etcetera 29/Blätterwirbel/Oktober 07
Der vorliegende Text ist Bestandteil der NÖ AutorInnen-Revue 2007. Der 2006er-Text „L`amour ne vient plus“ ist im etcetera-Heft Nr. 26 „Nahaufnahme“ nachzulesen.
MILLE FLEURS À TOI! […] ABER ES IST NIE GENUG!
Milena Michiko Flasar
Für dich, die du müde bist,
Schwester,
eine Ampulle Nächtigkeit mehr!
1.
Blumen! Ich sage, es sollte Blumen blühen
in deinen Narben,
ver-wachsen dich in eine Ewigkeit,
sich winden – wildernd – in deine Haut,
dass kein Schmerz dir mehr anhafte
oder du dem Schmerz.
Es sollte rote und blaue Blumen blühen
in deinen tausend Narben.
Dass später – viel später –
keiner mehr sagen könnte:
Du habest hier oder dort geblutet.
Du habest hier oder dort ein Stück Fleisch gelassen.
Und Bäume! Ich rufe, es sollte Bäume wurzeln
in deinen Schatten,
ver-schlagen dich in einen Himmel,
sich strecken – schaukelnd – in deinen schweren Gang,
dass kein Stein dich mehr bremse
oder du den Stein.
Es sollte gelbe und grüne Bäume wurzeln
in deinen tausend Schatten.
Dass später – viel später –
keiner mehr sagen könnte:
---
---
Aber du bist längst in die Wüsten gegangen.
2.
Oder hast du die Namen der Vögel vergessen?
Wir hatten einst Flügel wie sie.
Aber jemand! Ich höre dich atmen: Jemand!
Ist gekommen uns aus den Winden zu nehmen.
Jemand! Hat unsere Federn gestohlen.
Jemand! Hat sie verkauft.
An jedem Hut hast du sie gezählt.
An jeder Straßenbiegung eine aufgelesen.
Und ich begreife erst heute
deinen wilden Schmerz:
Meine Menschenhände!
Meine schwierigen Menschenhände!
Es ist so schlecht fliegen damit!
3.
Aber darf man stürzen?
Sich aufschlagen – mit Absicht – sich verbluten?
Abschiede feiern – alleine – Koffer packen und gehen?
Du hättest mit Entschiedenheit Ja gesagt.
4.
Denn die Welt ist nicht rund.
Warum sonst kugelt es mich an jeder Kante?
Es kratzt uns gewaltig den Sand
aus den Augenhöhlen.
Es gewittert die Seele
aus unserem Leib.
Es würfelt uns – immer wieder! – in die versuchten Anfänge:
Dorthin, wo es einst keine Namen gab.
Und kein Licht.
Dorthin, wo jedes Wort noch dürstend schweigt.
[…]
In Kulalah könnte ich glücklich sein.
Es ist eine andere Sonne dort.
Mein Mädchen,
mein biblisches Mädchen:
Als ob es irgendwo einen brennenden Dornbusch gäbe!
Oder ein Schilfmeer, das uns beschützte…
Du hast ALLES MIT ALLEM verwechselt.
(Deine Seligkeit mit der meinen.
Dein Leiden mit dem eines andern.)
Und bist niemals
- nicht im Geringsten! -
zu dir selbst gekommen.
5.
Am Ende waren es deine Lungen.
Nach dem Magen,
dem Darm und
dem Herzen,
waren es endgültig deine Lungen,
an denen du sterben wolltest.
Dich auszuhungern hättest du nicht gewagt.
Wohl aber dich wieder und wieder
von dem Atem der Welt zu scheiden.
Überall ist es eine dünne Luft.
Und ich kann nichts dafür.
Ich bitte dich – vielmals! –
um eine letzte Zigarette!
Einen Zug lang noch alles versäumen.
[Den Tag.
Und die Nacht.]
Am Ende sind wir es alle nicht wert gewesen.
6.
HELLO DARKNESS, MY OLD FRIEND.
I`VE COME TO TALK WITH YOU AGAIN.
Selbst dafür hattest du dich entschieden.
Kein anderes Lied wolltest du gelten lassen
neben den Blumenkränzen
und der geschaufelten Erde.
3x sollte sie es spielen:
Eine Kapelle aus Bettlern und Idioten!
So hattest du es dir auserbeten.
(Aber bitte leise!
Und ohne den üblichen Tand! -
Ich stürbe sonst zweimal an einem einzigen Tag.
Und dafür hat niemand das Geld.)
7.
Und niemand,
ich füge hinzu,
niemand kann solche Tränen weinen! mehr...