52/Körper/Prosa: Die sauberen Hände. Christian Baier

Christian Baier
Die sauberen Hände

Er weiß: Seine Hände werden sich auflösen. Er spürt keinerlei Unbehagen bei diesem Gedanken. Seinen Händen hat er nie große Beachtung geschenkt. Manchmal empfand er Ekel vor ihnen, wenn er sie gegen das Licht hielt, und dieses durch die dünne Haut zwischen den gespreizten Fingern schimmerte. Seine Finger sind kurz und fleischig, wenig Gelenkigkeit steckt in ihnen. Hündische Arbeit hat er stets verabscheut, Arbeit, bei der man sich die Hände schmutzig macht, wie er sagt, denn es lohnt die Muhe nicht, sie zu waschen.

Er weiß – und diese Gewissheit ist ein Teil seines Lebens –:

Sie werden sich auflösen. Diese Tatsache hat nichts Beunruhigendes für ihn. Sie werden einfach verschwinden, und die Schmerzen, die mit dem Auflösungsprozess verbunden sind, mit ihnen. Er wird erleichtert aufatmen und den Morgen genießen, den ersten Morgen ohne Hände und ohne Schmerzen.

Seine Aufwartefrau wird er anweisen, in den nächsten Tagen die Fenster angelehnt zu lassen, bis er sie mühelos mit seinen Armstumpfen öffnen kann. Er wird solange üben, bis ihn auch diese Alltäglichkeit vor keine Probleme mehr stellt. Alles ist eine Übungssache, sagt er sich.

Es ist nichts Ungewöhnliches, seine Hände zu verlieren. Eine unblutige Angelegenheit, wie er sich von Leuten, denen es widerfahren ist, versichern lies, völlig unblutig, aber äußerst schmerzhaft. Man kann nicht genau sagen, wie lange es dauern wird, das hangt von der physischen und psychischen Konstitution des Betroffenen ab. Gegen die Schmerzen gibt es rezeptpflichtige Mittel. Sie stehen ihm zu. Wenn es soweit ist, wird der Arzt sie ihm verschreiben.

Schon als Kind war er mit dem Verlust seiner Hände vertraut und daher auch stets bestrebt, sich nie an seine Hände zu gewöhnen, sie als wichtigen und unentbehrlichen Körperteil anzusehen. Bereits frühzeitig begann er damit, alle manuellen, also allein mit den Händen ausfuhrbaren Tätigkeiten, zu verabscheuen und zu vernachlässigen, sie, so gut es eben ging, aus dem Bereich seiner Handlungen und mitunter auch aus seinem Wort- und Gedankenschatz zu eliminieren.

So galt von jeher Handstand und Handball seine tiefe Abneigung, während er anderen Sportarten sehr zugetan war und in ihnen auch einige Fertigkeit zeigte. Sein Widerwillen gegen Handschrift schlug sich in chronischer Unleserlichkeit nieder, er verwendete keinerlei Sorgfalt auf ihre Kultivierung, nicht einmal auf die Perfektionierung ihrer Unleserlichkeit.

Die Paläographie erklärte er verständlicherweise zum Inbegriff wissenschaftlicher Nutzlosigkeit, zum signifikantesten Auswuchs geisteswissenschaftlicher Realitätsferne, zum Anachronismus schlechthin.

Es bereitete ihm Vergnügen, den mannigfaltigen Formen, in denen Hände in seiner Muttersprache auftauchen, nachzuspüren, um sich zu amüsieren. Die Kunst des Handlesens bezeichnete er gerne als brotlosesten Beruf der Welt und pflegte diese Aussage mit einem trockenen, abschätzigen Lachen zu bekräftigen. Er schüttelte niemandes Hand. Mag man ihm dies als Unhöflichkeit auslegen, als Arroganz ansehen, aber zu einem Handschlag war und wird er, solange er noch über beide Hände verfugt (später wird sich dies ohnehin von selbst erledigt haben), niemals zu bewegen sein. Auch das Hantieren mit Gegenstanden des täglichen Lebens ist ihm zutiefst verhasst. Diese Arbeiten überlässt er seiner Aufwartefrau (übrigens der einzige Mensch, zu dem er etwas wie Vertrauen besitzt). Handreichungen fallen in ihren Aufgabenbereich. Er verwendet keine Handtücher, zieht für seinen Teil große Frotteebadetücher vor, selbst wenn sie denselben Zweck erfüllen.

