50/Wozu Literatur?/Prosa: Schreibklasse. Eberhard Mayr

Eberhard Mayr
Schreibklasse

Da saß ich nun! Ich hatte mir selbst die Klasse und den Lehrer ausgesucht. War glücklich gewesen, bei so einer Berühmtheit, der Koryphäe des Dramas, dem Giganten des Romans, noch einen Platz zu ergattern. Mein Freundeskreis beneidete mich. Ein wenig von seinem literarischen Glanz war auf mich gefallen. Nun war die erste Stunde angebrochen, sogleich folgte die erste Übung, und ich war verloren! Ich wusste nicht, wie ich die auferlegte Pflicht meistern konnte. Lächelnd stellte sich die Literaturgröße seinen Schülern vor. Sogleich forderte er eine halbstündige Aufgabe, etwas zu schreiben, egal was. Die Kapazität der Literatur, mein »Meister«, wollte Begabung und Spontanität seiner Eleven erproben. Keines Gedankens fähig, war ich implodiert, inhaltslos, wie ausgepresst. Der karierte Schreibblock, der die Abflüsse meiner Kreativität aufnehmen sollte, wirkte unüberwindlich, als Hürde, abweisend, zugleich doppeldeutig hinterhältig. Ich spürte Hitze, die in mir aufkeimte, und Schweiß auf der Stirn. Hilflos hockte ich in der ersten Reihe, geistig versteinert.

Da fiel mein Blick auf einen Bleistift, den ich - zur Sicherheit und allen Widrigkeiten zum Trotz - mitgenommen hatte, für den Fall, dass Kugelschreiber samt Füllfeder versagen sollten. Gelb lackiert und unschuldig lag er vor mir. In meiner Verzweiflung nahm ich ihn auf, ließ ihn durch die Finger gleiten, spielte damit. Hell glänzte seine Oberfläche, wodurch mit jeder Drehung an der Längskante ein heller Streifen aufleuchtete. War es ein dunkler Fleck? Möglicherweise wirkte irgendwo im Hintergrund ein Gebilde, welches halb unbewusst in mir die Assoziation hervorrief, dass ein schwarzer Käfer über den Bleistift kröche.

Waagrecht hielt ich den Graphitstift hoch. Mit jedem leichten Schwanken leuchtete die Kante auf, krabbelte der Käfer zeitlupengleich vorüber, hob abwechselnd die Beine, bewegte die Fühler. Blauschwarz glänzend kroch er die Gerade entlang. Wie unter einer Lupe konnte ich jede Ziselierung, jede Borste erkennen. Sogar die runden Öffnungen der Tracheen an den Seiten, durch die er atmete, nahm ich wahr. Das Schillern der Facettenaugen, regenbogenartige Reflexe, verschmolzen mit dem Riffelwerk der Flügeldeckel. Seine Panzerung, ein Schutzwall gegen die Welt. Nichts konnte in sein Inneres eindringen. Offenbar kannte er nur einen Gedanken, nur eine Bewegung! Das zögernde und zugleich stetige Vorwärtsgleiten auf dem Steg, der ein Bleistift war und zugleich sein einziger Kosmos. Mir kam der Gedanke, ich selber wäre nur Illusion. Zugleich erwärmte mich die Erinnerung an eine indische Erzählung, die eines Gottes, der die Welt erträumt – oder selbst träumt, dass jemand von einem Gott träumt, der träumt ...

Schmerzhaft reißt es mich zurück, geistig zwar, aber wie durch einen Nadelstich. Verdammt, ich sitze ja in einem Klassenzimmer bei dieser verfluchten Übung!

Verstohlen luge ich zu meinem Nachbarn hin, der wie besessen schreibt und schon ein, zwei, drei – nein! – fünf Seiten mit seiner Handschrift bedeckt hat, während mein eigener Schreibblock nur Eselsohren zeigt. Trostlos, öde, hoffnungslos. Unverändert die fiebrige Leere im Hirn.

Der Teufel soll jene Stunde holen, in der ich beschloss, diesen Kurs zu besuchen! Verflogen ist die Freude, die aufputschende Erwartung über die Möglichkeiten, die sich mir scheinbar erschlossen. Nun verdammte ich meinen Ehrgeiz. Schreiben hätte ich in Muße auch alleine woanders gekonnt.

