54/blind/Interview: Eva Riebler im Gespräch mit Otto Lechner

Eva Riebler im Gespräch mit
Otto Lechner

Otto Lechner am 8.9.13 in seinem Haus im Kamptal im Gespräch mit Eva Riebler
 

Der Herbst ist für alle Künstler eine betriebsame Zeit. Du warst nun eine Woche unterwegs auf Literatur-Musikreise mit den Nomaden des Seins. Bist du ein Nomade des Seins und welchen Seins?
Das Wort provoziert einmal und reizt, Ich würde schon sagen, dass es für mein Leben meistens keine Vorbilder gegeben hat. Ich muss schon... muss sagen, es gibt kaum Vorgaben. Sehr oft kommt man drauf, dass man sich sein Leben selbst erfindet, das läuft nicht nach einem Muster ab, hat kaum Vorgaben, von denen du sagen könntest, das hat der Künstler oder Komponist so und so vor mir schon gemacht oder so… in vielen Dingen ist es frei erfunden.

Nomade zu sein, klingt so romantisch:
Ja genau. Wenn man sich mit Nomaden beschäftigt, sieht man das Moment des Zyklischen: Sommer-Winterweide, das Zyklische ist etwas Schönes! Du hast eine Bahn. Welchen Seins? Die Pause habe ich mir vorgenommen seit längerem, damit es klappt. 4-5 Monate nichts spielen, Konzerte werden auf 1,2 Jahren ausgemacht, daher ist Pause ab Mitte November bis März. Sogar die Eröffnung des Wiener Akkordeonfestes mach ich auch nicht. Du kannst keine Ausnahmen machen. Den Anfang und das Ende darfst nicht reinrutschen lassen. Es ist eine schwierige Übung.

Improvisierst du mehr auf der 0rgel oder am Akkordeon?
Ich hab für die Orgel nie etwas komponiert. Wenn ich an der Orgel sitze, gibt’s Improvisation, für Orgel hab ich nichts, keine vorgeformten Muster, in die ich reinrutschen könnte. Ich habe fürs Akkordeon komponiert. Beim Akkordeonspiel könnte es sein, dass ein Fragment einer Komposition erklingt. Es gibt immer Unterschiede. Andererseits mit der reinen Improvisation ist es so eine Sache, man kann es nicht vermeiden, dass bereits Passiertes reingerät oder Dinge wiederholt werden, Bewegungsabläufe oder emotionelle Abläufe sich gleichen, durt und da.

Gibt es ein Konzert doppelt?
Nun ja, das ist schwer, weil, wäre man ein genauer Mensch, müsst man sagen, das ist sowieso unmöglich. Das müsste auch für klassische Musik gelten. Andererseits ist das mit der reinen Improvisation auch so eine Sache. Es passiert, dass man in Vorgeformtes reinrutscht. Was ich nicht kann und gottseidank auch nicht will, ist, mich zu wiederholen. Ich will`s gar nicht wissen, wie das ist. Aber ich versuch, mich nicht zu wiederholen.

Das Akkordeon begleitet dich oder umgekehrt du es?
Ja, seit dem 4. Lebensjahr, mindestens!
Ich hab immer gedacht ich bin Musiker und nicht Akkordeonspieler und spiele irgendwelche Instrumente. Ich spiel auch gern Klavier und Keyboard und auf elektronischen Tastaturen oder exotische Instrumente. Am Akkordeon hab ich einen besonders individuellen Stil, den ich sogar selber wieder erkenne. (lacht) Beim Klavierspiel ist mehr die Gefahr, dass ich kopiere, was ich schon bei anderen gehört habe.

Wir sind beim Abschiedsfest von Joachim Schloemer Ende Juni im Festspielhaus übereingekommen, wir reden nicht über blind sondern über Kafka. Bei mir
hat mit ihm das Interesse an Literatur begonnen und so habe ich dann Germanistik studiert. Wieso ist Kafka dir ans Herz gewachsen?

Ja, er ist mir ans Herz gewachsen. Weil er eine Art von Fremdsein definiert, das ich fühle und viele andere Leute auch, und dieses Fremdsein, das verliert für mich, muss i schon sagen, durch Kafka ein bisschen seinen Schrecken, weil er das manchmal auch sehr nüchtern darstellen kann und dann wird das Fremdsein greifbar. Das ist so etwas schön Absurdes, das für mich der Kafka besonders schafft. Da liegt mein Verstehen, das Heimelige, worüber ich dann sehr lachen kann.