Es war schon lange sein Bestreben, sein Leben nicht mit Gegenstanden zu belasten – er persönlich hat dafür den Begriff überfrachten gewählt –, zu deren Benutzung Hände unabdingbare Voraussetzung sind. Seine Wohnung wurde nach den Kriterien seiner späteren Handlosigkeit eingerichtet. Die Schranke hat er mit Magnetschlossern ausstatten lassen, um nicht nach dem Verlust der Hände machtlos komplizierten Schlössern und Verriegelungen gegenüberzustehen. Das einzige Schloss in seiner Wohnung befindet sich an der Ausgangstur, wobei zum Lob seines (die Beifügung des Possessivpronomens, die er in jedem seiner Gedanken an diese Person vornimmt, mag seiner besonderen Wertschatzung Ausdruck verleihen) Schlossermeisters gesagt werden muss, dass es sich dabei um eine Spezialanfertigung handelt, die durch Einfachheit besticht und dem Handlosen nur wenig Übung und Geschicklichkeit abverlangt, wie ja überhaupt der Handlose auf seine eigene Bereitschaft angewiesen ist, sich auch ohne Hände in einer Welt zurechtzufinden, die sich jahrtausendelang auf ihre Hände verlassen hat, deren Zivilisationsgeschichte eine händische ist.

Viele – solche, denen das gleiche Schicksal bevorsteht, aber auch jene, die [außer durch ein unvorhersehbares Geschick] nicht vom Verlust ihrer Hände bedroht sind – bewundern ihn ob seiner Umsicht, und gerade deshalb wird er nie jene Menschen verstehen, die ihr Leben auf ihre Hände gegründet, sich von ihren Händen, der Handarbeit abhängig gemacht haben, als wäre es selbstverständlich, ein Leben lang zwei Hände zur Verfugung zu haben.

Eine Stenotypistin, mit der ihn einmal ein flüchtiges Gefühl von Zärtlichkeit verband, erschrak eines Tages, als sich an ihren Händen die ersten Auflösungserscheinungen zeigten. Sie rief ihn (warum gerade ihn?) an. Es war ein nasskalter Tag, und sie weinte ins Telephon. Doch er vermochte sie nicht zu trösten.

Er erinnerte sich, das sie schone Hände hatte, vielleicht waren ihre Hände das Schönste an ihr. Er hatte noch nie so schone Hände gesehen. Das Gefühl lasziver Melancholie überkam ihn, das er allem Vergänglichen entgegenbrachte.

Es hatte ihn gerührt, das sich diese feingliedrigen Hände, die samtigen Handrucken, die langen Finger mit den wohlgeformten, stets manikürten Nägeln auflösen und einen ohne sie nichtssagenden Körper samt einem leeren Gesicht zurücklassen wurden.

Seit dem Telephonat trug er nur noch Hemden ohne Knöpfe oder Rollkragenpullover. Seine Aufwartefrau wies er gegen ein geringes Entgelt an, Druckknopfe in all seine Kleidungsstücke einzunähen und nur an den Knopfleisten zum Schein Knopfe anzubringen. Sie schlug ihm vor, anstelle der Druckknöpfe Klettband zu verwenden, das für einen Handlosen noch viel leichter zu schließen und öffnen sei. Obwohl der Vorschlag durchaus berechtigt war, lehnte er ihn entschieden ab. Vielleicht war es die ihr zugrunde liegende Logik, die ihm einen Stich versetzte. Er hatte der einfachen Frau, die all ihren Aufgaben bislang nachgekommen war, ohne den Anschein zu erwecken, auch nur einen Gedanken an ihren Sinn und Zweck zu verschwenden, einen solchen klaren, kalten Gedankengang nicht zugetraut.

Für den Winter ließ er sich einen Mantel anfertigen, bei dem längliche Holzstifte und Lederschlaufen Knöpfe und Knopflöcher ersetzen.

Sein Schuhwerk stellte er auf schnürsenkellos um und gab einen Schuhlöffel mit besonders breiter Grifflache in Auftrag.

