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etcetera 28/ SCHUND/ April 07
WELTALLROCKER
Christian Schreibmüller
Er lebte in einem eisigen Saal
in einem Palast, den auch die Ratten
längst verlassen hatten.
Ehe ein paar Punks
mit neuen Ratten kamen.
So schlimm der Saal auch aussah:
Er war eine Landschaft für sich.
Ein Gebirge von Schutt zog
seine Cordillere aus einer Ecke
des Raumes bis in dessen Mitte,
endete am zweiten Tor des Saales
und schüttete es zu.
Er glaubte, er sei Gott. Doch sagte er
lächerlich steif und pathetisch:
„Meine Mutter war eine hässliche Hure
in den Baracken von Sankt Pölten!“
Er stützte sein Kinn auf beiden Händen ab,
und diese wiederum auf einem Besenstiel,
bevor er leise noch weiter ihren Marktwert
schmälerte:
„Sie hatte einen Leberfleck –
über das ganze Gesicht.“
In mancher verlassenen, endlosen Nacht
verrückte er zerstörte, gewaltige Möbel
von einer Seite des Saales zur andren.
Ein kalter, kreischender, hässlicher Lärm.
Vielleicht der einzige Weg,
einen Rest der Wärme zu kriegen,
die er einst in den Baracken
seiner Kindheit nicht empfunden hatte.
Das Rücken der riesigen Kästen und Tische
hörte sich an als spielte er Schach
mit einer Macht, die ihr Gesicht
aus gutem Grund im Dunklen hielt.
Wenn er dann um sechs Uhr Früh
auf die zerstörten und verrückten Möbel blickte,
war ihm klar, dass die Partie verloren war.
Die Partie gegen die Hyäne der Tablettensucht.
Sie hatte sich mit dem einzigen Tyrannosaurus
zusammengetan, der niemals ausgestorben ist,
und dessen DreißigZentimeterReißzahnGrinsen
sagt, es gebe keine Hoffnung außer Alkohol.
Die Biester bissen sich blutig
um jedes Stückchen seiner Leber,
Nur in seinem Innern lebten sie.
Doch wusste er, dass dieser Saal
nicht reichen würde, ihnen zu entkommen.
Wenn er nachmittags erwachte, wusste er, das Grauen
schlich durch die Gänge der großen Ruine.
Er wusste nicht mehr, ob die Ruine existierte
oder ob sie eine Krankheit seines Geistes war.
Denn schließlich blieben auch die Tage dunkel.
Als real empfand er nur das Grauen.
Er wusste auch nicht, ob nicht die ganze Welt
den Bach hinunter war und einzig er noch lebte.
Oh, es konnte sein, dass Kontinente nur noch
Trümmerhaufen waren und dass Land an Land
sich reihte unter einem ausgebrannten Himmel,
und dass Milliarden kalte und zerbombte Zimmer
diesen letzten Anspruch hatten, Welt zu sein.
„Doch irgendwann“, so delirierte er,
„gibt´s Weltall-Rocker.
Ich werde ihr Anführer sein.“
Auch in den nächsten Nächten hörten wir
die Laute, gegen die sich alles in uns sträubte.
Einen gewaltigen Brocken Beton
versuchte er zwischen sich
und die Bestien zu schieben.
Sie waren nun immer in seiner Nähe.
Gefletschte Zähne grinsten ständig
hinter dem Brocken Beton hervor.
Es knirschte so laut, dass wir wussten,
nun war es so weit.
Nun zeigte die Macht,
die kein Lebender kennt,
ihr Gesicht.
Die Hölle der Baracken,
denke ich, erschien ihm nun.
Baracken, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg
das Gesicht der Jugend prägten.
Baracken, die schon tief im Krieg
Vernichtung hießen und Ende der Seelen.
Einer von uns sagte lächelnd und leise:
Nun hat ihn die Öde seiner Kindheit geholt.
Ein anderer meinte: Der feiert im Weltall.
Sag ich doch, sagte der erste:
In der gottverdammten Leere.
Irgendeiner musste Meldung machen
an den großen Kleinstaat, der unserem
winzigen Kleinstaat noch übergeordnet war,
den wir für zwei, drei Jahre halten konnten.
Ich suchte es locker zu nehmen
und machte die Meldung.
Heute aber, Jan, der du dein Leben
in jene verschüttete Ecke geworfen hast,
aus der du nie herausgekommen bist,
heute habe ich an dich gedacht.
An das große, teilnahmslose Nichts,
dem du nie entkommen bist.
Vor allem auch wir waren
das teilnahmslose Nichts.
Wir haben dich ja nicht
aus Toleranz verenden lassen.
In deiner Welt des einen Saales,
den wir bloß umkreisten,
den aber keiner betreten wollte,
waren schon wir deine Weltall-Rocker.
Viel zu nahe an der Macht,
die ihr Gesicht nicht zeigt.
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