40/ Essay: Ein Viertel aufs Viertel. Klaus Ebner

Klaus Ebner
EIN VIERTEL AUFS VIERTEL

 

Es ist Viertel vor zwölf. Zugegeben, alle Welt redet von fünf vor zwölf: in der Diskussion um die Klimaerwärmung, beim Tierschutz und Wettrüsten, und wenn es um das zukünftige Wohlergehen unseres Planeten geht. Manche meinen sogar, es wäre bereits ein Viertel nach zwölf – doch wenn das stimmte, könnte ich mich weder echauffieren noch meine Gedanken zu Papier bringen.

Wenn wir von einem Viertel sprechen, meinen wir einen von vier (gleichen) Teilen, und das hat wiederum mit dem Verb »teilen« zu tun. Teilen mit andern – ein religionsphilosophisches Konzept mit ausgesprochen positiver Konnotation.

 

Doch Teilen impliziert manches Mal gewissermaßen versteckte Intentionen. Wie beim heutigen Mitbringsel für meinen acht Monate alten Sohn: drei Gummidelphine für die Badewanne. Als sein Bruder, seinerseits schon Zweitklässler, auf das Geschenk aufmerksam wird, findet er die Meeressäuger so süß, dass er ebenfalls mit ihnen spielen möchte. Um uns zu überreden, ihm die Tierchen rauszugeben, argumentiert er, mit seinem kleinen Bruder eben teilen zu wollen. Teilen, das heißt in diesem Fall, dass er das Spielzeug vorerst mal an sich reißt und es so lange behält, bis unser Säugling begriffen hat, dass da etwas, das eigentlich ihm gehört, nicht in seinen Händen, sondern in denen des großen Bruders liegt.

 

Natürlich sind das nette Kindereien. Doch wenn ich mich ernsthaft umsehe, finde ich kaum irgendwo den Gedanken des Teilens, sondern lediglich den einer Reduktion. Und ist nur mehr ein Viertel von etwas vorhanden, dann bedeutet das keineswegs, dass die drei anderen Viertel zum Verteilen bereitstünden, sondern oft irgendwohin verpuffen und dann einfach nicht mehr existieren. Auf diese mysteriöse Weise verschwand in den letzten zwei oder drei Jahrzehnten die Zeit, die Eltern für ihre Kinder haben. Denn uns bleibt sozusagen nur mehr ein Viertel jener Zeit, die unsere Eltern einmal für uns hatten. Mein 2009 geborenes Baby wird mit einem oder spätestens eineinhalb Jahren in die Kinderkrippe müssen, weil wir uns ein Daheimbleiben finanziell einfach nicht leisten können. In meiner Kindheit war meine Mutter fast durchgehend zu Hause – was ich erst als Erwachsener und Vater eigener Kinder allmählich schätzen lernte. Denn bei uns geht das nicht mehr. Während früher mit einem einzigen Einkommen eine ganze Familie ihr Auslangen fand, kann man heute oft mit zweien kaum das Nötigste bezahlen – und ich spreche keineswegs von wirklich Armen, sondern von Menschen, die früher einmal der so genannten Mittelschicht zugeordnet wurden. Meine Schlussfolgerung soll auch bitte nicht mit jener schwachsinnigen Frauen-an-den-Herd-zurück-Politik verwechselt werden; ich wünsche mir lediglich die Möglichkeit, dass ein Elternteil ohne Einkommensverlust mindestens bis zur Schulzeit bei den Kindern bleiben kann. Ob das nun Vater, Mutter oder beide abwechselnd sind, sollen die Eltern selbst entscheiden. Ich würde mich jedenfalls als erster melden. Nicht nur, weil ich diesen intensiven Kontakt mit dem Kind jedem Erwerbsjob vorzöge, sondern weil ich überzeugt bin, dass die sichtbare Verrohung, Entwurzelung, Kulturlosigkeit und im Endeffekt die erschreckende Gewaltbereitschaft vieler Kinder von heute in direktem Zusammenhang mit der wenigen Zeit steht, die sie mit ihren Eltern verbringen können.

 

In vielen Bereichen müssen wir uns mit einem Viertel zufrieden geben. Mein persönliches Viertel Zufriedenheit wüchse ja schon an, wenn meine Bücher in den Regalen der Buchhandlungen stünden. Doch dort stehen sie nicht. Ich gehöre nicht zum glücklichen Viertel der Autoren, deren Bücher von Buchhändlern zum Verkauf angeboten werden. Möglicherweise wird sogar nur einem Achtel der Autoren diese Anerkennung zuteil, denn ein mir bekannter Besitzer einer Buchhandlung in Barcelona sagte vor Kurzem:

»Von den zirka 400.000 lieferbaren Büchern geben mir die Distributoren nur 50.000. Das bedeutet, wenn ein Leser zu mir kommt und nach einem Buch fragt, hat er eine 350.000-fache Chance, es nicht zu bekommen.« Und das hat überhaupt nichts mit der aktuellen Krise zu tun. Sondern mit Monopolen und mit Macht. Und die üben ihre Haber in der Regel nicht nur zu einem Viertel aus, sondern total.