Viele lernen nicht aus der Hilflosigkeit der Überraschten. Dabei kann man nicht früh genug beginnen, Vorbereitungen für die Zeit ohne Hände zu treffen, den Armaturen in den Sanitärräumen größtes Augenmerk zu schenken, keine Kosten für Spezialanfertigungen zu scheuen. Bei den kleinen Dingen, wie er sagt, fängt es an: bei der Toilettenspülung, den Lichtschaltern, den Sicherungskasten. Längst hat er Prothesen in Auftrag gegeben, er hat ein Anrecht auf sie, doch er ist sich sicher, sie nicht zu benötigen, ja lächelt sogar versonnen über jenen Anflug von Eitelkeit, der ihn veranlasst hatte, anstatt jener Standardprothesen, die von der Krankenkasse bezahlt werden, auf eine Spezialanfertigung zu bestehen.

Das Einzige, was ihm Sorgen bereitet, sind seine Fußnägel. Mit seiner Aufwartefrau hat er bereits abgesprochen, das sie ihm die Fußnägel schneiden wird. Doch diese Lösung befriedigt ihn nicht, zählt er doch zu jenen Menschen, deren Hang zur Selbständigkeit jedes, selbst das geringste Abhängigkeitsverhältnis kategorisch ausschließt.

Seine diesbezüglichen Bedenken zerstreut er durch einen Gang durch seine Wohnung. Ein Gefühl von Sicherheit und Überlegenheit macht sich in ihm breit, stimmt ihn grenzenlos optimistisch. Alles ist vorbereitet. VON LANGER HAND GEPLANT – die Redewendung lässt ihn schmunzeln.

Schon jetzt benötigt er kaum noch seine Hände, ja sie sind ihm sogar bei manchen Verrichtungen bereits lästig. Gelegentlich kommt es vor, dass seine Finger instinktiv erledigen wollen, wozu sie nicht mehr gebraucht werden. Sie haben sich immer noch nicht damit abgefunden, überflüssig zu sein.

Erst kürzlich ließ er sich einen neuen Telephonapparat mit Tasten anstelle einer Wahlscheibe installieren. Beinahe bereut er es, noch Hände zu haben, die ihn daran hindern, den Apparat und die Tastatur auf ihre effiziente Nutzbarkeit zu überprüfen. Noch ist er genötigt, den Versicherungen des Postbeamten zu glauben, der von den besten Erfahrungen, die Handlose mit jenem Telephontyp gemacht haben, spricht.

Seit vorgestern – ja, vorgestern war es, die Aufwartefrau war gerade gegangen, er war allein – spürt er, dass sich seine Hände aufzulösen beginnen. Sie tun dies von innen heraus. Äußerlich kann man noch nichts sehen.

Nun sitzt er stundenlang beinahe reglos da und betrachtet seine Hände, wie sie auf den Armlehnen des Fauteuils ruhen, wie sich die Finger ab und zu bewegen, unwillkürlich, wie um ihn ihrer Existenz zu versichern, sich ihm ein letztes Mal in Erinnerung zu rufen.

Festhalten, denkt er. [Nein: das Wort fällt ihm ein, und er empfindet seine Bedeutungslosigkeit stärker als jemals zuvor.]
Gegenstände.
Erinnerungen [wie von selbst].
Menschen.

Er muss an die Stenotypistin denken, an ihre Umarmungen, die so unangenehm gewesen waren, weil er sie als Umklammerung empfunden hatte.

Er ist ein sentimentaler Mensch, auch wenn er sich dies nicht gerne eingesteht, ein sentimentaler Mensch wie alle, denen ein Verlust bevorsteht. Während er seine Hände betrachtet, während er jenes nicht zu überfühlende Kribbeln in den Fingerspitzen, unter den Fingernageln und der Haut, das stechende Pochen in den sich zersetzenden Knochen, dieses leise Ziehen wahrnimmt, das sich bald zu einem Brennen, Ziehen, Zerren, einem einzigen Schmerz auswachsen wird, spricht er zu seinen Händen, die jetzt ganz ruhig auf den Armlehnen liegen.

