Thomas Fröhlich
BETRETEN VERBOTEN!
Über a schene Leich und die Wiederentdeckung wahrhaft abseitiger Viertel in der Literatur – und die Frage, was Werwölfe mit Feminismus und Verlagsjubiläen zu tun haben
1. „We have such sights to show you!“ (Aus: Hellraiser, R: Clive Barker, GB 1987)
2. In seinem international gefeierten Debütroman „Sharp Teeth – Scharfe Zähne“, Milena Verlag 2009, führt der Autor Toby Barlow seine Leserschaft in jene Viertel der Stadt Los Angeles, die man besser nicht alleine betreten sollte.
Eigentlich auch nicht zu zweit.
Am besten gar nicht.
Die Story des Hundefängers Anthony, der an eine Gruppe Werwölfe gerät, die sich die „No Go“-Zonen einer wuchernden Alptraumstadt zu ihrem Territorium auserkoren hat, koppelt eine anrührende Liebesgeschichte mit der Psychogeografie eines urbanen Ortes zwischen Unwirtlichkeit und sinistren Sehnsüchten. Formal zwischen klassisch anmutendem Versmaß, Beatnik-Poetry, Rap-Patterns und an den Noir-Krimi der 1940er Jahre angelehnter Prosa oszillierend, schlägt das Buch eine beeindruckende Schneise von antiker Mythologie zu moderner Horrorliteratur. Übersetzt wurden die „Scharfen Zähne“ kongenial von Verena Bauer und Thomas Ballhausen. Letzterer ist auch Herausgeber der im Milena-Verlag (dem ehemaligen Wiener Frauenverlag) erschienenen Reihe „exquisite corpse“, in der die „Scharfen Zähne“ ein Zuhause gefunden haben. „Da habe ich mir vorm Übersetzen wieder einmal meine Old School Rap-Scheiben wie die von Sugarhill Gang angehört,“ erzählt der Kulturwissenschaftler Ballhausen bei einem Gespräch beim Heurigen und grinst begeistert. Rap, HipHop – all dies sind ja Phänomene, die ebenfalls in jenen Vierteln geboren wurden, die man als „anständiger“ WASP (White Anglo Saxon Protestant) nur ungern betritt. Doch um jene Spielart (anfänglich) ethnisch determinierter Popkultur (und deren Niedergang im Zeitalter von Kinderzimmer-Zuhältern wie 50 Cent oder Plattenbaukasperln wie Sido) soll es uns hier und heute nicht gehen. Stattdessen waten wir lieber in Blut, Beuschl und Paranoia, geben uns postapokalyptischer Tristesse und Alt-Wiener Heurigenseligkeit hin und stellen die Frage, was das alles mit Genderdiskurs und Feminismus zu tun hat.
3. „Nehmen Sie die Säume Ihrer Gewänder hoch, meine Damen, wir gehen durch die Hölle!“ (William Carlos Williams)
4. Hölle und Heuriger: Beides beginnt mit einem großen H. Doch damit hören sich die Gemeinsamkeiten – zumindest für die meisten unter uns – auch schon auf, außer man ist Alkoholiker oder strikter Antialkoholiker, was beides höchst bedenklich ist.
Als gemütlicher Treffpunkt zu einem Gespräch über die düsteren Viertel städtischer wie auch ländlicher Geografie und deren mentales Äquivalent, „die dunklen Flüsse des Herzens“ (© Dean R. Koontz) eignet er sich auf jeden Fall wunderbar. Zumal es sich auch noch um einen versteckten Stadtheurigen in der Wiener Josefstadt handelt, der sich in der Nähe des Büros des Milena-Verlages befindet, mit dessen Geschäftsführerin Vanessa Wieser sich der Schreiber dieser Zeilen an einem lauen Sommerabend des Jahres 2009 zusammengesetzt hat. Unter anderem soll nämlich auch die Frage geklärt werden, warum eine Reihe wie „exquisite corpse“, die sich ausschließlich mit scheinbar recht abseitigen Themenstellungen beschäftigt (Monster, Werwölfe, Paranoia- und Kriegsszenarien, Horror also im weiteren wie engeren Sinne), ausgerechnet im ehemaligen Wiener Frauenverlag erscheint.
Thomas Ballhausen ist an jenem Abend der dritte im Bund – schließlich zeichnet er für besagte Reihe verantwortlich. Die Kellnerin bringt die ersten Vierteln Weiß, dazu vorzüglich mundende Fleischlaberln, für die labile Menschen ein Verbrechen begehen würden; man lehnt sich entspannt zurück, spricht und denkt nach (mitunter auch umgekehrt, man ist ja nicht so).