 

Die vor eineinhalb Jahren ausgerufene Wirtschaftskrise nutzten viele Unternehmen – ebenfalls eine Art von Machthabern –, um ein Viertel ihrer Mitarbeiter zu kündigen. Als Folge darauf stiegen die Aktienkurse wieder deutlich an, und wo zwischendurch mitunter die Halbierung des Börsenwertes zu verzeichnen war, befindet dieser sich wieder auf derselben Höhe wie im August 2008 oder sogar noch höher. Die Krise diente also den Aktionären, denn die haben kräftig verdient. Sie besitzen nämlich in diesem Fall die übrigen drei Viertel – oder seien wir fair: Wenn wir die Krise als unausweichliche Realität akzeptieren und ein Viertel des wirtschaftlichen Wertes unwiederbringlich verloren geben, dann haben die Aktionäre wohl nur die Hälfte ergattert. Eine mathematische Doppelbödigkeit? Jedenfalls spielt das für die nun Arbeitslosen keine Rolle. Zwei meiner amerikanischen Kolleginnen mussten ebenfalls gehen, im Rahmen einer groß angelegten »Firing«-Aktion. Helen ist auf ihren ehemaligen Arbeitgeber zwar noch immer stinksauer, doch mit ihren fünfundfünfzig Jahren nimmt sie es als eine Art Frühpension an und meint, jetzt hätte sie endlich mehr Zeit für ihren Mann. Joyce indes kann dieser Heiterkeit nichts abgewinnen; sie ist erst vierzig.

 

Und ich bleibe bei der Wirtschaft, allerdings nicht bei den Erwerbstätigen, die oft noch froh sind, wenn sie lediglich auf ein Viertel verzichten müssen, sondern komme zu den Produkten, die unser Thema in ähnlicher Weise berührt. Ein großes Produktionsunternehmen, dessen Namen ich nicht nennen möchte, verfügte über eine große Produktpalette, die in erster Linie daraus resultierte, dass die Kunden, ausgehend von einem Basismodell, beliebige Wünsche äußern konnten. Das jeweilige Produkt wurde also gänzlich individuell gefertigt, und die Kunden waren hochzufrieden, weil sie genau das bekamen, was sie sich vorstellten. Nun ergab es sich jedoch mit der Zeit, dass die Finanzen des Herstellers nicht mehr stimmten, und es wurde eine Consultingfirma engagiert, um die Lage zu analysieren und das Problem zu lösen. Letzteres fand sich sehr rasch: Die individuelle Fertigung war mit sehr hohen Aufwänden verbunden, doch fanden diese im Preis für den Kunden keinen Niederschlag. Aufgrund dieser Erkenntnisse führte das Unternehmen ein völlig neues Produktionsprinzip ein: Jetzt gibt es nur vier Produkte, und Sonderwünsche werden nicht mehr berücksichtigt; der ursprüngliche Preis blieb unverändert, und aufgrund der stark reduzierten Aufwände arbeitet das Unternehmen wieder mit Gewinn. Was ist geschehen? Bei gleichbleibenden Preisen verlor die Produktpalette an Qualität. Die Kunden müssen sich nun mit einem Viertel dessen begnügen, was sie vorher haben konnten, oder sogar mit noch weniger. Eine andere Lösung wäre zwar gewesen, die Vielfalt und somit die Qualität des Produktportfolios beizubehalten, doch hätten dann die Preise angepasst und somit erhöht werden müssen. Aber wenn es um Preise geht, dann wollen wir in Wirklichkeit doch auch nur ein Viertel bezahlen. Hier beißt sich die vielzitierte Katze in den Schwanz, aber genau hier steckt eine Grundmisere der heutigen Zeit: die Preise müssen runter, und das (zer)drückt die Qualität. Überall müssen wir uns heute mit einem Viertel der möglichen Qualität zufrieden geben, und dieser Trend dürfte sich noch eine gute Weile fortsetzen.

 

Übertreibung? Mal ehrlich, wann haben Sie zuletzt einen wirklich guten Laib Brot gekauft? Der so schmeckte, wie man das aus der Kindheit kennt. Sollte ich hier tatsächlich schon die Vergangenheit verklären? Ich meine, jetzt habe ich zwar schon ein paar Jährchen auf dem Buckel, aber so alt bin ich nun auch wieder nicht!

 

Stichwort Kultur. Kürzungen, Streichungen, Verschiebungen auf unbestimmte Zeit. Aber nein, werden manche argumentieren, das Kulturbudget unserer Republik wurde nicht gekürzt. Natürlich nicht. Nominell blieben die Beträge gleich. In manchen Bereich über zwanzig Jahre. Die Inflation besorgte dann alles Übrige. Selbstverständlich gilt das nicht nur für das öffentliche Kulturbudget, sondern auch für Künstlerhonorare von Verlagen und Rundfunkstationen.

Schließlich muss man sparen.

Wie gern riefe ich jetzt, dass Kultur und die Erzeugnisse Kulturschaffender nichts mit Stützungen oder Förderungen durch die öffentliche Hand zu tun hätten. Ja, vielleicht riefe ich es sogar – wenn ich nicht wüsste, dass das beeindruckende französische Filmschaffen der 50er- und 60er- bis in die 80er-Jahre nur deshalb möglich war, weil von Staats wegen viele Millionen Francs in die Filmindustrie gepumpt wurden, wenn ich nicht wüsste, dass in Österreich kein einziges literarisches Buch ohne öffentliche Stützung gedruckt werden kann, wenn ich nicht wüsste, dass die großen Opernhäuser der Welt auf Fördergelder und private Spenden angewiesen sind. Die Kultur hat es in einer Welt zunehmender Einschränkungen nicht leicht. Die Finanzierung schrumpft mitunter auf ein Viertel (oder entfällt vollends), und die Freiheit der Kunst wird mancherorts gevierteilt und mit Füßen getreten.

