41 / Essay: Verortet: Cornelia Hülmbauer

Cornelia Hülmbauer
VERORTET: Wahlverwandte und virtuelle Wörter im mehrsprachigen Raum

„Die Sprache kommt immer von irgendeinem Ort, sie ist ein kriegerischer Topos“, schreibt Roland Barthes in Die Lust am Text. Woher also kommt die Sprache? Aus den Ländern, in denen sie Muttersprache ist? Aus Wörterbüchern oder gar dem Turm von Babel? Von ebenso vielen Orten wie Sprechern, behaupten Linguisten. Selbst in der Kommunikation mittels ‚ein und derselben‘ Sprache stammt diese von mindestens zwei verschiedenen Orten, dem Ich und dem Du. Jeder hat seine ganz individuelle Art zu sprechen, sein Repertoire, seinen ‚Idiolekt‘, und selbst dieser ändert sich beständig. Vollkommen gleichen Sprachgebrauch, vollkommen gleiche Sprachen gibt es also nicht. So meint einer, der eine Beziehung mit den Worten „Wir sprechen dieselbe Sprache“ beschreibt, paradoxerweise oftmals gerade die nonverbale Ebene des Zwischenmenschlichen. Überhaupt meinen wir jeweils mehr und vor allem anders als das Gegenüber, nehmen laut Husserl „eigentlich“ und „uneigentlich“ wahr, denken also weit über das tatsächlich Gesagte zum Mitgemeinten hinaus und produzieren automatisch konzeptuellen Überschuss - ein Phänomen, das Bakhtin als das „Surplus des Sehens“ bezeichnet. Angesichts dieses kommunikativen Gemenges braucht es schließlich einen „dritten Raum“ (third space), wie Bhabha ihn nennt, in dem verhandelt und abgeglichen wird. Das gibt vielleicht ein kurzes wörtliches Gemetzel, ein paar Silben und Vermutungen gehen zu Boden - im besten Fall fügen wir aber die Puzzleteile zusammen und treffen uns in der Mitte. Wir kämpfen also sowohl um die Sprache - ans Wort zu kommen - als auch mit ihr. Sie ist für uns Ausdruck und Mitteilung, Kommunikation und Strategie. Innerhalb unseres Sprachgebrauchs gibt es dadurch komplexe Selektionsprozesse. Wir wählen unsere Worte – einmal mehr, einmal weniger - sorgfältig. So bekämpfen einander auch Sätze und Silben, buhlen Wörter in unseren Köpfen um Gebrauch.

Worauf aber beruhen diese unsere Wörter? Die Semiotik nach Peirce weist den sprachlichen Zeichen symbolhaften Status zu. Zwischen einer Sprachform und seiner Bedeutung besteht kein direktes Verhältnis; es ist arbiträr, beruht also auf reiner Konvention. Erst beiderseitige Kenntnis der Konvention macht Kommunikation zwischen zwei Personen überhaupt möglich. Wie Ilse Aichinger in dem Band Schlechte Wörter bemerkt: „Arde wäre besser als Erde. Aber jetzt ist es so. Normandie heißt Normandie und nicht anders. Das Übrige auch. Alles ist eingestellt. Aufeinander, wie man sagt.“ Das heißt aber nicht, dass wir uns nur konventionell unterhalten. Ganz im Gegenteil oder ein kräftiges „schtzngrmm!“, wie Ernst Jandl ausgerufen hätte. An dieser Stelle betreten wir den sprachlichen Spielraum rund um das systematische Basislager. Es gibt, wenn man so will, zwei Zonen. Eine solche Teilung fi ndet sich in De Certeaus Unterscheidung der Konzepte von Ort (lieu) und Raum (espace), wobei der Ort eine Konstellation von fixen Punkten darstellt und Stabilität verkörpert, während der Raum ein Geflecht von beweglichen Elementen und Variabilität bietet. In diesem Gefüge ist Raum ein Ort, mit dem etwas gemacht wird – das kommunikative Ich und Du sind Ausdrucksräume, aus denen individueller, fl exibler Sprachgebrauch hervorgeht, während sie auf das Sprachsystem als Ort und Bezugspunkt referenzieren, und sei es nur, indem sie sich von ihm lossagen. Die literarische Tätigkeit setzt nun also genaue Ortskenntnis sowie räumliches Vor- und Darstellungsvermögen voraus. Konvention, Sprache als Werkzeug und ihr kreativer Bruch, Wörter als Spielbälle. So bleibt gewährleistet, dass Formen zwar außergewöhnlich sein können, diese aber dank einer allgemeinen Regelhaftigkeit, dennoch bedeutsam, lesbar, bleiben. Barthes formuliert literarische Kreativität demnach so: „Die einzig mögliche Subversion auf dem Gebiet der Sprache besteht darin, die Dinge zu verschieben.“ Oder wie Ernst Jandl es in einem Wespennest-Interview ausdrückt: „Ein Weniges ein wenig anders gemacht zu haben, als es schon war, ist ziemlich alles, was man erreichen kann“. Auf der Suche nach solchen Schiebeschneisen, nach dem ein wenig Anderen, bedienen sich Sprachnutzer dessen, was der Linguist H.G. Widdowson als „virtuelle Ressourcen“ bezeichnet: formale Möglichkeiten, die in einer Sprache verankert und realisierbar sind und nur keinen offiziellen Status haben. Wenn es beispielsweise im Englischen das Wort postpone gibt, wieso soll es nicht auch prepone geben? Das Sprachsystem ermöglicht es, die Bedeutung ist klar. Es geht um die Nutzung des latenten Potentials, das hintergründig in einer Sprache vorhanden, verankert ist und nur noch aktiviert werden muss.

Nicht nur all die „tatsächlichen“, auch die „möglichen“ Wörter, wie der Linguist Ingo Plag sie bezeichnet, duellieren sich also in unseren Köpfen und auf unseren Zungen. Die Sprache erlebt ein permanentes Wechselspiel zwischen Konvention und Kreativität, zwischen Gemeinplätzen und Geheimplätzen. Dies zeigt sich auch und besonders deutlich in der Literatur, wo das scheinbar Unmögliche zur Option wird und werden muss. Wie Max Frisch es formuliert: Sie „liefert (implizit) die Utopie, dass Menschsein anders sein könnte“. Im Literatur-Machen öffnen sich virtuelle Sprachräume, die sich in ihrem Potential gestalten wie die von Michel Foucault defi nierten „Heterotopien“ – die Räume zwischen Realität und Utopie: Hier manifestiert sich das, was leicht sein könnte, tatsächlich sein kann, aber nicht offi ziell ist. Hier kann es linguistische Kreativität geben, die sich zwar außerhalb der Konvention, jedoch innerhalb der Grenzen des sprachlich Möglichen befindet. Sprache, die – durchaus auch im Alltagsgebrauch – einfach ist, obwohl sie eigentlich – gemäß Wörterbuch – nicht sein dürfte. „Curiouser and curiouser!“, lässt Lewis Carroll Alice ausrufen. Der wundersame Moment verlangt nach einem wundersamen Superlativ. Das Wunderland als Spielwiese für virtuelle Sprachformen. „Pity this busy monster, manunkind, not”, beginnt E.E. Cummings ein Gedicht und präsentiert uns „manunkind“ als ein monströses Konzept.

