Robert Menasse: Über Verantwortung und Leichtlebigkeit. Eva Riebler

Robert Menasse
Über Verantwortung und Leichtlebigkeit

 
Robert Menasse: Foto © Rudi Gigler, Salzkammergut Festwochen Gmunden  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Anlässlich des Viertage-Festes für Robert Menasse vom 9. bis 12. August 2012 bei den Salzkammergut Festwochen im Gmundner Stadttheater interviewte Eva Riebler den österreichischen Erfolgsschriftsteller und Essayisten Robert Menasse.

Wozu Literatur ist das Thema unseres 50igsten Literaturheftes. Waren oder sind die Namen der Autoren der 68er Generation nicht bekannter als die der damaligen Politiker?

Man kennt noch aus der Geschichte die prägenden politischen Figuren, nicht nur die Autoren. Aber es stimmt schon, wir kennen mehr die Autoren und die prägenden Künstler. Aber ich glaube nicht, dass es Sinn und Zweck der Literatur ist, dem Autor ein langes Nachleben zu verschaffen. Zunächst glaube ich, dass Literatur eine Auseinandersetzung mit dem Leben ist, mit seiner eigenen Lebenszeit, der Zeitgenossenschaft, der Realität, die er vorfindet, die er verstehen will und von der er erzählen will, die er verdichtet, die er in ästhetische Bilder und Prozesse transformiert. Und nur, weil das manchmal gelingt, sind diese Werke gültig für später und werden bekannt. Außerdem gibt es Werke, die zu Baustellen und Bausteinen für die Nachgeborenen werden, die somit Informationen für ihre eigene Gewordenheit bekommen und diese begreifen können. Wenn wir heute z.B. Fontane lesen, dann haben wir ja zunächst damit überhaupt nichts zu tun. Wir leben nicht in der Welt der Junker. Wir leben nicht einmal mehr an dem Ort, wo es früher diese Junkerkultur gegeben hat. Wir leben woanders und in einer anderen historischen Situation, in anderen gesellschaftlichen Konstellationen. Wir leben nicht mehr in einer Welt, in der sich zwei Männer wegen einer Frau duellieren, z.B. wie im Roman Effi Briest. Und trotzdem lesen wir dies so, dass wir über uns selbst etwas begreifen! Und wir begreifen doppelt: Erstens einmal die Situation, in der die Romane spielen, die Sehnsüchte und Probleme, die sie damals hatten, und wir verstehen plötzlich eine Zeit, die wir nicht erlebt haben, aus der metaphorisch gesagt, unsere Großeltern stammen. Wir beginnen sozusagen zu erkennen, dass es unter den Menschen immer um dieselben Dinge geht. Es wechseln und verändern sich die menschlichen Sorgen, Probleme, Begierden grundsätzlich nicht, nur insofern, wie sie in den je aktuellen gesellschaftlichen Rahmen und in die Rahmenbedingungen hineinpassen. Jetzt wird allerdings nicht jeder Autor sich dies überlegen und sagen: Ich will meine Lebenszeit so erzählen, dass ich sie weitergeben und zum Verständnis zum menschlichen Leben auf diesem Planeten beitragen kann. Subjektiv haben Künstler ganz verschiedene Gründe, warum sie Kunst machen. Es gibt das Temperament der in sich selbst ruhenden Künstlerfigur, die Kunst macht, wie die Seidenraupe Seide spinnt und ein wundervolles Produkt erzeugt.

Es gibt den Künstler, der hinaus in die Welt will und der sich einmischen will und für den das Schreiben eine Möglichkeit ist, gestaltend ins Leben einzugreifen. Doppelt einzugreifen, einmal gestaltet er für sich aus der Welt etwas, das er begreifen kann, seine eigene Schöpfung und seinen eigenen Beitrag zur Schöpfung. Und andererseits gestaltet er in Bezug auf die Wirksamkeit: Er verändert die Realität, er verändert die Welt in einem Maße, wie andere von seinem Blick aus in die Welt schauen und plötzlich Veränderungen sehen und Mechanismen begreifen, die sie vorher nicht durchschaut haben.