Gerade der Kultur sollte die Gesellschaft eine Heimat bieten.

Auch in Krisenzeiten. Ob indes ein Museumsquartier die Lösung ist? Natürlich brauchten wir ein eigenes Viertel für die Kultur – da klingt im Hinterkopf das französische Quartier Latin mit der Sorbonne und den schillernden kulturellen Aktivitäten an –, aber trotz der offiziellen Stilisierung des Museumsquartiers zum Kulturviertel wirkt dieser Ort wie ein städteplanerischer Kraftakt, der zwar einerseits ungeheure Geldsummen verschlingt, aber andererseits doch nur eine winzige Facette innerhalb des insgesamt möglichen Kulturlebens darstellt. Und die Kulturschaffenden?

 

Die einen verdingen sich so recht und schlecht in Brotjobs, andere resignieren und wursteln irgendwie weiter, manche geben auf. Das haben wir nun vom Viertel, das, wie der Volksmund sagt, zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel ist. Eine Redewendung, die heutzutage erschreckend vielseitig wirkt.

Aber ich lehne mich zurück, um, angesichts einer Uhr, die ein Viertel vor zwölf zeigt, über diese Dinge nachzudenken und diesen kleinen (nicht geviertelten!) Essay niederzuschreiben.

Klar, am liebsten tränke ich nun ein Vierterl Rotwein, um die ganze Misere zumindest für kurze Zeit zu vergessen. Das Dumme ist nur: Ein einziges Vierterl reicht da nicht aus, aber mehr als das vertrage ich nicht.

 

Klaus Ebner:

Geb. 1964, Wiener. Studium der Romanischen und Deutschen Philologie. Autor von erzählender Prosa, Essays und Lyrik. Wiener Werkstattpreis 2007. Mitglied der Grazer Autorenversammlung und des Österreichischen Schriftstellerverbandes. Jüngste Buchveröffentlichungen: „Hominide“, Erzählung (FZA 2008); „Vermells/ Röten“, Lyrik katalanisch und deutsch (SetzeVents 2009). www.klausebner.eu mehr...

40/ Essay: Betreten verboten! Thomas Fröhlich

Thomas Fröhlich
BETRETEN VERBOTEN!

 

 

 

 

 

 

 

Über a schene Leich und die Wiederentdeckung wahrhaft abseitiger Viertel in der Literatur – und die Frage, was Werwölfe mit Feminismus und Verlagsjubiläen zu tun haben

1. „We have such sights to show you!“ (Aus: Hellraiser, R: Clive Barker, GB 1987)

2. In seinem international gefeierten Debütroman „Sharp Teeth – Scharfe Zähne“, Milena Verlag 2009, führt der Autor Toby Barlow seine Leserschaft in jene Viertel der Stadt Los Angeles, die man besser nicht alleine betreten sollte.
Eigentlich auch nicht zu zweit.
Am besten gar nicht.
Die Story des Hundefängers Anthony, der an eine Gruppe Werwölfe gerät, die sich die „No Go“-Zonen einer wuchernden Alptraumstadt zu ihrem Territorium auserkoren hat, koppelt eine anrührende Liebesgeschichte mit der Psychogeografie eines urbanen Ortes zwischen Unwirtlichkeit und sinistren Sehnsüchten. Formal zwischen klassisch anmutendem Versmaß, Beatnik-Poetry, Rap-Patterns und an den Noir-Krimi der 1940er Jahre angelehnter Prosa oszillierend, schlägt das Buch eine beeindruckende Schneise von antiker Mythologie zu moderner Horrorliteratur. Übersetzt wurden die „Scharfen Zähne“ kongenial von Verena Bauer und Thomas Ballhausen. Letzterer ist auch Herausgeber der im Milena-Verlag (dem ehemaligen Wiener Frauenverlag) erschienenen Reihe „exquisite corpse“, in der die „Scharfen Zähne“ ein Zuhause gefunden haben. „Da habe ich mir vorm Übersetzen wieder einmal meine Old School Rap-Scheiben wie die von Sugarhill Gang angehört,“ erzählt der Kulturwissenschaftler Ballhausen bei einem Gespräch beim Heurigen und grinst begeistert. Rap, HipHop – all dies sind ja Phänomene, die ebenfalls in jenen Vierteln geboren wurden, die man als „anständiger“ WASP (White Anglo Saxon Protestant) nur ungern betritt. Doch um jene Spielart (anfänglich) ethnisch determinierter Popkultur (und deren Niedergang im Zeitalter von Kinderzimmer-Zuhältern wie 50 Cent oder Plattenbaukasperln wie Sido) soll es uns hier und heute nicht gehen. Stattdessen waten wir lieber in Blut, Beuschl und Paranoia, geben uns postapokalyptischer Tristesse und Alt-Wiener Heurigenseligkeit hin und stellen die Frage, was das alles mit Genderdiskurs und Feminismus zu tun hat.

