht die Empfangsbereitschaft für diesen Hauch von Tee. Stimuliert prosteten wir einander zu. Heißes Wasser hat zu jeder Tageszeit und Saison Tradition in China. Während ich meinen Gedankengängen über die Trinkwasserversorgung in China nachging, beschlossen die Männer sich der Speisenwahl zu widmen. Sie verließen hiefür das Séparée und begaben sich in den Restaurantteil, wo die Aquarien gefüllt mit Fischen und Meeresfrüchten stehen und wo die Speisen im Rohzustand auf einem Teller zur Degustation präsentiert werden. Ich blieb bei den Frauen, schlürfte mein heißes Wasser und sehnte mich trotz angenehmer Kühle im Raum bei Außentemperaturen von über 30° Celsius nach einem prickelnden Mineral. Im Nahen Lao Shan Gebirge mit dem Gelben Meer zu seinen Füßen existieren berühmte Wasserfälle und Quellen, die als Chinas bestes Mineralwasser gelten. Wenig davon wird mit Kohlensäure versetzt. Chinesen schätzen die Kohlensäure nicht. Das Wasser von Lao Shan schmeckt mild und süß. Empfindlich reagieren die Nerven der Chinesen auf unsere beliebten Mineralwasser: zu sauer, zu scharf! Ich entschloss mich ein Bier zu bestellen. Qingdao war zu Beginn des 20. Jahrhunderts deutsches Kolonialgebiet. Von hier aus hatten die Deutschen das Bier nach China eingeführt.

Alleine in Qingdao existieren über 50 Bierbrauereien. Als die Deutschen jedoch ihre Kolonialmacht an die Japaner verloren hatten, ist der Alkoholanteil des Bieres merklich gesunken. Chinesische Biere haben im Schnitt nur knapp über drei Prozent Alkohol und werden in den sonderbarsten Maßen abgefüllt. Hier scheint keine einheitliche Regelung zu existieren. In Qingdao geht es soweit, dass man sich Frischbier von der Brauerei in ein Plastiksackerl abfüllen lassen kann. Der Konsument geht mit einem schwabbelnden, transparenten Sackerl fort, setzt sich vor seine Haustür, spielt eine Runde Karten mit seinen Freunden und schenkt aus diesem Plastiksackerl in die bereitgestellten Gläser ein. Ich bekam eine Flasche Qingdao-Bier mit 480 ml serviert. Frau Zhang und ihre Schwiegertochter blieben beim heißen Wasser. Alkohol ist Männerdomäne. Ich zündete mir genüsslich eine Zigarette an, beruhigt, dass westliche Gesundheitsapostel China noch nicht geläutert haben. Prinzipiell ist kein Rauchverbot in den Lokalen. Außer in Shanghai, das wegen der heurigen Weltausstellung mit dem Motto Better City, better life und der zu erwartenden westlichen Besucher zur nahezu rauchfreien Zone Chinas erklärt wurde. Aber auch Rauchen ist Männersache. Dennoch überreichte mir Herr Zhang traditionell ein Gastgeschenk: eine Stange chinesischer Zigaretten. Herr Zhang ist weltoffen. Sein Sohn hat in Österreich studiert und lebt in unserem Haus. Wir sind zu einer großen chinesisch-österreichischen Familie zusammengewachsen.

Die ersten Speisen wurden serviert. Sie werden auf Servierplatten auf die im Zentrum des Tisches befindliche Drehplatte gestellt. Jeder nimmt sich von allem. Niemand hat eine Platte für sich. Chinesen teilen beim Essen, drehen nach Lust und Appetit die Scheibe zu sich und nehmen sich mit den Stäbchen direkt von den Servierplatten. Jeder hat einen kleinen Teller vor sich, wo er Speisereste ablegen kann und ein kleines Schälchen steht zum Abschmecken parat. Essen, ein perfektes Gemeinschaftserlebnis!