Den Blick vom Blattrand hebend, erspähte ich wieder den Bleistift in meiner Hand, unterhalb unerträgliche Leere, manifestiert als Papier, welches durch den Schweiß meiner Hände rau und knittrig wurde. Ich setzte einen hilflosen Kringel auf das Blatt. Dennoch wurde es von entsetzlicher Nacktheit erfüllt. Währenddessen kroch der imaginäre Käfer weiterhin unaufhaltsam den Bleistift entlang, der nicht enden wollte, dessen Weg von einer Unendlichkeit in eine andere Dimension reichte. Ich konnte gleichsam das Schaben seiner Bauchsegmente auf dem Holzstift hören. Zugleich bewunderte ich die flache Linie, die seine Flügeldeckel mit dem Nacken bildeten. Der gebeugte Kopf stemmte sich dem Unbekannten, dem Kommenden entgegen – bei seinem Streben durch Traum und trügerische Welten. Sachte bewegte er die segmentierten Fühler. Sein stetiges Vorwärtsgleiten und Kriechen nahm kein Ende.

Unwillkürlich blickte ich auf und sah direkt in die Pupillen des Lehrers. Der Ausdruck im Gesicht meines »Meisters« hatte etwas Grüblerisches, irgendwie Verwundertes angenommen. Wie lange beobachtete er mich schon? Ob auch er den Käfer sah, hier auf dem Bleistift, den ich noch immer waagrecht vor der Nase in Augenhöhe hielt?

Jählings wandte er sich ab und ging im Freiraum vor den Tischen auf und ab. Irgendwie hatte seine Silhouette etwas Gemütliches an sich. Was soll’s! Er war auch nur ein Mensch, der gleichfalls Probleme, Wünsche und Sehnsüchte hatte. Ich war nicht das einzige Individuum, von Ängsten gequält.

Die Emsigkeit um mich, mit der sich die anderen Schüler ihrer Arbeit hingaben, erfüllte mich mit Bangigkeit.

Verdammt, was sollte ich nur schreiben? Unentwegt kroch der Käfer durch die Ewigkeit. Besser als nichts! Meine Hand versuchte, das Papier glattzustreichen. Aber die Eselsohren ragten sogleich wieder hoch. Eilig kratzte mein Griffel über die verschmierte Oberfläche. Teilweise verstümmelte Worte, kaum lesbar, wegen der aufgeregt zittrigen Finger. Auch gut, so waren wenigstens die Rechtschreibfehler nicht klar zu erkennen. Instinktiv, ohne überlegtes Handeln, kullerten Satzfetzen aus dem Irrgarten kärglicher Ganglien. Verkettete Buchstaben bildeten die Mär von einem Käfer, der über einen Bleistift und zugleich durch die Unendlichkeit kroch ...

Und über dem grauen Horizont aus Trübsal drang die Erkenntnis in mein Bewusstsein, dass man der Dummheit nur mit Dummheit begegnen muss! Und sei es literarisch.

Eberhard Mayr
Geb. 1946 in Bozen, lebt in Wien. Österreichischer Staatsbürger. Arbeitete jahrelang im IT-Bereich eines Großrechenzentrums (Operator, Programmierer, Analytiker, Abteilungsleiter). Nun Pensionist. Schreibt Erzählungen, Romane, Hörspiele, Theaterstücke, Satiren und Essays. Es liegen nur vereinzelte Veröffentlichungen in (Literatur-) Zeitschriften und Anthologien vor.

LitGes, etcetera Nr 50/ Wozu Literatur?/ November 2012 mehr...

50/Wozu Literatur?/Prosa: Aha! Claudia Paal

Claudia Paal
Aha!
oder Der Fluch des falschen Deutsches

„Jeden Abend sitzt du hier und liest.“
„Was soll ich denn sonst tun?“

„Du könntest mit mir fernsehen.“
Krieg und Frieden im Fernsehen? Die Buddenbrooks als Doku-Soap? Undenkbar.
An manchen Tagen kommt die Inspiration wie von alleine. Ich sitze in der Straßenbahn, finde eine Essensmarke auf der Toilette oder schnappe einen Gesprächsfetzen auf. Nicht wenigstens den Ansatz zu notieren wäre tödlich.
„Warum liest du ständig?“