3. „Nehmen Sie die Säume Ihrer Gewänder hoch, meine Damen, wir gehen durch die Hölle!“ (William Carlos Williams)

4. Hölle und Heuriger: Beides beginnt mit einem großen H. Doch damit hören sich die Gemeinsamkeiten – zumindest für die meisten unter uns – auch schon auf, außer man ist Alkoholiker oder strikter Antialkoholiker, was beides höchst bedenklich ist.
Als gemütlicher Treffpunkt zu einem Gespräch über die düsteren Viertel städtischer wie auch ländlicher Geografie und deren mentales Äquivalent, „die dunklen Flüsse des Herzens“ (© Dean R. Koontz) eignet er sich auf jeden Fall wunderbar. Zumal es sich auch noch um einen versteckten Stadtheurigen in der Wiener Josefstadt handelt, der sich in der Nähe des Büros des Milena-Verlages befindet, mit dessen Geschäftsführerin Vanessa Wieser sich der Schreiber dieser Zeilen an einem lauen Sommerabend des Jahres 2009 zusammengesetzt hat. Unter anderem soll nämlich auch die Frage geklärt werden, warum eine Reihe wie „exquisite corpse“, die sich ausschließlich mit scheinbar recht abseitigen Themenstellungen beschäftigt (Monster, Werwölfe, Paranoia- und Kriegsszenarien, Horror also im weiteren wie engeren Sinne), ausgerechnet im ehemaligen Wiener Frauenverlag erscheint.

Thomas Ballhausen ist an jenem Abend der dritte im Bund – schließlich zeichnet er für besagte Reihe verantwortlich. Die Kellnerin bringt die ersten Vierteln Weiß, dazu vorzüglich mundende Fleischlaberln, für die labile Menschen ein Verbrechen begehen würden; man lehnt sich entspannt zurück, spricht und denkt nach (mitunter auch umgekehrt, man ist ja nicht so).
Denn natürlich beschäftigt uns eingangs schon einmal eins ganz besonders: Was fasziniert Menschen an derlei Themen – und wieso gab es bis dato in Österreich keine Ernst zu nehmende Auseinandersetzung mit so genannter Genreliteratur (und -filmen), zumindest auf Printebene? Im Web hält seit 13 Jahren das Webzine „Evolver“ als mitunter einsamer Rufer in der Wüste kanonisierter Belanglosigkeiten die Fahne der angenehm ironiefreien Beschäftigung mit den verschiedenen Spielarten der Popkultur aufrecht, zu der das Horror- und Fantastikgenre eben auch zählen – aber gedruckt sah es da bis vor Kurzem traurig aus. Ein ernsthafter Diskurs, wie er im angloamerikanischen Bereich seit Jahren gang und gäbe ist, war in Österreich de facto (bis etwa auf obgenannte Ausnahme) nicht vorhanden.

Spätfolgen des noch aus der Nazi-Zeit herauf mäandernden „Schmutz- und Schund“-Verdikts?

„Dabei waren Science Fiction oder Horror ihrer Zeit immer schon voraus!“, meint Ballhausen und ergänzt: „Heute trägt eine neue Generation das ins Akademische hinein.“ Und er wird dabei sofort konkret: „Denk zum Beispiel ans Klonen – und dann schau dir frühe Sachen von David Cronenberg [kanadischer Filmregisseur, Anm. d. Autors] an: Da wurde das alles schon verhandelt! Und nicht nur der gesellschaftlich- kritische Impetus ist da bemerkenswert – man muss auch die jeweiligen ästhetischen Ansprüche sehen!“
Das Monster als Spiegelbild, ja als Verkünder kommender Dinge?
Bei „exquisite corpse“ gehe es eben um eine konstruktivkritische Auseinandersetzung mit diesem Phänomen des Unheimlichen, des Monströsen, denn auch hier, gerade hier, gelte es, aus fundiertem Wissen (und ebenso tiefer Begeisterung) heraus zu unterscheiden, die Spreu vom Weizen zu trennen, „und nicht darum, im Nachhinein Dreck zu nobilitieren“.
„Alles klar!“, ist man da versucht zu sagen – aber warum ausgerechnet im feministisch orientierten Milena-Verlag?
Vanessa Wieser hat darauf schon eine gute Antwort parat – doch zuvor lernen wir, geschätzte Leserinnen und Leser, noch ein wenig (Literatur)Geschichte …

5. Seit 40 Jahren gibt es ihn: den Milena-Verlag, vormals Wiener Frauenverlag. Gegründet wurde er 1980 im Kontext der Frauenbewegung als autonomes Projekt schreibender Frauen, die sich mit ihren Texten und ihrer literarischen (und politischen) Herangehensweise im Umfeld der damals etablierten Verlagsprogramme nicht zu Hause fühlten. Gewählt wurde anfangs die Vereinsform, da die Gruppe (zu der u.a. Elfriede Haslehner oder Inge Rowhani gehörten) kein Kapital außer ihren Idealismus und ihren Einsatzbereitschaft hatte und sich so der Wunsch nach einer egalitären Struktur am leichtesten verwirklichen ließ. Ein Forum für Literatinnen und Wissenschaftlerinnen wurde auf diese Weise geschaffen – nicht zuletzt als Reaktion darauf, dass Autorinnen ihrer männlichen Kollegenschaft gegenüber immer noch ziemlich unterrepräsentiert waren. Auf diese Weise entstand der Wiener Frauenverlag, der seit 1997 Milena Verlag heißt.. Aus dem Projekt wurde rasch ein professioneller Publikationsort. Autorinnen wie Barbara Neuwirth oder Sylvia Treudl sorgten (sowohl als Schreibende wie auch als Verlags-Masterminds) für die anhaltend hohe Qualität der Veröffentlichungen – und auch die jetzige Leiterin der Österreichischen Nationalbibliothek, Johanna Rachinger, zählte zeitweise zum Verlagsteam.

