Susanne Felicitas Wolf: Geburtshelferin. Eva Riebler

Susanne Felicitas Wolf
Geburtshelferin

 
Susanne Felicitas Wolf, Donna W. Cross, Bundesministerin Dr. Claudia Schmied: Foto © Wachau Kultur Melk  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Am 21.06.12 fand bei den Sommerspielen Melk die Uraufführung der Bühnenfassung des Romans „Die Päpstin“ statt. Dabei handelt es sich um die Legende des Mädchens Johanna, geboren 814 in der Nähe von Fulda, das im 9. Jahrhundert, ausgebildet als Ärztin, Päpstin wurde. Entgegen dem Willen ihres Vaters, der Dorfpriester war, erlernte sie von ihrem Bruder Matthias Latein und nahm nach dessen Tod seine Stelle im Seminar, natürlich verkleidet als Mann, ein. Rezensent Ernst Punz und Eva Riebler waren vor Ort und sprachen mit der Drehbuchautorin des Stücks. Die Fragen stellte Eva Riebler.

Unsere etcetera Jubiläumsausgabe Nr. 50 trägt den Titel: Wozu Literatur? Sie schreiben Textbücher fürs Theater, schreiben Sie auch herkömmliche Literatur oder Bücher?

Ich habe bisher bei drei Autobiografien geholfen, hauptsächlich schreibe ich Theaterstücke.

Haben Sie ein großes Bedürfnis das Publikum zu beeinflussen? Was ist für Sie das Wichtigste an der Literatur?

Die Herzen zu berühren, was mich so antreibt ist Menschen und Themen auf die Bühne zu bringen, die uns alle angehen. Auch wenn es alte Stoffe sind, bleiben Berührungspunkte zum heute. Z.B bei Tolstoi ist dies so. Seine unendlich tiefen und weiten Ideen verblüffen. Die Thematik in Krieg und Frieden sehe ich als zeitgemäß.

Haben Sie Donna W. Cross, die Autorin des Romans Die Päpstin, vorher gekannt?

Ich hab sie im Februar dieses Jahres kennen gelernt und die Begegnung hat mich unendlich inspiriert.

Die Autorin ist Amerikanerin. Dieses historische Bewusstsein über den Vatikan hat mich fasziniert und überrascht.

Für das Buch hat sie intensivst recherchiert.

Dass eine Amerikanerin Interesse am historischen Stoff hat verblüfft.

Ernst Punz: Sie hat nur eine Zeile irgendwo über die Päpstin Johanna gelesen.

Und war interessiert. Ja, und freut sich nun über die bühnenwirksamen Umsetzung. Und es war ihre Freude, dass eine Frau diese Fassung geschrieben hat, da das Musical und der Film jeweils von einem Mann umgesetzt wurden. Ich habe für Melk eine besonders filmische Schreibweise benutzt, wie bereits für die Theaterfassung von Krieg und Frieden, die ich ebenfalls für Alexander Hauer geschrieben habe.

Wie sehr haben Sie sich an die Romanvorlage gebunden gefühlt?

Ich habe sehr viele Motive aus dem Roman übernommen, mit eigenen Ideen und spirituellen Fragen verschmolzen.

Es waren 127 Szenen und viele Originalzitate wie: „In einigen Monaten wird der Heilige Vater Mutter.“ Mit diesen Worten befundet sich die Päpstin selbst.

Ja, ich übernahm einige Textstellen aus dem Roman und einige Handlungsstränge, daher auch die Dauer von drei Stunden.

Die Schwierigkeit ist, etwas wegzulassen und zu kürzen.

Ja. Zur Verwunderung der Autorin wurde sehr viel aus dem Original Vorhandenes übernommen.

In Amerika würde die Fassung zu intellektuell sein, meinte Donna W. Cross.

Das kann ich nicht einschätzen.

Wie finden Sie die Bühne, statt wie die Jahre davor im Barockgarten platziert, nun hier unter dem Stift Melk und die beleuchtete Fassade des Stiftes als Kulisse? Ist es der Welt schönstes Bühnenbild?

Ja, wunderbar, großartig!

Danke für das Interview, der Pressefotograf wartet.