Widdowson sieht dieses Hybridwort (die Verschmelzung von mankind und unkind) selbst als ein Monster, sprachlicher Natur nämlich, das sich allerdings als ein gutmütiges herausstellt, ein freundlicher Geist, nicht bedauerns- sondern bestaunenswert, der uns auf die Möglichkeiten hinter seiner Existenz hinweist. Ähnlich verhält es sich mit Ilse Aichinger, die zuerst vor den „Flecken“ ihrer gleichnamigen lyrischen Prosa (abermals im bezeichnenderweise Schlechte Wörter betitelten Band) zurückschreckt, sie als „unerträgliche Formen“ schimpft, nur um dann zu beschließen: „Vielleicht zählt doch nur, was der Lächerlichkeit preisgegeben ist, vielleicht beginnt erst bei ihr der geheime Herzschlag.“In jedem Fall zeigen die Beispiele, dass Sprache vielmehr als Prozess denn als Produkt zu sehen ist. Im besten Fall ist ihr Gebrauch ein Schöpfen aus dem Vollen, auch dem Versteckten und Hintergründigen, nicht bloß aus dem Vorgekauten. Ein Sich-Vorwagen auf unbekanntes, widerständisches, jedoch zugängliches Terrain. Dazu ist es nötig, sich der ‚eigenen‘ Sprache bewusst zu entfremden, auf Abstand zu gehen und einen Schritt zurück zu treten – sich selbst ins linguistische Exil zu befördern. Rilke schreibt an den jungen Dichter: „Die Ihnen nahe sind, sind fern, sagen Sie, und das zeigt, dass es anfängt, weit um Sie zu werden“. Dies, so könnte man an dieser Stelle und an jedem beliebigen Ort festhalten, gilt für Kindheitsfreunde wie für Muttersprachen. Auch Ilse Aichinger bemerkt in Meine Sprache und ich: „Meine Sprache ist eine, die zu Fremdwörtern neigt. Ich suche sie mir aus, ich hole sie von weit her. Es ist aber eine kleine Sprache. Sie reicht nicht weit. Rund um, rund um mich herum, immer rund um und so fort.“ Aichinger meint hier allerdings nicht Fremdwörter im engeren Sinn, sondern scheint vielmehr auf eine Sprache, die ihr fremd geworden ist, die in die Ferne gerückt ist, zu verweisen – eine Sprache, deren allgemein-arbiträre Formen nur noch zur Distanz beitragen. Um für die Schreibende wieder Bedeutung zu erlangen, muss diese Sprache lokalisiert, hergeholt, im gegebenen Terrain und im aktuellen Moment geltend, wieder zur eigenen Sprache gemacht werden.

Die eigene Sprache. Dachte man dabei früher automatisch an die eine Muttersprache, die man als Kind von den Eltern in die sprichwörtliche Wiege gelegt bekam, so wird die Situation mit zunehmendem Maße der Globalisierung komplexer. Wir leben ein modernes Nomadentum, werden zu polyglotten Wandervölkern, Sprachfetzen als Souvenirs im Handgepäck. Nicht nur, dass es immer mehr interkulturelle Partnerschaften gibt, in denen der Nachwuchs mehrsprachig aufwächst. Englisch wird nun oftmals schon ab dem Kindergarten gelernt - sprachliche Meilenstiefel als Kinderschuhe -, da dessen Kenntnis mittlerweile in sämtlichen Bereichen des Erwachsenenlebens quasi vorausgesetzt wird.

Kommunikation muss Ländergrenzen überwinden können – die Erstsprachen allerdings unterscheiden sich meist von Land zu Land. Hat man nicht zufällig das Glück, die Sprache des Nachbarn zu beherrschen, muss ein internationales Kommunikationsmittel her, eine Sprache, die die Menschen teilen, ohne dass es die ‚ihre‘ ist: eine Lingua Franca. „er stotterte englisch weil er nicht deutsch sprach während ich stotterte englisch weil ich nicht italienisch sprach“, beschreibt Friederike Mayröcker in brütt so beispielsweise die Verwendung des Englischen. Es scheint sich ein schizophrenes Verhältnis zu ergeben: Einerseits „stottert“ man, empfindet sich als unzulänglich, andererseits fühlt man sich frei in der Fähigkeit mit der Sprache Grenzen zu überwinden. Mit und innerhalb der Sprache. Die Situation, eine Nicht-Muttersprache zu benutzen, spricht uns in gewisser Weise auch von absoluter Normkonformität und der Befolgung kultureller Konventionen frei. Im Gegenteil, interkulturelles Kommunizieren erfordert oft viel eher Flexibilität als Korrektheit.

Die linguistischen ‚Transtendenzen‘ betreffen in diesem Fall keineswegs nur Englisch. Internationale Mobilität – sei diese tatsächlich gegeben oder durch die neuen Medien simuliert - macht sowohl die individuellen Sprachrepertoires und ihren Gebrauch vielfältiger als auch die Arten ihres Zusammentreffens immer komplexer. Die verschiedenen Sprachen, Dialekte, Codes, auf die ein Sprecher im Laufe der Zeit stößt und die er sich mehr oder weniger aneignet, komplementieren und kontrastieren sich nicht nur, sie durchdringen einander und ergeben eine ganz individuelle Palette, deren Teilkomponenten und -kombinationen später je nach kommunikativer Anforderung aktiviert werden.

Im Grunde sprechen wir alle mit gespaltenen Zungen, sind einzelsprachlich zuweilen illoyal, dafür mischsprachig recht effizient. “Wir sind im Zeitalter des Simultanen, des Gegensätzlichen, des Nahen und des Fernen, des Nebeneinander und des Verstreuten“, schreibt Foucault und feiert die „Macht des Flüchtigen“. In der Tat, gerade wegen ihrer Dehnbarkeit, ihrer Durchlässigkeit, ist Sprache ein mächtiges Werkzeug. Benjamin kontrastiert in seinem Passagenwerk „Namen von Straßen, Plätzen oder Theatern, die aller topographischen Verschiebung zum Trotz überdauern“ mit den „zeitlosen kleinen Plätze[n], die unversehens da sind und an denen der Name nicht haftet“. Zweitere scheinen im internationalen Sprachgefüge Überhand zu nehmen.