37 Jahre wurde dieses Konzept mit leichten Veränderungen beibehalten. Doch dann, 2007, kam es zur – laut Vanessa Wieser, seit zweieinhalb Jahren Verlagsleiterin – notwendigen Neustrukturierung: „Seit fünf Jahren hab’ ich die Pressearbeit gemacht – und man hat halt gemerkt, dass sowohl auf Seiten der Presse wie auch auf Seiten des Publikums diese ausschließlich feministische Ausrichtung niemanden mehr wirklich interessiert hat.“, meint Wieser, selbst feministisch sozialisiert, an diesem Abend und setzt hinzu: „Die hunderttausendste lesbische Coming Out-G’schicht’ war eben auch nimmer so der Renner. Es gibt ja außerdem seit geraumer Zeit Frauenbücher bei anderen Verlagen genauso.

Das heißt, der spezielle Erkennungswert war eh schon lange fort.“ Man müsse auch nicht mehr in eine typische Frauenbuchhandlung gehen, um an diese Art von Literatur und an bestimmte Autorinnen zu gelangen. Auf amazon bekommme man das auch alles – und die so genannten Frauenbuchhandlungen gebe es sowieso nicht mehr.
Eine nachhaltige Veränderung im Produktions- und Rezeptionsverhalten also?
„Das hat sich alles überlebt.“
Und Wieser wird noch deutlicher: „Finanziell war’s halt dann auch fürchterlich. Wenn der Rubel weiter gerollt wär’
…“ Sie denkt kurz nach: „Hat er aber nicht. Und da gibt’s im Endeffekt nur zwei Dinge: zusperren oder was anderes überlegen.“
Sie macht einen Schluck und lächelt: „Ich hab’ mir halt was anderes überlegt.“
Nämlich eine Neuorientierung in der programmatischen Ausrichtung und inhaltlichen Positionierung: Nach wie vor werden zeitgeschichtlich-gesellschaftskritische und emanzipatorische Belletristik und Sachbuchliteratur veröffentlicht, doch Wieser trennt all die Belange nicht in jene von Frauen und Männern als wesensverschiedene Daseinsformen – ein Zugang, der sich auch personell niederschlagen sollte. Ein neues Verlagsteam ist angetreten, „heftige Bücher für heftige Menschen“ zu veröffentlichen, wie Wiesers Lieblingsslogan lautet. Ein verlegerisches Credo, das auch die literarischen Hervorbringungen männlicher Schriftsteller umfasst, von Bernhard Mooshammers Rock’n’Roll-Erzählung „Zeit der Idioten“ bis hin zur Neuauflage von Günter Brödls erfolgreichem und mittlerweile vergriffenem Ostbahnkurti-Krimi „Blutrausch“.

Wird dadurch der Verlag nicht auch ein wenig austauschbar, ohne sein über Jahrzehnte gepflegtes und beworbenes Spezifikum?
„Aber geh!“, meint Wieser, „Wer bitte interessiert sich fürs Gesamtangebot eines Verlages – die Publikation selbst zählt. Die muss gut sein!“
Und hier kommt Autor, Übersetzer, Kulturwissenschaftler und wandelndes Filmlexikon Thomas Ballhausen mit ins Spiel. Bei einem verlagsinternen Brainstorming wurde nämlich die Idee laut, doch „was mit Monstern, Horror zu machen“. Und Vanessa Wieser setzt hinzu: „Mir taugt das, ohne da besonders versiert zu sein. Und da ist mir der Thomas empfohlen worden.“

6. „Exquisite corpse – die schöne Leiche: das Schreiben beziehungsweise Weiterschreiben an einem Textkörper!“ beginnt Thomas Ballhausen das Konzept der Reihe zu umreißen, während sich die Sonne über der Josefstadt – wie passend – zum Untergehen anschickt.
„Es ist eine seriöse Einladung an die Leser, es sind schöne Bücher in Inhalt und Gestaltung und trotzdem leistbar!“

Ballhausens Augen, beginnen, wie immer, wenn er von etwas begeistert ist (und das ist oft der Fall), in der Dämmerung zu leuchten.
Ausgehend von der Beschäftigung mit dem Außergewöhnlichen, Unheimlichen und Monströsen in seinen unterschiedlichen Ausprägungen ist bei „exquisite corpse“ ein publizistischer (Frei)Raum entstanden, der auch abweichlerische ästhetische und politische Fragestellungen, also Off und Off-Off Mainstream, erlaubt. Unterstützt von einem internationalen Board zumeist junger, „hungriger“ Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen will Ballhausen hier einen Platz für wissenschaftliche Werke wie auch ausgewählte einschlägige Primärliteratur schaffen und diese – nicht zuletzt aufgrund einer sehr entgegen kommenden Preispolitik – einer breiten Leserschaft anbieten.