Legt der Künstler den Finger auf eine Wunde? Sieht er ein gesellschaftliches Defizit?

Das muss nicht eine Wunde sein, das kann etwas Nicht-Eingelöstes sein, ein Defizit, das per Saldo nie ausgeglichen werden kann.

Den Ausgleich kann es nicht geben.

Ja, das wäre sonst das Paradies!

Das Paradies wäre spannungslos und nicht wünschenswert!

Falls herstellbar, wäre es schon wünschenswert, es würde den Künstlern viel Arbeit ersparen.

Sie Schreiben in „Don Juan de la Mancha“, dass das Nachleben zu produzieren wünschenswert sei. Sie produzieren nun Ihr eigenes Nachleben, indem Sie Verantwortung für das Existieren der EU übernehmen. Macht das leichtlebig?

Nein, leichtlebig macht das wahrlich nicht! Aber es gibt auch einen Trost, das Leichtlebige bleibt nicht leichtlebig, wenn man sich auch nichts Schweres aufbürdet! Das Leichtlebige scheitert mit der Zeit einfach an der Hinfälligkeit des Körpers! Das heißt, man hat ab einem gewissen Alter eh nur mehr die Wahl, welche Form des schweren, des beschwerlichen Lebens man für sich wählt. Ob man das in einer Art und Weise macht, in dem man sich vernetzt mit anderen Menschen und sich sozial einbringt oder ob man das in einer ganz einsamen Anstrengung tut. Irgendwann ist man so und so nicht mehr leichtlebig. Ich war immer ein ängstlicher, nervöser Mensch. Vielleicht löst sich diese Angst, die ich habe auf, wenn ich die Welt besser verstehe. So hat das begonnen. Ich war ja von meinem 6. bis 18. Lebensjahr in einem Internat, in einer geschlossenen Anstalt und als ich mit 18 herauskam, hab ich nichts verstanden. Ich hab sozusagen die Straßenzüge von Dostojevskis Petersburg besser gekannt als die Straßenzüge Wiens. Sie müssen sich vorstellen, das hat jeder schon erlebt, dass man auf einer Straße fährt und alle Autos kommen einem entgegen und sich daher fragt “Was wissen die, was ich nicht weiß“, wenn ihnen auf der Straße alle Autos entgegenkommen.

Empfehlen Sie Karl Marx zu lesen?

Ja natürlich, Karl Marx und Friedrich Hegel zu lesen beleidigt niemandes Intelligenz, das sind Welterklärungsmodelle. Wenn man Karl Marx liest hat man das Gefühl in einem dunklen Raum gehen Kronleuchter auf. Er war ein großartiger Schriftsteller, er hat wirklich schreiben können. Er erklärt den Profit, wo dieser herkommt, dass Gewinn nicht unendlich vermehrbar sei. Er eignet sich als analytische Denkmethode, als analytischen Zugang und Instrumentarium des Verstehens ist Marx heute ein ganz Wichtiger. Zunächst sind zwei Dinge zu unterscheiden: Die EU ist eine Idee, ein Projekt. Diese erstellt Institutionen, die Rahmenbedingungen herstellt zur Gewährleistung für Friede, für die vier Freiheiten, Rechtszustand usw. – definitiv sind das Rahmenbedingungen, deren Umsetzung noch nicht gesagt ist. Momentan wird immer noch auf klassische Wachstumsökonomie gesetzt und auf Ökonomie, die sich stärker an Betriebs- statt an Volkswirten orientiert. Zweitens sind sehr oft die Bedingungen, mit denen wir die Rahmenbedingungen erfüllen, im Widerspruch zu den Rahmenbedingungen.