Durch die beschleunigte Mobilität, die Unberechenbarkeit der Konstellationen muss viel mehr ungeplant, ad-hoc gehandelt werden. Namen und Wörter müssen dehnbar sein. Überhaupt sind fi xierte Spracheinheiten, Standards und Trennlinien ein europäisches Konzept und vielmehr gedankliche Konstrukte, nationalstaatliche Relikte denn in der tatsächlichen Kommunikationspraxis vorhanden. Die sprachlichen Grenzwächter und Ordnungshüter sind hier auf den Plan gerufen. Doch, herrje, Sprache gehört uns nicht. Und dennoch, oder gerade deshalb, machen wir sie uns mit jedem neuen Satz zu eigen, prüfen sie auf Eignung, auf virtuelle Möglichkeiten. Je fremder uns die Formen erscheinen, von je weiter sie herkommen, desto mehr biegen wir sie ‚vor Ort‘ für unsere individuellen Sprachräume zurecht.

„Die Sprache ist eine Haut. Ich reibe meine Sprache an einer anderen“, so Barthes in Fragmente einer Sprache der Liebe. Das Geborgte wird ent-fremdet, zweck-entfremdet, und zum Inventar. Das Wechselspiel von globalen und lokalen Kräften wird deutlich, die ‚Glokalisierung‘ der Sprache setzt ein. Für die Literaten kämpft auch hier Ernst Jandl wieder an vorderster Front, zum Beispiel mit dem Gedicht ‚calypso‘: „yes yes de senden / mi across de meer / wer ich was not yet / ich laik du go sehr“.

Wo aber sind die Grenzen von Mutter- und Fremdsprache? Wie unterscheiden zwischen fehlerhaft und fabulös? Die Dichterin Uljana Wolf schreibt dazu in der Zeitschrift Kunst + Kultur: „Man könnte auch sagen, dass, wo immer Menschen Fehler machen, sich versprechen, oder verlesen, Wörter verdrehen, ob in ihrer Eigen- oder Fremdsprache, eine zweite Sprache in der Sprache auftaucht. Oder die Sprache Falten schlägt, die zu neuen Falten führen. This, I imagine, happens in every good poem.“ Auf dem weltsprachlichen Parkett wird (aus)gerutscht und (los)getanzt – die Übergänge sind fließend. „Keine Sprache ist Muttersprache. Dichten ist Nachdichten“, schreibt Marina Zwetajewa an Rilke. Die Distanz bleibt, die Arten, diese zu bespielen, werden vielfältiger. Mit jedem losen Ende ein Anknüpfungspunkt. Für manch einen scheint Literatur schwer, Lyrik gar unübersetzbar. Gottfried Benn strauchelt vor dem „nevermore mit seinen zwei kurzen verschlossenen Anfangssilben und dann dem dunklen strömenden more, in dem für uns das Moor aufklingt und la mort, ist nicht nimmermehr“. Mehrsprachigkeit ermöglicht jedoch auch – Benns Assoziationserlebnis impliziert dies bereits - eine alternative Form der Intertextualität. Ulrike Almut Sandig bedient sich dieser in ihrem Band Streumen (das Titelkonzept selbst ein „beweglicher Ort“ - „Wir streumen vor lauter Sehnsucht. Aber Streumen ist hier.“). Im Gedicht ‚hund sein II’ heißt es etwa: „die spät erleuchteten, beheizten abende gern auf kissen zubringen, zeit umbringen und nicht wissen: morgen soll alles vorbei sein“. Mit dem konventionellen deutschen Delikt des zeitlichen Totschlags kann sich die Dichterin wohl nicht anfreunden und lehnt sich lieber an das englische time-killing an. Mehrsprachigkeit liefert hier eine weitere Dimension. Der „dritte Raum“ wird ausgedehnter, bewegter, denn das Übersetzen bringt laut Bhabha ein performatives Moment in die Sprache, macht sie zu „lingua in actu“ anstatt „in situ“. Dies wird auch in José F.A. Olivers dreisprachiger Ballade ‚Duende’ deutlich. Da stehen zum Beispiel der hochdeutsche Löwenzahn – wir assoziieren: bissig, stolz und stachelig - und der allemanische Bettschisser – dieser: ängstlich schlotternd - nebeneinander. Und vielleicht taucht vor dem Leser innerlich auch noch der englische dandelion auf, der, so herausgeputzt schnurrend, gar nicht in dieses eigentümliche Gemenge passen will. Dieser Spielraum ist selbst dann gegeben, wenn die anderssprachlichen Ressourcen nur latent, also virtuell, vorhanden sind. Friederike Mayröcker schreibt in fantom fan „pick mich auf mein Flügel“ und wir fi nden uns zwischen scharfschnäbeligem deutschen Federvieh - das das Ich wie Brotkrumen pickt – und dessen englischen Artgenossen, die uns abholen - ‚pick me up‘ - und auf die Schwingen heben. Diese Hybridität, laut Bakhtin das „Zusammentreffen, innerhalb der Arena einer Äußerung, zweier [oder mehrerer] sprachlicher Bewusstheiten“, lässt sich, einmal zur Möglichkeit erhoben, schwer ausklammern.

Gerade wo unsere Mehr- und Mischsprachigkeit sich als rudimentär erweist, ertappen wir uns umso öfter auf der Suche nach intersprachlicher Kohärenz. Wir erleben eine Spannung zwischen konventionellem Verstehen-Wollen und freiem Assoziieren-Lassen. Die Autorin Yoko Tawada beschreibt den Fall Französisch-Deutsch in ihrem Buch Überseezungen so: „Ich sehe das Wort „du“. Es ist schwierig zu glauben, dass es gar nichts mit dem deutschen Wort „du“ zu tun hat. Ein „du“, das man nicht kennt, kann alles bedeuten: ein Getreidesack, eine Anziehpuppe, eine Taube oder eine Tür.“ Kohärenz gibt es aber durchaus an manchen Stellen - am deutlichsten in Form der sogenannten Kognaten. Das sind verwandte Wörter in verschiedenen Sprachen, denen man ihren gemeinsamen Stammbaum auch äußerlich ansieht oder anhört. In ihren internationalen Beziehungskisten präsentieren sich diese Wortpärchen und -rudel zuweilen recht anschmiegsam. Die gemeine Hauskatze beispielsweise durchstreift mit ihren Artgenossen viele Gegenden: als cat und chat und gata, als gato, kot und katt. Das gilt auch für südeuropäische Pferde, genauso wie für so manch lateinaffi nen Hund. Der Rest ist Sprachgeschichte. So weit, so handzahm? Leider nein, liebe Ornithologen und Rattenfänger - einer fliegt unbeirrt: Der Schmetterling, in den schillerndsten Farben – als spanisch prächtiger mariposa, als rumänisch flatternder fluturi, als englisch legerer butterfl y und dänisch saisonaler sommerfugl – geht Ähnlichkeiten kaum ins Netz. Dennoch, da sprachliche Zeichen eben arbiträre Symbole sind und nicht auf Ähnlichkeit mit den referenzierten Dingen basieren, scheinen wir uns an die Ähnlichkeit zwischen den Formen umso mehr zu klammern. Besonders an den von Augé als „Nicht-Orte“ bezeichneten Plätzen, den Flughäfen, Bahnhöfen und Autobahnen dieser Welt, erfahren wir deutlich die Macht der Analogie. Diese Plätze ohne eigene Identität, ohne eigene Geschichte, lassen sich zwar widerstandlos mit unseren Durchzugsidentitäten, unseren Reisegeschichten, unseren Fluchtwörtern aufl aden. Besonders machen sie, die für den Transfer geschaffen sind, aber die Nutzung von Sprachtransfer durch Kognaten notwendig. Wie gut, dass es Informationen in so vielen Sprachen gibt, und wie schön, dass das s in informations jederzeit vom virtuellen ins reale Englisch segeln kann.