 

Susanne Felicitas Wolf
Geb. 1964 in Mainz. Sie studierte Theaterwissenschaft/Fächerkombination (Mag. phil.) in Wien, wo sie seit 1982 lebt. Nach Regieassistenzen war sie als Gastdramaturgin bzw. Hausdramaturgin tätig u. a. am/für: Schauspiel Frankfurt, Volkstheater Wien, Niederösterreichisches Donaufestival, Schauspielhaus Wien. Seit 1990 schreibt sie Texte und Stücke. Von 1990-2000 realisierte sie eigene, freie Theaterproduktionen in Wien und Deutschland, oft auch als Regisseurin. Seit 2000 ist sie spezialisiert auf „Wiener Komödien“ und entwickelte eine eigene Kunstsprache. 2003 bis 2006 Gastdozentur an der Universität Wien, Institut für Theater-Film- und Medienwissenschaft: Schwerpunkt Dramaturgie & Schreibworkshops. 2004 bis 2007/08 arbeitete sie in Wien als stellvertretende künstlerische Leiterin und Hausautorin des neu gegründeten Wiener Lustspielhauses. 2006 erhielt sie das Goldene Verdienstzeichen der Republik Österreich.
www.susannewolf.at

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Susanne Felicitas Wolf: Geburtshelferin. Eva Riebler

Hans-Peter Übleis: Bescheuert oder Idealist? Eva Riebler

Hans-Peter Übleis
Bescheuert oder Idealist?

 
Hans-Peter Übleis: Foto © Droemer-Knaur Verlag  

Eva Riebler besuchte am 02.11.12 den Verleger Hans-Peter Übleis im Droemer-Knaur Verlag München und es entspannte sich folgendes Gespräch.

Welche Aufgaben und Möglichkeiten hat die Literatur etwas zu bewirken?

Diese sind unendlich groß, weil sie die Vorstellungsräume der Menschen ins Unendliche erweitern.

Haben frühere Generationen von Autoren nicht politisch mehr bewirkt als die heutigen?

Die Literatur war sicher politischer, als sie heute ist. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass auch das Bedürfnis nach Veränderung größer war, als es heute ist, und der Zeitgeist nicht dermaßen satt und selbstzufrieden war, wie wir ihn heute erleben.

Arbeitet und gestaltet der Künstler nicht vor allem aus einem Defizit heraus?

Nicht nur ein Defizit wird gezeigt, so wie in der Blechtrommel die Moral der Nachkriegsgesellschaft, auch alternative Welteinstellungen werden thematisiert. Wir brauchen kritische Schriftsteller, die den Finger auf die Wunden der Zeit legen und gegen die Bequemlichkeit anschreiben und dagegen anschreiben, das Gewohnte weiterhin nur als gut zu finden. Sie sind das Salz der Erde.

Sie sind Seismographen?

Ja, aber nicht jeder, der schreibt, ist ein Literat.

Du bist seit 1978 im Literaturbetrieb bzw. Verlagswesen [1]. Wie lästig ist da das Ansinnen der Autoren, die sogenannte “hohe” Literatur zu verlegen?

Keineswegs lästig, Autoren, die sich an einen der großen Publikumsverlage wenden, wollen auf ansprechendem Niveau unterhalten und ein zahlreiche Leser erreichen. Mit einem antiquierten Begriff wie “hohe” Literatur können Autoren heute sowieso nichts mehr anfangen, und das ist gut so.

Existiert die Frage Wirtschaftlichkeit oder Niveau aus Sicht des Verlages?

Na klar, ohne Niveau keine Wirtschaftlichkeit - und umgekehrt. Qualität ist natürlich subjektiv, sowohl aus Sicht des Autors als auch des Käufers. Aufgabe des Verlages ist es, beide - also Angebot und Nachfrage - im Rahmen seiner Programmpolitik zusammenzubringen. Für alle Verlage - mit Ausnahme der Fachverlage - gilt, ob groß oder klein, Nische oder Mainstream: Wenn am Ende des Jahres überhaupt schwarze Zahlen geschrieben werden, ist es ein gutes Jahr gewesen. Wer heute aus Wirtschaftlichkeitsüberlegungen oder zum Geldverdienen in die Buchbranche möchte, egal ob Buchhändler oder Verleger, ist entweder bescheuert oder Idealist.

In der Krise der 30er Jahre ging als einzige Branche die Buchbranche gut. Wie geht es heute dem Buch?

Ich denke, das Buch ist immer sehr viel mehr als Fluchtlektüre gewesen - durchaus auch Ablenkung, aber ebenso Inspiration, Abwechslung, Unterhaltung. Dies gilt für gesellschaftliche Konjunkturbewegungen genauso wie für das individuelle Auf und Ab des Einzelnen.