In Kafkas erstem Erzählband steht so humorvoll: Niemand geht über die Straße. Er hat blaue Schuhe an.
Ja das kann lustig sein, das tut richtig gut, wenn man den ersten Schreck überwunden hat. Da liegt so ein Feuer drinnen.
Bei dem Gedicht „die Heimkehr“ denke ich immer: Er steht vor der Türe und gehört nicht dazu und belauscht die anderen von draußen. Und ich überlege: Bin ich es der lauscht oder sind es die anderen? So wie Kafka haben es viele wichtige Autoren in ihren Epochen gemacht, dass man durch diese Beschreibung gewisse Identifikationsmöglichkeiten schafft und man sich selber dann wieder irgendwie benennen kann. Da würde sich die Katze in den Schwanz beißen. Und ich würde dann sagen, dass mein Leben doch nicht frei erfunden sein kann. Gewisse Dinge definieren sich durch den Geist des 20. Jahrhunderts. Kafka hat bewiesen, er hat eine klare Beweisführung darüber, dass es die unbescholtene Bürgerlichkeit nicht gibt, nicht geben kann. Man kann nicht alle Gesetze befolgen, weil das ein zu dichtes Gesetzeswerk ist. Das heißt, du musst Fehler machen, du musst Regeln übertreten. Diese klare Definition ist wichtig für das 20. Jahrhundert.
Die Schweizer verstehen das, sie stehen viel mehr in der Spannung und wissen, was das heißt, dass sich einer so bemüht, sich wirklich bemüht, und dass dies nichts nützt. In der Schweiz machte ich Lesungen, wo ich auswendig diese Geschichten von Kafka erzähle und die Schweizer amüsieren sich köstlich. Das Bemühen ist ihnen wichtig!
Der Österreicher ist so unklar, so schlampig in vielen Dingen, dass er gar nicht für das, was der Kafka da sagen will, die Empfindung hat. Er sagt, da fang ich gleich gar nicht an. Jedoch z.B. passiert es im Ländle, dass ein Schweizer im Supermarkt die Milchflaschen zurückstellt, und einer hinter ihm sagt: Wo sind die Deckeli? Das sind die Schweizer! Kafka ist für mich wichtig. Als Blinder hat es eine besondere Spannung, sich beim Lesen etwas vorzustellen. Denn ich lebe von der Beschreibung, um mir Menschen vorstellen zu können. Ich seh` sie ja oft idealer, weil ich sie nicht seh! Einer wie ich, einem dem etwas fehlt, der lebt von der Beschreibung von Welt und was andere tun! Eine Zusatzspannung sozusagen!

Träumst du in Bildern?
Ich habe in Bildern geträumt, so lang ich was gesehen habe, einzelne Bilder blieben über, die von damals sind. Ich träume heute weniger in Bildern, eher in Wahrnehmungsformen, die ich hab.

Ist nicht die Musik dir besonders wichtig? Träumst du mit Musik?
Meine Träume sind nicht besonders spannend punkto Musikerlebnis. Sie haben eher mit Angst, Ehre oder mit Tun zu tun. Z.B.: ich hab einen Auftritt, komme zu spät, merke mir den Text nicht etc.

Ist es nicht die Angst, die einem mehr in Erinnerung bleibt als das Positive?
Ich muss net alles negativ besetzen. Es gibt spannende Momente. Z.B.: Geht’s sich`s aus oder net. Ängste sind überall dabei, ohne das Vorhandensein von Angst, wird dir auch der kurze Glücksmoment net klar sein! Das ist ein ganz natürlicher Unterbau, den man hat. Es ist nicht alles, was jetzt Angst ist, negativ zu bewerten.

Wenn man Otto Lechner googelt, was glaubst du, was kommt?
Das weiß ich nicht! Das weiß ich nicht! Das ist schon Jahre her, dass ich mir angeschaut habe, ob und wie der neue Internetbrowser funktioniert!

Stichwort Aktionsradius. Es kommt deine Stimme: „Ich bin der Augarten-Bürgermeister. Ich bin auf Urlaub, wenn ihr mich hört, bin ich nicht da!“
Ja, das war ein Kunstprojekt. Wir haben uns die Frage gestellt: Ist das so toll, den Wallensteinplatz nach einem Verwüster zu benennen? Die Benennung Wallensteinplatz am Augarten gibt es seit vielleicht 150 Jahren und wir haben uns entschuldigt für die Verwüstung Dresdens durch Wallenstein. Es kamen Gäste aus Dresden, ich war aber auf Urlaub und so habe ich vorher die Rede aufgenommen und eine Pappmachefigur hingestellt und diese Worte wurden vorgespielt.

Ich war gestern im Kunsthistorischen Museum bei der Presseeröffnung der Ausstellung Lucian Freud. Lucian Freud sagte, wenn er blind wie Degas würde, würde er Skulpturen machen.
Ich kann mich an keine besonders gute Skulptur erinnern, die ein Blinder gemacht hätte! (lacht)

Es gibt blinde Maler und Fotografen, sollte ein Musiker taub sein?
Auch da haben wir Beispiele, es gibt den Briefwechsel von John Cage und Edgar Varese und die unterhalten sich darüber – „Hörst du etwas, wenn du komponierst?“ und der andere sagt: „Ja ganz sicher!“ Der andere fragt dann noch: „Bist du dir ganz sicher?“ Antwort: „Na, eigentlich net!“ Um zu komponieren und Musik zu erfinden, ist es nicht zwangsläufig so, dass man nachlauschen muss, denn in Wirklichkeit kann ich, auch wenn ich es noch so genau ausführe, den Klang des Werkes nicht vorhersehen. Es hängt ab, in welchem Raum das stattfindet und unter welchen akustischen Bedingungen, das aufgeführt wird.
Man schafft Strukturen. Ich kann in mir musizieren. Ich kann Akkordeon spielen, ohne es umgehängt zu haben. Das ist mir kein Problem. Ich spiel` selten allein für mich, entweder ich habe eh Musik im Kopf und versuch mir das vorzustellen oder ich spiel vor und mit einem Publikum.