Und doch – die Ordnungshüter warnten uns bereits – gibt es Stolpersteine. Auch hier, Orte, aber eben unterschiedliche: Eine Verschwörung takes place? Findet statt, vielleicht, aber deshalb noch lange keinen Sitzplatz. Nicht genug aber, dass uns öfter etwas spanisch vorkommt, dass wir am Andersartigen, am Fremden scheitern. Manchmal birgt das vordergründig Vertraute die hinterhältigsten Gefahren. Manchmal treffen wir auf Wahlverwandtschaften, eigentlich Zufallsbekanntschaften, die nur so aussehen als ob, und dabei nicht einmal als Schwippschwager taugen, also vollkommen ‚falsche Freunde‘ sind – soweit die Ordnungshüter. Und noch weiter: Falsche Freunde, das sind Paare oder Grüppchen von Wörtern aus verschiedenen Sprachen, die ähnlich aussehen oder klingen, hinter denen aber nicht die gleiche Bedeutung steckt. Mit Yoko Tawadas Worten: „Sie sind Reisende, sie werden unterwegs immer wieder anders verstanden, je nachdem, in welcher Sprache sie übernachten. Ihre Körper aber bleiben dieselben.“ Sie werden als die Scheinheiligen, die Fallensteller und Fettnäpfchenleger für Sprachnutzer gehandelt. Vor ihnen wird gewarnt! Denn: das englische gift ist nicht das deutsche, das wäre poison, und das wiederum erinnert an den französischen Fisch. Beim Lebensraum der Fische, wiederum, werden das Deutsche und das Niederländische sich nicht einig: meer ist See (der) und zee ist Meer, oder See (die). Konfusion zwischen Ozean und Binnengewässer, zwischen männlich und weiblich, süß und salzig - was für ein Vergnügen allerdings für dichterische Nasszellen! Doch dem nicht genug: Unter den Windmühlen bellen beißende Hunde meist durch Telefonhörer, in Skandinavien hingegen interessieren sich Imker beinahe nur für Bier, französische Tapeten sind grundsätzlich schwul, alle türkischen Wölfe heißen Kurt und der Italiener meint mit Tante vieles, nur keine Verwandte.

Apropos Verwandte: Können nicht auch die Bastarde, die Kuckuckskinder liebenswert sein? Uljana Wolf zumindest widmet den Falschen Freunden einen ganzen Gedichtband. Sie dreht den Spieß um, spürt Eltern auf, „die keine schlechten sind, nur nicht die echten“ und lässt vermeintlich verfeindete Pärchen doch Hand in Hand gehen. Wie zum Beispiel card und map / Karte und Mappe in dem Gedicht ‚look on my card‘: „so fanden wir, mit falschem wort, den ort, und falteten den rest der stadt, nach art des landes, wie man sagt, in mappen ein“. Wolf ist mit ihrer Faszination nicht alleine, denn schon Friederike Mayröcker notiert in brütt: „die Mappe (the map!) als bunter Flickenteppich gleich mitgeliefert auf den Postwurfsendungen des Nobellokals“. Zudem, mit etwas Weitblick, hat man in dieser Sache noch eine Karte, ein As im mehrsprachigen Ärmel. Denn vielleicht greift die Sippenhaftung in manchen Winkel ja doch. Immerhin gibt es, ähnlich wie im Deutschen das Wort Kar te, im Italienischen oder auch im Griechischen jeweils carta und chartis. Kann es dann nicht sein, dass im Lingua Franca Gebrauch des Englischen, irgendwo im virtuellen Raum, Mappe und Karte, map und card, ihre Plätze tauschen und für eine kurze Weile, für ein paar Sprachnutzer das jeweils andere bedeuten? Die Konvention wird gebrochen, allerdings durch neue Analogien ersetzt. Der Autor Alfred Goubran erklärt im Interview dieser etcetera-Ausgabe dem Begriff verorten wegen seiner Vorsilbe den Krieg. Das ver- klinge zu negativ - Verortung im Sinne von Eingebettet-Sein gäbe es nicht. Vielleicht kann das ver- allerdings auch eine Bewegung, eine Wegnahme, einen Ortswechsel bezeichnen. Ein Wort wird aus seinem ursprünglichen Bedeutungsort genommen und in einen neuen Sprachraum eingeordnet – in diesem Sinn ver-ortet. Der entsprechende Kontext - das weltliche Umfeld - und Kotext - die wörtliche Umgebung – können solcherlei Wortmetamorphosen offenbar durchaus möglich machen. Mehrsprachigkeit bietet eben nicht nur Formen-, sondern auch Bedeutungsvielfalt. Der Linguist M.A.K. Halliday spricht von „Semiodiversität“.

Rilke rät dem jungen Dichter: „Werden Sie nicht irre an der Vielheit der Namen und an der Kompliziertheit der Fälle. Vielleicht ist über allem eine große Mutterschaft als gemeinsame Sehnsucht.“

Zu guter Letzt, am Ende des Tages, fragt die Autorin Christine Brooke-Rose zwischen den Sprachen in ihrem Roman Between: „Und haben sie noch einen Wunsch? Madame désire encore quelque chose?“, und beantwortet gleich für uns Sprachwandler mit: „No, nothing at all, just personal effects“. Also, chapeau, und: Schmetterlinge, Butterfalter, Sommervögel, fliegt!