Wird in Österreich andere Literatur prämiert und verlegt?

Im Prinzip ja - die universellen Themen der Literatur von der Wiege bis zur Bahre sind sicherlich identisch. Dennoch spielen Mentalitätsunterschiede durchaus eine Rolle - ich empfinde die österreichische Literatur generell narzisstischer, weniger auftrumpfend, in einer gewissen Weise aber auch psychologisierender.

Was die Literaturpreise betrifft: Ich kann mir kein Urteil über die innerösterreichischen Literaturpreise anmaßen. Was mich aber als Auslandsösterreicher besonders freut, ist der außerordentlich hohe Anteil österreichischer Autoren, die sowohl bei den renommierten Literaturpreisen im deutschen Sprachraum bis hin zum Deutschen Buchpreis abräumen wie auch auf den Besten- und Bestsellerlisten. In Punkto Kreativität ist die Bedeutung Österreichs innerhalb des deutschen Sprachraumes nicht nur in der Literatur wesentlich höher als es der Bevölkerungszahl entspricht, sondern auch in Theater, Film und in den Medien generell.

Hier gilt die Devise: In der Kultur sind wir eine Großmacht. Vereinfacht formuliert: In der Kultur sind die Ösis wie beim Schifahren, nicht wie beim Fußball. Und das ist gut so, auch wenn sechs Österreicher unter den ersten fünf nur selten realisierbar sind [2].

Das Buch zum E-Book verhält sich so wie die Vinyl-Schallplatte zu den neuesten technischen Errungenschaften. Was sagst Du zur Buch kontra E-Book Debatte?

Das E-Book an sich ist eine unbedingt begrüßenswerte technologische Weiterentwicklung, die weder das Ende des Lesens noch den Untergang des Abendlandes bedeutet. Dieses hat auch die Einführung des Wahlrechtes für Frauen, das Aufkommen der Eisenbahn, des Kinos und der E-Mail überlebt - allesamt ebenfalls positive Errungenschaften. Allerdings handelt es sich schlicht um die größte technologische Umwälzung unserer Kulturbranche seit 500 Jahren, also seit Gutenberg den Buchdruck erfand. Die Umstellungsproblematik für alle Beteiligten ist enorm und erfordert große Flexibilität. Auf Dauer entscheidet jeder Leser bzw. Käufer, welches Format (print oder digital) für ihn das richtige ist, wobei die nächste Generation jeweils anders tickt als die vorgehende.

Wie sieht nach Deiner Meinung der Buchmarkt in fünf Jahren aus?

Wir müssen nur in die USA schauen, wo der Markt bezüglich E-Books zwei bis drei Jahre weiter fortgeschritten ist. Der Marktanteil in der Belletristik für digitale Bücher beträgt dort 2012 knapp 20%. Wenn wir spezifische Besonderheiten im deutschsprachigen Raum berücksichtigen - die allerdings nichts Gravierendes an der grundsätzlichen Entwicklung ändern - und zwei weitere Jahre in die Zukunft blicken, lässt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit ein Marktanteil von mehr als 25% erwarten, eher 30%. Für das Sachbuch wird der Anteil immer geringer sein. Einzelne Bücher erscheinen schon heute nur mehr im E-Book, dieser Trend wird sich verstärken. Was den Anteil der selbst verlegten - ohne Verlag, ohne Lektorat, ohne eindeutige Positionierung, handgestrickte Cover, kaum Marketing usw. - E-Books betrifft, bin ich zuversichtlich, dass dieser zurückgehen wird. Es ist leichter, eine Nadel in einem Heuhaufen zu finden als einen vernünftigen Text, der bei Kindle oder sonstwo für 0,99 € selbst hochgeladen wurde.

Und was passiert mit dieser Nadel?

Wenn sich ein “self published” Autor als E-Book erfolgreich durchgesetzt hat, wie z.B. Amanda Hocking in Amerika oder Jonas Winner mit “Berlin Gothic” in Deutschland, dann ist sein größtes Bestreben, von einem namhaften Verlag unter Vertrag genommen und auch in gedruckter Form verlegt zu werden. Eigentlich ein Treppenwitz, aber es zeigt die nach wie vor große Faszination des klassischen Mediums, des gedruckten Buches.