Denn natürlich beschäftigt uns eingangs schon einmal eins ganz besonders: Was fasziniert Menschen an derlei Themen – und wieso gab es bis dato in Österreich keine Ernst zu nehmende Auseinandersetzung mit so genannter Genreliteratur (und -filmen), zumindest auf Printebene? Im Web hält seit 13 Jahren das Webzine „Evolver“ als mitunter einsamer Rufer in der Wüste kanonisierter Belanglosigkeiten die Fahne der angenehm ironiefreien Beschäftigung mit den verschiedenen Spielarten der Popkultur aufrecht, zu der das Horror- und Fantastikgenre eben auch zählen – aber gedruckt sah es da bis vor Kurzem traurig aus. Ein ernsthafter Diskurs, wie er im angloamerikanischen Bereich seit Jahren gang und gäbe ist, war in Österreich de facto (bis etwa auf obgenannte Ausnahme) nicht vorhanden.
Spätfolgen des noch aus der Nazi-Zeit herauf mäandernden „Schmutz- und Schund“-Verdikts?
„Dabei waren Science Fiction oder Horror ihrer Zeit immer schon voraus!“, meint Ballhausen und ergänzt: „Heute trägt eine neue Generation das ins Akademische hinein.“ Und er wird dabei sofort konkret: „Denk zum Beispiel ans Klonen – und dann schau dir frühe Sachen von David Cronenberg [kanadischer Filmregisseur, Anm. d. Autors] an: Da wurde das alles schon verhandelt! Und nicht nur der gesellschaftlich- kritische Impetus ist da bemerkenswert – man muss auch die jeweiligen ästhetischen Ansprüche sehen!“
Das Monster als Spiegelbild, ja als Verkünder kommender Dinge?
Bei „exquisite corpse“ gehe es eben um eine konstruktivkritische Auseinandersetzung mit diesem Phänomen des Unheimlichen, des Monströsen, denn auch hier, gerade hier, gelte es, aus fundiertem Wissen (und ebenso tiefer Begeisterung) heraus zu unterscheiden, die Spreu vom Weizen zu trennen, „und nicht darum, im Nachhinein Dreck zu nobilitieren“.
„Alles klar!“, ist man da versucht zu sagen – aber warum ausgerechnet im feministisch orientierten Milena-Verlag?
Vanessa Wieser hat darauf schon eine gute Antwort parat – doch zuvor lernen wir, geschätzte Leserinnen und Leser, noch ein wenig (Literatur)Geschichte …
5. Seit 40 Jahren gibt es ihn: den Milena-Verlag, vormals Wiener Frauenverlag. Gegründet wurde er 1980 im Kontext der Frauenbewegung als autonomes Projekt schreibender Frauen, die sich mit ihren Texten und ihrer literarischen (und politischen) Herangehensweise im Umfeld der damals etablierten Verlagsprogramme nicht zu Hause fühlten. Gewählt wurde anfangs die Vereinsform, da die Gruppe (zu der u.a. Elfriede Haslehner oder Inge Rowhani gehörten) kein Kapital außer ihren Idealismus und ihren Einsatzbereitschaft hatte und sich so der Wunsch nach einer egalitären Struktur am leichtesten verwirklichen ließ. Ein Forum für Literatinnen und Wissenschaftlerinnen wurde auf diese Weise geschaffen – nicht zuletzt als Reaktion darauf, dass Autorinnen ihrer männlichen Kollegenschaft gegenüber immer noch ziemlich unterrepräsentiert waren. Auf diese Weise entstand der Wiener Frauenverlag, der seit 1997 Milena Verlag heißt.. Aus dem Projekt wurde rasch ein professioneller Publikationsort. Autorinnen wie Barbara Neuwirth oder Sylvia Treudl sorgten (sowohl als Schreibende wie auch als Verlags-Masterminds) für die anhaltend hohe Qualität der Veröffentlichungen – und auch die jetzige Leiterin der Österreichischen Nationalbibliothek, Johanna Rachinger, zählte zeitweise zum Verlagsteam.
37 Jahre wurde dieses Konzept mit leichten Veränderungen beibehalten. Doch dann, 2007, kam es zur – laut Vanessa Wieser, seit zweieinhalb Jahren Verlagsleiterin – notwendigen Neustrukturierung: „Seit fünf Jahren hab’ ich die Pressearbeit gemacht – und man hat halt gemerkt, dass sowohl auf Seiten der Presse wie auch auf Seiten des Publikums diese ausschließlich feministische Ausrichtung niemanden mehr wirklich interessiert hat.“, meint Wieser, selbst feministisch sozialisiert, an diesem Abend und setzt hinzu: „Die hunderttausendste lesbische Coming Out-G’schicht’ war eben auch nimmer so der Renner. Es gibt ja außerdem seit geraumer Zeit Frauenbücher bei anderen Verlagen genauso.