Cornelia Hülmbauer
Geb. 1982, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im internationalen Forschungsprojekt DYLAN – Language Dynamics and Management of Diversity. Sie ist u. a. Autorin von English as a lingua franca between correctness and effectiveness (VDM) und Mitherausgeberin des Bandes Mehrsprachigkeit aus der Perspektive zweier EU-Projekte (Peter Lang). Literarische Texte in Zeitschriften. Blogt unter http://consens.wordpress.com.
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41 / Essay: Ortswechsel: Klaus Ebner

Klaus Ebner
ORTSWECHSEL

Fallen mir diese Zeilen unterwegs ein, während ich als Reisender in einem Zugabteil oder besser in einem Großraumwagen sitze, dann zählt nur mehr das Herausfischen von Notizblock und Stift oder gleich des Notebooks, für dessen Netzteil heute jeder Waggon eine Steckdose bietet. Orte werden in diesem Augenblick nebensächlich. Es spielt keine Rolle mehr, ob ich von St. Pölten nach Wien zurückfahre oder irgendwo zwischen Mataró und Andorra-la-Vella von einer Lesung zur nächsten eile – mein Abteil mutet wie eine Art Nirgendwo zwischen den Orten an. Zugegeben: Noch lieber befände ich mich auf einer der wirklich berühmten Strecken, vielleicht im Orient-Express von Istanbul nach Paris. Das ist Eisenbahngeschichte und spätestens seit Graham Greene und Agatha Christie auch Literaturgeschichte: eine Strecke, die Orte verbindet, deren Bewohner in den letzten hundert Jahren zumeist gar nichts voneinander wissen wollten; Ablehnung wuchs sich gar in Kriege aus, die es zustande brachten, ganze Ortschaften von der Landkarte verschwinden zu lassen. Wie gern setzte ich mich da auf einen Papierflieger und zöge – von allen unbemerkt – die Landstriche nach, deren Menschen, ihre Vorstellungen, ihr Lachen und ihre Schrulligkeiten für immer verloren sind. Oder ich stiege in Michel Butors D-Zug von Paris nach Rom und liefe, je näher ich dem Ziel käme, immer weiter zurück.

Auf Orte fällt mir stets Worte ein. Weil ich den Besuch eines anderen Ortes oft in Worte kleide, denn ohne Worte wüsste ich das Gefühl, das ich dort, wo ich bin, empfinde, nicht zu beschreiben. Haben Orte also etwas mit Schreiben zu tun? Für manche Menschen, zu denen ich mich zweifelsohne zähle, ganz gewiss. Was wäre die Literatur schließlich ohne die sowjetischen und afrikanischen Reiseaufzeichnungen eines André Gide, ohne die feinfühligen Erfahrungsberichte von Josep Pla und ohne Karl-Markus Gauß‘ Reportagen über allmählich verschwindende Volksgruppen? Reisen und Schreiben üben eine wechselseitige Anziehung aus; davon zeugen Reisestipendien, Städte- und Inselschreiber und eine ganze Literatursparte, die der dehnbare Begriff der Reiseliteratur zusammenfasst.

Ein Text über Orte gerät anscheinend ohne jedes Zutun zu einem Text über Reisen. Zwar ist es möglich, sein Denken auf einen einzigen Ort zu beschränken, unter Umständen sogar ein ganzes Leben lang – wenn sich nie eine Gelegenheit oder Notwendigkeit bietet, den Heimatort zu verlassen –, doch im Grunde ist es die Möglichkeit, sich von einem Ort zum anderen zu bewegen, die unsere Phantasie anspornt.
Orte sehen, Orte besuchen, Orte erleben … setzt einen Ortswechsel voraus. Sich woandershin zu begeben kann, aufwändig sein und mit Mühen verbunden. Denn mancher Ort ist weit. Weit von wo? fällt einem da unmittelbar ein, jene Frage, die von den Meistverfolgten der Menschheitsgeschichte zur Zeit der Shoah geprägt wurde, eine Formulierung, die, nicht ohne eine gewisse Ironie gebraucht, ihren Weg in die Literatur und in unsere Geschichtsbücher fand – in jene Schriftwerke also, die von jeher Orte mit Geschehnissen verknüpfen.
Als weit von jeder Zivilisation empfand man in früheren Jahrhunderten das Pyrenäenland Andorra. Trotz seiner geringen Ausdehnung und einer Bevölkerung, die erst Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts über die sechstausend hinauswuchs – auf heute mehr als achtzigtausend Einwohner –, entstand in und um Andorra eine lebhafte Reiseliteratur, geschrieben von französischen und englischen Weltenbummlern, katalanischen Wanderern und so manchem Abenteurer, den es in diese abgelegene Bergwelt verschlug.

Als ich das Kondominat vor ein paar Jahren besuchte, zog ich durch die wenigen Hauptorte und sammelte Eindrücke, die sich alsbald zu einem kulturhistorischen Essay verdichten sollten. Aber der andorranische Romancier Joan Peruga setzte der Reiseliteratur seiner Heimat mit dem Buch La república invisible (Die unsichtbare Republik) ein wahrhaft schillerndes Denkmal. Es erzählt von der Suche zweier Menschen nach einem verschollenen Manuskript und lässt den Leser dabei in die Wirklichkeit andorranischer Gesellschaft und Geschichte eintauchen.

Reisen: andere Gegenden besuchen, andere Länder, andere Menschen und Kulturen. Aber: Reisen wird seltener. Denn heutzutage müssen die meisten schauen, wie sie mit dem ihnen zur Verfügung stehenden Geld ihr tägliches Leben bestreiten. Da bleibt fürs Reisen kaum mehr etwas übrig, und der Papierflieger, den ich mir vorstelle, taugt höchstens zum Nachblicken und Träumen. Was also tun?

Zuflucht zu erträumten Welten nehmen ist ein oft gewählter Ausweg. Dass des Lesers Interesse an erfundenen Orten und nicht zuletzt am Genre der Fantasy-Literatur wächst, mag mit der mangelnden Gelegenheit zusammenhängen, sich selbst auf Reisen zu begeben, aber auch mit jener Informationsflut, die durch Radio, Fernsehen und nicht zuletzt das Internet Einzug in so gut wie jeden Haushalt gefunden hat. Von einem Ort wegzuschauen und sein Augenmerk auf Orte zu richten, die lediglich im Kopf eines Schriftstellers existieren, mag man als Flucht nach vorn bezeichnen. Denn gleichzeitig findet eine innere Emigration statt; eine Flucht also, die sich bloß innerlich zeigt, während nach außen hin der Schein der Normalität gewahrt wird. Für Nikolaus Lenau oder Erich Kästner war dies auch eine Frage des Überlebens.