Wir bewegen uns in der EU, in diesem nachnationalen Projekt, immer noch national! Wir begreifen das Griechenlandproblem noch immer als ein nationales und nicht als ein europäisches. Wenn wir das täten der könnten, würde das Problem sich in Luft auflösen, die ganzen Schulden Griechenlands sind die Schulden einer europäischen Region, die ökonomisch bedeutungslos ist. Und die Schulden belaufen sich nur auf 2 % des BNP der EU. Die Schulden Griechenlands verschwinden augenblicklich, wenn wir dies als europäisches Problem betrachten, es würde in 5 Minuten verschwinden. Wir wollen aber die Griechen zwingen, etwas zu ändern. Wie lächerlich das gleichzeitig ist, erkennt man daran, dass Kalifornien das 30fache der Schulden von Griechenland hat. Niemand käme auf die Idee, zu sagen, nun muss langsam Kalifornien aus der Dollarzone auszutreten, oder wir müssen Kalifornien aus den USA rausschmeißen.

Die Lösung wird nicht sein, einen Rettungsschirm zu erfinden, einen Rettungsschirm aufzuspannen.

Ich garantiere Ihnen und ich ruf` allen zu, die sich fürchten, die Krise wird größer werden, und wenn sie zu bedrohlich ist, wird man endlich vernünftig werden. Und einen großen Schritt in die Richtung und in der Nutzung des nachnationalen Projekts machen!

Sie führten und werden in Brüssel Gespräche mit Politikern führen, wann erscheint Ihr Werk über die EU?

Im September erscheint mein Essay über die Krise. Der europäische Landbote. Das ist meine essayistische Reflexion. Und dann schreibe ich weiter an einem Roman, der in Brüssel spielt und dessen Hauptfigur ein Beamte der europäischen Kommission ist. Das ist kein Beitrag zur politischen Diskussion über die EU, sondern das ist ein klassischer Roman, mit der klassischen Absicht des Künstlers seiner Zeitgenossenschaft verdichtet zu erzählen.

Bezüglich Ihrer Haltung gegenüber der EU könnte man Ihre Einstellung zusammenfassen: Ich war ein kritischer Befürworter der EU und nun bin ich ein stark befürwortender Kritiker.

Ja, je mehr ich mich mit der Problematik befasst habe, desto mehr habe ich dazugelernt. Meine Befürwortung war auch in den früheren Jahren vorhanden. Kritik kann fruchtbar sein, muss aber immer möglich sein!

Ich danke für das Gespräch und wünsche dem neuen Roman viel Erfolg.

Interview nicht autorisiert.

Robert Menasse
Geb. 1954 in Wien, wuchs in Wien auf und studierte Germanistik, Philosophie sowie Politikwissenschaft in Wien, Salzburg und Messina. Promovierte 1980 mit der Arbeit “Typus des Außenseiters im Literaturbetrieb”, lehrte sechs Jahre als Lektor für österreichische Literatur, dann als Gastdozent am Institut für Literaturtheorie an der Universität Sao Paulo. Hielt dort vor allem Lehrveranstaltungen über philosophische und ästhetische Theorien, u. a. über Hegel, Lukács, Benjamin und Adorno. Seit seiner Rückkehr aus Brasilien 1988 lebt er als Literat und kulturkritischer Essayist hauptsächlich in Wien.

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Robert Menasse: Über Verantwortung und Leichtlebigkeit. Eva Riebler

Helmuth A. Niederle: Politisches und Unpolitisches in der Literatur. Eva Riebler

Helmuth A. Niederle
Politisches und Unpolitisches in der Literatur

 
Helmuth A. Niederle  

Eva Riebler interviewte im Oktober 2012 den Obmann des Writers in Prison Komitees und Präsidenten des Internationalen P.E.N., nachdem er von seiner Reise aus Korea zurückgekehrt war.

Die Texte Deiner afrikanischen Autoren und Schützlinge sind naturgemäß viel politischer als oftmals Texte österreichischer AutorInnen. Da Du Dich ihrer annimmst, ihre Texte herausgibst, transportierst Du den Sinn der Literatur. Inwieweit wirkt die Sinngebung auf die Autoren zurück?