Er sagt nicht viel. Er spricht, ohne die Lippen zu bewegen. Worte sind nicht nötig. Er fühlt nur zu ihnen, und sie antworten mit jenem Kribbeln, fast noch ein Juckreiz zwischen den Fingern an der Außenseite der Haut, dem leisen Ziehen in den Knochen, Knöcheln, Gelenken.

Ab und zu gibt er dem Verlangen nach, sich zu kratzen. Dann lost sich die rechte Hand von der Lehne und leistet der linken Beistand. Und umgekehrt.

Er geht nicht mehr außer Haus. Für den Fall, dass die Schmerzen unerträglich werden sollten, hat er sich schon die betreffenden Medikamente besorgt. Er will allein sein mit seinen in Auflösung begriffenen Händen, in Ruhe von ihnen Abschied nehmen.

Im Zirkus wird er nur noch in die Armstummel klatschen können. Das ist nicht weiter tragisch. Sein Großvater hatte es schwerer. Damals kam noch öfter ein Zirkus in die Stadt.

Christian Baier
Geb. 1963 in Wien. 1988-1994 Chefredakteur der „Österreichischen Musikzeitschrift“. 1994-2001 Leitender Musiktheaterdramaturg der Wiener Festwochen. 2001-2003 Chefdramaturg der Wuppertaler Buhnen. 2003-2006 Chefdramaturg „Oper der Zeit“. 2006-2008 Chefdramaturg des Musiktheater Dortmund. 2008-2011 Künstlerischer Produktionsleiter der Deutschen Oper Berlin. Seit 2011 Chefdramaturg des Ballett Dortmund. Seit 2013 Künstlerischer Leiter der Internationalen Gluck Festspiele Nürnberg.
Publikationen: Zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften in Österreich, Deutschland und der Schweiz sowie in Fachmagazinen. Mitherausgeber der Anthologien der Edition Splitter (2006-07). Letzte Veröffentlichung: „Die Wiedergänger“, Bochum 2013.

Erschienen im etcetera Nr 52/ Körper/ Mai 2013 mehr...

51/viel-leicht/Prosa: Martina Sens - Blindgänger

Martina Sens
Blindgänger

Nichts zu sehen, absolut nichts erkennbar. Die ganze Welt zittert, doch ich sehe nichts.
Ach ja, die Entfernung! So weit weg. Man kann es ja nicht sehen, die Not und das Verderben. Aber es breitet sich aus.
Ebenfalls unsichtbar.
Ich sehe hinaus und obwohl sich augenscheinlich Nichts verändert hat hier, wird es nie mehr so sein, wie es war.
In jedem Blatt, in jedem Grashalm, in der Luft ist sie, diese unsichtbare Veränderung und dort wird sie bleiben über Jahrhunderte, Jahrtausende.
Die Welt bebt und dann zittert sie vor Angst.
Nichts zu sehen hier.
Wie von Geisterhand wird das Leben hier verschwinden. Der geheimnisvolle Radius des Sterbens wird sich immer weiter ausbreiten. Bald wird keiner mehr wissen, warum dort gestorben wird. Aber es wird nie mehr enden. Schaurige Landschaften, menschenleer und verwüstet. Doch ist nicht ersichtlich warum. Blind. Als hätten wir kein Augenlicht.
Blöd – werfen wir um uns mit Blindgängern, die früher oder später dann doch in die Luft gehen.
Wir sind die Geister, die die Dunkelheit erschufen.
Wir alle haben es gewusst – und nun klingt es schon so alltäglich wie die Berichterstattung über einen Verkehrsunfall.
Höchstwerte erreicht, Höchstwerte überschritten. Nach wenigen Wochen siegen die Aktienkurse über die Höchstwerte.
Gespenstisch wie Werte sich wandeln im Schatten des Gewinns.
Wir alle haben es gewusst, was wir da in die Welt setzen.
Jeder, der auch nur die einfachsten Grundlagen über die Materie kennt weiß, dass das eine unkontrollierbare, tödliche Macht ist.
Die Welt blickt auf die ferne Insel mit Betroffenheit – ein wenig, mit Angst – ein wenig, und mit dem erbarmungslosen Spürsinn der Wirtschaftswunderkinder.