Doch darum geht es heute nicht mehr – zumindest in Europa. Die innere Emigration bezeichnet höchstens eine Flucht aus dem Alltag, ein Fort vom zermürbenden Druck einer sich selbst persiflierenden Arbeitswelt. Erfundene Orte sind also, vielleicht, das Atout im Ärmel der Literatur.
Wird ein Ort, wie Tomis, zum Synonym einer lebenslangen Verbannung, steht keineswegs mehr das Kennenlernen im Vordergrund oder das Interesse am Neuen, sondern Trauer über den Verlust. Ovid versuchte den Bannspruch mit Gedichten aufzuheben, doch wie jeder Lateinschüler erfährt, misslang ihm das; die Stadt am Schwarzen Meer heißt heute Constanza, und an den römischen Dichter erinnert bloß ein Denkmal. Diese schwermütige Geschichte berührte Christoph Ransmayr so sehr, dass er sie zur Grundlage seines Romans Die letzte Welt erkor.

Ein freiwilliger und sehr ambitionierter Reisender, der viele Orte schreibend festhielt, war wohl Valery Larbaud, jener französische Bonvivant und Gide-Freund, der aufgrund eines beträchtlichen Vermögens zeitlebens nicht einmal einen Gedanken an erwerbsmäßige Arbeit verschwenden musste. Den Großteil des Jahres über fuhr er in der Welt herum, die damals, am Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts, einem Globetrotter wie ihm wohl noch das eine oder andere veritable Abenteuer bot. Aber vielleicht geht es gar nicht ums Abenteuer. In einem Gedicht über den Fluchtpunkt, der uns bleibt, schreibt die galicische, aber in Frankreich lebende Lyrikerin Fátima Rodríguez: »nada xa que defina/ as lindes do territorio da cor« – »nichts mehr definierte/ die Grenzen aus dem Land der Farbe«. Wir hatten einander vor fast dreißig Jahren kennen gelernt und dann für langeZeit aus den Augen verloren. Die Orte unseres Lebens sind nämlich nicht identisch. Lese ich indes die Zeilen ihrer poetischen Oblivionalia, dann zweifle ich keine Sekunde daran, dass sie meine Metapher des Papierfliegers augenblicklich verstünde und ihre Hände zu einem Halbkreis formte, um ihn aufzufangen.

Eine ganz andere Art von Orten finden wir im Internet. Jedem ist zwar klar, dass sich die immensen Informationen des elektronischen Kosmos auf Servern in allen Ländern unseres Planeten anhäufen, doch insbesondere denke ich nun an das grenzübergreifende Projekt der Wikipedia-Enzyklopädie, das es geschafft hat, Menschen vieler unterschiedlicher Kulturen für ein gemeinsames Vorhaben zu begeistern. Inzwischen gibt es Wikipedia in über zweihundertsiebzig Sprachen, und jährlich werden es mehr. Niemanden wird es verwundern, dass die englische Enzyklopädie die meisten Einträge verzeichnet, doch an zweiter und dritter Stelle befinden sich die deutsche und die französische, wobei ich mich in diesem Fall selbstverständlich auf die Sprachen und nicht auf Nationen beziehe. Wie fesselnd es sein kann, in den zahlreichen Artikeln zu stöbern, wo es um Biografien, wissenschaftliche Erkenntnisse, Kultur und eben Orte auf der ganzen Welt geht, versteht jeder, der sich schon einmal eine Nacht um die Ohren geschlagen hat, weil er von dem hinter stets weiterlockenden Hyperlinks lauernden Wissen nicht genug kriegen konnte. Ein ganz besonderes Forum bietet das Wikipedia-Projekt den kleinen und zumal auch diskriminierten Sprachen und Kulturen, und sogar Dialekten. So finden sich Enzyklopädien in Katalanisch, Korsisch und Kymrisch, in Nepali, Nahuatl und Nauruisch, in Piemontesisch, Plattdeutsch und Papiamentu. Für Nostalgiker gibt es den Wissensspeicher sogar auf Lateinisch, Gotisch und Sanskrit. Während viele Artikel mehr oder weniger in andere Sprachen übersetzt werden, wartet jede Sprache mit Besonderheiten auf, beschreibt Gegenden, Personen, Bücher oder Kuriositäten, die nur in einer bestimmten Kultur bekannt sind. Ortskundige – damit bezeichne ich Wikipedia-Benutzer, die sich in mehreren Sprachen bewegen – nehmen diese Besonderheiten zumeist auf und tragen sie in andere Welten. So wie Insekten eine Vielzahl von Pflanzen durch ihre Besuche bestäuben, befruchten diese Benutzer andere Standorte der Enzyklopädie und tragen auf diese Weise zu einem regen kulturellen Austausch bei.

Nirgendwo nannte Marianne Fritz den zentralen Ort ihres dreitausendseitigen Romans Dessen Sprache du nicht verstehst. Dieses Nirgendwo, Sinnbild der untergehenden Habsburgermonarchie, macht am Ende seinem Namen alle Ehre, indem es verschwindet. Gleichzeitig ist Nirgendwo allgegenwärtig, im konkreten wie im übertragenen Sinn. Ein Ort, der alle anderen Orte in sich vereint, erreichbar und begreifbar macht. Mögen auch Wien, Paris, Barcelona nicht nirgendwo sein – während meiner Bahnfahrt, mit angestecktem Notebook und drahtloser Internetverbindung, finde ich diese in meinem Leben bedeutsamen Orte mit Wikipedia zumindest irgendwo. Mein imaginärer Papierflieger nimmt indessen wieder Fahrt auf, um seinen Überflug fortzusetzen, von den inneren Emigrationsgestaden über instruktive Web-Lokationen hin zu den Plätzen, die wir kennen oder auch nicht kennen, überall und nirgendwo. Denn im Gegensatz zu uns ist er niemals ortsgebunden.

Klaus Ebner
Geb. 1964 in Wien. Studium der Romanischen und Deutschen Philologie. Autor von erzählender Prosa, Essays und Lyrik. Mitglied der Grazer Autorenversammlung. Wiener Werkstattpreis 2007. Jüngste Buchpublikationen: „Hominide“, Erzählung (FZA Verlag 2008); „Vermells (Röten)“, Lyrik (SetzeVents 2009) mehr...

