29/ Lyrik: Gestanden, aus durch, daneben, Gerhard Ruiss

etcetera 29/Blätterwirbel/Oktober 07
Blätterwirbel 2007

GESTANDEN, AUS DURCH, DANEBEN
Gerhard Ruiss

aufstellung

wo möchte ich am abend stehen
in meinen schuhen
nicht neben

bei wem möchte ich die nacht verbringen
in meinen schuhen
mit meinen füßen drinnen

mit wem will ich am morgen
aus dem bett heraus springen
meinen schuhen
und meinen füßen
die noch schlafen in ihnen

mit wem möchte ich die karge freizeit
zwischen aufstehen arbeiten essen
und wieder zu bett gehen verbringen
meinen schuhen
und meinen füßen
die unaufhörlich stecken in ihnen.

die lederhandlung

hier handelt das leder
und zieht von sich
bedient wird sofort
und dran kommt ein jeder.

Gewidmet der nicht mehr betriebenen „Lederhandlung A. Moritz“
in Wien 8, Lammgasse 8.

von da, wo man hingehören soll

nein, sie macht sich die schnittlauchfrisur
blond
zieht die violette lederjacke an
glanz
trägt nur mehr dunkle strümpfe
und treter

zeigt alles
von ihren hinausgedrehten wadenmuskeln
angefangen an
von sich
beim wegwerfen ihrer alten sachen in den müll
den fuß am fußhebel
den rest von ihr von früher
beim fallen
ganz
oder später.

what’s new, pussycat 2004

für girls
and guys
shoes
und was neu’s
for guys
and girls
shoes
und was news
for girls
and guys
shoes
und was teur’s
für guys
and girls
shoes
und was über megaperls.

das hochinteressante sockenspiel

das hochinteressante sockenspiel
ich ziehe die socken an
und aus so oft ich will

das hochinteressante sockenspiel
ich ziehe die schuhe aus
wo ich will

das hochinteressante sockenspiel
ich wechsle die socken
wann ich will

das weniger interessante gonokokkenspiel
gibt es zwar auch
aber keinen, der es mit einem spielen will.

überblick

ihre waffenscheinpflichtigen schuhe
hat sie abgestellt
vor einem absperrgitter
das voll mit plakaten hängt
keines hält
kleine maschendrahtzaunquadrate
halten aufsicht über eine streng portionierte welt
und ihren aufstieg:
jeder millimeter zählt.

bloßfüßiger

im schuhbandbinden
war ich ganz gut bis perfekt
und im denken dazu
schuhe haben
wäre auch nicht schlecht.

gesuchtes

was brauchen wir?
eine schuhgröße
was jetzt?
schuhe
was brauchen wir?
einen kragenumfang
was jetzt?
mehr weite.

kirchgang

kein stäubelchen
von deinen schuhen ab
von ihrem glanz
wie du auf dich hinunterlachen kannst.
mehr...

28/ Lyrik: Weltallrocker, Christian Schreibmüller

mehr...

etcetera 28/ SCHUND/ April 07
WELTALLROCKER

Christian Schreibmüller

Er lebte in einem eisigen Saal
in einem Palast, den auch die Ratten
längst verlassen hatten.
Ehe ein paar Punks
mit neuen Ratten kamen.

So schlimm der Saal auch aussah:
Er war eine Landschaft für sich.
Ein Gebirge von Schutt zog
seine Cordillere aus einer Ecke
des Raumes bis in dessen Mitte,
endete am zweiten Tor des Saales
und schüttete es zu.

Er glaubte, er sei Gott. Doch sagte er
lächerlich steif und pathetisch:

„Meine Mutter war eine hässliche Hure
in den Baracken von Sankt Pölten!“

Er stützte sein Kinn auf beiden Händen ab,
und diese wiederum auf einem Besenstiel,

bevor er leise noch weiter ihren Marktwert
schmälerte:

„Sie hatte einen Leberfleck –
über das ganze Gesicht.“

In mancher verlassenen, endlosen Nacht
verrückte er zerstörte, gewaltige Möbel
von einer Seite des Saales zur andren.
Ein kalter, kreischender, hässlicher Lärm.
Vielleicht der einzige Weg,
einen Rest der Wärme zu kriegen,
die er einst in den Baracken
seiner Kindheit nicht empfunden hatte.

Das Rücken der riesigen Kästen und Tische
hörte sich an als spielte er Schach
mit einer Macht, die ihr Gesicht
aus gutem Grund im Dunklen hielt.

Wenn er dann um sechs Uhr Früh
auf die zerstörten und verrückten Möbel blickte,
war ihm klar, dass die Partie verloren war.

Die Partie gegen die Hyäne der Tablettensucht.
Sie hatte sich mit dem einzigen Tyrannosaurus
zusammengetan, der niemals ausgestorben ist,
und dessen DreißigZentimeterReißzahnGrinsen
sagt, es gebe keine Hoffnung außer Alkohol.

