Christian Baier
Die sauberen Hände
Er weiß: Seine Hände werden sich auflösen. Er spürt keinerlei Unbehagen bei diesem Gedanken. Seinen Händen hat er nie große Beachtung geschenkt. Manchmal empfand er Ekel vor ihnen, wenn er sie gegen das Licht hielt, und dieses durch die dünne Haut zwischen den gespreizten Fingern schimmerte. Seine Finger sind kurz und fleischig, wenig Gelenkigkeit steckt in ihnen. Hündische Arbeit hat er stets verabscheut, Arbeit, bei der man sich die Hände schmutzig macht, wie er sagt, denn es lohnt die Muhe nicht, sie zu waschen.
Er weiß – und diese Gewissheit ist ein Teil seines Lebens –:
Sie werden sich auflösen. Diese Tatsache hat nichts Beunruhigendes für ihn. Sie werden einfach verschwinden, und die Schmerzen, die mit dem Auflösungsprozess verbunden sind, mit ihnen. Er wird erleichtert aufatmen und den Morgen genießen, den ersten Morgen ohne Hände und ohne Schmerzen.
Seine Aufwartefrau wird er anweisen, in den nächsten Tagen die Fenster angelehnt zu lassen, bis er sie mühelos mit seinen Armstumpfen öffnen kann. Er wird solange üben, bis ihn auch diese Alltäglichkeit vor keine Probleme mehr stellt. Alles ist eine Übungssache, sagt er sich.
Es ist nichts Ungewöhnliches, seine Hände zu verlieren. Eine unblutige Angelegenheit, wie er sich von Leuten, denen es widerfahren ist, versichern lies, völlig unblutig, aber äußerst schmerzhaft. Man kann nicht genau sagen, wie lange es dauern wird, das hangt von der physischen und psychischen Konstitution des Betroffenen ab. Gegen die Schmerzen gibt es rezeptpflichtige Mittel. Sie stehen ihm zu. Wenn es soweit ist, wird der Arzt sie ihm verschreiben.
Schon als Kind war er mit dem Verlust seiner Hände vertraut und daher auch stets bestrebt, sich nie an seine Hände zu gewöhnen, sie als wichtigen und unentbehrlichen Körperteil anzusehen. Bereits frühzeitig begann er damit, alle manuellen, also allein mit den Händen ausfuhrbaren Tätigkeiten, zu verabscheuen und zu vernachlässigen, sie, so gut es eben ging, aus dem Bereich seiner Handlungen und mitunter auch aus seinem Wort- und Gedankenschatz zu eliminieren.
So galt von jeher Handstand und Handball seine tiefe Abneigung, während er anderen Sportarten sehr zugetan war und in ihnen auch einige Fertigkeit zeigte. Sein Widerwillen gegen Handschrift schlug sich in chronischer Unleserlichkeit nieder, er verwendete keinerlei Sorgfalt auf ihre Kultivierung, nicht einmal auf die Perfektionierung ihrer Unleserlichkeit.
Die Paläographie erklärte er verständlicherweise zum Inbegriff wissenschaftlicher Nutzlosigkeit, zum signifikantesten Auswuchs geisteswissenschaftlicher Realitätsferne, zum Anachronismus schlechthin.
Es bereitete ihm Vergnügen, den mannigfaltigen Formen, in denen Hände in seiner Muttersprache auftauchen, nachzuspüren, um sich zu amüsieren. Die Kunst des Handlesens bezeichnete er gerne als brotlosesten Beruf der Welt und pflegte diese Aussage mit einem trockenen, abschätzigen Lachen zu bekräftigen. Er schüttelte niemandes Hand. Mag man ihm dies als Unhöflichkeit auslegen, als Arroganz ansehen, aber zu einem Handschlag war und wird er, solange er noch über beide Hände verfugt (später wird sich dies ohnehin von selbst erledigt haben), niemals zu bewegen sein. Auch das Hantieren mit Gegenstanden des täglichen Lebens ist ihm zutiefst verhasst. Diese Arbeiten überlässt er seiner Aufwartefrau (übrigens der einzige Mensch, zu dem er etwas wie Vertrauen besitzt). Handreichungen fallen in ihren Aufgabenbereich. Er verwendet keine Handtücher, zieht für seinen Teil große Frotteebadetücher vor, selbst wenn sie denselben Zweck erfüllen.