Hörst du etwas, wenn du komponierst?
Ja sicher. Na eigentlich net!
Ein Musiker hört nach innen, wenn er blind ist noch viel mehr.

Inwiefern inspiriert dich das Publikum?
Ungeheuer! Ja, das ist das Schöne an der Performance. Ich frage mich immer, woher kommt das, dass man alle seine Kräfte mobilisieren kann. Und da sind wir wieder bei der Angst! Ich glaube, in Urzeiten hieß das nie was Gutes, wenn einer alleine stand. Entweder er wurde geopfertoder er war angeklagt, zumindest musste er sich einer Gruppe gegenüber verantworten! Urängste entstehen, da reißt du dich zusammen. Vor Publikum mobilisierst und konzentrierst dich noch mal. Das kannst du alleine nicht herstellen. Oder zumindest ich kann das nicht! Gestern habe ich vor Publikum in Wien gespielt, denn Manfred Wieninger hat den Theodor Kramer Preis bekommen. Der hat soviel recherchiert. Er hat viel publiziert in der Zeitschrift der Theodor Kramer Gesellschaft …

Ja, Manfred Wieninger aus St. Pölten. Seine Krimi mit seinem Kommissar Marek Miert spielen in St. Pölten. Er schrieb vorher „St. Pöltens Straßennamen erzählen“. Im Werk erwähnte er, dass noch 1986 oder 1989 im Gemeinderat Straßen nach ehemaligen Nazis benannt wurden.
Ich kannte ihn nicht. Den Preis bekam er für sein Gesamtwerk.

Ich komme vom heurigen Philosophicum Lech. Das Ich in seinem Netz war das Thema. Robert Pfaller meinte: Traurig und komisch ist, wenn wir etwas gegen
Studienabrecher und für die Studienmobilität tun wollen, zerstören wir die Uni, als Orte neugierigen Nachdenkens und kritischer Selbstreflektion der Gesellschaft zur Gänze, ohne irgendwas zu verbessern. Vernunftsmaßnahmen haftet fast immer etwas Exzessives, Panisches und Blindes an. Sie zerstören uns das, wofür es sich zu leben lohnt. Wie siehst du das?

Ja, Robert Pfaller, der ist ja ein super Entertainer so nebenher! Ja, ich halte den Aspekt, den er betont schon für sehr, sehr wichtig. Es ist eine Gesellschaft wirklich dabei, sich den Lebensnerv wegzureglementieren, ja, das ist so. Da habe ich wirklich das Gefühl, das ist eine Art von Zerstörung der inneren Kräfte, die eine Vitalität von großen Menschengruppen betrifft. Da langt man wo an, woraus letztendlich der Druck entstehen wird zu einer neuen Irrealität, man kann natürlich nicht sagen, was daraus entsteht oder sich manifestiert. Diese Reglementierung ist sehr gefährlich.

Was sagst du zur neuen Bildungsoffensive, z.B. zur Zentralmatura, bei der wieder AHS und BHS die gleichen Themen zur Matura bekommen?
Da gibt’s etwas das von dem blöden, blöden Sprichwort kommt: Nicht für die Schule, fürs Leben lernen wir. Da hab ich halt diesen blöden Verdacht, dass man den Kindern und Jugendlichen praktisch wirklich lernt, im Leben wird’s genauso langweilig sein wie hier.

Wollte man sich früher mehr bilden, entwickeln und lernen? Heute hat man den Verdacht, der Schüler lernt Performance. Wie der Titel des Theaterstücks nach Mira Lobe, das heuer noch über 30x im Landestheater aufgeführt wird, lautet: „Ich bin ich“.
Ich habe Schule immer so erlebt, dass es immer gegen mein Selbstbewusstsein gerichtet war. Die Schule hat mich immer klein gemacht. Das wollte mich immer klein machen und Angst machen. Da musst du das irgendwie korrigieren. Ob es das Gegenteil gibt und ob die Message notwendig ist, weiß ich nicht. Die Schüler gehen oft sehr gerne in die Schule, kennen sich hinten und vorne oft gar net aus. Die Schulangst aber, die gibt’s nicht mehr, die hat sich transformiert. Jetzt muss man sich vor den Erwartungen der Eltern vielleicht mehr fürchten als vor den Erwartungen der Lehrer, aber auch das ist nicht der Fall! (lacht) Nein, nein! Die Frage ist, wie kann ich dem entgegensteuern, dass die, die ehrgeizig sind, etwa darüber hinaus lernen, etwas erreichen. Viele denken bloß: „Ich will die Prüfung schaffen!“ Was kann sich ein Schüler noch merken? Wie kann man diesen noch motivieren? Es ist wie bei der Wanderung, der gute Antrieb ist die Jausenstation! Die Frage ist: Was kann i no reinschummeln, darüber hinaus? Man wird’s irgendwie reinschummeln müssen! Und reinschummeln tue ich immer gern etwas. (lacht) Auch bei Konzerten. Ich mag versteckte Klassik zum Beispiel.