Das heißt, der spezielle Erkennungswert war eh schon lange fort.“ Man müsse auch nicht mehr in eine typische Frauenbuchhandlung gehen, um an diese Art von Literatur und an bestimmte Autorinnen zu gelangen. Auf amazon bekommme man das auch alles – und die so genannten Frauenbuchhandlungen gebe es sowieso nicht mehr.
Eine nachhaltige Veränderung im Produktions- und Rezeptionsverhalten also?
„Das hat sich alles überlebt.“
Und Wieser wird noch deutlicher: „Finanziell war’s halt dann auch fürchterlich. Wenn der Rubel weiter gerollt wär’
…“ Sie denkt kurz nach: „Hat er aber nicht. Und da gibt’s im Endeffekt nur zwei Dinge: zusperren oder was anderes überlegen.“
Sie macht einen Schluck und lächelt: „Ich hab’ mir halt was anderes überlegt.“
Nämlich eine Neuorientierung in der programmatischen Ausrichtung und inhaltlichen Positionierung: Nach wie vor werden zeitgeschichtlich-gesellschaftskritische und emanzipatorische Belletristik und Sachbuchliteratur veröffentlicht, doch Wieser trennt all die Belange nicht in jene von Frauen und Männern als wesensverschiedene Daseinsformen – ein Zugang, der sich auch personell niederschlagen sollte. Ein neues Verlagsteam ist angetreten, „heftige Bücher für heftige Menschen“ zu veröffentlichen, wie Wiesers Lieblingsslogan lautet. Ein verlegerisches Credo, das auch die literarischen Hervorbringungen männlicher Schriftsteller umfasst, von Bernhard Mooshammers Rock’n’Roll-Erzählung „Zeit der Idioten“ bis hin zur Neuauflage von Günter Brödls erfolgreichem und mittlerweile vergriffenem Ostbahnkurti-Krimi „Blutrausch“.
Wird dadurch der Verlag nicht auch ein wenig austauschbar, ohne sein über Jahrzehnte gepflegtes und beworbenes Spezifikum?
„Aber geh!“, meint Wieser, „Wer bitte interessiert sich fürs Gesamtangebot eines Verlages – die Publikation selbst zählt. Die muss gut sein!“
Und hier kommt Autor, Übersetzer, Kulturwissenschaftler und wandelndes Filmlexikon Thomas Ballhausen mit ins Spiel. Bei einem verlagsinternen Brainstorming wurde nämlich die Idee laut, doch „was mit Monstern, Horror zu machen“. Und Vanessa Wieser setzt hinzu: „Mir taugt das, ohne da besonders versiert zu sein. Und da ist mir der Thomas empfohlen worden.“
6. „Exquisite corpse – die schöne Leiche: das Schreiben beziehungsweise Weiterschreiben an einem Textkörper!“ beginnt Thomas Ballhausen das Konzept der Reihe zu umreißen, während sich die Sonne über der Josefstadt – wie passend – zum Untergehen anschickt.
„Es ist eine seriöse Einladung an die Leser, es sind schöne Bücher in Inhalt und Gestaltung und trotzdem leistbar!“
Ballhausens Augen, beginnen, wie immer, wenn er von etwas begeistert ist (und das ist oft der Fall), in der Dämmerung zu leuchten.
Ausgehend von der Beschäftigung mit dem Außergewöhnlichen, Unheimlichen und Monströsen in seinen unterschiedlichen Ausprägungen ist bei „exquisite corpse“ ein publizistischer (Frei)Raum entstanden, der auch abweichlerische ästhetische und politische Fragestellungen, also Off und Off-Off Mainstream, erlaubt. Unterstützt von einem internationalen Board zumeist junger, „hungriger“ Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen will Ballhausen hier einen Platz für wissenschaftliche Werke wie auch ausgewählte einschlägige Primärliteratur schaffen und diese – nicht zuletzt aufgrund einer sehr entgegen kommenden Preispolitik – einer breiten Leserschaft anbieten.