Diese Frage besteht eigentlich aus zweien:
1. Es ist ein Irrtum anzunehmen, dass alle afrikanischen Autorinnen und Autoren stets politischer sind als ihre europäischen Kolleginnen und Kollegen. In allen Literaturen der Welt wird „Unpolitisches“ geschrieben, wobei berücksichtigt werden muss, dass die Trennlinie zwischen politisch und unpolitisch eine nicht einfach zu ziehende ist. Wenn beispielsweise in einem Gedicht der Kummer eines Kindes thematisiert wird, weil es seinen Vater verloren hat, ist das an sich „unpolitisch“, weil weltweit Kinder ihre Väter verlieren. Doch lässt sich das Gedicht unpolitisch lesen, wenn der Leser erfährt, der Vater starb, weil er in einem schlecht ausgerüsteten Krankenhaus verreckte? Wenn man darüber hinaus weiß, dass die armseligen Spitäler von der Mehrheit der Bevölkerung aufgesucht werden müssen, weil sie sich nichts anderes leisten kann, und die auf der Höhe der Zeit stehende Medizin nur in den für die Eliten leistbaren Krankenhäuser zu finden ist, dann wird so ein Gedicht zu einem Feuerwerk der Kritik an bestehenden Verhältnissen.

2. Nun zur zweiten Frage: Leider wird vieles an literarischen Werken, die außerhalb von Europa geschrieben werden, am „europäischen“ Geschmack gemessen. Das bedeutet: Häufig wird gestutzt und geputzt, damit der Europäer „die Freude am Lesen“ nicht verliert. Außerdem wird zumeist nicht das Werk einer Autorin oder eines Autors kontinuierlich in Übersetzungen veröffentlicht, sondern nur das eine oder andere. Wer neben Romanen auch Gedichte, Essays oder Kurzgeschichten schreibt, ist recht schlecht dran. Die Bandbreite des Schaffens ist nicht nachvollziehbar. Ich versuche mit Autorinnen und Autoren langfristig zu arbeiten, sodass die Vielfalt des Werkes auch in unseren Breiten erkennbar wird. Kulturelle Besonderheiten, historische Ereignisse werden so weit wie möglich angemerkt. Häufig bin ich auf Informationen des Autors angewiesen, die sie mir bisher mit größter Geduld und Einfühlungsvermögen – dabei nicht müde werdend – gegeben haben! Schwierig wird es besonders dann, wenn die oder der Schreibende über Eigenheiten berichtet, die nur in einem sehr engen soziokulturellen Kontext anzutreffen sind. Häufig entsteht aus diesen Kontakten eine Freundschaft und manchmal spüre ich, dass wir beide als Gesprächspartner zu neuen Erkenntnissen kommen, die uns gemeinsam beglücken. Manchmal entdeckt die Autorin oder der Autor etwas anderes – vielleicht von mir Geschautes – in ihrem bzw. seinem Text. Das ist für uns als Gesprächspartner eine Glückserfahrung. Ein Beispiel auszuleuchten sprengte den Rahmen der Beantwortung von Fragen. Vielleicht ergibt sich die Möglichkeit und ich schreibe einen Essay über einen erwähnenswerten Fall.

Wie kamst Du auf die Idee, über und mit fremdsprachiger Literatur zu arbeiten?