Wie sieht das aus?
Dass Formen vorkommen, die du in der Musik gar nicht vermuten würdest und die du gar nicht checkst. Dass eigentlich eine große Form da ist. Ich bin z.B. für den sinfonischen Ablauf, dann ist es a runde Gschicht! Mehr sollte eine Sinfonie ja auch nicht sein. Die rechtfertigt sich ja nicht durch die Form, sondern durch das Funktionieren der Form. Jedes Konzert ist auf die formale Gestaltung angewiesen. Bei den Nomaden des Seins letzte Woche haben wir auch viel geredet über die Form. Bei jedem Konzert, soweit ich den Einfluss auf die formale Gestaltung habe, wird es irgendwie mit Liturgie zu tun haben.

Wie bei Bodo Hell?
Ja, ich kenne ihn, wir sind beide auf einer Platte, auf Broad Loam, auf einer Live-CD! Wir haben uns gefragt: „Was ist für dich Liturgie?“: Für mich ist es z.B. der Ablauf, das Kyrie eleison am Anfang, die Predigt, der Schluss usw.

Die Einteilung?
Dieser Grundablauf. Damit du feiern kannst, musst du vorher Buße tun. Die Abschnitte mehr oder weniger genau nehmen. Wie eben ein Kind die Messe erlebt und
da das Bild bemühen: Es gibt ein Grundverständnis in einer abendländischen Gesellschaft, das gibt’s doch immer, auch wenn wir schon längst Nonatheisten sind. Es gibt das Grundverständnis für die Wandlung. Wir wollen schon, dass etwas mehr wird, als es ist. Vielleicht ist das auch beim Geld so! (lacht) Bei den Nomaden ist es mir aufg`fallen, es gibt eine unheimliche Sehnsucht, ein Wollen. Das ist eine Vertrauenssache, dass man sich verzaubern lässt. Dass man fünf Tönen, die nebeneinander oder hintereinander stehen, Bedeutung gibt, die sie nicht haben müssen.

Da passt das Obertonsingen gut dazu. So allumfassend.
Es ist ursprünglich und unendlich, aber es ist begrenzt. Das Potential, das ein Ton hat, geht gegen unendlich, ist aber begrenzt. Hat einen Limes nach oben hin, höher geht’s nicht. Ist eine schöne Sache, aber jede Klangfarbe hat das. Beim Obertonsingen betont man diese Teiltöne. Der gestandene Musiker sagt: Bildet euch nichts Besonderes ein. Aus so etwas besteht ein Ton einfach!

Schließen wir mit Kafka? Im Prozess heißt die Handhaltung mit gespreizten Fingern von Josef K. vor seiner Ermordung für Deutsche: Seid milde mit mir. Ich bitte um Verzeihung. In Österreich würde es heißen: durch die Finger schauen.
Ja, das heißt: Ich bin übrig geblieben, ich schaue durch die Finger! Wie beim Finanziellen! (lacht) Als ich vor kurzem beim Wandern Kafka zitierte, hat sich Anne sehr geschreckt. „Es ist ein Wunder, dass wir nicht singen.“, sagte ich. Dies ist der letzte Satz in Kafkas Erzählung. Da geht es wieder um Niemande. Die Missdeutung oder Andersdeutung von Gesten oder Symbolen ist für Afrikaner witzig, wenn sie vor Wahlplakaten stehen und lesen: Jetzt krempeln wir die Ärmel auf. Für Afrikaner hat das die Nebenbedeutung, die wir nie verstehen werden: Jetzt geht’s um die richtig Drecksarbeit, ums heimliche Zusammen-Packeln! Jetzt machen wir den richtigen Betrug.

Als Schlusswort. Was sagst du zu der Aussage: Wir müssen auf vernünftige Weise vernünftig sein. Musstest du das auch, inwiefern?
Ich sag mit Gratzl: Du musst müssen müssen! Und in einem Refrain eines afrikanischen Liedes heißt es: Bua, du musst immer frei sein für die Freiheit! Und vor lauter Freiheit vergisst man auf das vorher stehende musst und das schließt die Freiheit dann aus! (lacht)
Und jetzt kann ma sagen, dass die 10 Gebote schlecht verstanden sind, denn da steht eigentlich: Du sollst!

Du sollst, ich soll, wir sollen aufhören! Ein gutes Schlusswort! Danke für das Ge...
(Otto Lechner summt und Anne Bennent singt)

 

Otto Lechner

Geb. 1964 in Melk an der Donau, aufgewachsen in Gansbach (NÖ) Lechner besuchte das Stiftsgymnasium in Melk, unter anderem mit dem Kabaretisten Josef Hader. Er ist seit seinem sechzehnten Lebensjahr blind und lebt seit zwanzig Jahren als Musiker und Komponist in Wien (seit 2007 mit der Schauspielerin Anne Bennent). Im Mittelpunkt seiner Arbeit, die stark von der ethnischen und kulturellen Vielfalt dieser Stadt geprägt ist, bewegt sich das Akkordeon weiter - zwischen Literatur, Theater und Jazz.