Es gab gebratene Crevetten auf marinierten Sojasprossen und Glasnudeln, Gelee vom Meer (nicht ganz unsere Sache, aber sehr gesund!), eigenartig mehlige Bergwurzeln mit Brombeermarmelade, fein geschnittenes Rindfleisch mit pikanter Knoblauchsauce, grüner Bambus in Marinade, Rindfleisch mit Zwiebeln, kleinen Palatschinken, Gurken und Lauchstücken à la Peking-Ente. Es folgte eine chinesische Delikatesse: Seegurke in pikanter Sauce. Sie wurde jedem extra auf einem Tellerchen serviert. Seegurken erzielen Schwindel erregende Preise und werden in diversen Geschäften eingelegt oder getrocknet als Medizin verkauft. Danach wurden gefüllte, längliche Teigstreifen, gekochte Chili Muscheln, gebratene Riesengarnelen und ein im Ganzen servierter gedämpfter Seefisch in Sojasauce mit Lauchstreifen aufgetischt. Mit den Stäbchen schnappt sich dann jeder ein Stück vom Fisch, bis am Ende nur mehr Kopf und Skelett übrig bleiben. Die hohe Kunst des Fischverzehrs liege darin, den Fisch nicht zu wenden, denn dies bringe Unglück, erzählt uns Herr Zhang mit einem Augenzwinkern. Danach gab es noch ein in Stücke zerlegtes gebratenes Huhn. À propos: Geflügel wird ausnahmslos mit Kopf kredenzt. Als besondere Delikatesse gelten die Hühnerkrallen, die es auch abgepackt in jedem Supermarkt zu kaufen gibt und die vor allem von Chinesinnen wie Knabbergebäck verzehrt werden, weil sie angeblich für eine schöne Haut sorgen. Die blieben uns an diesem Abend allerdings erspart. Als besonderes Dankeschön des Hauses wurde zum Abschluss eine Obstplatte mit Melonen-, Äpfel-, Orangenscheiben und Kirschtomaten aufgetragen, anstatt des üblichen Pflaumenweins wie in Österreich. Ein fulminantes Mahl ging zu Ende. Herr Zhang lehnt sich abermals beruhigt mit einem zufriedenen Lächeln zurück, denn seine Gäste sind mit erlesenen Speisen satt geworden und haben von jeder Speise zumindest gekostet.

Retrospektiv halten wir nach unserer Reise fest, dass die Reihenfolge der Speisen beliebig nach der Schnelligkeit in der Küche erfolgt. Fisch kann nach Fleisch kommen, Suppe zwischendurch, Süßes vor Saurem. Es gibt keine Beilagen, jedes Gericht steht für sich. Abgesehen von lokalen Teigspezialitäten wie die beliebten Mantou, Jiaozi und Baozi, Teigtaschen in variantenreichen Formen, die mit verschiedensten Inhalten gefüllt sind, aber niemals in Sauce serviert werden, oder dem Tausendschichtkuchen, der das Brot ersetzt, gibt es wenig Kohlehydrate. Gewürzt wird vorwiegend mit Ingwer, Chili, Zwiebeln, Knoblauch und Soja. Chinesische Küche erweist sich als salzarm. Der klassische Reis sollte uns quasi die nächsten 39 Tage, auch bei Mittagsbuffets nicht serviert werden. Das Reisklischee ist wohl einer der größten westlichen Irrtümer bezüglich Chinesischer Küche, denn China ist das Nudelland Nummer eins. Sie haben die Nudeln auch erfunden! Die Italiener haben abgeschaut. In manchen Garküchen oder Suppenrestaurants kann man dem Koch beim Da Mian herstellen sogar zusehen. Ein großartiges Erlebnis! Dennoch essen Chinesen Reis, viel Reis, sogar sehr viel Reis. Nur nicht in Restaurants und Garküchen. Es gibt ihn jedoch variantereich am Frühstücksbuffet als Reisschleimsuppe, kunstvoll und geheimnisvoll als Klebereis in Bananenblätter gewickelt, oder als gebratenen Reis mit Gemüse. Im Übrigen gibt es das berühmte saure Gemüse, welches der legendäre Richter Di in Robert van Guliks meisterhafter Krimiserie regelmäßig einnimmt, tatsächlich nur zum Frühstück. Der Reis ist der Magenfüller, der alle satt macht. Er wird dem Personal in Unmengen neben einem Schöpfer Eintopf serviert, nachdem die Gäste zufrieden nach Hause gegangen sind. Bevor es jedoch seinen Dienst antritt, muss sich das Dienstpersonal wie beim Militär versammeln. In großen Restaurants wird dieser Dienstantritt sogar vor der Haustür, regelrecht auf der Straße vor aller Öffentlichkeit, zelebriert. Der Chef hält eine Motivationsrede, es wird genickt und zugestimmt und im Einklang gesungen, dann geht es ab an die Arbeit. Dieses Ritual dauert über eine Viertelstunde und wäre bei uns nicht denkbar. Chinesen essen von 18 Uhr bis 21 Uhr zu Abend, dann wird die Küche geschlossen. Im Gegensatz zu Europa ist keine Hektik beim Service zu spüren. Kein Wunder, es sind auch dreimal so viele Kellner und Kellnerinnen engagiert. Hektischer geht es schon bei den Garküchen zu, die teilweise direkt vor großen Unternehmen zur Mittagszeit eine ganze Straße bilden und nach der Pause im Nu wie durch Zauberhand wieder verschwinden.