Vier Bände sind seit 2008 bis dato erschienen:
das zu Beginn erwähnte „Scharfe Zähne“ von Toby Barlow;

„Grendel“ von John Gardner, der den mythenumflorten Kampf des nordischen Recken Beowulf gegen das Monster Grendel aus der Sicht des Monsters beschreibt, das mitunter menschlicher erscheint als die in Ränke und grausame Intrigen verstrickte Menschheit;

„Liebe und Napalm – The Atrocity Exhibition“ des visionären Science Fiction-Autors James G. Ballard (der u.a. auch die literarische Vorlage zum Film “Crash” des obgenannten David Cronenberg lieferte), die Neuauflage eines in eine Vielzahl von Miniaturkapiteln unterteilten literarischen Experiments über eine sich in technologischer Raffinesse suhlenden und moralischer Auflösung befindlichen Menschheit (und die daraus resultierende Paranoia und Gewaltverliebtheit), über das die FAZ urteilte: „J. G. Ballard hat die Zukunft vorausgedacht. Es ist seine Welt, in der wir heute leben“;

und – gleichsam als Einleitung – „Delirium und Extase: Die Aktualität des Monströsen“, eine Essay-Sammlung Ballhausens selbst, die die Aktualität des Monster-Begriffes in den Mittelpunkt stellt und ästhetische mit historisch-politischen Fragen verquickt. Die thematische Vielfalt des Bandes, die von der klassischen Literatur bis zu populären Filmgenres reicht, entspricht durchaus der Vielgestaltigkeit des Hässlichen und Unheimlichen sowie dem ungebrochenen Interesse an einem Themenfeld, das den Alltag auf mehr Weisen durchdringt, als gemeinhin wahrgenommen wird: Film, Comics, Theater, Fotografie, Malerei etc. Das „Schickliche“, die „guten Manieren“ in ihrem kulturellen Kontext und deren Kippen ins Abweichlerische, Monströse sind dabei genauso Thema wie der alte Horrorfilm „The Raven“ und dessen Rezeption. Zwischen akademisch abgesegnetem Wissenschaftssprech (manche Sätze sollte man langsam lesen, so man nicht mit sämtlichen Kulturwissenschaftstheorien der vergangenen fünfzig Jahre beschlagen ist) und spürbarer Begeisterung für die Sache legt Ballhausen mögliche Zugänge und komplexe Denkwege zu ebenso komplexen wie auch scheinbar einfach zu durchschauenden Werken: ein Wegweiser in die dunklen Viertel der Orte und der Psyche. Man darf auch Erkenntnisgewinn dazu sagen.

Ein Ende der Reihe ist nicht abzusehen.

7. Langsam ist’s im Heurigengarten dunkel geworden. Thomas Ballhausen muss noch eine Retrospektive mit subversiv-schlüpfrigen Filmen im Metro-Kino eröffnen und verabschiedet sich. Vanessa Wieser und der Schreiber dieser Zeilen bleiben noch ein wenig sitzen, bestellen noch ein Viertel (man ist ja schließlich nicht zum Spaß da) und denken im sich ausbreitenden Mondlicht über die Faszination am Verbotenen, Grausigen, Unheimlichen und die Hassliebe des Menschen zum Monster nach. Der Weg vom alienverseuchten Raumschiff der Zukunft über das neblige Whitechapel eines Conan Doyle bis hin zur „gemütlichen“ Josefstadt scheint nicht weit zu sein.

Und auch die Grenzen selbst verschwimmen: „Ich bin ein Monster“, sagte beispielsweise der britische Horrorschriftsteller, Fotograf, Maler und Regisseur Clive Barker beim Filmfestival in Sitges 2009 auf die Frage, wie sich all seine Geschichten verbinden ließen. „Schauen Sie, ich bin als schwuler Junge aufgewachsen, bin geschlagen, getreten, verspottet worden. Ich habe mich immer als Monster gefühlt.“ Ob sich daran jemals etwas ändern würde? „Nein“, meinte Barker.
Dem ist wenig hinzuzufügen.

Außer dass die abseitigsten Viertel sowieso in uns selbst liegen. Auch ohne Heurigen.
Aber das wussten wir doch sowieso schon alle.

Thomas Fröhlich:
Geb.1963 in Wien; lebt in St. Pölten und Wien. Wissenschaftlicher Bibliothekar an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Red. beim Webmagazin evolver. Verfasser von Rezensionen und Essays zu den Themenbereichen Literatur/Film/Popkultur. Gelegenheits-DJ. Schreibt seit einigen Jahren auch Belletristik. Veröffentlichungen in etcetera, Rokko’s Adventures, MFG, Wiener Zeitung, Die Furche, evolver, Podium, OstraGehege, keine ! delikatessen, & Radieschen, Pandaimonion sowie diversen Anthologien. Träger des Förderpreises für Kunst und Wissenschaft (Literatur) der Stadt St. Pölten 2008.

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39 / Essay: Zukunftserwartungen. Ingrid Reichel

Ingrid Reichel
ZUKUNFTSERWARTUNGEN
Die Evolution schreitet voran

 

Das Wissenschaftsforum Alpbach organisierte gemeinsam mit der Österreichischen Ärztekammer vom 11.11. – 13.11.09 ein Symposium zum Thema „Herausforderung und Humanität: Medizin und Ethik“ in der Gesellschaft der Ärzte, Frankgasse 8, 1090 Wien. Viele interessante Vorträge mit anschließenden Podiumsdiskussionen zum Thema der Medizin und dem Verlust der Sprache, zur Ethik in der Forschung, zum Wissenschaftsglauben und zum Tod als Tabu füllten die zwei Tage. Dieter Otten, Professor am Institut für Soziologie auf der Universität Osnabrück referierte über „Ethos, Alter und Fortschrittsmythos“ (13.11.09, 9 Uhr). Dies ist kein Bericht, sondern eine Selbstreflexion zu diesem Vortrag.