Vier Bände sind seit 2008 bis dato erschienen:
das zu Beginn erwähnte „Scharfe Zähne“ von Toby Barlow;
„Grendel“ von John Gardner, der den mythenumflorten Kampf des nordischen Recken Beowulf gegen das Monster Grendel aus der Sicht des Monsters beschreibt, das mitunter menschlicher erscheint als die in Ränke und grausame Intrigen verstrickte Menschheit;
„Liebe und Napalm – The Atrocity Exhibition“ des visionären Science Fiction-Autors James G. Ballard (der u.a. auch die literarische Vorlage zum Film “Crash” des obgenannten David Cronenberg lieferte), die Neuauflage eines in eine Vielzahl von Miniaturkapiteln unterteilten literarischen Experiments über eine sich in technologischer Raffinesse suhlenden und moralischer Auflösung befindlichen Menschheit (und die daraus resultierende Paranoia und Gewaltverliebtheit), über das die FAZ urteilte: „J. G. Ballard hat die Zukunft vorausgedacht. Es ist seine Welt, in der wir heute leben“;
und – gleichsam als Einleitung – „Delirium und Extase: Die Aktualität des Monströsen“, eine Essay-Sammlung Ballhausens selbst, die die Aktualität des Monster-Begriffes in den Mittelpunkt stellt und ästhetische mit historisch-politischen Fragen verquickt. Die thematische Vielfalt des Bandes, die von der klassischen Literatur bis zu populären Filmgenres reicht, entspricht durchaus der Vielgestaltigkeit des Hässlichen und Unheimlichen sowie dem ungebrochenen Interesse an einem Themenfeld, das den Alltag auf mehr Weisen durchdringt, als gemeinhin wahrgenommen wird: Film, Comics, Theater, Fotografie, Malerei etc. Das „Schickliche“, die „guten Manieren“ in ihrem kulturellen Kontext und deren Kippen ins Abweichlerische, Monströse sind dabei genauso Thema wie der alte Horrorfilm „The Raven“ und dessen Rezeption. Zwischen akademisch abgesegnetem Wissenschaftssprech (manche Sätze sollte man langsam lesen, so man nicht mit sämtlichen Kulturwissenschaftstheorien der vergangenen fünfzig Jahre beschlagen ist) und spürbarer Begeisterung für die Sache legt Ballhausen mögliche Zugänge und komplexe Denkwege zu ebenso komplexen wie auch scheinbar einfach zu durchschauenden Werken: ein Wegweiser in die dunklen Viertel der Orte und der Psyche. Man darf auch Erkenntnisgewinn dazu sagen.
Ein Ende der Reihe ist nicht abzusehen.
7. Langsam ist’s im Heurigengarten dunkel geworden. Thomas Ballhausen muss noch eine Retrospektive mit subversiv-schlüpfrigen Filmen im Metro-Kino eröffnen und verabschiedet sich. Vanessa Wieser und der Schreiber dieser Zeilen bleiben noch ein wenig sitzen, bestellen noch ein Viertel (man ist ja schließlich nicht zum Spaß da) und denken im sich ausbreitenden Mondlicht über die Faszination am Verbotenen, Grausigen, Unheimlichen und die Hassliebe des Menschen zum Monster nach. Der Weg vom alienverseuchten Raumschiff der Zukunft über das neblige Whitechapel eines Conan Doyle bis hin zur „gemütlichen“ Josefstadt scheint nicht weit zu sein.
Und auch die Grenzen selbst verschwimmen: „Ich bin ein Monster“, sagte beispielsweise der britische Horrorschriftsteller, Fotograf, Maler und Regisseur Clive Barker beim Filmfestival in Sitges 2009 auf die Frage, wie sich all seine Geschichten verbinden ließen. „Schauen Sie, ich bin als schwuler Junge aufgewachsen, bin geschlagen, getreten, verspottet worden. Ich habe mich immer als Monster gefühlt.“ Ob sich daran jemals etwas ändern würde? „Nein“, meinte Barker.
Dem ist wenig hinzuzufügen.
Außer dass die abseitigsten Viertel sowieso in uns selbst liegen. Auch ohne Heurigen.
Aber das wussten wir doch sowieso schon alle.
Thomas Fröhlich:
Geb.1963 in Wien; lebt in St. Pölten und Wien. Wissenschaftlicher Bibliothekar an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Red. beim Webmagazin evolver. Verfasser von Rezensionen und Essays zu den Themenbereichen Literatur/Film/Popkultur. Gelegenheits-DJ. Schreibt seit einigen Jahren auch Belletristik. Veröffentlichungen in etcetera, Rokko’s Adventures, MFG, Wiener Zeitung, Die Furche, evolver, Podium, OstraGehege, keine ! delikatessen, & Radieschen, Pandaimonion sowie diversen Anthologien. Träger des Förderpreises für Kunst und Wissenschaft (Literatur) der Stadt St. Pölten 2008.
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