Es ließe sich noch vieles über die verschiedenen Geschmäcker und Unterschiede, die wir festgestellt haben, erzählen, wie z.B. über die klassische blau gemusterte Porzellanreisschale, die man in China vergeblich suchen wird. Es sei eines gesagt: Lassen Sie sich nicht irritieren, wenn sie von den alles essenden und alles verkochenden Chinesen hören. Wo ein Wille und ein Markt ist, ist immer alles und überall machbar. mehr...

42 / Essay: Eine Österreicherin in Tôkyô: Marie-Therese Goiser

Marie-Therese Goiser
Eine Österreicherin in Tôkyô
Japanische Nudelsuppe und andere Unannehmlichkeiten

Die Ampel schaltet auf Grün. Millionen Menschen jagen auf der Suche nach etwas Essbarem durch die Straßen iner Supermetropole. Es ist Mittagszeit in Tôkyô. Keine gute Zeit für Touristen sich durch die Stadt zu bewegen. Doch hier war ich umgeben von hektischen Menschen, in einer Welt, die sich zirka dreimal so schnell zu drehen scheint wie in Wien. Unglücklicherweise war auch ich auf der Suche nach meinem zukünftigen Mittagessen. Ohne wirklichen Plan spazierte ich einige Zeit durch Shinjuku, blieb vor dem nächsten Restaurant stehen und betrachtete die ausgestellte Speisekarte, die shokuhinsanpuru, haargenaue Wachsimitate der Speisen des Lokals. Angeboten wurde von sushi, ramen und katsudon bis yakisoba alles, was das Herz begehrt. Vollkommen überfordert stand ich vor der Auslage und grübelte darüber nach, was mir wohl am besten schmecken könnte. Während neben mir die Hungerwütigen kurz vor der Auslage stehen blieben, entschieden nickten und gleich ins Lokal verschwanden, wurde mir bewusst, dass ich schnell handeln musste, wenn ich irgendwann einmal zum Essen kommen möchte.

Ich entschied mich für eines der Gerichte und mogelte mich in die Schlange von Menschen, die bereits vor dem Lokal standen. Ich öffnete die Tür und ein ohrenbetäubendes Schlürfen kam mir entgegen. Ein paar Schritte weiter wurde ich von zwei jungen Japanerinnen erschreckt, die mir ein herzhaftes “Irrasshaimasse!” entgegenschrien. Vor Schreck sprichwörtlich zu Eis erstarrt, blockierte ich die Menschenschlange für einen Augenblick und verursachte dadurch einen großen Aufruhr, weswegen mich die zwei Frauen mit einem fast hypnotischen Lächeln zur Seite zogen. Sie erklärten mir, ich dürfe die Reihe nicht stören, verbeugten sich und drängten mich zu einem Automaten, bei welchem ich mir meinen Essenscoupon kaufen sollte.