„Um zu schreiben.“
„Hä?“
„Ein guter Schreiber ist zuerst ein interessierter Leser.“
„Aha.“
Aha. Ja. Ich kann seine Gedanken ahnen, kann in den Wirren seines Kopfes lesen. Für die nächste Frage benötigt er dennoch Minuten. Diesmal will ich ihn ausreden lassen.
„Langsam bekommen wir Platzprobleme.“
„Find ich nicht.“
„Ich würde sagen, du schwenkst statt der Schwarten mal auf das Kindle um.“
Ich sehe ihn entsetzt an. Die Bücher in meinem Regal, nach Autoren sortiert, nach Jahr geordnet, Staub befreit, eingeschlagene Seiten, abgefärbte Druckerschwärze, ein Kaffeefleck, die Faser des Holzes, der Geruch von alt. Seiten, über die ich strich, faltete, aufgeregt umschlug, Buchstaben, unter denen ich langfuhr und die vielleicht meine Enkelkinder noch berühren. Elektronische Bucherlebnisse? Undenkbar.

***

Ich gehe durch die Kleiderabteilung des Shoppingtempels.
„Das macht keinen Sinn!“, brüllt der Kunde den Verkäufer an.

„Ergibt“, sage ich etwas lauter als gewollt in der Schlange hinter ihnen. Sie drehen sich um. Sie begreifen nicht. Als und wie korrigiere ich schon lange nicht mehr. Trotzdem bei falschem Deutsch, mir krempeln sich die Fußnägel hoch.
„Ist doch egal“, sagt mein Freund.
„Ist es nicht.“
„Wieso?“
„Weil es Sprachregeln gibt. Beim Rechnen kannst du ja auch nicht einfach falsche Zahlen hinschreiben. Es gibt Gesetze, es gibt Verkehrsregeln und es gibt Sprachregeln.
„Aha.“
Aha. Ja. Der Fluch des falschen Deutsches.

***

>Der Genitiv ist dem Dativ sein Tod<
Ich falle ihm um den Hals, während ich die Reste des Geschenkpapiers zusammenfalte.
„Ist es das Richtige?“
Ich strahle ihn an.
„Was bedeutet das?“
„Der Titel?“
„Ja. Kapier ich nicht.“
„Der Titel ist ja schon die Ironie. Es müsste heißen:
>Der Genitiv ist des Dativs Tod.<
„Wegen was ist das sein Tod?“
„Weswegen.“

„Aha.“
„Genau.“

„Aber des Dativs? Klingt komisch.“

Claudia Paal
Geb. 1983 in Halberstadt. Nach erweitertem Realschulabschluss, Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten. Studiert heute Kommunalverwaltung und staatliche allgemeine Verwaltung. Schreibt hauptsächlich Prosa, manchmal auch Gedichte oder irgendetwas dazwischen.

LitGes, etcetera Nr 50/ Wozu Literatur?/ November 2012 mehr...

49/Teddy/Prosa: Grundlagenforschung. Christian Baier

Christian Baier
Grundlagenforschung

Dann schauen sie erst mal. Das ist so ein Blick, irritiert, was ist jetzt los. Lachen kurz auf. Präventiv. Um nichts falsch zu machen. Wie ich rede, macht sehr rasch klar, dass es mir wichtig ist, sachlich, ruhig, aber wie um mein Leben. Diese langsame Art von Leben. Das Leben einer Schildkröte. Oder eines Schleimpilzes. Aus der Fassung gebracht. Verschiebung tektonischer Alltagsschichten. Man muss ohne jeden Übergang DAVON anfangen. Director’s cut. Es geht um einen simplen Teddybären.

Früher habe ich über Haarshampoos referiert. Pflanzen-Proteine, Provitamin B5 und das pflegende Extrakt von Jojobaöl. Lebst bewusst. Ernährst dich bewusst. Fährst Rad, bewusst. Aber viel wichtiger ist: Du entsorgst deinen alten Kühlschrank im Naturschutzgebiet. Reinstes FCKW, überlebt jede Apokalypse. Deine abgefahrenen Autoreifen packst du gleich daneben. Und das Altöl träufelst du in den Teich, in dem eine ganz seltene Mückenart beheimatet ist.

– Worauf es wirklich ankommt, sind die Haltungsschäden, die Abweichungen von dir selber, die Webfehler der Seele.