Erschienen im etcetera Nr. 54 / blind / Dezember 2013

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54/blind/Interview: Eva Riebler im Gespräch mit Otto Lechner

54/blind/Interview: Gisella Linschinger im Gespräch mit Eugen Gomringer

Gisella Linschinger im Gespräch mit
Eugen Gomringer

Denkspielcharakter

Eugen Gomringer zählt zu den bedeutendsten Dichtern der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur und wird als „Vater der Konkreten Poesie“ bezeichnet. Er gründete und leitet das IKKP – Institut für Konstruktive Kunst und Konkrete Poesie in Rehau. Über den Entstehungsprozess seiner Gedichte, das Verhältnis von Sprache und Gedicht sowie die Zukunft der Konkreten Poesie sprach mit ihm Gisella Linschinger.


Eugen Gomringer beim 1. Gmundner Symposium für Konkrete Kunst TEXTBILD-BILDTEXT, 1990, Foto: ©Franz Linschinger

Herr Gomringer, Sie gelten als Erfinder der Konkreten Poesie. Wodurch zeichnet sich diese Form der Dichtung aus?
Konkrete Poesie wurde erfunden, um der dichterischen Sprache eine Funktion zu geben im Sprachgeschehen der Nachkriegszeit. Unsere Sprachen befinden sich auf dem Weg der formalen Vereinfachung. Es bilden sich reduzierte, knappe Formen.
Es zeigt sich auch die Tendenz, viele Sprachen durch einige wenige, allgemeingültige zu ersetzen. Durch ihren modernen Zeichencharakter hat sich die Schrift an die Notwendigkeit der schnelleren Kommunikation angepasst. Sie wird in ihrer Verknappung neben der gesprochenen Sprache so notwendig, wie es optische Eindrücke neben akustischen sind. Zugleich tritt sie in den Bereich praktisch-ästhetischer Wertung. Die Schlagzeile und das Schlagwort schlagen nicht nur durch Lautkombination und Inhalt, sie schlagen auch durch das Schriftbild. Ähnliches gilt auch für längere Texte, die visuell behandelt und nach grafischen Gesichtspunkten gesetzt werden, um sich als Ganzes einzuprägen. Diese Verknappung und Vereinfachung der Sprache bedeutet nicht das Ende der Dichtung. Knappheit im positiven Sinn – Konzentration und Einfachheit – ist das Wesen der Dichtung. Heutige Sprache und Dichtung können einander demnach formal und substantiell speisen.
Das neue Gedicht ist als Ganzes wie in den Teilen einfach und überschaubar. Es beschäftigt durch seine Kürze und Knappheit, ist memorierbar und als Bild einprägsam. Es wird zum Seh- und Gebrauchsgegenstand: Denkgegenstand – Denkspiel. Der neue Spielcharakter des Gedichts hat mich zu meinem ersten Gedicht inspiriert. Diese Konstellation bestand aus den Wörtern ping pong.

Was ist eine Konstellation?
Die Konstellation ist die einfachste Gestaltungsmöglichkeit der auf dem Wort beruhenden Dichtung. Sie umfasst eine Gruppe von Wörtern – so wie ein Sternbild eine Gruppe von Sternen umfasst. In ihr ist zwei, drei oder mehreren neben oder untereinandergesetzten Wörtern – es werden nicht zu viele sein – eine gedanklich-stoffliche Beziehung gegeben. Und das ist alles!
Die Konstellation wird vom Dichter gesetzt. Er bestimmt den Spielraum, das Kräftefeld und deutet seine Möglichkeiten an. Der Leser nimmt den Spielsinn auf: Dem Wissen um die Möglichkeiten des Spiels kommt heute die gleiche Bedeutung zu wie ehedem der Kenntnis klassischer Dichtersatzungen.
Der Dichter kann die Konstellation auch so ausrichten, dass ihr der Leser Punkt um Punkt folgt: Er wird dadurch nicht vergewaltigt. Die Konstellation ist das letztmöglich absolute Gedicht.

Sie sprechen Deutsch, Schweizerdeutsch, Spanisch, Französisch und Englisch. Beeinflusst die Mehrsprachigkeit den Entstehungsprozess Ihrer Gedichte?
Die Mehrsprachigkeit ist das wichtigste Moment der Entstehung der Konkreten Poesie. Die einfache Form der Konstellation soll allen Sprachen offenstehen als Möglichkeit des Gedichts.
Es können auch mehrere Sprachen in einer Konstellation kommunizieren. Die Konstellation ist inter- und übernational. Ein englisches Wort mag sich zu einem spanischen fügen. Wie gut passt die Konstellation auf einen Flughafen! Im Prinzip ist die auf dem Wort beruhende Konstellation aber nicht zu übersetzen. Sie meint es wörtlich, einmalig.