Da ist sie doch wieder, die Endlösung, die Erlösung von unseren Sorgen und Ängsten.
Jetzt eine Insel finden… Da drängt sich der Gedanke doch direkt auf, weit entfernt, unsichtbar, mehrfach belastungsgetestet – bietet sich doch direkt an, als globales Endlager...
Wir haben sie nicht gerufen die Geister. Wir sind die Geister.
Wir erschaffen den Tod und werden ihn nicht mehr los.
Nichts zu sehen – brandheiße Gefahr, von der Erdvernichtungsmaschine Mensch gemacht. Und wissend schließen wir unsere Augen. So oder so.

Martina Sens
Geb.1964 in Bürstadt, Hessen. Studium an der Universität Mannheim (Germanistik, Soziologie, Pädagogik). Mittlerweile Heilpraktikerin, Wirbelsäulentherapeutin nach Dorn- und Breuß, Mutter und Autorin. Schreibt, um zu überleben.

LitGes, etcetera 51/viel-leicht/ März 2013 mehr...

50/Wozu Literatur?/Prosa: Termin bei Midas. Erich Sedlak

Erich Sedlak
Termin bei Midas

Irgendwie hatte er ja recht, mein alter Freund Beppo, als er eines Tages sagte: „Bei deinem außergewöhnlichen Talent als Schriftsteller brauchst du unbedingt einen erfahrenen Manager, jemanden, der die richtigen Leute der Branche wie seine Hosentasche kennt - Verleger, Regisseure, Theaterdirektoren, Filmemacher. Also jemanden, der dir endlich Tür und Tor für deine zukünftige Weltkarriere öffnet!“
Als ich daraufhin in einem einschlägigen Verzeichnis nachsah, stieß ich dort unter anderem auf eine Künstleragentur Midas, die mit dem einprägsamen Slogan Alles was wir angreifen, verwandelt sich in pures Gold! um neue Klienten warb.
Der Chef höchstpersönlich meldete sich am Telefon und wir vereinbarten für den kommenden Vormittag einen Termin. Der Künstleragentur Midas schien es noch nicht gelungen zu sein, irgend etwas in pures Gold zu verwandeln, denn das Büro befand sich im fünften Stockwerk eines unansehnlichen Zinshauses, in dessen Stiegenhaus es nach gekochten Rüben roch. Herr Midas selbst, der sich als Professor Magister Bruno von Scheckenburg vorstellte, machte mir, ebenso wie seine Arbeitsstätte, die ihm auch als Wohnung zu dienen schien, auch nicht gerade den Eindruck übertriebenen Reichtums.
Doch was soll´s, dachte ich, jetzt bin ich schon einmal hier und übergab ihm meine Biografie samt Werksverzeichnis und harrte gespannt auf die Reaktion des Professors. Dieser blätterte ein wenig lustlos in meinen Papieren und lehnte sich dann zurück.
„Sie sind also tatsächlich Schriftsteller?“, fragte er aufblickend.
Ich nickte.

„Und etwas anderes können Sie nicht ... nur schreiben?“
„Genügt das nicht?“, entgegnete ich verunsichert.
„Aber mein lieber Herr“, fuhr Scheckenburg fort, „sogenannte Schriftsteller gibt es bei uns doch wie Sand am Meer, da sehe ich für uns beide keine Möglichkeit zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit. Wenn Sie hingegen eine andere, sagen wir, außergewöhnliche Fähigkeit aufzuweisen hätten, oder wenigstens irgendeine winzige Abnormität, dann könnten wir miteinander ein Vermögen verdienen.“
„Geschichten schreiben ist in Ihren Augen also keine außergewöhnliche Fähigkeit?“, meinte ich mit bereits resignierender Stimme. „Aber nein, wo denken Sie denn hin“, antwortete Scheckenburg, „wenn Sie aber zum Beispiel zwei Meter fünfzig groß wären ... bei den Basketballspielern der amerikanischen NBA-Liga handelt es sich durchwegs um Dollar-Millionäre ... von denen habe ich zwei Stück in meiner Kartei ...“

„Zwei Meter fünfzig nennen Sie eine winzige Abnormität?“, unterbrach ich ihn, doch er ließ sich in seiner Argumentation nicht beirren.
„Andererseits würde es auch genügen, wenn Sie nur vierzig Zentimeter klein wären. In diesem Fall könnte ich Sie sofort als hoch bezahlten Liliputaner in einer Clowngruppe unterbringen ... außerdem werden die auch immer wieder für durchaus lukrative Rollen in diversen Märchenfilmen und sogar am Burgtheater engagiert.“
„Ich bin leider nur ganz gewöhnlicher Durchschnitt“, sagte ich.