Keine Bedienung? Ich war etwas enttäuscht, mir wurde gesagt, in Japan sei der Kunde nicht nur König, er sei Gott. Aber ich tat, was jeder andere tat und spielte einige Zeit mit dem Automaten. Zum Glück gab es auf jedem Knopf kleine Fotos von den Speisen und ich musste nur noch das Geld einwerfen und drücken. Ich entschied mich natürlich für ramen, japanische Nudelsuppe, den Inbegriff modernen japanischen Essens. Da ich aber auch interessiert an etwas anderem war, wurde es schlussendlich ein teishoku, ein Set aus mehreren Gerichten, darunter ramen. Preis: 800 Yen, umgerechnet zirka 8 Euro. Das erschien mir erträglich und ich wartete bis der Automat meinen Coupon ausspuckte. Suchend nach dem nächsten Angestellten in diesem Lokal, um meinen gerade erworbenen Coupon einlösen zu können, kamen mir schon die zwei jungen, stimmkräftigen Damen vom Eingang entgegen und deuteten in Richtung einer Theke, vor welcher sich bereits einige Businessmänner im schwarzen Anzug reihten. In „Reih und Glied zu stehen“, scheinen Japaner sehr ernst zu nehmen, da gibt es kein Drängeln und Quengeln.

Die zwei Angestellten hinter der Theke arbeiteten auf Hochtouren und schienen, trotz des enormen Stresses und der Anforderungen der Gäste, nicht aus der Ruhe zu kommen. Es dauerte nicht lange und ich war an der Reihe. Ich übergab den Coupon und innerhalb kürzester Zeit wurde mir ein Tablett mit ramen, einer gehäuften Schale Reis und einem Salat vorgesetzt. Der Koch stieß ein lautes „Arigatô gozaimasu!“ aus, zeigte schlussendlich auf einen Plastikbecher neben einem Wasserspender und wandte sich dem nächsten Kunden zu. Das Lokal ist schlagartig ziemlich voll geworden und ich versuchte schnell, neben einem alten Herrn Platz zu nehmen, um meine Mahlzeit genauer betrachten zu können. Es roch fantastisch und das teishoku kam dem Imitat in der Auslage sehr nahe. Ich teilte meine Stäbchen, steckte sie gerade in meinen Reis und besorgte mir ein Glas Wasser. Als ich zurück zu meinem Tisch kam, starrte der alte Mann entsetzt auf meine Reisschale. Ich setzte mich, er zeigte auf meine Essstäbchen und sagte mit ernster, leicht empörter Stimme:

„Das können Sie nicht machen!“

Sofort zog ich meine Stäbchen aus dem Reis, entschuldigte mich und legte sie auf mein Tablett zurück. Er erklärte mir, dass das vertikale Hineinstecken der Stäbchen in eine Reisschale Teil einer Begräbniszeremonie sei und deswegen niemals gemacht werden dürfe. Etwas peinlich berührt, beschloss ich doch, mit meinen ramen zu beginnen, Nudelsuppe kann wohl jeder essen. Vorsichtig ließ ich einen verstohlenen Blick durch den Raum wandern und sammelte Informationen über das richtige Verzehren von ramen. Kein Löffel, die Suppe wird getrunken und die Nudeln geschlürft. So viel kann ich jetzt nicht mehr falsch machen. Ich setzte die Schale an meinen Lippen an und schlürfte einen guten Teil meiner Suppe in mich hinein. Ein kurzer Blick zu meinem Sitznachbarn: kein Kommentar. Ich war zufrieden.

Die Nudeln, die in meiner schmackhaften Suppe schwammen zu essen, war um einiges schwieriger. Zu allem Überfluss waren meine Stäbchen auch noch lackiert und die Nudeln hafteten noch schlechter auf ihnen. Nach einigen Minuten Verschüttens meiner Suppe wandte sich wieder mein japanischer Freund zu mir, deutete mir, die Schale zum Mund zu führen und die Nudeln mit den Stäbchen nur leicht anzuheben, wodurch sich die gesamten Nudeln, die sich auf den Stäbchen befanden, einsaugen ließen. Sehr beeindruckt von seinen Nudelsuppenschlürffähigkeiten versuchte ich es ihm gleich zu machen, versagte aber kläglich. Der alte Mann lachte mit weit offenem Mund auf, klopfte mir auf die Schulter und verschwand aus dem Lokal.