 

In Zeiten der Klimaerwärmung, des Terrorismus und der zunehmend ins Ungleichgewicht geratenen Gesellschaften, sei es das Sterben der Mittelschicht oder die Überalterung in der westlichen Welt, ist es nun Mode geworden, sich um die Gestaltung der Zukunft zu sorgen. Vielfältigste Projekte zum Thema werden von Organisationen, Instituten, Vereinen und Verlagen ausgeschrieben. Ja, förmlich überrannt wird man davon. Die eine Seite der Menschen ist zuversichtlich, voller Ambitionen und Ideen, die anderen, und dies ist der Großteil, ist verängstigt und demotiviert. Die Weltwirtschaftskrise und die ständigen politischen Unruhen mit kriegerischen Einschnitten verstärken die Verbreitung von Angst und Panik. Viele Experten schreiben Bücher in denen sie zu einem positiven Umdenken motivieren. Die Palette ist groß und reicht von der Politik, Ökologie, Wirtschaft und Konsumenten bis zur Medizin und der sozialen Betreuung.

 

Dieter Otten führte viele soziologische Studien über die Veränderung der Gesellschaft bezüglich der Alterung durch. Im 21. Jahrhundert befinden wir uns in einem demographischen Wandel. Schönheit kennt eben kein Alter, flocht der ausgezeichnete Vortragende gleich von Anbeginn seines Impulsreferates humorvoll ein.

In wenigen Jahren wird mehr als die Hälfte der Österreicher über 50 Jahre alt sein. In Zahlen gesehen bedeutet dies, dass 4 Millionen Österreicher und 40 Millionen Deutsche ein Alter von 50 – 80 Jahre haben werden. Die Prognose beschränkt sich nicht auf den deutschsprachigen Raum, sie lässt sich auf ganz Europa ausdehnen. Bald jedoch wird der Prozentsatz auf 70 steigen, denn nicht nur die Zahl der Alternden, sondern das Alter selbst steigt. Otten bleibt in seinen Voraussagungen nicht vage, so wie es Wahrsager zu tun pflegen. Wer heute geboren wird, wird vorrausichtlich ein Durchschnittsalter von 100 Jahren erreichen. Dies bedeutet, dass ein Alter von 130 – 150 Jahren zukünftig vollkommen absehbar ist.

 

Die Vorstellung der Überalterung könnte einem momentan gruselig erscheinen. Zumindest ging es mir so, als ich in diesem wunderschönen, aber kaum von Besuchern gefüllten Saal der Gesellschaft der Ärzte, saß. Ich erinnere mich kurz an meine Reise nach Marokko im Jahr 2003, an dieses Land, in dem sie mit dem Gegenteil kämpfen: zu viele Kinder, zu wenig Alte. Ein anderes Problem, aber ebenfalls ein Problem des gesellschaftlichen Ungleichgewichts.

Doch Otten stimmt zuversichtlich. Ist er ein Optimist oder gar ein Schönredner? Denken wir an die vielen Zeitungsberichte und Dokumentationen. Wohin mit unseren Alten? Wer soll sie pflegen und vor allem wirtschaftlich, wie wir denken: Wer soll das bezahlen? Eine Million Altersheime müssten alleine in Deutschland sofort gebaut werden. Das wäre weder finanziell noch bautechnisch durchführbar. Die Altenpflege zu Hause wäre vor allem durch die Singlewelle der 70er nicht mehr möglich.

Doch Otten hat schon das magische Wort auf den Lippen, bevor meine Gedankengänge sich völlig in ein schwarzes Loch der Hoffnungslosigkeit stürzen: Nivellierung! Eine Umverteilung der Altersdifferenz wird also seiner Meinung nach stattfinden. Keine Katastrophe, sondern eine erweiterte Lebensspanne erwartet uns. Es wird eine neue Regelung und eine soziale Evolution geben.

 

Die Frage ist, ab wann man alt ist. Es ist ja nicht nur das Lebensalter, welches das Alter bestimmt. Weit mehr Faktoren spielen hier eine Rolle. Wir haben es mit einer optischen und psychologischen Regenerationserscheinung zu tun. Die typischen Altersyndrome von Vereinsamung, Hilflosigkeit, wirtschaftlicher Schwächung würden keinen Sterbegrund mehr geben. Es ist die Fürsorge des Stärkeren für den Schwächeren oder des Jüngeren für den Älteren, die hier zur Diskussion steht. Ein neuer Generationsvertrag mit sozialer Solidarität ist angesagt, dann sind Ältere nicht mehr die Schwächeren. Immerhin ist ein hoher Anteil der Älteren gesund und aktiv. Ich erinnere an den neuen Trend des Alterstourismus. Dies alleine, ist am Beispiel der ÖBB Angebote, wenn sie die Supertarife für Pensionisten an bestimmten Tagen hernehmen, leicht erkennbar. Natürlich ist es reines Marketing, das für manche alten Menschen leider ins Desaster führt, wenn die Züge überfüllt sind und man keine Reservierung vorgenommen hat.