– Susanne hat oft von SCHICKSAL geredet. „Wenn wir uns nie begegnet wären, könnten wir jetzt nicht die Erfahrung der Trennung miteinander teilen. Wir müssen zulassen, was die Trennung mit uns macht.“ Eine Trennung schneidet einem ein kleines Fenster in die Haut. Habe ich in dieser Psychogruppe gesagt. Susanne meinte, ich soll zu so was gehen. „Wie meinst du das mit dem Fenster in der Haut?“

Na, so ein Hautlappen, wie wenn man sich mit dem Messer schräg in den Finger schneidet, ein Gewebsfetzen, den man aufklappen kann. „Wie meinst du das mit dem...“ –

Muss man sich mal vorstellen! Ich rede nicht von irgendwelchen hoch komplizierten mathematischen Formeln, Molekularverbindungen oder der Steuererklärung, ich rede von den Basics, GRUNDLAGENFORSCHUNG, dass man in sich hineinschaut, ganz primitiv, wie irgendein urzeitliches Lebewesen den Kopf gehoben hat bei einem Geräusch, das anders war als die Geräusche sonst, und in den Himmel geschaut, und da kommt ein riesiger Komet und schlägt auf der Erdoberfläche ein, das Meer fällt in gewaltigen Wellentürmen über das bisschen Festland her, das sich über Tausende von Jahren langsam emporgearbeitet hat und über den Wasserspiegel hinausschaut, ich rede davon, als die Gebirge sich formten und falteten, ich rede von den Gletschern, von der großen Dunkelheit am Himmel, diese ganz einfachen Dinge, die Schmerzlawinen und die Muren aus Hass und Verzweiflung, die alles unter sich begraben, die Wirbelstürme der Sehnsucht, die deine Küsten verwüsten, ich rede... – Susanne war es egal, ob ich noch weiter in die Psychogruppe ging.

Man sucht Fehler. Wie auf diesen Bildern in der Sonntagzeitung. Das rechte Bild unterscheidet sich vom linken durch sieben Fehler. Findet alle sieben. Im Wartezimmer eines Arztes bekam ich einen Fragebogen in die Hände: TESTOSTERONPROBLEME? Hat Ihre Libido abgenommen? Fühlen Sie sich energielos? Bemerken Sie eine Abnahme Ihrer Muskelkraft oder Ihrer Ausdauer? Haben Sie weniger Lebensfreude als früher? Haben Ihre Erektionen abgenommen? Ja, verdammt noch mal: Ja, ja, ja! Drei bejahte Fragen reichen aus, um einen Arzttermin zu vereinbaren. Das rechte Bild unterscheidet sich vom linken durch sieben Fehler. Du lernst auch nur Leute kennen, denen es geht wie dir. Ich habe Probleme mit dem Schlauch, du auch? – Solche Typen. Eines Tages ekelte mir richtig vor mir selber, und ich stellte meinem „Freund“ die Preisfrage: Wenn man es sich mit einem schönen saftigen Stück Rindfleisch selber besorgt, ist das dann Sodomie oder Nekrophilie?

Dann redete ich mir ein, mir würde die Kleine wahnsinnig fehlen. Steigerte mich hinein. Totaler Streit. Nicht ohne meine Tochter! Urpeinlich. Susanne zum Jugendamt. Jetzt habe ich sie jedes dritte Wochenende. Am Samstagnachmittag hole ich sie ab, muss sie aber abends zurückbringen. Ist schon eine Erfahrung, dieses Limitierte, Begrenzte, das Zeitfenster. Da merkt man erst, was sich alles zwischen zwei Menschen abspielen MUSS, damit sie einander nichts schuldig bleiben. Im Zoo trifft man ausschließlich geschiedene Väter mit ihren Kindern. Bei den Elefanten fängt man schon mal einen verschwörerischen Blick auf. Manchmal will die Kleine schon früher nach Hause als ausgemacht. Ich beziehe das nicht auf mich. Einmal kam ich Sonntags, um sie abzuholen. Sie fängt an zu brüllen, als ahnte sie, dass ich vorhin unten auf der Straße mit der Organmafia um ihre kleine Leber gefeilscht habe. Mir war natürlich klar, worum es ging. Sie hatte einfach keinen Bock auf beschissenes Sonntag-Gefühl hat. Die ersten zwei, drei Stunden sind prima, wir schauen den Bären zu, kaufen dann Pommes und Limo. Mit zwanzig wird meine Tochter ihrem Psychoanalytiker von ihrem Pommes-Limo-Papi erzählen. Susanne hat sie fertig angezogen und bugsiert sie zur Tür, die Kleine schlägt nach der Hand, die ich ihr hinhalte, will mich nie, nie wieder sehen. Vielleicht hätte ich nicht einfach weggehen sollen.