41 / Essay: "Früher hielten die Leute das Flugzeug für einen Vogel, aber ...": Gabriele Tautscher

Gabriele Tautscher
„Früher hiElten die Leute das Flugzeug für einen Vogel, aber heute ...“
Eine Collage über das schwindende Selbstverständnis in Chayarsaba, Nepal

Im Namen der individuellen Freiheit verfolgt der Neoliberalismus ein Programm der planmäßigen Zerstörung sämtlicher kollektiver Strukturen, die der Logik des freien Marktes irgendwelche Steine in den Weg legen könnten – durch die Atomisierung der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter, der Bürger des Nationalstaates und selbst der Familien, denen mit der Ausbildung von altersabhängigen Märkten ein Teil ihrer Handhabe als Verbrauchsgemeinschaft entgleitet. Individuen sind immer die Produkte sozialer Strukturen, welche die Sprache und Ideen eines Menschen prägen, aber auch seine Gewohnheiten, seinen Geschmack, seine Wünsche. Indem der Neoliberalismus das soziale Geflecht der Solidarität vernichtet, das letzten Endes die Sicherheit und das Selbstvertrauen des Einzelnen stützt, schwächt er in Wirklichkeit die individuelle Freiheit; indem er Marktwerte als das universale Kriterium des Werts hinstellt, zersetzt er die Autonomie der intellektuellen, künstlerischen und anderer assoziativer Bereiche, die im Streben nach „kollektiv gefassten und gebilligten Zielen“, insbesondere der Wahrheit, alternative Fakten und Werte herausstellen könnten.
Die Bewohner von Chayarsaba, einem Bergdorf, leben zwar in weit entfernter Peripherie, doch stehen sie exemplarisch für den Bruch mit der eigenen Tradition, die durch eine fortschreitende Verarmung aus der Konfrontation mit der modernen, ‚fortschrittlichen‘ und von Märkten geprägten Eingriffen bedingt wird. Das Dorf liegt auf 2000m Höhe im östlichen Mittelgebirge des Himalaya in der neuen Republik Nepal. Von der Hauptstadt Kathmandu ist es nur durch eine fünfstündige Autofahrt und einem zweitägigen Fußmarsch durch die Berge zu erreichen.
Frauen und Männer aus Chayarsaba, Dolakha erzählten mir Anthropologin ihre Wünsche, Träume und Vorstellungen. Die übersetzten Interviews geben ihre persönlichen Einblicke in ihre Lebenswelt „im Eck, wo sie vom König nicht mehr wahrgenommen werden“ wieder. Die Zitate, die einen Zeitraum von 20 Jahren umspannen, zeigen deutlich die Veränderung der Sichtweise der Bauern gegenüber ihrer Lebenswelt. Die sehr subjektiven Ansichten spiegeln den Verlust des Selbstbewusstseins wider. Auch wenn die Zitate individuelle Aussagen sind, so geben sie einen klaren Einblick in die zur Zeit gültigen kollektiven Vorstellungen der bäuerlichen Bevölkerung Nepals wieder. Beim Übersetzen der Interviews bemerkte ich ihre andere Wortwahl in der Rhetorik im Vergleich zu unserer, denn ihre Referenzen beziehen sich auf andere Kategorien. Sie spiegeln ihren Kontext als Bergbauern wider, deren Gesellschaft auf Verwandtschaft und Heiratsallianzen beruht, die ihren Schutz-, Erd- und Ahnengötter opfern müssen und der buddhistischen Religion angehören. In ihrer (noch alten) Welt werden Emotionen nicht durch abstrakte formale Begriffe wie Liebe, Sehnsucht oder Hoffnung erklärt, sondern bestehen aus Verben und metaphorischen Vergleichen. Auffällig für Beschreibungen von Liebe, Hass und Neid sind die vielen Referenzen zum Essen. Gute Gefühle – wie Liebe – werden verglichen mit „satt sein“ und für sie wertvollen Lebensmittel: „Liebe ist wie Reis essen und satt werden“. Das glückliche Gefühl, im Überfluss zu sein, wird mit „ich fühle mich, als schwimme ich in einem Fluss von Joghurt und Milch“ beschrieben. Negative Empfindungen – wie sich rückständig fühlen – wird mit „was bekommen wir hier; wir müssen hier Brennnessel essen!“ erklärt. Bei den Tamang von Chayarsaba wird Gastfreundschaft über Essen vermittelt. Wer willkommen ist, wird zuerst mit selbstgebrautem Bier bewirtet. Mit dem Bewirten durch beste Lebensmittel – hier gibt es eine klare Hierarchie und allen voran steht der Reis – erhöht man auch den eigenen Status. Ein häufig angeführter Grund, um heute das Dorf für die Stadt zu verlassen, ist Zugang zu ‚besserem‘ Essen zu haben. Gemeint werden hier oft neue industriell gefertigte Nahrungsmittel wie Fertignudelsuppen, Kekse und Eiscreme. Beim Übersetzen ihrer Worte war ich oft perplex, wie vielfältig das Wort ‚Essen‘ angewandt wird: Als Synonym für „leben“ – „Gott ist in unserem Magen“, „zu leben bedeutet zu essen“; für stehlen – „sie haben unser Geld gegessen“, „das Geld wurde gegessen (von den korrupten Beamten), lange bevor es unser Dorf erreichte“. Essen ist aber auch jenes Wort, mit dem man die Unabhängigkeit betont: „Wir essen unser eigenes Essen“.
Die Lebensweise dieses Bergvolkes in den wunderschönen Vorbergen des hohen Himalaya, ihr Einklang mit der Natur und der Götterwelt mag zwar bei uns romantische Vorstellungen wecken, doch steht dem heute eine große Sehnsucht der Bewohner von Chayarsaba eben nach unserer anderen, bequemeren, modernen Lebensweise entgegen. Ihre Aussagen reflektieren ihr Ringen um eine Identität in der von ihnen nun negativ empfundenen eigenen Welt. Die Aussage Jid Birs, dem Bürgermeister von Chayarsaba (M, 48 J.) gibt die Meinung der meisten Dorfbewohner wieder: „... Hier im Dorf sagen die Leute, manche Menschen fliegen im Himmel, und manche Menschen gehen auf der Erde. Früher hielten die Leute das Flugzeug für einen Vogel. Aber heutzutage, da die Menschen informiert sind und alles auf der Welt wissen, sagen sie, dass es zum Transportieren ist und kein Vogel. Manche Menschen fl iegen, weil sie das Geschick haben und wir arbeiten auf dem Land, weil wir die Fertigkeit nicht haben, und wir arbeiten nur wie die Insekten auf dem Land.“