Woran arbeiten Sie gerade?
Im IKKP haben wir pro Jahr vier bis fünf Ausstellungen zum Thema Konstruktive Kunst und Konkrete Poesie. Erfreulich viele Besucher und Interessierte kommen nach Rehau, was eine Unmenge an Korrespondenz nach sich zieht. Außerdem reise ich sehr viel.
Ich bin gerade aus Osnabrück zurückgekommen, wo ich gemeinsam mit Josef Linschinger auf Einladung der Friedrich Vordemberge-Gildewart-Initiative die Ausstellung „texte und editionen. konkrete poesie trifft konkrete kunst“ mit einem Vortrag eröffnet habe. Nun bereite ich mich auf die Ausstellung „Robert S. Gessner – Ingo Glass – Eugen Gomringer“ in Budapest vor. Danach geht es wieder nach Zürich. Natürlich schreibe ich neben der Institutsarbeit auch Texte und Gedichte.

In der Wiener Edition Splitter, die sich einer kritischen Kultivierung des Lesens verschrieben hat, wurde Ihr Gesamtwerk verlegt. Auch im Verlag Bibliothek der Provinz sind Bücher von Ihnen bzw. über Sie erschienen. Was verbindet Sie noch mit Österreich?
Österreich war mir immer vertraut und wird es mir auch bleiben. Es ist ein für Dichtung sehr offenes Land. Die Gmundner Symposien für Konkrete Kunst, an denen ich oftmals teilnahm, hatten in den 1990er Jahren und zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine enorme Wirkung. Zur Zeit übt das Museum der Wahrnehmung in Graz eine wichtige Funktion aus. Am 29. November diskutiere ich dort mit Bettina Irina Reimers, Archivleiterin der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung in Berlin, über Friedrich Fröbels Ursachen des Vergessens, der Verwechslung und des partikulären Interesses.

Blicken Sie optimistisch in die Zukunft der Konkreten Poesie?
Ja, denn es melden sich bei uns jede Woche neue Dichter und Künstler, die auf dem Gebiet der Konstruktiven Kunst und Konkreten Poesie arbeiten und Kontakt und Information suchen. Die junge Generation Konstruktiv/Konkreter führt uns sehr positiv vor Augen, dass das Potential dieser Kunst, die sich vor hundert Jahren manifestiert hat, noch lange nicht ausgeschöpft ist, indem sie sie auf ihre Weise weiterentwickelt. Das gibt Hoffnung und Zuversicht.

 

Eugen Gomringer
Geb. 1925 in Cachuela Esperanza, Bolivien. Studium der Nationalökonomie und Kunstgeschichte in Bern und Rom. 1953 Mitbegründer der Konkreten Poesie. 1954-1958 Sekretär von Max Bill, Hochschule für Gestaltung Ulm, ab 1975 Professor Kunstakademie Düsseldorf, 2000 Gründung des Instituts für Konstruktive Kunst und Konkrete Poesie in Rehau. Eugen Gomringer wird zu den bedeutendsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur seit den 1950er Jahren gerechnet und gilt überdies als Initiator und prominentester Vertreter der Konkreten Poesie (Internationales Biographisches Archiv). Zuletzt erschienene Publikationen: Vier Bände Sonette, 2008-2012 Admirador, Verlag Matthes & Seitz, Berlin, 2012.

Erschienen im etcetera Nr. 54 / blind / Dezember 2013

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54/blind/Interview: Gisella Linschinger im Gespräch mit Eugen Gomringer

54/blind/Interview: Gisella Linschinger im Gespräch mit Michael Stavarič

Gisella Linschinger im Gespräch mit
Michael Stavarič

Has the whole world gone mad? Or have I?

Der Chamisso-Preisträger über die Industrialisierung des Tötens, den Verlust der Vergangenheit und sein neues Buch. Ein Interview von Gisella Linschinger.


© Foto: Claudia Schumann

Auf dem Titelfoto von „Königreich der Schatten“ spritzt dir aus dem aufgeschlagenen Buch Blut entgegen. Wie hat sich das angefühlt?
Die Visualität spielt in diesem Buch eine große Rolle, ich hab mich viel mit Bildern und Bildwelten beschäftigt. In diesem Sinne war sehr bald klar, dass das Cover diesmal eine starke (visuelle) Botschaft tragen muss. Fleisch und Blut sind eine starke Botschaft … aber mir gefiel auch die Tatsache, dass hier das Cover in vielerlei Richtungen gedeutet werden kann. Etwa: Lesen verändert dein Leben! Oder: Menschen, die lesen, werden von Systemen liquidiert. Und mal davon abgesehen, es geht in diesem Buch um ein blutiges Handwerk.