 

Doch wenn wir diese neue Lebensspanne, von der Otten spricht, tatsächlich durchleuchten, erwartet uns ein völlig anderes Weltbild.

Noch haben wir Probleme uns gedanklich damit anzufreunden, erst mit 65 Jahren in Pension gehen zu dürfen. Wird es überhaupt zukünftig noch eine Pension geben können, diesen lang ersehnten und erarbeiteten Ruhestand? Ein Umdenken ist angebracht. Gehen wir zukünftig mit 65 Jahren in Pension, wenn wir 120 Jahre alt werden, dann wäre es so, als ob wir heute mit 30 den Ruhestand einfordern würden. Die Gesellschaft hat sich schon lange geändert, wissen wir doch, dass viele erst mit 30 anfangen zu arbeiten.

Wir sehen also, dass die Politik wieder hinten nachhinkt, aus Angst Wählerstimmen zu verlieren.

Doch wir gehen einem völlig neuen Zeitalter entgegen, ob wir das nun verstehen und einsehen oder nicht. Letztendlich könnten wir es planen, wenn wir die Vernunft und die Reife besäßen. Doch die Welt braucht uns Menschen zum Fortbestand nicht. Die Natur richtet sich ihren Weg. Das nennt man Evolution. Wir Menschen werden da nicht gefragt.

 

Otten gibt hier gute Beispiele. Es scheint, dass die längere Lebensspanne, die uns erwartet, den Frauen zugute kommt. Gleichberechtigung wird kein Thema mehr sein, vielmehr eine Selbstverständlichkeit. Unsere Evolution befreit uns von den längst überholten patriarchalischen Frauenmustern. Seltsamerweise wussten die intellektuellen Politiker, wie Helmut Schmidt, dies schon in den 1970ern, so Otten, dass Frauen in der Zukunft das gleiche Mitspracherecht haben werden. Die Zeichen waren damals schon nicht übersehbar. Als man den Frauen zubilligte nicht nur Universitäten zu besuchen, sondern ihnen auch das Recht gab eigenes Geld ohne Einverständnis der Eltern oder des Ehepartners zu verdienen, Partner und die Bildung selbst zu wählen, wurde der Punkt ohne Umkehr vollzogen. Dieser Fortschritt für die Frauen ist unwiderruflich. Noch genießen nicht alle Frauen auf dieser Welt diese Rechte. Doch die Evolution schreitet voran. Jeder, der sich ihr entgegenstellt, kann als primitiver Hemmschuh bezeichnet werden.

 

Eine längere Lebensspanne bedeutet also auch eine Änderung in der Partnerschaft zwischen Mann und Frau. „Nicht verliebt, aber in Liebe vereint“, so würde die zukünftige Symbiose der zwei Geschlechter aussehen. Otten nimmt sich kein Blatt vor den Mund, wenn er darauf hinweist, dass laut soziologischer Studien Männer erst ab dem 60sten Lebensjahr die moralische Reife durchschnittlicher Frauen ab 20 erreichen. Spritzig und witzig bringt Otten seine Forschungsergebnisse. Frauen entglitt währenddessen ein mildes Lächeln, während den Männern die Mundwinkel herabhingen (!). Dennoch war die leichte Unruhe nicht zu überhören. Ich sitze nicht im Kabarett und schreibe darüber eine Rezension. Hier geht es um empirische Studien, um Forschungsergebnisse, um Fakten. Sie klingen wie ein lang ersehntes Bekenntnis schon lang gewusster Erkenntnisse. Freude mit bitterstem Nachgeschmack. Wie viele Frauen müssen noch an diesem Patriarchat leiden? Wie lange werden Frauen noch glauben, dass sie nur aus einer Rippe von einem Geschöpf eines allmächtigen Schöpfers entstanden sind? Wie lange werden sie sich dem männlichen Geschlecht gegenüber noch demütig verhalten, sich ihm unterordnen, ihm dienen und ergeben sein?

 

Nicht mehr lange, laut Otten, dann hat die Evolution das patriarchalische System überholt.

 

Ottem verweist auch auf das strukturelle Problem des Kinderkriegens. Er zitiert in diesem Zusammenhang Karl Otto Hondrich mit „Weniger wären wir mehr.“ und widerspricht damit dem ideologischen Konsens „Wir brauchen mehr Kinder.“. „Je höher die Reproduktivität, desto geringer die Produktivität“, sagt Otten und schließt seinen Vortrag mit einem Adenauer Zitat: „Die Zeiten sind vorbei“.

 

Wir dürfen uns also auf ein längeres Leben freuen. Auf eine weniger militaristische Gesellschaft und auf eine glücklichere Partnerschaft zwischen Mann und Frau, denn durch diesen Prozess, der auf uns zukommen wird bzw. in dem wir uns bereits befinden, werden neue Werte entstehen.

 

Dieter Otten:

Studium der Soziologie, Philosophie und Mathematik in Münster und Oxford. 1982-1984 Dekan des Fachbereichs Sozialwissenschaften der Universität Osnabrück. Seit 1987 Direktor des Dt. Instituts zur Erforschung der Informationsgesellschaft. 1988 Chairman des UN Klimakongresses in Hamburg. 1996-1999 Vorstandsvorsitzender und Generalbevollmächtigter des Meinungsforschungsinstitutes IFES in Potsdam. Laufend Forschung zum Thema Alterung der Gesellschaft seit einem Gutachten für die NRW Landesregierung von 1985.

 

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