Auf Knopfdruck verschwinden die E-Book-Texte. Welche Bücher wirfst Du weg?

Als Buchprofi lautet die ehrliche Antwort: die überwiegende Mehrzahl der Bücher, die ich nach Hause schleppe, um reinzulesen, anzulesen, wenn es die Zeit erlaubt auch fertig zu lesen. Das sind ein paar hundert pro Jahr. Niemals würde ich ein mir vom Autor gewidmetes Buch wegwerfen, und keinesfalls eines meiner Lieblingsbücher - das sind allerdings ein paar tausend. Und trotz aller Platzprobleme kommen jedes Jahr mindestens hundert dauerhaft dazu. Wenn es irgendwann um die berühmte Frage der drei Bücher für die Insel geht: Allan Lightman “Und immer wieder die Zeit”; Thomas Mann “Joseph und seine Brüder” und vermutlich die Bibel.

[1] 1975-1982 Verlag Fritz Molden Wien; Programmgeschäftsführer Heyne Verlag, München 1982-1998; seither Verleger Droemer Knaur München.
[2] Saison 1998/99 beim Super-G von Innsbruck am Patscherkofel auch an 5. Stelle zwei Österreicher zeitgleich

Hans-Peter Übleis
Geb.1951 in Steyr, OÖ, Studium Handelswissenschaft und Jus Wien, Assistent am Institut f. Absatzwirtschaft und Diss „Das absatzpolitische Instrumentarium multinationaler Unternehmen“ 1975. Anschl. Assistent, dann Verlagsleiter und zuletzt Verlagsdirektor, Geschäftsführer des Molden-Verlags bis 1982. Bis 1997 Verlagsleitung Programm im Heyne Verlag München und Geschäftsführer div. Tochtergesellschaften und Mitgesellschafter. Seit 1998 Verleger und Programmgeschäftsführer von Droemer Knaur (Droemer, Droemer Paperback Knaur, Knaur Taschenbuch, Mens Sana, O.W.Barth, Pattloch, Schneekluth). Nach 37 Jahren in der Verlagsbranche und rd. 20.000 verlegten Büchern entwickelt er sich zum Branchen-Urgestein und ist bekannt für eine unösterreichische Eigenschaft: Sein Durchhaltevermögen und seine Stehaufmännchenqualitäten beim Herausheben des Droemer-Verlages aus der damaligen Krise. So nebenher pflegt er das durchaus österreichische Idyll einer Großfamilie.

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Hans-Peter Übleis: Bescheuert oder Idealist? Eva Riebler

Nikolaus Scheibner: Alles andere wäre eine Anmaßung. Gisela Linschinger

Nikolaus Scheibner
Alles andere wäre eine Anmaßung

 
Nikolaus Scheibner: Foto © Gisela Linschinger  

Nikolaus Scheibner ist Autor und Obmann des ZZOO Verein für Leguminosen & Literatur. Gisela Linschinger sprach mit ihm am 23. Oktober 2012 per Skype.

Seit zwölf Jahren verlegen Sie die Literaturzeitschrift Zeitzoo, vertreiben unter dem Label Audiobeans unerhörte Literatur und Musik und leiten auch noch seit 2010 eine evolutive Bibliothek, um den Niedergang der zeitgenössischen Literaturrezeption zu stoppen. Warum das alles?

Das frage ich mich auch jeden Tag. Das macht in 4321 Tagen ebenso viele Antworten.

Wie lautet die Antwort des Tages?

Weil einen das Trägheitsgesetz, das einen täglich lähmt und behindert, manchmal auch als Verbündeter auf dem richtigen Weg hält.

Und der richtige Weg ist für Sie die Literatur?

Die persönliche Freiheit, sich zu widersprechen und beim Wort zu nehmen.

Drückt sich die bei so vielen Vereins-, Bibliotheks- und Verlagszwängen noch aus? Kommen Sie selbst zum Schreiben?

Nein, aber es schreibt mich. Und so entstehen immer wieder Gedichte, Essays, fallweise auch Theaterstücke. Und die künstlerischen Ideen, die durch den Verein strömen, sind eher Ansporn als Behinderung sich schreiben zu lassen.

Welcher Stoff schreibt Sie denn gerade?

Im Moment ist es leider eine Tragödie. Aber ein geflügeltes Wort unseres Zeitzoo-Archivars lautet, man soll seine Tragödien nicht auch noch selbst inszenieren.