Ich schätze an deinen Romanen den unmerklichen Wechsel von Realismus zu Surrealismus. Als Leserin wäge ich mich zuerst in der vermeintlichen Sicherheit des mir bekannten Referenzrahmens, doch dann schleichen sich Elemente ein, die die Alltagswelt verzerren und mich verunsichern. Ich lese zum Beispiel das Programm der Fleischereifachmesse, das die Komik von Konferenzbeiträgen gekonnt imitiert. Danach schildert Rosi Schmieg ohne mit der Wimper zu zucken Bestialitäten, bei denen ich mich frage, ob ich sie glauben soll oder nicht, da sie trotz aller Übertreibung in ein gewisses Schema passen: Sensationalismus um jeden Preis.
Ich bewege mich tatsächlich gern an der Grenze zwischen Realität und Fiktion, Realismus und Surrealismus, in diesem Buch wohl auch Ironie und Zynismus. Schließlich wird auch das Schlachten von Tieren und das Handwerk des Metzgers den Gräueln des Zweiten Weltkrieges gegenübergestellt. Wir leben in einer Gesellschaft, die längst pervertiert ist. Immer mehr Menschen (zu viele), wollen immer billigeres Fleisch.
Das 20. Jahrhundert ist geprägt von einer „Industrialisierung des Tötens“, sowohl von Tieren als auch Menschen. Alle wollen immer im Rampenlicht stehen, die Egomanie ist auf dem Vormarsch und mittlerweile ist es sogar amtlich: 1 Prozent der Weltbevölkerung besitzt mehr als 50 Prozent des Weltvermögens (materiell und immateriell). Last but not least ist die Fleischereimesse eine Parabel auf die Buchmesse, selbst das Medium Buch ist längst von Kommerz und „Industrialisierung“ durchdrungen. Junge AutorInnen werden hochgelobt und verschwinden alsdann wieder, alle sehen wie Models aus und das Schreiben verkommt zu einer Spielwiese für Eitelkeiten. Ich sehe mich selbst und dieses Buch als Parodie…

Wenn ich deine Frankreich-Beschreibung lese, bin ich versucht, den Atomfreizeitpark, die Reptilienfarmen und Affenhäuser für eine Ansammlung erfundener Absonderlichkeiten zu halten...
In der Region Poitou-Charentes gibt es tatsächlich derartige Einrichtungen in unmittelbarer Nachbarschaft. Ein Erlebnisbad mit dem passenden Namen „Abysséa“ steht neben dem Atomkraftwerk Civaux und nur ein paar hundert Meter weiter befindet sich ein Krokodilpark. Beide Freizeitattraktionen werden mit Atomstrom versorgt und wurden errichtet, um die Gegend zu beleben. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass man mit dem warmen Abwasser von Atomanlagen, das ja angeblich absolut unbedenklich und unverstrahlt ist, direkt eine Art Thermalbad betreibt. Wer billigen Strom haben will für immer mehr technische Geräte, der sollte auch in solchem Wasser baden. Der Mensch ist, wenn überhaupt, nur auf die harte Tour (partiell) lernfähig. Die Ausbeutung von Tieren (etwa Kosmetikindustrie)
ist mehr als tragisch, dabei könnte jeder Einzelne mit etwas mehr Sensibilität und Bewusstwerdung vieles verändern. Aber solche Appelle sind ein alter Hut…

Du stellst die Lust am Töten und die Zelebrierung des täglichen Fleisch- und Wurstwarenkonsums zur Schau. Dein Buch wurde als Kritik an der Anbetung des Fleisches gelesen. Kannst du der Liebe deiner Protagonisten zum Metzgerhandwerk auch etwas Positives abgewinnen?
Ich mochte immer Bücher, die vielfach gedeutet werden können; und ich zeichne auch für keine Deutungshoheit verantwortlich, das obliegt jeder Leserin und jedem Leser. Ich mag meine beiden Protagonisten, sie sind Gefangene ihrer Welten und auf der Suche nach einer Lösung für ihre Dilemmata, vielleicht suchen sie sogar nichts anderes als Erlösung? Ich selbst liebe „rückwärtsgewandte“ Dinge, das fängt mit Plattenspielern an und hört mit antiken Gegenständen auf. Das Archaische ist etwas Ursprüngliches, mir Nahes. Ich esse gerne Fleisch, ich mag alte Metzgereien, die noch Respekt vor dem Tier haben, die auch für eine dementsprechende Verarbeitung sorgen (keine Konservierungsmittel, keine Zusätze etc.). Ich mag generell Menschen, die sich eine Haltung bewahrt haben. Ich mag alte Metzgermesser und Fleischwölfe etc. Wir stehen zeitlich an der Kippe, dieses Handwerk ist dabei, für immer zu verschwinden. Und viele alte Metzgereien sind nur noch eine Art „Schauladen“, da diverse Vorschriften das Schlachten von Tieren generell verbieten. Wir leben in einer Gesellschaft (und es ist auch ein politisches Credo), in der Tiere zu Millionen in Fabriken liquidiert werden, nicht ohne – mehr oder weniger – lange Transportwege auf sich nehmen zu müssen. Meine Forderung: Fleisch muss viel teurer werden. Und der Mensch darf nicht ständig seinen unmittelbarsten Lebenssinn darin sehen, weitere Menschen zu produzieren.