Irgendwie schaffte ich es dann aber doch, mein ganzes Mittagessen zu verspeisen, ohne weitere Lachausbrüche von anderen Japanern zu provozieren. Gänzlich gesättigt von meinem japanischen Mittagessen, von dem auch zwei stattliche Männer hätten satt werden können, beschloss ich, anderen touristischen Aktivitäten nachzugehen. Auf dem Weg zurück in den pulsierenden Alltag Tôkyôs verbeugten sich noch einmal die „Empfangsdamen“ vor mir und aus der Küche grölte jemand ein „Arigatô gozaimasu!“ bevor mich der Menschenstrom der Rush-Hour Shinjukus wieder schluckte.

Marie-Therese Goiser
Geb. 1990, St.Pölten. Studentin an dem japanologischen und kunsthistorischen Institut der Universität Wien.
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42 / Essay: Das Eigene und das Andere: Niketa Stefa

Niketa Stefa
Das Eigene und das Andere

Das Unwissen oder besser der Wille im Unwissen zu bleiben, ist unser alltägliches Brot geworden. Wir leben in der Unkenntnis der Wissenschaft, in der Übergrenzung des Eigenen, - raumzeitlich, wirtschaftlich, politisch, kulturell, religiös gemeint - die jedoch unserem Dasein konstitutiv sind.
Soweit wir innerhalb unseres Eigenen raumzeitlich, gesellschaftlich, geistig und wissenschaftlich bleiben, könnte man uns mehr oder weniger als Citoyens, Bergleute, Bauern etc. zu definieren versuchen.
Sobald wir das Eigene verlassen möchten oder zum Verlassen gezwungen werden, stellt sich nicht nur unser Citoyen – Sein bzw. Bergbewohner–, Bauersein, sondern überhaupt unser Menschsein in Frage.

Am Phänomen des demographischen Umzugs, jener häufigsten aus den Bergen und vom Land in die Stadt, lässt sich diese Infragestellung am deutlichsten illustrieren. Der Umzug in die Stadt stellt alle vorherigen sowohl allgemein, als auch individuell für gültig gehaltenen Parameter in Frage. Ein konkretes Beispiel: Ein Bergbewohner, der harmonisch mit der Natur lebt, steht bei einem Umzug in die Stadt vor der Gefahr, nicht nur seine Natur in den Bergen zu verlassen und sich die des Citoyen nicht anzueignen, sondern sogar ein „Barbar“ zu werden, indem er z. B. das wichtigste Museum einer Stadt zerstört, um daraus sein eigenes Haus, wie er es in den Bergen gehabt hat, zu bauen. Das ist kein aus heiterem Himmel gefallenes Beispiel, sondern ein häufiges Phänomen, insbesondere in Osteuropa nach der Wende.

Der Citoyen läuft nichts destoweniger Gefahr, ein „Barbar“ zu werden, indem er die See-, Berg- und Landschaften in seinen Parametern wie in das Prokrustesbett je nach Interesse spannt oder hineinzwingt. Sogar in geschützten UNESCO Naturparkgebieten werden Villen gebaut, z. B. in Bulgarien. Der Citoyen entfremdet sich selber und lebt, ohne sich das Fremde angeeignet zu haben, ohne einen Zusammenklang mit der Natur wie die Berg- oder Seeleute leben. Er zerstört die Natur. Aber der Akt der Zerstörung ist dem schöpferischen Wesen des Citoyen am schärfsten entgegengesetzt.