Die Biester bissen sich blutig
um jedes Stückchen seiner Leber,
Nur in seinem Innern lebten sie.
Doch wusste er, dass dieser Saal
nicht reichen würde, ihnen zu entkommen.

Wenn er nachmittags erwachte, wusste er, das Grauen
schlich durch die Gänge der großen Ruine.

Er wusste nicht mehr, ob die Ruine existierte
oder ob sie eine Krankheit seines Geistes war.
Denn schließlich blieben auch die Tage dunkel.
Als real empfand er nur das Grauen.

Er wusste auch nicht, ob nicht die ganze Welt
den Bach hinunter war und einzig er noch lebte.
Oh, es konnte sein, dass Kontinente nur noch
Trümmerhaufen waren und dass Land an Land
sich reihte unter einem ausgebrannten Himmel,
und dass Milliarden kalte und zerbombte Zimmer
diesen letzten Anspruch hatten, Welt zu sein.

„Doch irgendwann“, so delirierte er,
„gibt´s Weltall-Rocker.
Ich werde ihr Anführer sein.“

Auch in den nächsten Nächten hörten wir
die Laute, gegen die sich alles in uns sträubte.
Einen gewaltigen Brocken Beton
versuchte er zwischen sich
und die Bestien zu schieben.

Sie waren nun immer in seiner Nähe.
Gefletschte Zähne grinsten ständig
hinter dem Brocken Beton hervor.

Es knirschte so laut, dass wir wussten,
nun war es so weit.
Nun zeigte die Macht,
die kein Lebender kennt,
ihr Gesicht.

Die Hölle der Baracken,
denke ich, erschien ihm nun.
Baracken, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg
das Gesicht der Jugend prägten.
Baracken, die schon tief im Krieg
Vernichtung hießen und Ende der Seelen.

Einer von uns sagte lächelnd und leise:
Nun hat ihn die Öde seiner Kindheit geholt.
Ein anderer meinte: Der feiert im Weltall.
Sag ich doch, sagte der erste:
In der gottverdammten Leere.

Irgendeiner musste Meldung machen
an den großen Kleinstaat, der unserem
winzigen Kleinstaat noch übergeordnet war,
den wir für zwei, drei Jahre halten konnten.
Ich suchte es locker zu nehmen
und machte die Meldung.

Heute aber, Jan, der du dein Leben
in jene verschüttete Ecke geworfen hast,
aus der du nie herausgekommen bist,
heute habe ich an dich gedacht.
An das große, teilnahmslose Nichts,
dem du nie entkommen bist.

Vor allem auch wir waren
das teilnahmslose Nichts.
Wir haben dich ja nicht
aus Toleranz verenden lassen.

In deiner Welt des einen Saales,
den wir bloß umkreisten,
den aber keiner betreten wollte,
waren schon wir deine Weltall-Rocker.
Viel zu nahe an der Macht,
die ihr Gesicht nicht zeigt.

27/ Lyrik: Gedichtln, El Awadalla

etcetera 27/Letzte Dinge/März 07
GEDICHTLN

El Awadalla

di zigrädtn bringa di um
da schweinzbródn bringdti um
da schnóbbs bringdti um
da kafää bringdti um
es liing fuan feanzän bringddi um
sónxma dauand in feanzän

˜

wauni hea
dawaöiri mid an tschigg
und an kafää mid an schnabbsarl drin
fuan feanzän liich nóchn essn
das wiidaramoi a so a xundheidsabosdl
mid sechzg en leffö óógeem hód
daun waasi
daasi ned óis glaum muas
wós in feanzän dazöön

˜

es leem is gros
howi ma ollawaö fuagschdööd
so groos is es leem
daasi mas goaned fuaschdöön kaun
howi glaubd
owa es leem is gaunz glaan
howi xääng
wia ana dogleeng is
mid an gaunz glan loch
in sein kobf
do is s aussegraöd es leem
es glane aus den winzichn loch
goaned zun seng woas

˜

waun wea schdiabt
dengi wias is
waun i schdiab
es gschia wiari
ned ogwoschn hom
und iagendwen
wiari an hundada
schuidich sein

Lesen Sie weiter im etcetera 27/LETZTE DINGE Seite 58.

Biographie: El Awadalla

Geboren: 31.3.1956 in Nickelsdorf/Burgenland. Seit 1975 in Wien wohnhaft. Seit 2001 Vorsitzende.der ÖDA (österreichische DialektautorInnen). Mehrere Preise und Stipendien.
2006: wienerinnen - gesichten von guten und bösen frauen, sisyphus-verlag
2006: goarilla srilla. buch und cd. edition uhudlaA

Foto mehr...