Der Professor überhörte meine Feststellung und sprach weiter, während er sich mit seiner drehbaren Kartei spielte.
„Oder wenn Sie ein drittes Auge hätten, vierzehn Finger oder wenigstens zwei Köpfe. Ich würde Sie sofort unter Vertrag nehmen. Aber nur als Schriftsteller ... nein, tut mir leid.“
Da ich in meinem Inneren bereits vor Zorn kochte, entgegnete ich, um mich für sein Desinteresse ein wenig zu rächen: „Mit vier Ohren oder dergleichen kann ich leider nicht dienen ... allerdings verfüge ich über eine Fähigkeit, die über das Schreiben von Geschichten bei weitem hinausreicht.“
„Und die wäre?“
„Ich kann jederzeit unsichtbar werden.“
Der Mann hinter dem Schreibtisch sprang auf.

„Unsichtbar? Das möchte ich aber auf der Stelle sehen!“
„Bitte sehr, bitte gleich“, sagte ich ironisch, stand auf, öffnete die Tür seines Büros und verschwand.
Wieder um eine Hoffnung ärmer geworden, schlenderte ich danach ziellos durch die Straßen der Stadt, wo die Menschen geschäftig umherliefen. Doch keiner von ihnen schien mich zu beachten.
So als ob ich wirklich unsichtbar wäre, dachte ich und betrachtete mich wie einen Fremden im Glas eines Schaufensters.

 

Erich Sedlak
Die Neuerscheinung

Der unbekannte Autor Wilfried Fiebanek betritt eine Wiener Buchhandlung und sucht dort verzweifelt nach seinem eben erst erschienenen Roman. Doch vergeblich – keine Spur davon! Schließlich tritt er mit resigniertem Gesichtsausdruck ans Kassenpult, wo sich zwischen ihm und einer etwa 50-jährigen Dame, die sich etwas später als die Geschäftsinhaberin entpuppt, folgender Dialog entwickelt:

B: Kann ich Ihnen behilflich sein, mein Herr?

WF: (verunsichert- stotternd) Ja schon, ich suche ein Buch.

B: (leicht ironisch) Aha, ein Buch suchen Sie …

WF: Ja, aber ein ganz bestimmtes Buch, eigentlich eine Neuerscheinung.

B: Wissen Sie vielleicht den Titel?

WF: Natürlich weiß ich den … Zugvögel nach Trinidad.

Die Buchhändlerin beginnt daraufhin mit ihren rosa lackierten Fingernägeln auf der Tastatur ihres PCs zu klimpern.

B. Und um welchen Autor handelt es sich?

WF: Fiebanek, Wilfried Fiebanek.

B: (zu sich) Zugvögel in … in welchem Land sagten Sie? Helgoland?

WF: Nein! Trinidad!

B: Aha! Trinidad… so wie die Insel in der Karibik… und von Wilhelm … wie?

WF: Nicht Wilhelm! Wilfried! Und Fiebanek!

B: Okay! Und den Verlag … den kennen Sie zufälligerweise auch?

WF: Rumpelstilz & Pegasus.

B: Was? Rumpelstilzchen und Albatros?

WF: Nein, Rumpelstilz, so wie im Märchen und Pegasus … wie das Dichterpferd. Edition Rumpelstilz & Pegasus!

B: Edition? Aber das ist doch kein Verlag!

WF: (unbeirrt) Ein Verlag in Attnang Puchheim.

B: In Attnang Puchheim gibt es einen Verlag? (kichert)

WF: Ja!

B. Wissen Sie, ich bin jetzt schon über zwanzig Jahre in der Buchbranche tätig … aber von dieser (spöttisch) Edition Rumpelundsoweiter habe ich noch nie etwas gehört.

WF: Versuchen Sie es bitte trotzdem…

B: Ah, da haben wir es schon!

WF: (triumphierend) Na, sehen Sie!