In meiner Kindheit hatte ich viel Kontakt zu US-afro-amerikanischen Menschen und deren Kinder. Für mich war daher, das „Fremde“ (das es ja so nicht gibt) etwas ganz Alltägliches. Wobei dem „Fremden“ eine Besonderheit eigen war: Fast alle Menschen, auf die ich traf, hatten eine Herzlichkeit, die bei meinen „Landsleuten“ in dieser Form nicht gegeben war. Später habe ich im Hauptfach Kultur- und Sozialanthropologie studiert und festgestellt, dass selbst meine Studienkolleginnen und Studienkollegen häufig die „versteckten“ oder „verborgenen“ Botschaften nicht sehen konnten. Sie ahnten sie nicht einmal. Wegen eines mich in meinem Inneren berührenden Textes, den ich in „meiner“ Sprache lesen wollte, mit meinen Worten zum „Erklingen“ bringen wollte, habe ich begonnen zu übersetzen. Später erkannte ich, wenn man Kulturen tief verstehenwill, muss die, wie Ernst Schönwiese sagte, „Einverwandlungskraft“ entwickelt werden. Der Einfachheit und der Kürze wegen zitiere ich einen Satz von ihm, in dem alles gesagt ist: „Die Aufgabe der Dichtung besteht nicht darin, uns rational irgendwelche moralischen Grundsätze zu predigen, sondern uns in andere einzuverwandeln, wachzuerhalten. Dadurch erzieht sie uns auch ethisch und zwar unmittelbar durch das Erleben selbst.“

Was wünscht Du Dir vom Publikum, von der Öffentlichkeit oder von Deinem Writers in Prison Komitee?

Der tiefste Wunsch aller, die im Writers in Prison Komitee arbeiten, ist ein Traum: Wir machen eine Pressekonferenz und teilen der Öffentlichkeit mit, dass wir uns aufgelöst haben. Die Freiheit des Wortes ist weltweit durchgesetzt, alle aus politischen Gründen inhaftierte Autorinnen und Autoren, Journalistinnen und Journalisten, Übersetzerinnen und Übersetzer, Verleger und Verlegerinnen sind frei. Es gibt keine verbotenen Bücher mehr und jede bzw. jeder sagt, was sie bzw. er sich denkt, ohne fürchten zu müssen, dass ihr bzw. ihm daraus Schaden erwachsen könnte. Der Wunschtraum wird ein Wunschtraum bleiben, so erhoffe ich mir, dass sich in Österreich eine Erkenntnis durchsetzt: Während der Zeit des Nationalsozialismus konnten viele unserer Autorinnen und Autoren im Exil überleben und arbeiten, sodass wir heute ihre Werke lesen können. Unsere Literatur hat überlebt, weil sie die Chance dazu bekommen hat. Daraus erwächst eine historische Bringschuld, die Österreich bei weitem nicht erfüllt. Warum eines der reichsten Länder der Welt, nicht in jedem Bundesland mehreren Autorinnen und Autoren angemessene Wohnungen und Stipendien langfristig und großzügig zur Verfügung stellt, ist mir ein Rätsel. Dass Unternehmungen, die große Gewinne machen, nicht ihrerseits solch ein Solidaritätsprogramm gestartet oder den Österreichischen P.E.N.-Club gefragt haben, ob sie nicht helfen könnten, zeigt mir, wie weit entfernt wir von einer durchgehenden Humanisierung der Gesellschaft sind. Lieber kaufen solche Unternehmungen den Platz einer Arschbacke eines Fußballers, um zu werben.

Wichtig wäre aber auch, dass Autorinnen und Autoren, die überstürzt aus einem ihrer Länder fliehen mussten, nach einer Zeit wählen können, in welchem Land der Welt sie temporär oder – wenn erforderlich – für immer Aufenthalt nehmen wollen. Es gibt Fälle, die flüchtende Schreibende in Länder führt, deren Sprache sie nicht können, doch in das Land, dessen Sprache sie fließend beherrschen, nicht dürfen, weil sie bereits in einem sicheren Drittland angekommen sind. Dieser Unsinn gehört dringend abgeschafft. Und vom Publikum wünschte ich mir, dass solche Themen in die Öffentlichkeit getragen werden und die Politiker zum Handeln aufgefordert würden. Wir dürfen sicher sein, in einer Demokratie wagt es kein Politiker, der sein Amt weiter ausüben will, sich einem Wunsch zu verschließen, der letzten Endes so billig ist. Wenn ich höre, was so manches Geburtstagsfest eines Politikers, so manche Pressekonferenz gekostet hat und wie groß so manche Provision war, kann es keine Frage des Geldes sein, nachhaltig zu helfen. Zumal diese ins Exil getriebenen Menschen meistens gerne wieder in jenen Lebensraum zurückkehren, aus dem sie stammen und in dem sie zuhause sind. Es handelt sich fast ausnahmslos um Menschen, die den Dialog suchen und die Versöhnung sowie die Überwindung sozialer Ungerechtigkeit wollen, die häufig vom Stamm der Wa Benzi (der Name der nationalen Profiteure ist von einer bekannten Automarke abgeleitet), verursacht werden.