Danny Loket und Rosi Schmieg tun das nicht. Seine Irrfahrten stehen im Gegensatz zu ihrem Pragmatismus.
Ja, Dannys gesamte Geschichte entbehrt an sich jeglicher Konkretheit, alles versandet, wird surreal und kafkaesk. Vielleicht träumt er auch die meiste Zeit nur alles, er zeigt ja durchaus Anzeichen einer psychischen Erkrankung. Ich wollte die Geschichte mit zwei unterschiedlichen Tönen ausstatten, insofern ist Rosi ganz anders, bei ihr äußert sich das Surreale in einer anderen Tonart. Wenn man so will (filmisch auf den Punkt gebracht): Lynch vs. Tarantino.

Deine Helden sind junge Menschen, die von der Vergangenheit ihrer Eltern und Großeltern wissen. Ist sich unsere Generation deren Einfluss auf Leben und Einstellungen der Menschen heute bewusst oder sollten wir noch öfter auf den Dachboden klettern?
Oh, ich würde jedem dazu raten, sich mal die Keller und Dachböden vorzunehmen – dort gibt es einiges zu entdecken. Mir scheint auch, wir alle verlieren schnell die Anbindung an unsere unmittelbare Vergangenheit. Wer kann heute sagen, was genau die Großeltern und Urgroßeltern getan haben? Geschweige denn irgendwelche Vorfahren. Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft, auch unsere eigene Vergangenheit wird davon nicht verschont.

Was liegt bei den Stavaričs im Verborgenen?
Leider liegt auch bei mir vieles im Dunkeln, bedingt durch die Zäsur in meinem Leben (Flucht der Eltern aus der Tschechoslowakei). Ich hatte nie Gelegenheit, mich etwas mit meinen Großeltern auszutauschen. Nach und nach trage ich einiges zusammen… aber ich glaube, meine Familiengeschichte interessiert jetzt niemanden. Ansonsten versuche ich, bewusst zu leben, mich zu erkennen und mich für nichts und niemand mehr zu „verbiegen“.

Sollen wir über das Ende des Romans sprechen?
Auf gar keinen Fall. Das Ende ist ein Witz, so wie auch die gesamte Menschheit – unterm Strich – nur ein Witz bleiben wird.

Jetzt mal ohne Schmäh, du lebst und schreibst seit vielen Jahren auf Deutsch. Welche Veränderungen beobachtest du in deinem Sprachgebrauch?
Ich versuche nach wie vor jedes meiner Projekte als einen singulären Akt zu betrachten. Schreibakt. Es geht mir um eine – für mich – neue Handhabe und Adaption der eigenen Sprache, der Sprache an sich und um die Auslotung der damit verbundenen dramaturgischen Möglichkeiten. Ich komponiere Bücher, die formalen Zugänge sind mir wichtig, die inhaltlichen Bezüge bleiben relativ. Ich glaube, mein Schreiben wird an sich ironischer, zudem interessiere ich mich immer mehr für die Verbindung Text – Bild – Ton (Musik).

Ständig auf Achse und in den Medien – Hast du dir mittlerweile ein paar Starallüren zugelegt?
Ich reise tatsächlich sehr viel, mehr als 100 Destinationen im Jahr, das muss man erst aushalten können. Aber ich tue gern, was ich tue, schließlich und endlich ist es mir wichtig, Menschen für meine Literatur zu gewinnen. Und natürlich ist diese abseits des Mainstreams… ich polarisiere, es gibt viele, die mich mögen, und noch mehr, die mich verabscheuen.
Aber es ist wie mit allem im Leben: Man macht ein Angebot. Und alles andere bleibt dem Rezipienten überlassen. Meine größte Allüre (mal abgesehen von der Tatsache, dass ich ein Faible für Mode habe und viel mehr von Stoffen verstehe, als man vielleicht Autoren zugestehen möchte, und auch den Zusammenhang zwischen dem Stoff, den ich am Körper trage und jenem textlichen Stoff, mit dem ich arbeite, herstellen kann...) ist zuletzt nur jene, dass ich Menschen, die mir respektlos begegnen, selbst keinen Respekt mehr zugestehe.

 

Michael Stavarič
Geb. 1972 in Brno, lebt als freier Schriftsteller und Übersetzer in Wien. Er veröffentlichte Gedichte, Essays, Kinderbücher und Romane, u. a. “stillborn” (2006), “Terminifera” (2007) und „Brenntage“ (2011). 2012 erhielt Stavarič den Adelbert-von-Chamisso-Preis. „Königreich der Schatten“ wurde im September 2013 bei C.H. Beck veröffentlicht. Passend zum Roman erscheint 2015 das Kinderbuch “Kotletta”.

Gisela Linschinger
Geb. 1983 in Gmunden/OÖ, ist eine austro-französische Entertainerin a.k.a. Joy Kielawski. Studium der Linguistik und Internationalen Entwicklung in Wien. Absolventin des Lehrgangs “Angewandte Fotografie” an der FH St. Pölten. Arbeitet und tanzt an der Université de Poitiers.

Erschienen im etcetera Nr. 54 / blind / Dezember 2013

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54/blind/Interview: Gisella Linschinger im Gespräch mit Michael Stavarič