B: Ist aber leider nicht lagernd.

WF: Schade!

B: Nachdem sich aber diese Rumpel & Dingsda in Österreich befindet, könnte ich das Buch für Sie bestellen.

WF: Und wie lange würde das dauern?

B: Das kommt ganz darauf an. Falls die einen Vertrieb haben, dann nicht länger als zwei Tage.

WF: Und wenn nicht?

B: Dann? Mindestens drei Wochen. Ah, ich sehe schon … kein Vertrieb.

WF: Was, drei Wochen? Das dauert mir zu lange. Ich brauch’ das Buch schon in zwei Tagen für ein Geburtstagsgeschenk.

B: Das wird sich schwer ausgehen, mein Herr.

WF: Kaum!

B: Eine Frage: Müssen es denn unbedingt diese komischen Zugvögel sein?

WF: (zögernd) Eigentlich schon…

B: Schenken Sie Ihrem Geburtstagskind doch irgend ein anderes Buch … den neuen Schenk zum Beispiel, oder unsere posthume Sonderausgabe Kishons beste Satiren … sehr empfehlenswert. Auch der Grieser mit seinem böhmischen Großvater. Das hätten wir alles hier.

WF: Na ja, vielleicht versuche ich es noch in einer anderen Buchhandlung.

B: (Lachanfall) Wo anders wollen Sie es versuchen? Na, da wünsche ich Ihnen viel Glück! Ihre Zugvögel nach Hawaii werden Sie in ganz Wien nicht bekommen!

WF: (erzürnt) Und warum sind Sie sich da gar so sicher?

B: Weil ein Buch, das von keinem verlangt wird, sich auch kein Buchhändler auf Lager legt, und noch dazu von einer sogenannten (pikiert) Edition Rumpelpegasus aus Attnang Puchheim.

WF: Aber ich … ich habe es doch gerade von Ihnen verlangt!

B: Sie sind auch der Allererste, seitdem dieses Buch erschienen ist!

WF: (wütend) Um ganz ehrlich zu sein: Ich bin auch gar kein Kunde.

B: Sondern?

WF: Der Autor selbst! Wilfried Fiebanek!

B: (giftig) Das hab ich mir fast gedacht.

WF: Und warum haben Sie sich das fast gedacht?

B: Weil das alle unbekannten Autoren so machen!

WF: Was machen die so?

B: Na, dass sie in allen Buchhandlungen nach ihrer Neuerscheinung fragen, und so lange danach fragen, bis so ein armer bis aufs Blut gequälter Buchhändler schließlich völlig entnervt dieses Buch bestellt … natürlich unverkäuflich … einen Restseller … einen Remittenden…

WF: Remi…was?

B: Retourware!

WF: Tut mir leid… aber man wird ja noch fragen dürfen…

B: (grimmig) Und mir stehlen Sie damit meine wertvolle Zeit!

WF: (ebenfalls böse) Wie kommen Sie denn auf diese absurde Idee? Ich habe Ihnen Ihre wertvolle Zeit nicht gestohlen … ich möchte das Buch wirklich bestellen!

B: (erstaunt) Was? Sie als der Autor … Sie wollen Ihr eigenes Buch bei mir bestellen? Warum rufen Sie denn nicht bei Ihrer Edition an?

WF: Weil ich mich mit der total zerstritten habe … wegen der Tantiemenabrechnung. Und weil ich nur noch ein einziges Belegexemplar besitze – noch dazu eines, bei dem jede zweite Seite fehlt … und weil ich das Buch unbedingt als Geburtstagsgeschenk benötige. Notieren Sie also: Wilfried Fiebanek… Zugvögel nach Trinidad… und bitte dringend!!!

Erich Sedlak
Geb. in Wien, lebt in Wiener Neustadt; veröffentlichte bisher 21 Bücher, zuletzt: Alles nur Gerüchte?“ (Hörbuch, 2010); Thomas und der Club der Kristallhöhle (Jugendkrimi, 2011); Drehbücher, Bühnenstücke, Hörspiele, zahlreiche Literaturpreise; Mitgliedschaften: P.E.N., podium, ÖSV, IG AutorInnen; Präsident des NÖ P.E.N.-Clubs. www.erichsedlak.at

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