Diese Menschen sind die besten Gegenspieler der Fundamentalisten unterschiedlicher Richtungen. Warum Europa die nicht fördert, ist mir unverständlich, fordert es doch gleichzeitig – hin und wieder, nicht sehr laut, aber doch – Good Governance. Die Flüchtlinge im Regelfall fast immer! Warum man diese Menschen bei uns nicht als Partner sieht, ist mir rätselhaft.

Zusammenfassend gesagt: Ich wünschte mir offene Ohren, die zuhören, offene Herzen, die bereit sind, zu helfen, und viel mehr an Zivilcourage, um den Populisten laut zu widersprechen, wenn sie wieder einmal gegen die Fremden hetzen, und schließlich und endlich Politikerinnen und Politiker in Österreich, die das Gespräch mit dem Writers in Prison Komitee ernsthaft suchen.

Danke lieber Helmuth!

Helmuth A. Niederle
Geb. 1949 in Wien. Studium der Ethnologie, Kunstgeschichte, Volkskunde und Soziologie, lebt in Wien und Dallein/NÖ, stellvertretender Leiter der Österreichischen Gesellschaft für Literatur, Beauftragter des Writers-in-Prison-Komitees Österreich. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Tageszeitungen, Magazinen und im ORF, mehrere Jahre Herausgeber der Reihe „scriptor mundi“, die in der „edition Kappa“ (München) erschien, seit 2006 Herausgeber der Reihe „edition milo im Verlag Lehner“ (Wien). Zuletzt erschien „Das Leben ist eine gefallene Braut“. Kubinesken von Alfred Rossi begleitet von literarischen Assoziationen (Perchtoldsdorf: Plattform Johannes Martinek Verlag, 2012).

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Helmuth A. Niederle: Politisches und Unpolitisches in der Literatur. Eva Riebler

Künstlerportait: Claudia Zawadil. Soul Sista. Thomas Fröhlich

Thomas Fröhlich
Soul Sista / Claudia Zawadil

 

Sie ist die Heftkünstlerin dieses etcetera und nicht nur vom Styling her unverkennbar: Claudia Zawadil zahlt zu den künstlerisch umtriebigsten Personen St. Pöltens. Ob Fotografie, Film, Radio, Literatur, Journalismus oder beseeltes DJing – nichts ist vor ihr sicher. Und das ist auch gut so.

Thomas Fröhlich führte mit ihr diesen Sommer folgendes Gespräch – über Lesen, Leidenschaften und liebenswerte Teddybaren.

„Hey man,
I wanna go to
the land of
the good groove!“

(Nile Rodgers)

Es ist ein herrlicher Frühsommertag. Die Tische vorm Cafe Schubert auf dem St. Pöltner Herrenplatz sind voll besetzt – aus dem Cafe dringt der stimmungsvolle Spat-60er-Breitwand-Soul von 5th Dimension: Beinahe konnte man meinen, das in jenen Jahren beschworene und soeben aus der Tonkonserve heraus besungene „Age of Aquarius“ wäre tatsachlich eingetroffen. Love, Peace & Happiness allerorten – ein entspanntes Sichwohlfühlen im Hier und Jetzt mit der Verheißung eines „Endless Summer“ in der Luft.