Dann bekomme ich also keine Antwort.

(lacht) Das ist so nicht ganz richtig. Keine befriedigende Antwort vielleicht. Dafür wollte ich auf die Frage zurück, warum das alles. Fritz Widhalm hat einmal gesagt, Kunst ist eine Haltung. Das fand ich sehr überzeugend. Somit ist es ein Leichtes, die eigene Kreativität zurückzustellen, wenn man das künstlerische Schaffen anderer transportiert, die auch ein Mehr an persönlicher Freiheit mit ihrer Kunst proklamieren und ebenso für einen sprechen, wie man für sie arbeitet. Es gibt auch ein Bild mit dem Titel „Haltung“ von Fritz Widhalm. Das habe ich speziell für unsere Bibliothek gekauft, um uns daran zu erinnern. Bisher hat es uns recht gute Dienste geleistet. So ist es im Zeitzoo nach wie vor Usus, dass sämtliche Beiträge mit der ungeteilten Zustimmung aller Redakteure erscheinen. Worauf wir uns nicht einigen können, das transportiert unser Flaggschiff eben nicht. Das gehört eben zur persönlichen Freiheit eines Kollektivs.

Können damit alle leben?

Nein, aber wir können damit leben. Auch mit den eher entbehrlichen Anfeindungen, die daraus resultieren.

Aber brauchen Sie diese Anfeindungen nicht gerade, um sich abzugrenzen?

Nein. (lacht) Grundsätzlich arbeiten wir gegen niemanden, sondern für alle. In erster Linie ist der Zeitzoo vielleicht die Redaktion. Aber in ebenso erster Linie ist der Zeitzoo die Summe seiner AutorInnen. Und in nicht zuletzt erster Linie ist die Zeitschrift die Summe ihrer Leserinnen. Somit arbeiten wir grundsätzlich für alle. Es gibt vielleicht Leute, die gegen uns arbeiten, aber da wir uns an derlei nicht beteiligen, ist das bestenfalls langweilig.

Einmal abgesehen von Ihrer Funktion als Obmann, kommen wir noch einmal zu Ihrem eigenen Schreiben. Wozu schreiben Sie?

Der Obmann arbeitet wie gesagt mit allen und für alle. Der Autor hingegen arbeitet nicht für alle. Als Autor schreibe ich ausschließlich für mich, für niemanden sonst. Und es ist doch wohl klar, dass ich auch mein treuester Leser bin. Niemand ist von meinen Texten bewegter als ich. Und niemand lernt mehr daraus. Muss man noch eine Metapher hinzufügen? Die anderen sind prinzipiell zu dumm für meine Texte. Ich selbst bin mir zwar auch zu dumm, aber ich kann mich auch nicht ignorieren, also schreibe ich für mich. Ich bin ja ständig da.

Sie schreiben also nur für Sie selbst?

Was heißt NUR für mich selbst? Bin ich niemand? Bin ich um irgendetwas weniger lesefähig als andere? Brauche ich um irgendetwas weniger einen Text, der zu mir spricht? Einen Text, der mir hilft, mich mit der Restunergründlichkeit meines Daseins auseinanderzusetzen? Und wenn ich sage, Kunst ist die persönliche Dimension von Politik, dann darf ich für niemanden anderen schreiben als für mich. Alles andere wäre eine Anmaßung.

Was meinen Sie mit der Verknüpfung von Kunst und Politik?

Jede Leserin, jeder Leser hat ebenso existentiell am Entstehungsprozess der Literatur teil wie deren Verfasser. Tatsächlich vollendet sich ein Text erst im Leser. Nur wenn ein poetischer Raum begangen wird, ist er mehr als ein paar schwarze Flecken auf Papier. Wenn man gerade einen subjektiv guten Text gelesen hat, sollte man sich in erster Linie selbst auf die Schulter klopfen. Stellen Sie sich zum Beispiel einen Spaziergang im Wald vor. Der Wald ist das Buch, und der Wald ist irgendwann gewachsen und dann ist er einfach da. Und wenn mich der Waldspaziergang auf einen eigenständigen Gedanken bringt, dann ist es Kunst. Habe ich bloß Pilze gepflückt und die Unterschenkel trainiert, ist es Handwerk.

Gab es in Ihrem Leben Momente, die Sie dazu getrieben haben, mit einer solchen Besessenheit zu arbeiten?