Es war schon lange sein Bestreben, sein Leben nicht mit Gegenstanden zu belasten – er persönlich hat dafür den Begriff überfrachten gewählt –, zu deren Benutzung Hände unabdingbare Voraussetzung sind. Seine Wohnung wurde nach den Kriterien seiner späteren Handlosigkeit eingerichtet. Die Schranke hat er mit Magnetschlossern ausstatten lassen, um nicht nach dem Verlust der Hände machtlos komplizierten Schlössern und Verriegelungen gegenüberzustehen. Das einzige Schloss in seiner Wohnung befindet sich an der Ausgangstur, wobei zum Lob seines (die Beifügung des Possessivpronomens, die er in jedem seiner Gedanken an diese Person vornimmt, mag seiner besonderen Wertschatzung Ausdruck verleihen) Schlossermeisters gesagt werden muss, dass es sich dabei um eine Spezialanfertigung handelt, die durch Einfachheit besticht und dem Handlosen nur wenig Übung und Geschicklichkeit abverlangt, wie ja überhaupt der Handlose auf seine eigene Bereitschaft angewiesen ist, sich auch ohne Hände in einer Welt zurechtzufinden, die sich jahrtausendelang auf ihre Hände verlassen hat, deren Zivilisationsgeschichte eine händische ist.
Viele – solche, denen das gleiche Schicksal bevorsteht, aber auch jene, die [außer durch ein unvorhersehbares Geschick] nicht vom Verlust ihrer Hände bedroht sind – bewundern ihn ob seiner Umsicht, und gerade deshalb wird er nie jene Menschen verstehen, die ihr Leben auf ihre Hände gegründet, sich von ihren Händen, der Handarbeit abhängig gemacht haben, als wäre es selbstverständlich, ein Leben lang zwei Hände zur Verfugung zu haben.
Eine Stenotypistin, mit der ihn einmal ein flüchtiges Gefühl von Zärtlichkeit verband, erschrak eines Tages, als sich an ihren Händen die ersten Auflösungserscheinungen zeigten. Sie rief ihn (warum gerade ihn?) an. Es war ein nasskalter Tag, und sie weinte ins Telephon. Doch er vermochte sie nicht zu trösten.
Er erinnerte sich, das sie schone Hände hatte, vielleicht waren ihre Hände das Schönste an ihr. Er hatte noch nie so schone Hände gesehen. Das Gefühl lasziver Melancholie überkam ihn, das er allem Vergänglichen entgegenbrachte.
Es hatte ihn gerührt, das sich diese feingliedrigen Hände, die samtigen Handrucken, die langen Finger mit den wohlgeformten, stets manikürten Nägeln auflösen und einen ohne sie nichtssagenden Körper samt einem leeren Gesicht zurücklassen wurden.
Seit dem Telephonat trug er nur noch Hemden ohne Knöpfe oder Rollkragenpullover. Seine Aufwartefrau wies er gegen ein geringes Entgelt an, Druckknopfe in all seine Kleidungsstücke einzunähen und nur an den Knopfleisten zum Schein Knopfe anzubringen. Sie schlug ihm vor, anstelle der Druckknöpfe Klettband zu verwenden, das für einen Handlosen noch viel leichter zu schließen und öffnen sei. Obwohl der Vorschlag durchaus berechtigt war, lehnte er ihn entschieden ab. Vielleicht war es die ihr zugrunde liegende Logik, die ihm einen Stich versetzte. Er hatte der einfachen Frau, die all ihren Aufgaben bislang nachgekommen war, ohne den Anschein zu erwecken, auch nur einen Gedanken an ihren Sinn und Zweck zu verschwenden, einen solchen klaren, kalten Gedankengang nicht zugetraut.
Für den Winter ließ er sich einen Mantel anfertigen, bei dem längliche Holzstifte und Lederschlaufen Knöpfe und Knopflöcher ersetzen.
Sein Schuhwerk stellte er auf schnürsenkellos um und gab einen Schuhlöffel mit besonders breiter Grifflache in Auftrag.
Viele lernen nicht aus der Hilflosigkeit der Überraschten. Dabei kann man nicht früh genug beginnen, Vorbereitungen für die Zeit ohne Hände zu treffen, den Armaturen in den Sanitärräumen größtes Augenmerk zu schenken, keine Kosten für Spezialanfertigungen zu scheuen. Bei den kleinen Dingen, wie er sagt, fängt es an: bei der Toilettenspülung, den Lichtschaltern, den Sicherungskasten. Längst hat er Prothesen in Auftrag gegeben, er hat ein Anrecht auf sie, doch er ist sich sicher, sie nicht zu benötigen, ja lächelt sogar versonnen über jenen Anflug von Eitelkeit, der ihn veranlasst hatte, anstatt jener Standardprothesen, die von der Krankenkasse bezahlt werden, auf eine Spezialanfertigung zu bestehen.
Das Einzige, was ihm Sorgen bereitet, sind seine Fußnägel. Mit seiner Aufwartefrau hat er bereits abgesprochen, das sie ihm die Fußnägel schneiden wird. Doch diese Lösung befriedigt ihn nicht, zählt er doch zu jenen Menschen, deren Hang zur Selbständigkeit jedes, selbst das geringste Abhängigkeitsverhältnis kategorisch ausschließt.