Diese Übergrenzung des Eigenen ist jetzt wie nie zuvor von der regionalen Landschaftsebene auf die globale Ebene gestiegen. Wenn im 19. und 20. Jahrhundert die demographische Bewegung Berg–Land–Stadt eher innerhalb der nationalen Grenzen geschah, verbindet sich jetzt diese Bewegung zusammen mit jenen der anderen Nationen mit dem Resultat einer ungeheuren demographischen Bewegung, der die Infragestellung des Eigenen konstitutiv ist und die Gefahr des Verlustes des Eigenen, die Eineignung der Oberfläche des Anderen und damit die Verwilderung mit sich einbezieht.

Diese Gefahr ist augenscheinlich, wenn man auf den Straßen der armen Gebiete der ehemaligen kommunistischen Ostländer oder auf den Straßen der industrialisierten Gebieten Asiens spazieren geht. In Gebieten, die nur für bestimmte Stunden am Tag mit Strom und Wasser versorgt werden und schlechte oder gar keine Infrastruktur haben, trifft man oft auf Frauen, die nach der letzten Mode gekleidet sind, und auf Männer, die mit ihren neuen Handys prunken.

In Asien drängt die Jugend, statt die Mittagspause in den üblichen asiatischen Restaurants zu verbringen, in die Mc-Donalds–Imbisse, um für ein Weniger an Lebensmitteln von schlechterer Qualität mehr zu bezahlen. Bei diesen Beispielen betrifft die Verwilderung eher das Eigene. Aber insbesondere in Europa hat sich die Verwilderung so erweitert, dass sogar die Verwilderung des Fremden akzeptiert oder sogar sich zu eigen gemacht wird (von der Abschwörung der eigenen Religion und Kultur bis zur Anteilnahme an terroristischen Akten) und umgekehrt die Verwilderung des Eigenen vom Fremden nachgeahmt wird (Ursprünglich waren es die Amerikaner, die sich von Europa nur die Haut der Werte angeeignet haben. Heute sind es die Entwicklungsländer, bzw. die Schwellenländer. In der Tat am allerersten und am meisten werden die verwilderten Züge Europas angeeignet. Die Menschen aus den Entwicklungsländern ziehen den Kimono aus, um einen spannenlangen Rock anzuziehen und das nicht nach Sonnenuntergang, sondern ab Mitternacht. Sie bewahren den Kimono nicht, sondern kaufen so viele Röcke, wie ein Kimono Fäden hat und schon glauben sie, sind sie in der EU oder in Amerika).

Wir sind jetzt in Europa an der Grenze der Wahrnehmung dieser Verflechtung der Verwilderung des Eigenen mit der Verwilderung des Fremden. Die nächste Generation wird nicht mehr imstande sein sie wahrzunehmen, weil alles, das Eigene und das Fremde, in eine einzige Verwilderung verschwommen sein wird. Die übernächste wird dann die ser Verwilderung die Statue der Freiheit in Amerika widmen.

Das verlorene Eigene, das nicht hineingewachsene Fremde, das Verwilderte werden in eine Statue des Paradoxen von Liberté–Egalité emporsteigen. Europa wird also bald die eigene Freiheit, das Eigene vom Anderem zu unterscheiden, in die Unfreiheit der Gleichheit zwischen Eigenem und Anderem umkehren. Ist aber dieses Oxymoron Liberté–Egalité, bzw. diese unfreie Gleichheit oder gleiche Freiheit Amerika zu eigen, also allgemeingültig, so ist oder besser war sie Europa fremd. Sie sich so anzueignen, dass das Eigene mit dem Angeeigneten identisch wird, würde sie der Gefahr der äußersten Verwilderung aussetzen.

All dies schreibt eine Reisende, die die Koffer immer bereit hat, um sich auf den Weg zu machen, ja sogar nach Amerika, dem Land der identischen Freiheit oder der freien Identität, das Land, das sich wenigstens bemüht die Spaltung der französischen Dreiheit in das Oxymoron Liberté–Egalité und in die allgemeingültige Fraternité wiederzuvereinigen, auch wenn es gerade aus dieser Spaltung lebt. Auch wenn nirgendwo wie in Amerika die Fraternité im Namen des Oxymorons Liberté–Egalité geopfert wird, ja zur Statue der Freiheit erhoben wird, so strebt es wenigstens die europäische Harmonie zwischen Fraternité und Liberté kennen zu lernen. Es würde genügen, die Bewunderung in den Augen der Amerikaner zu sehen, wenn sie ein europäisches Land besichtigen. Auch wenn es bei vielen nur bei dieser Bewunderung bleibt, so gehen trotzdem einige dieser Bewunderung auf den Grund. Sie machen den Schritt von der Bewunderung mit den Augen zu der Bewunderung mit dem Geist. Sie begründen ihre Bewunderung und begeben sich auf den Weg der Aneignung des Fremden, ohne dabei das Eigene zu verlieren.