Am Telefon hat mich Susanne zur Schnecke gemacht. War einfach sauer, weil sie eine Verabredung mit ihrem neuen Freund zum Brunch absagen musste. Reden offen darüber. Sie fragt mich auch, ob ich jemanden habe. Sage ihr: Ist was am Start. Kennen uns schon länger, haben uns ein wenig ineinander verliebt, nicht so richtig, aber sagen: Der Versuch ist es uns wert. Letztes Wochenende, unser drittes, bei ihr, es ist immer das gleiche, Fotos, am dritten Wochenende sind die Fotos dran, ausgespielt wie Trumpfkarten, das übliche Theater bei jedem Bild: „Oh Gott!“, dieses hysterische Aufkreischen, das Geziere, „Nein, nein, das zeige ich nicht her...“, ihre Schwester sieht eigentlich viel besser aus, Fotos, Fotos, Fotos, das große Ritual der Offenbarung, sieh mich an, das, das, das bin ich, DAS liebst du, und dann DAS Foto, das eine, das einzige Foto, das anzusehen sich lohnt, halte es in der Hand, schaue darauf, lange, sehr lange, denke: Damals hätte ich mich wirklich in sie verlieben können. Ist ein trauriger Moment, immer, immer der gleiche traurige Moment. Mag Wiederholungen. In der Wiederholung gibt es keine Enttäuschung.

Aber das kommt alles erst nach dem Teddybären. Haben uns getroffen. Susanne wollte reden. Zuerst hat sie angerufen und mir Vorwürfe gemacht. Habe aufgelegt. Sie gleich noch mal angerufen. Habe gesagt, rede mit ihr am Telefon nicht darüber. Haben uns eine Stunde später getroffen. So wichtig war es Susanne. Die Kleine will mich nicht mehr sehen. Zuckt aus, wenn mein Name fällt, schmeißt mit Sachen um sich. „Du hast mich im Stich gelassen“, weil ich gegangen bin. Da habe ich von dem Teddybären angefangen, den ich als Kind hatte. Aus heiterem Himmel. DIRECTOR’S CUT. Wollte, dass Susanne endlich aufhört mit ihren Vorwürfen.

Habe geredet. Über den Teddy. Hätte auch über Haarshampoo reden können. HINTERHER hat sie mich gefragt, ob das nur eine Geschichte war, die ich ihr erzählt habe. GESCHICHTE, meint: TRICK, denkt: FALLE. Fürchtet immer, auf etwas hereinzufallen und etwas zu tun, was sie hinterher bereuen wird. Oder gar nicht mal bereuen, womit sie einfach leben muss, keine großartigen Konsequenzen, nur: damit weiterleben.

Hatte einen Teddybären, etwa so groß. Susanne hatte als Kind einen Hasen. Musste ihn anfassen an unserem ersten Abend, damals, sollte mich überzeugen, dachte mir dabei: Das ist der Hase der Frau, mit der du heute Nacht schlafen wirst. Hatte immer Angst, die Filzpfoten des Bären könnten aufreißen, und die Sägespäne herauskommen, mit denen das Ding gefüllt war. Niemand durfte den Bären anfassen. Kriegte Schreikrämpfe, behielt ihn immer im Auge. Die meiste Zeit saß er nur noch herum mit seinen heilen Pfoten, starrte mich an. Eines Tages brachte mein Vater mir einen von diesen Paketträgern mit, wie man sie früher hatte, aus Draht mit einer Papprolle als Griff. Er brachte mir immer irgendwas aus seiner Arbeit mit zum Spielen. Mit dem Draht des Paketträgers bohrte ich dann in alle vier Pfoten des Bären hinein, wühlte in den trockenen Wunden. Musste es tun. Habe jahrelang nicht an den Bären gedacht. An dem Abend mit Susanne fiel er mir wieder ein. Ehrlich. „Willst du damit sagen, dass man das, was man besonders gern hat, beschädigen muss, damit man aufhört, Angst darum zu haben?“ Wollte ich gar nicht, wollte nur, dass Susanne aufhört, mich so anzuschauen, wollte diesen Blick von ihr nicht, zu dem ihre Augen fähig sind. HINTERHER sagte sie: „Ich werde es Walter sagen müssen. Ich will ihn nicht verlieren.“