Seine diesbezüglichen Bedenken zerstreut er durch einen Gang durch seine Wohnung. Ein Gefühl von Sicherheit und Überlegenheit macht sich in ihm breit, stimmt ihn grenzenlos optimistisch. Alles ist vorbereitet. VON LANGER HAND GEPLANT – die Redewendung lässt ihn schmunzeln.
Schon jetzt benötigt er kaum noch seine Hände, ja sie sind ihm sogar bei manchen Verrichtungen bereits lästig. Gelegentlich kommt es vor, dass seine Finger instinktiv erledigen wollen, wozu sie nicht mehr gebraucht werden. Sie haben sich immer noch nicht damit abgefunden, überflüssig zu sein.
Erst kürzlich ließ er sich einen neuen Telephonapparat mit Tasten anstelle einer Wahlscheibe installieren. Beinahe bereut er es, noch Hände zu haben, die ihn daran hindern, den Apparat und die Tastatur auf ihre effiziente Nutzbarkeit zu überprüfen. Noch ist er genötigt, den Versicherungen des Postbeamten zu glauben, der von den besten Erfahrungen, die Handlose mit jenem Telephontyp gemacht haben, spricht.
Seit vorgestern – ja, vorgestern war es, die Aufwartefrau war gerade gegangen, er war allein – spürt er, dass sich seine Hände aufzulösen beginnen. Sie tun dies von innen heraus. Äußerlich kann man noch nichts sehen.
Nun sitzt er stundenlang beinahe reglos da und betrachtet seine Hände, wie sie auf den Armlehnen des Fauteuils ruhen, wie sich die Finger ab und zu bewegen, unwillkürlich, wie um ihn ihrer Existenz zu versichern, sich ihm ein letztes Mal in Erinnerung zu rufen.
Festhalten, denkt er. [Nein: das Wort fällt ihm ein, und er empfindet seine Bedeutungslosigkeit stärker als jemals zuvor.]
Gegenstände.
Erinnerungen [wie von selbst].
Menschen.
Er muss an die Stenotypistin denken, an ihre Umarmungen, die so unangenehm gewesen waren, weil er sie als Umklammerung empfunden hatte.
Er ist ein sentimentaler Mensch, auch wenn er sich dies nicht gerne eingesteht, ein sentimentaler Mensch wie alle, denen ein Verlust bevorsteht. Während er seine Hände betrachtet, während er jenes nicht zu überfühlende Kribbeln in den Fingerspitzen, unter den Fingernageln und der Haut, das stechende Pochen in den sich zersetzenden Knochen, dieses leise Ziehen wahrnimmt, das sich bald zu einem Brennen, Ziehen, Zerren, einem einzigen Schmerz auswachsen wird, spricht er zu seinen Händen, die jetzt ganz ruhig auf den Armlehnen liegen.
Er sagt nicht viel. Er spricht, ohne die Lippen zu bewegen. Worte sind nicht nötig. Er fühlt nur zu ihnen, und sie antworten mit jenem Kribbeln, fast noch ein Juckreiz zwischen den Fingern an der Außenseite der Haut, dem leisen Ziehen in den Knochen, Knöcheln, Gelenken.
Ab und zu gibt er dem Verlangen nach, sich zu kratzen. Dann lost sich die rechte Hand von der Lehne und leistet der linken Beistand. Und umgekehrt.
Er geht nicht mehr außer Haus. Für den Fall, dass die Schmerzen unerträglich werden sollten, hat er sich schon die betreffenden Medikamente besorgt. Er will allein sein mit seinen in Auflösung begriffenen Händen, in Ruhe von ihnen Abschied nehmen.
Im Zirkus wird er nur noch in die Armstummel klatschen können. Das ist nicht weiter tragisch. Sein Großvater hatte es schwerer. Damals kam noch öfter ein Zirkus in die Stadt.
Christian Baier
Geb. 1963 in Wien. 1988-1994 Chefredakteur der „Österreichischen Musikzeitschrift“. 1994-2001 Leitender Musiktheaterdramaturg der Wiener Festwochen. 2001-2003 Chefdramaturg der Wuppertaler Buhnen. 2003-2006 Chefdramaturg „Oper der Zeit“. 2006-2008 Chefdramaturg des Musiktheater Dortmund. 2008-2011 Künstlerischer Produktionsleiter der Deutschen Oper Berlin. Seit 2011 Chefdramaturg des Ballett Dortmund. Seit 2013 Künstlerischer Leiter der Internationalen Gluck Festspiele Nürnberg.
Publikationen: Zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften in Österreich, Deutschland und der Schweiz sowie in Fachmagazinen. Mitherausgeber der Anthologien der Edition Splitter (2006-07). Letzte Veröffentlichung: „Die Wiedergänger“, Bochum 2013.
Erschienen im etcetera Nr 52/ Körper/ Mai 2013 mehr...