Umgekehrt bleibt es leider bei den meisten Europäern bei der Bewunderung von Amerika mit den Augen, die nicht einmal konkret, sondern virtuell ist. Sie geben das Eigene zu schnell preis und akzeptieren das Fremde im Namen der Brüderlichkeit so, dass sie dabei das Eigene mit dem Fremden identifizieren, bzw. das Eigene entfremden. Diese Entfremdung beginnt mit der Toleranz, bezweckt aber die Steigerung des Wirtschaftsfaktors, so dass die der Europa eigene Harmonie zwischen Kultur, Religion, Wissenschaft, Politik, Wirtschaft auf jene Komponente reduziert wird, die dem Fremden eigen ist, nämlich auf die Wirtschaft. Die Wirtschaft ist der gemeinsame Nenner zwischen Europa und Amerika. In ihm löscht sich der Unterschied zwischen dem europäischen Eigenen, nämlich dem Unterschied des Eigenen mit dem Anderen unter Bewahrung der Brüderlichkeit, und dem amerikanischen Eigenen, nämlich der Gleichheit des Eigenen mit dem Anderen unter Zerstörung der Brüderlichkeit. Genauso wird das Streben der Europäer nach dem Fremden, das zur platten Gleichheit zwischen Eigenem und Fremdem führt, und die Haupttendenz der Amerikaner, die vor dem Unterschied zwischen Eigenem und Fremdem erstaunt, jeweils in geistige Einebnung und Tourismusquoten entfremdet.

Wenn die berühmte These von José Ortega y Gasset die Verwilderung des 20. Jahrhunderts im Verhältnis empirische Wissenschaft/Masse sieht, so liegt m. E. die Verwilderung der Menschheit des 21. Jahrhunderts in jenem von Wirtschaft/Masse. Die Wissenschaft ist in der Überkategorie der Wirtschaft untergetaucht. Um ihr zu entgehen, sollte man nach der Grundlage, worin der wahre Unterschied besteht, streben. Der Weg beginnt, wenn nach jeweiliger Bewunderung oder Missachtung des Anderen der erste Schritt des Kennenlernens gemacht würde. Ohne diesen Schritt des demütigen Lernens können die anderen Schritte des Denkens nicht zu Ende gedacht werden und in der Tat keine gemäßen Entscheidungen getroffen werden, immer vorausgesetzt, dass man sich bei den Überschreitungen des Eigenen mit dem Anderen konfrontieren will und, dass das auch möglich ist. Solange im Spiegel des Anderen ein identisches Ich noch nicht zu sehen ist, sollte man die Gelegenheit des Kennenlernens des Anderen unter Bewahrung der eigenen Identität nützen.

Bald wird es nur Widerspiegelung von Bruchzahlen geben: Von Tokio, Peking, Moskau bis Berlin, Paris, London, Mailand, von Kanada, U.S.A bis Indien und Australien werden die Menschen–Zahlen nur identische Menschen–Zahlen im Spiegel sehen, auch wenn leicht unterschiedlich kombiniert.

Niketa Stefa
Geb. 1977 in Shkodër/ Albanien, aufgewachsen in Italien. Lebt und arbeitet in Wien. Studium der Literatur, Sprachwissenschaft und Philosophie in Rom und Wien. Spezialisiert sich auf Übersetzungen von Romantik, Deutschem Idealismus und Gegenwartsliteratur. Schreibt Lyrik, Erzählungen, Essays und Kritiken.
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