Erstens bin ich von nichts und niemand besessen, sondern es ist eher beschaulich und ruhig um mich bestellt. Aber ja, zweitens würde ich Leseerfahrungen nennen, Gedichte von Norbert C. Kaser und Ernst Jandl etwa, die auf mich überraschend, ja befreiend gewirkt und mich für Literatur quasi angefüttert haben. Der Diskurs mit dem städtischen Bibliothekar Albin Nagel, in meinem letzten Schuljahr, hat mir zahlreiche weniger bekannte, aber um nichts weniger interessante Autorinnen aufgezeigt. Und wenn man Texte mag, ist es nur eine logische Konsequenz, Texte, die man für wertvoll erachtet, zu publizieren. Wenn als Zeitschrift, warum nicht als Buch, warum nicht auch als CD, oder Theaterinszenierung, und warum nicht gleich eine ganze Bibliothek, wo alles vorhanden ist und sich weiter entwickeln kann?

Die Evolutionsbibliothek ist nicht nur, Verlagen sondern Künstlerinnen aller Art ein zweites Zuhause. Sehen Sie in dieser Offenheit auch eine soziale Funktion von Kunst?

Ja, der Scharfsinn dieser Frage freut mich sogar. Wenn Kunst eine persönliche Dimension von Politik ist, um ein weiteres Mal das Wort Politik zu verwenden, ohne mir den Mund mit Seife waschen zu müssen, dann sprechen wir von einer sozialen Funktion. Wenn deine Freiheit meine ist und nicht erkämpft, allenfalls verteidigt werden muss. Sämtliche Kulturvereine sind als die einzigen politischen Bewegungen zu betrachten, auch wenn sie das selbst nicht tun. Denn jene, die sich als politische Bewegungen betrachten, sind es keineswegs. Was sind Parteiungen? Zersplitterungen der Gemeinschaft. Teile und herrsche. Die spielen uns nur gegeneinander aus. Kulturvereine schaffen hingegen Gemeinsamkeiten. Das Ziel ist, dass man gemeinsam und nicht alleine erschrocken dasteht und sich nach Verstörung sehnt, den Spruch von Norbert Kaser im Gehirn: „Zurück geht’s nicht mehr, und vor dem Vorwärts graut uns.“

Was wären Ihre letzten Worte, bevor Sie aus einer Raumkapsel in der Stratosphäre zurück auf die Erde springen würden?

Mir schmeckt jeder Energydrink besser als Red Bull. Oder: Nicht schon wieder dieser Planet. Aber ich würde ja überhaupt die Frage lieber verweigern wollen.

Sie haben Sie aber schon beantwortet.

Ja, das ist mein Unglück.

 

Nikolaus Schreiber
Geb. 1976 in Wien, lebt als freischaffender Autor und Lektor in Wien; seit 2000 Obmann des ZZOO Verein für Leguminosen und Literatur, Mitherausgeber der Literaturzeitschrift Zeitzoo und Herausgeber des  Hörbuchlabels Audiobeans; seit 2002 Herausgeber der Reihe “Das Buch zum Buch” in Christa Stippingers Edition Exil; seit 2003 Mitglied der Grazer Autorinnen Autoren Versammlung, von 2006 bis 2009 zwei Amtsperioden Aufnahmejuror der GAV; Publikationen u.a.: “Auch eine Metamorphose? Basisdialoge.” Ritter Literatur Klagenfurt 2000, “Auf der Hand” Gedichte. Herbstpresse Wien 2006, “So viel Luft wie ich” Gedichte. Edition Das fröhliche Wohnzimmer Wien 2012; seit 2010 Betrieb der Evolutionsbibliothek im Kulturzentrum WERK, Neulerchenfelderstr. 6-8, 1160 Wien. Öffnungszeiten: Mo. Mi. So. 14-21h; weitere Infos siehe www.zeitzoo.at

Gisela Linschinger
Geb. 1983 in Gmunden, Maître de langue étrangère an der Université de Poitiers, studierte Internationale Entwicklung und Linguistik in Wien und absolvierte den Lehrgang "Angewandte Fotografie" an der FH St. Pölten. Im Herbst 2009 reüssierte sie in Scheibners Theaterstück „Vorspruch“ am Ragnarhof in Wien und führt heute ein bewegtes Leben in Frankreich.

 

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Nikolaus Scheibner: Alles andere wäre eine Anmaßung. Gisela Linschinger