Claudia Zawadil erscheint pünktlich spätnachmittags, angetan mit ihrem Käppi, mit dem sie oft die Stadt durchstreift und das mittlerweile fast schon zu ihr gehört wie die Deerstalker-Kappe zu Sherlock Holmes. Sie hat einen aufreibenden, aber spannenden Arbeitstag beim Niederösterreichischen Tonkünstler-Orchester hinter sich, wo sie für Printproduktion und Web zuständig ist. Dennoch erweckt sie den Eindruck, als konnte sie der Welt noch den obligatorischen Hax’n ausreisen. Letzteres wird heute aber nicht notwendig sein – wir freuen uns beide, dass es mit unserem Gesprächstermin geklappt hat, und gehen nach der dringend notwendigen Bestellung von zwei Bierseidln gemütlich in medias res.

Stichwort Teddybären. „Als Kind habe ich klarerweise Teddybaren gehabt,“ erinnert sich Zawadil. „In den unterschiedlichsten Farben. Meine Großmutter hatte einen ganz großen – man muss allerdings berücksichtigen, wie klein ich damals war: Da wirkt alles gleich noch einmal so groß!“
Sie lacht. „Es war ein Steiff-Teddy, wo man Arme und Beine bewegen konnte.“ Generell mochte sie sowieso alle Stofftiere.

Zawadil, die am 30.05.1978 „wahrend eines fürchterlichen Gewitters in St. Polten auf die Welt gekommen“ ist, gelangte erst relativ spät zur Kunst. „Ich komm’ aus einer Arbeiterfamilie – da gab’s andere Wertigkeiten.“ Jedoch: „Fotografie hat mich immer schon interessiert.“ Doch richtig losgegangen sei es erst vor etwa zehn Jahren, als sie ihren Lebensgefährten, den City-Flyer-Erfinder und -Mastermind Werner Harauer kennen gelernt hatte: „Er hat Kunstgeschichte studiert und sehr viele Bucher zu dem Thema zu Hause.“ Zawadil las sich mit zunehmender Begeisterung gleichsam in die Materie hinein und entdeckte als frisch gebackene Rezensentin für den City-Flyer auch ihre Liebe zur Literatur. „Obwohl ich gerne fotografiere und darüber letztendlich auch zum Filmemachen gekommen bin, ist für mich – so seltsam das vielleicht klingt – die Literatur die wichtigste Kunstform.“ Auch wenn sie selbst nichts Literarisches schreibe, sei sie eine vehemente Verfechterin des geschriebenen – und vor allem des gedruckten – Wortes.

Mit E-Books könne sie sich nämlich überhaupt nicht anfreunden. Da fehle nicht nur das Haptische. Überhaupt: „Bucher riechen gut. Wenn ich ein ‘frisches’ Buch das erste Mal öffne, rieche ich einmal hinein.“ Was der Schreiber dieser Zeilen zu hundert Prozent nachvollziehen kann. Dennoch ist Zawadil keine Modernitäts- oder Medienverweigerin: Ganz im Gegenteil: Nach langjähriger Tätigkeit in einem technischen Betrieb folgte ein fünfjähriges Studium im Bereich Medientechnik an der FH St. Polten, welches sie vor etwa einem Jahr mit ausgezeichnetem Erfolg abschloss. Zudem machte sie sich einen Namen als Fotografin, (Kurz-)Filmemacherin, Redakteurin bei der Musikzeitschrift Concerto und seit 2007 als Moderatorin der Musiksendung BlackXplosion auf Campus & City Radio 94,4. Und natürlich auch als DJane mit dem klingenden Pseudonym Miss Marple. Wobei das Auflegen fürs Erste der Vergangenheit angehöre, „aus Zeitgründen“, wie sie meint. Aber man könne ja nie wissen.