Wenn ich jetzt die Kleine abhole, lese ich es in Susannes Augen: „Du hast mich hereingelegt. Du wolltest, dass das zwischen Walter und mir zerbricht, das Gewebe, das sich zwischen ihm und mir zu bilden anfängt, dieses hauchdünne Sprungtuch zerstören, in das wir stürzen, Herz über Kopf, wolltest ALLES kaputt machen wie die Filzpfoten deines Spielzeuges. Aber ich habe ihm gesagt, was passiert ist. Und er hat es verstanden. – Wenn wir jetzt über dich reden, heißt du nur noch DER TEDDYBÄR...“

Habe mit Susannes Freundin darüber gesprochen, ihr die Geschichte von meinem Teddy erzählt. Weiß nicht, was ich mir davon versprach. Am Schluss sagte sie, die Augen ganz eng wie bei Regelbeschwerden: „Meine MUTTER sammelt Teddybären...“ – Scheiße! Also die Geschichte noch jemand anderem erzählen müssen, Testreihe, um sicher zu sein. Mittlerweile geht es erschreckend automatisch. Haarshampoo. Director’s cut. Teddybär. Funktioniert!

Manche halten mich für bescheuert. Erschreckende Minderheit. Die meisten fahren voll darauf ab. Wer anfänglich noch an einen Witz glaubt, Präventivlachen, kapiert rasch: Jeder Witz verliert seine Pointe, wenn man die Lebensgeschichte seiner Protagonisten erzählt. – Es ist nur eine Geschichte. Von einem Teddybären. Und einem kleinen Jungen. Eine Geschichte aus einer Zeit, als es noch etwas zu verlieren gab. Kein Hintergedanken. Kein Trick. Keine Falle.

Unlängst bat mich die Frau, mit der ich zusammen bin, ich solle ihr DIE GESCHICHTE noch einmal erzählen. Sie hatte ihren Kopf in meinem Schoß, klassische Konstellation am siebenten oder achten gemeinsamen Wochenende.

„Du weißt schon, die Geschichte, die du mir damals erzählt hast...“ Wäre fast ausgerastet, als hätte sie mit piroctonen Olaminen einen Anschlag auf meine Kopfhaut versucht. Sie versteht nicht, was mit mir los ist. Es war doch soooooo schön, als ich damals, damals, DAMALS – im Mesozoikum – von MEINem Teddybären angefangen habe. „Plötzlich habe ich so viel über dich verstanden...“

Ich erzähle. Erzähle ihr. ALLES. Die ganze Story, die einzig wahre Geschichte, die ich zu erzählen habe, über Susanne und mich und den Teddybären, werde dabei so verzweifelt, dass mir alles egal ist, schiebe ihren schweren Kopf aus meinem Schoß: „Und DU bist darauf hereingefallen!“ Sie fragt mich, warum ich ihr unbedingt weh tun wolle.

Ein Lügner trägt Schuld, ein Geschichtenerzählen muss sie ertragen. Dann schauen sie erst mal. Das ist so ein Blick, irritiert, was ist jetzt los. – Na, so EIN KLEINES FENSTER IN DER HAUT...

Christian Baier
Geb. 1963 in Wien. 1988-1994 Chefredakteur der Österreichischen Musikzeitschrift. 1994-2001 Leitender Musiktheaterdramaturg der Wiener Festwochen. 2001-2003 Chefdramaturg der Wuppertaler Bühnen. 2003-2006 Chefdramaturg „Oper der Zeit“. 2006-2008 Chefdramaturg des Musiktheater Dortmund. 2008-2011 Künstlerischer Produktionsleiter der Deutschen Oper Berlin. Seit 2011 Chefdramaturg des Ballett Dortmund. Letzte Publikation: Joseph. Ein deutsches Schicksal, Wien 2001. Letzte herausgeberische Tätigkeit: Handicap - Schicksal und Chance. Eine Anthologie, Edition Splitter, Wien 2011. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften in Österreich, Deutschland und der Schweiz sowie in Fachmagazinen.

LitGes, etcetera 48/ Teddy/ Oktober 2012 mehr...