Und Luku Tamang (M, 60 J.): „Dies ist ein schwieriger Platz, Nani [1]. Dieses Eck wird von niemandem gesehen. So, von nirgendwo sieht man es. Vom Flugzeug sieht man es von dort oben. Andere sehen diesen Ort nicht. Auch unser König kann ihn nicht sehen. Jene, die Mitleid haben, sehen ihn, so ist es. Wir kratzen die Erde hier, wir essen dies hier. Dies ist ein Dorf von Bauern. Wir pflügen, wir eggen mit der Erdhacke und wir laufen nach Indien, um zu arbeiten.“ Jeden Vormittag sind über dem Dorf die Motorengeräusche kleiner Propellerflugzeuge zu hören, die Touristen von Kathmandu nach Jiri oder Lukla (Everest-Gebiet) fliegen – neben dem pochenden Lärm des Dieselmotors der Getreidemühle das einzige Motorengeräusch weit und breit. Die Bewohner von Chayarsaba blicken mit Sehnsucht und Neid auf die Flugzeuge, die ihnen das reiche, moderne Leben mit wenig körperlicher Arbeit und materiellem Überfluss versinnbildlichen. Sie fühlen sich sowohl vom König des Landes als auch von der Entwicklungshilfe im Stich gelassen.
Jid Bir (M, 48 J.): „Es gibt nichts im Dorf. Wir haben steile Hänge, welche gepflügt und geeggt werden und wo Getreide angepfl anzt wird und es genügt zum Essen. Aber genügend Geld, um Kleidung und Gewürze zu kaufen, um Fleisch zu essen, kann in diesem Dorf nicht verdient werden. Manche haben am Morgen genug zu essen, aber nicht genug am Abend. Der Ort ist gut, wie soll man zu diesem Ort sagen? Ist er gut, ist er schlecht? Sagen wir gut. Der Ort ist so: überall Steine, Felsen, hier und dort, oben und unten. Das Dorf ist saftig, aber der Platz ist schlecht. Auch wenn wir Geld im Sack hätten, es gibt hier kein Geschäft, wo wir Essen einkaufen können. (...) Das große Problem und unsere Sorge ist, wir haben keine Entwicklung, deshalb haben es alle schwer.“
Die Region um das Bergbauerndorf Chayarsaba war nicht immer unbedeutend und arm. Es liegt in der Nähe der alten reichen Handelsstadt Dolakha, die vom 13. bis zum 18. Jh. einen lukrativen Handel zwischen dem Kathmandutal und Tibet betrieb. Im gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Kontext Nepals wurden vor allem die Volksgruppen der abgelegenen Täler – so auch die Tamang von Chayarsaba – an eine wirtschaftliche und politische Peripherie gedrängt, was zu einem maoistischen Krieg, einer ‚Identitätspolitik‘ für die einen und zur Auswanderung für die anderen, aber vor allem zu einer großen Hoffnungslosigkeit geführt hat.
Bonpo, der Dorfschamane (M, 62 J.): „In diesem Dorf, was sollen wir tun? So ist es, wir pflügen, wir graben, wir stellen Dünger her, wir bringen Gras, wir betreuen das Vieh, wir essen, Mai [2]. Wir müssen hart arbeiten. Wir haben es schwer, um zu essen. Ohne harte Arbeit gibt es nichts zu essen. Wir müssen immer an die harte Arbeit denken. Arbeiten wir jetzt hart, dann haben wir später genug zu essen. Was sollen wir anderes tun, was soll ich sagen. Das ist der Brauch in unserem Dorf. Wir können nicht einfach sagen, wir haben keine Lebensmittel, wir werden es kaufen und essen. Wir müssen hart arbeiten, um zu essen.“
Frau von Nang Bahadur Tamang (F, 50 J.): „Was soll ich sagen. Was tun, ob man glücklich oder unglücklich ist, wir müssen hart arbeiten, um Essen zu haben. Was immer wir haben, kochen wir und essen es. Wir haben keine Tomaten, Mai. Das sind die Sorgen, die wir haben, Mai. Wir essen Brennnessel, wir essen Mehlsuppe. Ich kann keine Lasten mehr hinauf und hinunter tragen. Wir besitzen keine Reisfelder. Im Monat Chaitra [3] pflanzen wir Mais und essen dies bis zum Monat Badau. Dann pfl anzen wir Hirse und essen bis zum Monat Mankshir. Dann pfl anzen wir etwas Weizen, aber es ist nicht genug bis zum Monat Jhet, Mai. Was tun? Wir gehen in den Wald und bringen Brennnessel zu essen. Schau dort, wir haben Süßkartoffel gepfl anzt und wir essen dies. Wir trocknen Spinat und essen es. So ist es, was gibt es noch?“
Nepal war für die Kultur- und Sozialanthropologie lange ein beliebter Ort für klassische Studien zu den reichen religiösen Traditionen, traditionellen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnungen, Verwandtschaftsstrukturen und Synkretismen verschiedener Kulturen. Die Anthropologie handelt vom Menschen, schreibt über Menschen, erklärt sie als Protagonisten gesellschaftlicher Systeme und als kulturell, wirtschaftlich und religiös Handelnde und entfernt sich in den wissenschaftlichen Abstrahierungen doch wiederum vom Menschen. Sie zeigt sie visuell vor allem deshalb, um sie als kulturell religiös Agierende zu dokumentieren oder um die wissenschaftlichen Erklärungen mit Bild-Datenmaterial zu bestätigen. Als ich 1986 zum ersten mal als Ethnologin ins Feld ging, war ich – so wie wir gelehrt wurden – mit Schreibzeug, Recorder und Kamera gewappnet. Ich bemerkte sehr schnell, dass für die Frauen und Männer von Chayarsaba die Photographie eine andere Bedeutung hatte als für mich. Sie begegneten meinem Photographieren mit einem für mich damals ungewohntem Ernst. Sie verschwanden für Stunden in ihrem kleinen Haus, bis sie mit den geputzten Kindern und in ihrer sonst in Truhen aufbewahrten besten Kleidung heraus kamen. Dann begann die Suche nach einem geeigneten Platz, wo alle gemeinsam aufgenommen werden konnten. Sie schenkten der Kamera kein Lächeln und standen steif, sie blickten ernst, etwas verlegen, die Kinder eher ratlos zu mir. Selten gelangte das Photo in den Rahmen der Familienportraits auf der Hausterrasse neben dem Hauseingang. Sie hätten es lieber in Farbe gehabt, mit einem schöneren Hintergrund als ihr eigenes Zuhause. Es dauerte einige Zeit, bis ich sie bei der Feldarbeit in der Arbeitskleidung abknipsen durfte, ohne dass sie es störte. Meine Vorstellung von guten Photos entsprach der spontanen Real-Photographie: Sie so abzubilden, wie sie in der ‚Realität’ agierten. Oder auch ihren ‚wahren’ Ausdruck, ihr Lächeln oder ihren Blick einzufangen.

1 Nani: jüngere Schwester
2 Mai: Tochter
3 Chaitra: März-April, Badau: August-September; Mankshir: November-Dezember; Ihet: Mai-Juni

Gabriele Tautscher
Kultur- und Sozialanthropologin, Lektorin am Institut für SA- , Tibet-u. Buddhismuskunde der Universität Wien. Sie arbeitet und forscht seit 1985 in der Himalayaregion und besitzt langjährige Erfahrung in der Führung kultureller Reisen. Autorin von Büchern, Radiofeatures und Dokumentarfilmen.
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