Sowohl bei der Auswahl ihrer Schallplatten (ausschließlich Vinyl!) als auch in ihrer Radiosendung sticht eins heraus: ihre unbedingte Liebe zum Soul. Was ihr daran so gefalle?
„Hm, gar nicht so einfach zu sagen.“ Zawadil denkt kurz nach. „Ursprünglich hat’s bei mir mit Funk angefangen: Der Groove, diese faszinierenden Basslaufe, die Leidenschaft, die da transportiert wird, und letztendlich auch die Aussagen in den lyrics – das hat mich in seinen Bann gezogen.“

Wahrend sie spricht, beginnen ihre Augen beinahe wie unter imaginären Stroboskopblitzen zu leuchten. „Und übern Funk bin ich dann zum Soul gekommen: Am Anfang war mir der, das muss ich zugeben, ein bissl zu fad. Aber ich bin da im Laufe der Zeit richtig reingekippt. Ja, und dann kamen auch die Discoklange dazu, die sich ja wiederum aus dem Funk entwickelt haben.“

Wie das alles angefangen habe?
„Also etwa zur Jahrtausendwende, als ich mich ernsthaft für Musik zu interessieren begonnen hab’, hat sich in St. Polten niemand mit dieser Art von Musik beschäftigt. Und ich wollte das halt in die Stadt hinein tragen. Darum hab’ ich aufgelegt.“ Mission Funk sozusagen. Und eine, die höchst erfolgreich verlaufen ist (und das via Radio immer noch tut). „Mir taugt die ‘schwarze’ Richtung halt. Der heutige Pop ist ja großteils nur noch seicht.“

Wie es generell um das künstlerische Biotop St. Polten bestellt sei? „‘Da is’ ja nix los!’ - Das sagen ja nur die Leute, die sich für nix interessieren und sich schon gar nicht informieren!“, meint sie beinahe ein wenig aufgebracht. Früher sei es wirklich ein wenig zäh gewesen, aber „es ändert sich laufend. Heute gibt’s so viele Veranstaltungen und Initiativen.“ Man könne also getrost aus dem Vollen schöpfen.

Und wie es mit ihren eigenen Planen aussehe? Nach ihrer Solo-Ausstellung im EGON, ihrer Film-Performance im Klangturm im Rahmen von „All Along The Watchtower“, ihrem Sounddesign zu den Jerry Cotton-Nachten in Wien und St. Polten sowie unzähligen Video- und Kurzfilmbeitragen für unterschiedliche Medien mochte die Allrounderin „endlich wieder einmal eine Fotoausstellung machen. Mit Fotocollagen, und zwar mit der Schere, ohne Computer, so richtig retro – und inhaltlich Richtung Surrealismus.“ Sie, die, wenn es die Zeit zulasst, gerne reist, sich (Arthouse-)Filme ansieht, in die sich auch einmal eine Trash-Perle des spanischen B-Movie-Regisseurs Jess Franco mischen darf, und Kochrezepte aus aller Welt sammelt, blickt also mit einem Haufen feiner Ideen in die Zukunft. Immer auf der Suche nach dem guten Groove. Der ja bekanntlich im Herzen lebt.

In diesem Sinne und um mit der Soul-Ikone Marvin Gaye zu sprechen: Let‘s get it on!

Claudia Zawadil
Geb. 1978 in St. Polten. Nach langjähriger Tätigkeit in einem technischen Betrieb folgte ein Studium im Bereich Medientechnik an der FH St. Pölten. Hauptberuflich beim Tonkünstler-Orchester Niederosterreich fur Printproduktion und Web verantwortlich. Schreibt , fotografiert und filmt für das Jugend- und Eventmagazin City-Flyer und experimentiert sehr gerne mit Fotoapparaten aus alten Zeiten. Weitere Leidenschaften sind Literatur, Arthouse-Filme, Kunstgeschichte, Reisen und Kochen. Kürzlich präsentierte sie bei der Gemeinschaftsausstellung „Schiele remixed" analoge Collagen.

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Künstlerportait: Claudia Zawadil. Soul Sista. Thomas Fröhlich